Nachtrag 9

 

Manchmal nimmt das Schicksal einen komischen Lauf: Die Popularität von Tammis Lied, das Interesse an der Geschichte dahinter, die Öffentlichkeit, die sich plötzlich neugierig auf die Geschichte mit all ihren Ungereimtheiten stürzt.

Diese Popularität und Corinnes Kontakte: LIBERTAS HAUS wird verfilmt. Die Geschichte kommt als Serienformat erst in den Stream und dann ins Deutsche Fernsehen und auf einmal interessieren sich alle dafür.

Ein Zufall, kein Zufall, dass ein Rerchercheur namens Naurocks plötzlich auftaucht und umfangreiche Ergebnisse zu gewissen Vorgängen in einem gewissen kleinen ostdeutsche Örtchen liefert? Ein Reporter taucht ebenfalls aus dem Nichts auf; hier startet die dritte Karriere des Rudi Heitmann und sorgt dafür, dass diese Ermittlungen nicht geheim bleiben.
Und plötzlich kriegt das Ganze Eigendynamik: Köpfe rollen, und das nicht zu knapp. Bürgermeister Schmohl kann die nächste Wahl nicht für sich entscheiden und auch seine Parteifreunde haben plötzlich keine Zeit mehr für ihn. Die Sache mit der Laguna wird ein Riesen-Steuerverschwendungsskandal und bundesweit durchgehechelt.

Ein Amtsleiter muss den Posten wechseln und verschwindet in der dürrsten ostdeutschen Provinz, wo er keinen Schaden mehr anrichten kann

Einem Mitglied der Landesregierung wird nahegelegt, seinen Abschied aus gesundheitlichen Gründen einzureichen. Und sich von einer gewissen Immobilie fernzuhalten. Weit fernzuhalten.

Ein Richter verliert seine Stelle – geht das eigentlich?

Mal sehen.

Ach, und irgendwann wurde der Pressrat tätig und hat das sonderbare journalistische Niveau einer sich unparteilich nennenden Zeitung kritisiert und ein Lokalreporter muss sich einen neuen Job suchen. Leider ist er hat er in der Vergangenheit nicht eben bewiesen, dass er das journalistische Recherchieren beherrscht, daher schafft er es nur bis ins jährliche Magazin des Kaninchenzüchterverbandes.

Immerhin.

Unbekannte bringen ein Schild über dem Ortseingangsschild der Stadt Ehrlichstett an: „Hier wurde der Verein HEILE WELT vertrieben. Glück auf!“

Ein Foto hiervon schaffte es über die sozialen Medien bis in die Bundesberichterstattung und taucht in der Tagesschau auf.

Lustig!

Wirft leider kein besonders sympathisches Licht auf den Wilden Osten…

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Nachtrag 8

 

Der Klapsmann träumt. Er bewegt sich hektisch im Schlaf, schleudert die Decken von sich, zerwühlt das Kissen. Er grimassiert, runzelt die Stirn, stöhnt leise. Plötzlich überzieht ein Lächeln sein Gesicht, er entspannt sich, er leuchtet, er sieht es vor sich.

Die Bilder, sie durchziehen seinen Traum.

Seinen Traum.

Der Verein zerstört, zerfallen, zerschlagen.

Er sieht seine Hände, sie tragen eine Axt, ein Beil, er zertrümmert die Zäune, die Ställe, er vertreibt die Viecher, die lästigen, er sieht die Kinder, wie sie greinen, wie sie weinen und er schleudert ihnen ein Lachen entgegen, ein triumphierendes. Sein Traum leuchtet.

Er sieht eine Maschine, sein Trecker, riesengroß, die riesigen Reifen, das Röhren des Motors, wie er die Stallungen platt walzt, er sieht die Leute dort, wie sie verzweifeln, wie sie heulen und jede der Tränen erwärmt sein Herz.

Er sieht sich… er atmet tief ein, er holt tief Luft, die heiß ist und er erwärmt sich in seinem Traum, er sieht sich selbst mit einer Schaufel, wie er dem Schneider den Schädel einschlägt. Er sieht Blut fließen, dunkelrot und saftig, die Kinder, wie sie nun rennen, durcheinander auf der Flucht. Menschen, die kommen und versuchen zu retten, was zu retten ist, die Pferde vom Gelände zerren, die ihr Hab und Gut versuchen davonzutragen.

Flucht, Chaos.

Und Angst.

Er spürt die Angst, und er berauscht sich. An der Angst, die sie haben und an der Macht die er hat. Endlich.

Endlich wieder Macht.

Über das alles.

Was seines ist.

Nachtrag 7

 

Polizei deckt Netz von Pädophilen auf

Neue Ostdeutsche Zeitung vom 13.09.2017

Überparteilich & unabhängig

VERBRECHEN Umfassende Ermittlungen in Ehrlichstett

VON SVEA GRÜN

Ehrlichstett / NOZ – Nach der Aufdeckung mehrerer pädophiler Netzwerke im Internet durch die Polizei sind am Dienstag erste Verdächtige festgenommen worden. In Ehrlichstett ergriff die Polizei einen Mann und beschlagnahmte seinen Computer. Er soll bereits zuvor wegen des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen verurteilt worden sein.

Die Polizei hat bislang auch weitere Männer identifiziert, die im sogenannten Darknet Kinder missbrauchen und Filmmaterial davon verbreitet haben sollen. Insgesamt konnten die Beamten bundesweit 5000 Benutzerkonten registrieren.

Seit Januar hat ein Team von 25 Ermittlern das Treiben beobachtet. Den entscheidenden Tipp, der nach Ehrlichstett führte, bekamen die Beamten von einer eigenständig im Internet ermittelnden Privatperson, so die Pressestelle der Polizei.

Derzeit wird gegen 22 Personen ermittelt. Vom Computer eines weiteren Ehrlichstetters sollen große Datenmengen versandt worden sein, dieser eine zentrale Rolle gespielt haben.

Nach Angaben der Polizei verfügten viele der Männer über eine hohe Internetkompetenz und wussten wie sie sich den Zugang zum durch Codes geschützten Darknet beschaffen können.

Nachtrag 6

 

Ach, Tammi macht den großen Wurf, übrigens. Dieses kleine Lied, das sie geschrieben hat und im Internet auf ihrem Kanal vorgestellt hat, das wird über Nacht ein atemberaubender Hit, alle lieben es und keiner kann mehr genug davon kriegen. Landauf landab wird es im Radio, im Netz, im TV gedudelt und jeder zwitschert es mit, das Lied von den tapferen Unbeugsamen im kleinen Ehrlichstett.

Und Tammi muss sich entscheiden. Den Erfolg mitnehmen und weiter Musik machen oder ihr Studium weiterführen, ihre Pferde, ihre sportlichen Pläne.

Na dann Tammi – überlege gut!

Nachtrag 5

 

Räumung bis zum Monatsende

Neue Ostdeutsche Zeitung vom 10.08.2017

Überparteilich & unabhängig

 

SCHLOSSGELÄNDE EHRLICHSTETT Die Tage des Reitvereins HEILE WELT sind gezählt. Was wird aus den privaten Pferden?

VON DETLEF DROBBEL

Ehrlichstett / NOZ – Die Tage des Reitvereins HEILE WELT auf dem Gelände des Schlosses in Ehrlichstett sind gezählt. Das sagt der Eigentümer, Vorsitzender der Schloss-Stiftung. Ihm zufolge hat ein Gerichtsvollzieher dem Verein für die Räumung des Geländes eine Frist bis Ende des Monats gesetzt.

Ist dies das Ende des jahrelangen Streits um die Kündigung des Pachtvertrages zwischen Verein und Schlossbesitzer? Dieser war zuvor vor Gericht ausgetragen worden und zu Gunsten des Schlossbesitzers ausgegangen. Gerüchte im die Ursache des Brandes vom Frühjahr der weite Teile des Schlosses zerstörte tun nun ein Übriges und schaffe eine neue Dringlichkeit, den Verein vom Gelände zu entfernen. Der Verein sei nun zahlungsunfähig.

Der Schlossbesitzer hatte deshalb schon vor Wochen über die NOZ und Aushänge am Schlosseingang aufgefordert, über den Verein auf dem Schlossgelände untergestellte Pferde zu entfernen.

Nachtrag 4

 

Und der Verein?

Auf Grund des dann allerorten so genannten Gefälligkeitsurteils zu Gunsten des neuen Schlossbesitzers muss der Verein HEILE WELT dann einen Insolvenzantrag stellen.

In der Bevölkerung findet die HEILE WELT weiterhin breite Anerkennung und Anteilnahme. Mit fast 600 Unterschriften haben Menschen aus der Umgebung ihre Unterstützung zugesichert und sich dafür ausgesprochen, dass der Verein bleiben soll.

Auf Grund des Gerichtsurteils kann dies jedoch nicht geschehen. Der Verein sucht ein neues Domizil.

Unser Freund Detlef Drobbel und seine NOZ unterstützen den neuen Schlossherrn massiv beim Vertreiben des Vereins. Detlef reizt die Regeln der Pressefreiheit weidlich aus und bringt einen ganz schöne Menge Falschmeldungen über die Untaten des Vereins unters das Volk, die für eine Menge Verwirrung sorgen.

Aber, wie man ja weiß – Totgesagte leben länger – und – wer weiß, was für ein Schicksal die Götter für die tapferen Recken des Vereins, für Gerhard, Desi, Dieter und die anderen bereithalten.

Dass es hier enden soll, neeee, das können wir uns nicht vorstellen.

Nachtrag 3

Reporter Rudi Heitmann von der HIER hat gekündigt und ist nach Berlin gegangen.

Von ihm hört man nichts mehr…zunächst.

Wer weiß, wie das Leben noch so spielt.

Nachtrag 2

 

 

Ein Zug, irgendwo in Mitteldeutschland

Die junge Frau mit den auffallend üppigen Locken sitzt mit einem Buch auf einem Fensterplatz, als sich ein hagerer, hochgewachsener Mann mit mehreren Taschen und einem gestressten Schnaufen auf den Platz ihr gegenüber fallen lässt. Der Zug fährt mit einem Rucken an und der Hagere sucht sein Gleichgewicht an der Kante des kleinen Tisches, wobei ihm eine der Taschen, eine abgeschabte Aktentasche entgleitet und der Frau auf den Schoß rutscht.

Überrascht blickt sie auf und der Neuankömmling entschuldigt sich mit einem verlegenen Lächeln. Sie lächelt zurück, schiebt die Tasche wieder auf den kleinen Tisch des Zugabteils und vertieft sich, nach einem prüfenden, aber freundlichen Blick wieder in ihr Buch.

Der großgewachsene Mann sortiert sich nun auf den engen Zugsitzen und fängt an, die Taschen um sich zu arrangieren. Aus der Aktentasche entnimmt er mehrere Papiere, die er auf dem Tisch verteilt, wobei immer wieder Papiere, Stifte, die aus einem Mäppchen kullern und sogar seine Brille zu der Frau hinüber rutschen. Ihr amüsiertes Lächeln entgeht dem Hageren nicht und es entsteht der Eindruck, dass er seine offensichtliche Ungeschicklichkeit noch verstärkt um mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Seufzend lässt sie schließlich ihr Buch sinken und beobachtet den Mann nun unverhohlen, der die Geste begreift und ein Gespräch beginnt.

Während die sommerliche Landschaft vorbeifliegt und der Zug mit schnellem Tempo nach Süden fährt, erzählt er. Und erzählen, das kann er. Von seinem Leben, dem bewegten, zwischen Ost und Süd, ein wichtiger Investor sei er, erzählt er, sein ganzes Vermögen habe er investiert in die Rettung eines Schlosses, eines zwar historisch unbedeutenden, aber dennoch unvergleichlichen Kulturschatzes, in einem verschlafenen kleinen Ort mit großer Zukunft. Ja und nun sei das Werk vollbracht, aber eine Nutzung brächte er, eine Nutzung für dieses sein Schloss, das nun leer stünde, ein Kleinod, ein Traumschatz der nur wartete auf eine wirkliche Prinzessin, die sich seiner annimmt.

Was sie denn mit ihrem Leben mache? Fragt er.

Die Lockige lächelt zurückhaltend und erzählt wenig aber Interesse ist ihr anzumerken. Ein Schloss, das klingt interessant, ob er schon mal an eine kulturelle Nutzung gedacht hätte, Ateliers, Ausstellungen, Konzerte?
Ein Strahlen erleuchtet sein scharfkantiges Gesicht und seine Augen blitzen, ja, natürlich, das wäre es. Eine kulturelle Nutzung, dem verwahrlosten Osten nun endlich Kultur zeigen, ein missionarisches Werk nahezu, das wäre seine Rettung und die Lösung und sie, ob sie nicht… und ob sie vielleicht interessiert wäre.. und ob man….?
Viellicht könne sie sich vorstelle, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen. Geld, nein. Geld bräuchte sie nicht, nur ihr Kow How, vielleicht ihre Arbeitskraft. Alle, alles, würde und könnte er dort ermöglichen. Wenn sie nur käme, wenn sie ihn nur unterstützte. Dort wohnen könne sie umsonst, ja Platz gäbe es genug, er könne dort etwas ausbauen nach ihrem Wünschen, natürlich, das würde sie keinen Cent kosten. Wenn sie nur, ja wenn sie nur sich durch den Kopf gehen ließe, vielleicht sich zu beteiligen an einer kulturellen Nutzung, vielleicht.

Zwischenzeitlich klingelt immer wieder sein Handy. Sie kann nicht anders, als die Gespräche zu überhören. Eine Insolvenz, eine wohl nicht ganz unstrittige Abwicklung irgendeines Geschäfts, der Gesprächspartner in der Leitung ist laut, aufgeregt, drohend, ihr Gegenüber zunehmend ungehalten, wirft ihr entschuldigende Blicke zu, schaltet das Handy schließlich aus, als die Anrufe nicht abreißen.

Seine Stimme wird leiser und schmeichelnd, er lobt ihre Ideen und ihre Erfahrung, er entwickelt einen Traum, den Traum der kulturellen Erweckung des Ostens, der Segnung einer neuen Welt, einfach und offen, wie Kinder, seien die Menschen dort, bereit für ein solches Projekt, für eine Prägung durch eine bedeutende Person des künstlerischen Lebens.

Er trägt ein bisschen dick auf, denkt sie, als sich ihr Zielbahnhof nähert und sie langsam ihr Buch in ihre Tasche packt, die Jacke vom Haken nimmt und sich zum Aufstehen bereitmacht.

Ob man denn noch Daten tauschen wolle, drängt er, man könne doch in Verbindung bleiben, unverbindlich, versteht sich und vielleicht einmal essen gehen, wenn sie wieder im Osten sei und er auch, und noch mal nachdenken, einfach mal rumspinnen an der Idee, das könnte doch….

Als der Zug in den Bahnhof einfährt steht er höflich auf um sie zu verabschieden.

„Von Rheinberg, meine Liebe, Ralph von Rheinberg, Bitte merken Sie sich meinen Namen, ich werde Sie anrufen, das ist sicher. Und bitte denken Sie über mein Schloss nach, ich bitte Sie, vergessen Sie mich nicht, erinnern Sie sich an mich, wenn ich Sie anrufen. Von Rheinberg, einmal Adel, immer Adel.“

Und mit einem galanten Beugen über ihre Hand verabschiedet er sich, während das pneumatische Zischen der Abteiltüren ihren Abschied untermalt.

Nachtrag 1

 

Die Spuren der Familie sind nicht vergessen

Neue Ostdeutsche Zeitung vom 20.06.2017

Überparteilich & unabhängig

 

 

HISTORIE Schloss Ehrlichstett gehörte vom Mittelalter an bis zur Enteignung 1945 einer Familie. Welche Verbindung es noch heute gibt.

VON DETLEF DROBBEL

Ehrlichstett / NOZ – Selten ist eine Familiengeschichte so eng verknüpft mit einem Gebäude. Schloss Ehrlichstett befand sich immer schon, bis zur Enteignung 1945 in den Händen ein und derselben Familie. Zufall oder Schicksal: Der heutige Senior eben dieses Familienverbandes ist nun Vorsitzender einer Stiftung, in die das Schloss überführt wurde. Also ist der neue der alte Schlossbesitzer?

Sein Großvater, der letzte Besitzer vor der Enteignung, habe bereits davon geträumt, eines Tages ungehindert in seine alte Heimat zurückzukehren. Ein Traum, den sein Sohn weiterlebte. Ein Traum aber auch, den die Gerichte jäh platzen ließen. Statt der Rückgabe gab es nur eine Entschädigung.

Doch die Familie zog sich nicht zurück, auch als in den Jahren das Schloss mehrfach den Besitzer wechselte, bis der Adlige Hugo von Hülstorff das Schloss schließlich erwarb und die Ruine zu neuem Leben erweckte. Der ehemalige Eigentümer, der zugleich auch hohes Regierungsmitglied ist, wirkt nun aktiv an den Geschicken seines Stammsitzes mit. Es gibt große Zukunftspläne. Die Sanierung vor allem nach dem fatalen Brand zu Beginn diesen Jahres soll fortgesetzt werden. Die Erinnerung an den verstorbenen Vater des neuen Schlossbesitzers soll endlich hier einen bleibenden Ort finden. Ebenso, wie die Geschichte der Familie, die nicht vergangen ist und nicht vergessen werden darf. Der neue Schlossbesitzer will sich einbringen mit Ideen zur Sanierung und Erhaltung und dabei an Traditionen anknüpfen.