ENDE

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Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 52

 

„Bleiben Sie zurück jetzt, verdammt!“

Der Feuerwehrmann hält Jakob am Arm fest. Jakob hat Henry einem weiteren Feuerwehrmann in die Hand gedrückt und will ihr nach – Tammi, Tammi ist in den Flammen verschwunden! Sie ist ins Schloss gegangen, auf der Suche nach Corinne, er muss…

„Meine Freundin,“ brüllt er den Mann an, der eisern seinen Arm umklammert hält, „Meine Freundin ist da drin, ich muss sie rausholen.“


„Ich weiß,“ brüllt der Mann gegen das Tosen der Flammen an. „Ich habe es gesehen aber Sie können ihr nicht helfen, verdammt, verstehen Sie doch. Für sie gibt es keine Rettung. Und sie müssen an das Kind denken!“
Jakob holt aus und will mit der freien Hand dem Mann einen Kinnhaken versetzen, sich losreißen, hinter Tammi her ins brennende Schloss.

Ein weiterer Feuerwehrmann eilt herbei und hilft, den Rasenden festzuhalten.

„So beruhigen Sie sich doch! Sie können da nichts tun!“


Während die Helfer sich noch um Jakob bemühen und mit ganzer Kraft versuchen, ihn vom Brandherd wegzuzerren, ist ein anderer der Aufmerksamkeit aller entgangen. Und erst ist in letzter Minute, bevor die Flammen seine Figur verschlucken sehen sie erschrocken eine weitere Gestalt im brennenden Schloss verschwinden. Ein gebeugter alter Mann, gehüllt in einen fleckigen Parka schlurft mit unbeirrbarem Schritt die Stiegen hinauf und wird mit lähmender Langsamkeit von den Flammen verschluckt.

„Renfeld!“ Brüllt Jakob „ es ist der irre Renfeld. Der ist jetzt auch im Schloss!“
Mit ganzer Kraft versucht er erneut, sich dem Griff der Feuerwehrleute zu entreißen.

Die Männer fluchen.

„Sperrt den Brandherd ab!“ Brüllt einer. „Bevor uns hier noch einer in die Flammen rennt!“


„Hier spinnt offensichtlich jeder, verflixte Scheiße!“ Flucht einer, während sie Jakob nun zu dritt hinter die Wagen zerren.

Immer mehr Schaulustige hat der Flammenschein inzwischen angelockt und Leute laufen auf dem Parkplatz zusammen. Vom Südflügel aus ist es der Feuerwehr inzwischen gelungen, die Flammen unter Kontrolle zu bekommen und der helle Schein gibt erste rauchige Ruinen frei. Die Menschen unterhalten sich gedämpft, fassungslos. Sie machen Fotos.

Mit aufheulendem Motor fährt ein Fahrzeug der lokalen Fernsehanstalt auf den Hof, die Leute geben ihm murmelnd Raum. Zwei weitere Helfer haben inzwischen mit Absperrband die Wiese vor dem Schloss und den Durchgang abgeriegelt.

Auch von Norden her gelingt es nun langsam den Brand zu löschen, der Eingang zum Schloss jedoch steht noch in hellen Flammen, als ein Raunen durch die Menge der Beobachter geht.

„Ein Wunder,“ wird erst die lokale, später die überregionale Presse titeln. „Ein unerklärliches Naturwunder.“

Ein alter Mann in einem fleckigen Parka, mit wirrem Blick verlässt das Schloss.

Als er die steilen Stiegen heruntergeht sieht man auf seinen Armen den leblosen Körper eines schlanken Mädchen, deren lange schwarze Haare schleifen hinter ihr her, wie ein schlaffer Rabenflügel.

Beobachtet von der schweigenden, wie erstarrten Menge wird er den Körper der jungen Frau auf die abgesperrte Wiese vor dem Schloss legen.

Die körnigen Handyvideoaufnahmen beginnen schon in derselben Nacht um die Welt zu gehen, Bilder, die den Alten zeigen, wie er niederkniet, neben dem leblosen Körper und seine Stirn zu Boden beugt. „Meister,“ hört man ihn murmeln, „Meister, mein Meister!“ Und die Stirn mehrfach zu Boden beugt. Und die Leblose richtet sich plötzlich auf, und, die Menge kann es bezeugen, und die Videoaufnahmen zeigen es schwach, ein blaues Leuchten geht aus, von der Gestalt, als sie ein schmales Band abnimmt, von ihrem Hals, sich vorneigt zu den Knienden und ihm das Band um den Hals legt in einer wortlosen altertümlichen Geste tiefer Dankbarkeit. Ein schmaler Ring leuchtet kupfern auf und für einen winzigen Moment lang überstrahlt seine Helligkeit die Leuchtkraft der erlöschenden Flammen.

Ein seliges Lächeln überzieht die Züge des Alten, der nie wieder, weder der Presse gegenüber, noch anderen, ein Wort zu der Sache sagen wird.

Auch das trug dazu bei, das Ganze später als Fake News, als einen großen gerissenen Trick abzutun. Später, Tage nachdem die Videos im Netz die Welt umeilt hatten.

Hier kommt nun Bewegung in die Helfer, sie eilen unter dem Absperrband durch, auf die beiden Personen zu, ein Arzt, mit einem Notarztkoffer, einer Trage, für die junge Frau. Tamara wird hochgehoben und auf die Trage gelegt. Sie ist totenbleich und hat die Augen geschlossen, wie Schneewittchen, denkt Jakob, als sie sie an ihm vorübertragen, als er ihre Hand ergreift, die kühl ist und trocken, erstaunlich, denkt er. Erstaunlich.

Denn weder sie, noch der alte Renfeld haben Verletzungen, Verbrennungen.

Ein schlechter Scherz, wird es später im Internet heißen, ein übler Witz mit einer schrecklichen Katastrophe, wird es heißen. Denn in der ausgebrannte Ruine des Schlosses finden die Helfer später die verkohlte Leiche eines Mannes, der noch später als ein ortsansässiger Anwohner identifiziert wird. Wie und warum der Mann sich zur Unglückszeit im Schloss aufgehalten hat, kann nicht ermittelt werden.

Den dunklen Mann mit den hellen alten Augen, der auf einem schwarzen Pferd den Unglücksort verließ, den hat aber nun wirklich nur Greta gesehen. Glücklicherweise, denn zu welchen Spekulationen hätte nun dies wieder Anlass gegeben.

Für Greta hingegen war es deutlich, als er am Fenster ihres Hauses vorbeiritt und sie kann schwören, dass er, als er ihren Blick durch die Scheibe suchte, das Wort „Wächterin!“ geäußert hätte, zusammen mit einer ehrerbietigen Geste der Hochachtung.

Ach ja, und Corinne, die ist auch irgendwann gekommen. Von ihrer Veranstaltung in Halle. Und dann direkt ins Krankenhaus gefahren. Zu ihrer unverletzten Tochter und Jakob. Und Henry.

Alle glücklicherweise unversehrt.

Ja, und die Raben.

Die kamen dann auch wieder.

Am nächsten Tag.

Als die Geschichte sich auf Null neu anfing zu schrieben.

Denn das wollten sie nicht verpassen.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 44

 

Zuerst hören sie die Sirene, als sie so langsam durch die dunklen Straßen laufen. Dann sehen sie es. Die Feuerwehrautos, auf der Hauptstraße, das blaue Flackern der Warnleuchten, und dann den hellen Schein. Den hellen Schein, der ganz Ehrlichstett in eine leuchtende Glocke verwandelt, ein fast sakrales Spektakel, das den Nachthimmel in goldene Funken hüllt. Es brennt. Es brennt im Schloss.

„Wo ist Corinne?“ Tammis Stimme ist schrill. Voller Angst. Die Bilder ihres Traums, die Flammen, ihre Mutter in Not, sie drängen sich in ihr Bewusstsein, nehmen ihr den Atem, jagen ihr Herz vor Angst.

„WO IST CORINNE?“ Sie schreit die Frage in die golden erleuchtete Nachtluft und rennt los. Sie jagt auf das Schloss zu. Als sie den Hof betritt, wirft die Kraft, das Licht und die Hitze der Flammen sie fast zurück. Sie kneift die Augen zusammen.

Der ganze Nordflügel, das Atelier, ihre Wohnräume, das Dach, alles steht in Flammen. Zwei große Feuerwehrwagen stehen vor dem Gebäude und richten den Strahl ihrer Schläuche fast hilflos in das brüllende Flammenmeer.

Wo ist ihre Mutter?

Tränen schießen ihr in die Augen, als sie fast blind, weiterläuft.

„Halt, bleiben Sie stehen!“
Sie ignoriert den Feuerwehrmann, der versucht sie zurückzuhalten, sie läuft auf die Haupttreppe zu.

Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Schloss betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, sie hat Angst, eisige Angst, die sie zwingen möchte, umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen. Sie nimmt allen Mut zusammen und öffnet die Tür – dahinter lodert das glühende Flammenmeer, Flammen schlagen brüllend hoch, fressen sich durch das brüchige, trockene Holz des Treppenhauses, der Boden strahlt eine übermenschliche Hitze aus, die sie zurückwirft. Ihre Mutter, ihre Mutter ist dort oben irgendwo, sie weiß es. Und sie weiß, dass sie sie retten muss. Sie muss da rein, in die Flammen, die sie verbrennen werden, die sie verglüht haben werden, bevor sie das brennende Treppenhaus erreicht haben wird.

Sie strafft den Rücken und geht weiter.

Die Hitze ist unmenschlich, übermenschlich und sie hat Hund nicht mehr. Hund, den kleinen Schutzgeist, dessen Kraft sie brauchte um das Feuer im Wohnwagen zu entfachen, um Kylie zu stoppen und Henry zu befreien.

Du bist die Macht, du hast die Macht, sagt etwas in ihrem Kopf, die Stimme von ….Hund.

Kann ein Hund reden?

Die Stimme des Meisters?

Und sie weiß, dass sie es kann, dass sie das Feuer bannen kann, dass sie die Kraft hat und die Macht. Sie schickt eine Feuerkugel die Stiegen hinauf, ein Feuer, das das Feuer bekämpft, ihr den Weg freibrennt, Feuer gegen Feuer, Macht gegen Macht, Kraft gegen Kraft.

Und sie spürt die Hitze nicht, als sie die Treppe emporläuft, als sie weiter hinauf geht, an der Wohnung vorbei, auf den Dachboden. Das Dach, freigebrannt, der leuchtende Himmel über ihr, die Nacht, die Finsternis.

Dort ist es. Das Ungeheuer, das Monster, seine gebleckten Zähne funkeln im Licht der brüllenden Flammen aus seinem Rachen, sein Atem ein schaler Hauch, der stinkt und modert.

Ihre Angst kehrt zurück, mit aller Macht. Die Flammen, die Hitze, die ihre Haut verkohlt, die Schmerzen, die unirdisch, überirdisch sind, sie weiß, sie wird sterben. Sie weiß es.

Dort ist noch jemand, etwas, mitten in den Flammen, ein Mensch auf einem Pferd, das kann nicht sein, sie reißt die Augen auf, trübe, versengt, wie blind der Blick, er bewegt sich, verdammt, ein lebendiger Mensch, ein lebendes Tier vor dem klaren Himmel, schwarz wie die Nacht und leuchtend, wie das Flammenmeer.

„Tamara….“ ruft die Stimme aus den Flammen.

Der Mann steht in den Flammen und seine hellen Augen, seine hellen, alten Augen leuchten. Sein Blick sucht den ihren. Sie geht ihm langsam entgegen.

Ihre Angst wird kleiner und kleiner, bedeutungslos, verschwindend. Und mit ihr das Monster.

Durch die Flammen geht sie, sie spürt, wie die sie berühren, fast streicheln, sie kommt näher, der Mann lächelt und streckt ihr vom Pferd herab die Hand entgegen. Ihn umstrahlt ein blaues Licht, ein blaues kühles Licht, der Schein des Rabensteins, ein sanftes Glühen, das sie einhüllt, kühlt, beschützt. Sie lässt es zu, lässt es in sich ein, das blaue Licht, das Alles und das Nichts. Das blaue Licht lässt das Monster, das auf ihren Fersen ist, erlöschen, es wird blass, wie ein altes Bild, verbleicht, verglimmt in den Schatten des blauen Scheins.

Sie sieht ihn an, den Meister auf dem Rappen und die Welt erlischt, die Zeit bleibt stehen und sie spürt das Nichts. Das Alles und das Nichts, das Ende und den Neubeginn, bevor ihre Sinne verlöschen und ihr Körper leblos auf die verbrannten Bohlen sinkt.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 29

 

Ein rotgoldener Schein leuchtet so hell, dass er trotz der dicken Decken und der Verdunkelung in Gretas Wohnzimmer zu sehen ist.

Langsam richtet sie sich auf. Wie aus einem Traum erwacht, aus einem tiefen Schlaf, ein Schlaf der erholsam war und sie geheilt hat. Sie steht auf und streicht die zerdrückte Kleidung glatt. Sie geht zum Fenster und schiebt die Verdunklung beiseite. Ungeduldig zieht sie an der Decke, bis sie zu Boden fällt.

Der gleißende Feuerschein dringt als helles Strahlen in ihr Zimmer und überzuckert alles mit goldenem Schein. Hastig reißt sie die Decken von den übrigen Fenstern und steht so im Schein der Flammen, im Schein der goldenen reinigenden Flammen.

Dann strafft sie sich und geht zum Telefon.

Sie wählt die Notrufnummer, lächelnd, und langsam

„Ich bin die Wächterin,“ sagt sie mit fester Stimme. Sie gibt die Adresse durch und ihren Namen, und sie meldet ein Feuer. Ein Feuer im Schloss.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 25

 

Zu dritt verlassen sie die Halle. Jakob hat Henry auf dem Arm. Der Kopf des Kleinen liegt auf seiner Schulter, die Locken kleben ihm verschwitzt an der Stirn die Augen geschlossen. Henry ist totenbleich.

Plötzlich bleibt Jakob stehen.

„Verdammt wo ist Hund? Wir haben Hund da drin vergessen!“

Tamara sieht ihn an und schüttelt den Kopf.

Plötzlich kommt Bewegung in Henry und er hebt den Kopf. „Henry!“ Tamara ist bei ihm, streicht ihm die verschwitzen Haare aus der Stirn und streichelt seine rundliche Kinderwange.

„Unn, „ sagt er. Seine Stimme ist rau und klingt alt und brüchig, „UNN“

Und ein kleines Flämmchen erscheint zwischen den Rissen im Beton vor der Halle, verschwindet gleich wieder.

„Unn,“ Henry lächelt und schließt die Augen. Erschöpft, müde, aber am Leben. Bereit, zum Weiterleben.

Langsam gehen sie weiter.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 23

 

Harald Bonsayh versucht Luft zu holen aber irgendwie bekommt er nicht genügend Sauerstoff. Sein Knie oder das was mal sein Knie gewesen ist lässt ihn vor Schmerz fast ohnmächtig werden. Er hört einen Schlag und malt sich aus, wie die Flammen, getrieben von chemischem Brandbeschleuniger durch das Schloss jagen und jeden auf ihrem Weg verschlingen.

Er spürt die Hitze der verschiedenen Brandherde, hört das Knacken und Krachen.

Er wartet.

Er könnte längst tot sein. Dann hätte er diese Schmerzen nicht mehr ertragen müssen. Er hätte sich einfach in seine Bestandteile aufgelöst. Statt dessen sitzt er hier fest und kotzt fast vor Schmerzen. Er wartet auf eine Erlösung, die ihm verwehrt bleibt. Die Hitze um ihn herum steigert sich ins Unerträgliche. Fluchend zieht er sich hoch und versucht aufzustehen, sein zerschmettertes Knie knickt aber augenblicklich wieder ein. Vor Schmerz winselnd wälzt er sich auf dem Boden. Ein brennender Schmerz leckt an seinem Fuß. Er dreht sich entsetzt um und sieht seinen Schuh in Flammen stehen. Schreiend schlägt er darauf ein, dann zerrt er ihn vom Fuß und schleudert ihn weg. Seine Hände brennen, sein Fuß brennt.

Rasend vor Wut und zu allem entschlossen schleppt er sich weiter, bis dahin, wo die Flammen bereits durch das verbrannte Dach in den Nachthimmel schlagen.

Er sieht sie.

Er hört sie.

Diese Schweine, diese blöden Schweine. Sie würden überleben! Trotz seiner umfassenden Planungen würden sie überleben und er würde verbrennen. Er hasst sie, er hasst sie alle.

Die Flammen holen ihn ein und er schreit auf.

Es tut so weh, es tut überall weh. Es ist schlimmer, als alles, was er sich vorstellen kann, es…

…und da ist er.

Die Flammen teilen sich und da ist er.

Er sieht in seine Augen.

Seine Hand neigt sich, reicht zu ihm hinunter, ihm der sich schreiend am Boden wälzt. Seine Hand ist kühl.

Er sieht ihn an.

Er lächelt. Seine goldenen Locken leuchten im Feuerschein, sie sind wieder lang, wie früher, bevor er sie abgeschnitten hat, sich verunstaltet hat, er sieht wieder aus wie früher, als…

…als sie sich sich liebten.

Als er sein Ein und Alles war.

Als er sein Engel war.

Und Harald Bonsayh schließt die verbrannten Lider über den verdampften leeren Augenhöhlen und steht auf.

Er nimmt die kühle Hand und geht mit einem Seufzer mit, mit Gabriel, der zuletzt noch gekommen ist, um ihn zu holen.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 12

 

Das Feuer zersplittert und füllt den ganzen Wohnwagen. Es fügt sich wieder zusammen und rast auf das Fenster zu. Das Zerbersten der Scheibe ist ein Schock, der Knall dröhnt in der ganzen Halle wieder. In exakt diesem Augenblick entsteht ein neuer Feuerball vor Tamara, als ob das ganze Licht in Wohnwagen in diesen einen Ort gesaugt würde und diese Konzentration verursacht ein noch viel lauteres Geräusch, einen Knall, wie von einer Explosion, der den anderen fast das Trommelfell zerreißt und den Spiegel über dem Waschtisch zum Zerspringen bringt.

Jakobs Gehirn hätte zehn Jahre lang grübeln können, was zum Teufel er da gerade beobachtet. Es ist ähnlich, wie bei diesen Computerspielen, wenn man in den paranormalen Teil des Spiels eintaucht. Einmal den Schalter umgelegt und die normalen Regeln wandern in die Tonne, man betritt ein Paralelluniversum, in dem Leute einfach vor den eigenen Augen verschwinden und Vampire in den Schatten leben und man von bleichen Männern statt von echten Menschen gejagt wird. Dies ist natürlich ein Rollenspiel, das man an ausschalten kann – in dieser Situation hingegen gibt es keinen Pausenknopf.

Kylie wird von dem Energieausbruch nach hinten geschleudert und knallt im selben Moment auf die Koje, als Devon, bleich, zittrig und schweißbedeckt, versucht, sich zu erheben. Er krümmt sich zur Seite und Kylie knallt mit einem dumpfen Aufprall an die blecherne Wand neben ihm, offenbar bewusstlos.

Henry ist mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt, der vor einem kleinen Schreibtisch steht, wie in einem Klebebandkäfig, er hat den Kopf gedreht und seine Augen sehen sie schreckgeweitet an. Glücklicherweise hört er nichts, denkt Jakob verwirrt. Komisch, dass man es mal gut findet, dass Henry nichts hört.

„Los jetzt! Hol Henry!“ Tamara Stimme ist atemlos, aber laut, sie sieht Jakob durchdringend an, wobei ihre Augen aber noch immer den Feuerball zu bannen scheinen, der in der Mitte des Raumes ausharrt, wie ein artiges Hundchen.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 04

 

Sie sind nun alle fort, denkt er zufrieden. Meins, meins, endlich mein Schloss. Alles steht offen, alle Türen, die Wohnung der Schlampe, die Räume des Grafen, er setzt sich hierhin auf ein Sofa, öffnet dort einen Schrank, blättert in einem Buch, macht einen Wasserhahn an und wieder aus. Er schlendert durch das ganze Schloss und nimmt es auf in seinen Besitz, in seine Seele, in sich selbst. Sein Knie pocht und dröhnt vor Schmerz, auf dem Biedermeiersofa hinterlässt er eine blutige Schliere auf dem Polster. Er möchte so sitzen bleiben hier sein, seinen Besitz genießen, seine natürlichen Rechte, für immer hier, das verletzte Bein entlasten, sich ausruhen, aber es geht nicht. Denkt er, nein, er hat eine Mission, eine Aufgabe.

Die Stätte, die Stätte des Unheils muss gereinigt werden, der Fluch muss erfüllt werden, um sich von ihm zu befreien.

Dies ist klar und liegt klar vor ihm.
Kaum noch trägt ihn sein Knie, als er seiner Aufgabe entgegen tappt.

Dorthin geht, sich schleppt sich, hinkt er, zu dem Ort an dem es geschah, zu dem Ort, der gereinigt werden muss, damit er frei ist.

Frei und voller Macht, endlich.

Ehrlichstett, 2017, 16 Uhr 42

 

Desi und Dieter sind auf der Nordkoppel, bei den Jungpferden. Sie flicken den Zaun und wollen danach gleich nach Hause fahren. Lang genug der Tag. Nein, sie haben Henry und Hund nicht gesehen.

Corinne geht nicht ans Telefon.

Als sie zu Greta hochlaufen öffnet die nach einer gefühlten Ewigkeit die Tür. Ihr Blick ist fahrig und unstet und sie weicht sofort zurück in den Hausgang.

„Scheiße,“ murmelt Tammi, „sie hat einen Anfall!“

Jakob sieht sie fragend an.

“Sie hat Agoraphobie, sie kann nicht raus. Das ist ein Anfall,“ wiederholt Tammi leise, als sie die Tür mit Druck aufschiebt und schnell ins Haus schlüpft.

Jakob springt hinterher und zieht die Haustür zu.

Der Flur liegt im Dunkel und sie gehen Greta nach, die bis ins Wohnzimmer zurückgewichen ist. Hier sind die Fenster verhängt und nur in der Ecke glimmt eine kleine Lampe. Greta liegt nun schwer atmend auf der Couch, ein Schweißfilm auf ihrer Stirn.
„Greta“ drängt Tammi ungeduldig „wir suchen Henry, hast du ihn gesehen? Und Hund?“

Greta holt hörbar tief Atem und schüttelt den Kopf. Sie holt erneut gurgelnd Luft und stammelt unverständliche Silben vor sich hin.

„Greta!“ Tammi wird lauter und greift nach ihrer Schulter „Greta hör mir zu!“
„Tammi, lass es,“ Jakob zieht sie zurück. „Du siehst doch, dass sie kaum bei sich ist. Sie kann uns nicht helfen!“
„Der Tag ist da!“ Kommt plötzlich Gretas Stimme hohl und brüchig, aber klar verständlich „Der Tag der Weltenweiche, der Tag des Meisters, der Meister ist da, der Meister ist hier und seine Kraft kommt zur vollen Blüte!“ Ihre blassen Augen weiten sich und starren auf die Wand hinter Tamara und ein verzücktes Lächeln legt sich auf ihre Züge.

Tamara ist versucht, sich umzudrehen, weiß aber, dass da nichts zu sehen ist.

„Greta verdammt,“ schreit sie nun. “Lass diesen Scheiß! Henry ist weg! Wir suchen Henry!“

Jakob greift wieder nach ihrem Arm und will sie zurückziehen, als Gretas Stimme erneut ansetzt, klar diesmal und deutlich, dröhnend und getragen, der Blick noch immer starr auf die Wand hinter Tamara gerichtet.

„Die Flammen reinigen die Stätte.“ Sagt sie „Die Flammen reinigen die Stätte und der Fluch erlischt. Der Rabenstein, der Stein des Meisters öffnet sich und seine Kraft dringt ungehindert hervor, die Stunde des Meisters ist da und die Weltenuhr wird auf Null gestellt. Die Kraft des Meisters reinigt und erneuert und der reinen Herzens ist rettet und verbindet die Welt von gestern und von morgen. Die Zeitenwende ist da und die Kraft des Meisters ist mit Euch!“

Ihre Stimme erstirbt und ihre Augen schließen sich. Ihr Kopf sackt zurück in die Polster.

Eine Moment verblüffter Stille entsteht, in dem Tamara sich jedoch in Jakobs Griff stemmt, um zu Greta zu gelangen.

Plötzlich ertönt ein Kratzen von der Tür, ein Kratzen und ein hohes Winseln.

„Hund!“

Tamara und Jakob stürzen gleichzeitig den Flur hinunter und reißen die Haustür auf. Der kleine schwarze Hund springt an Tamara hoch. Hund, Hund ist da! Aber keine Spur von Henry.

Der kleine Hund springt die wenigen Stiegen an der Haustür hinab und läuft die Einfahrt hinunter. Er bleibt stehen und sieht sich um, sieht sie an, kommt zurück, springt Tammi an und wieder die Stiegen hinunter, hoch und wieder runter.

„Das ist wie bei Lassie!“ Sagt Jakob“ der will uns was zeigen! Wetten?“

„Klar, Lassie! Du spinnst,“ sagt Tammi, aber sie gehen los.

Beide gehen sie los, sie gehen.

Sie laufen, sie rennen, Hund hinterher, der ihnen unbeirrbar den Weg weist.