Nachtrag 2

 

 

Ein Zug, irgendwo in Mitteldeutschland

Die junge Frau mit den auffallend üppigen Locken sitzt mit einem Buch auf einem Fensterplatz, als sich ein hagerer, hochgewachsener Mann mit mehreren Taschen und einem gestressten Schnaufen auf den Platz ihr gegenüber fallen lässt. Der Zug fährt mit einem Rucken an und der Hagere sucht sein Gleichgewicht an der Kante des kleinen Tisches, wobei ihm eine der Taschen, eine abgeschabte Aktentasche entgleitet und der Frau auf den Schoß rutscht.

Überrascht blickt sie auf und der Neuankömmling entschuldigt sich mit einem verlegenen Lächeln. Sie lächelt zurück, schiebt die Tasche wieder auf den kleinen Tisch des Zugabteils und vertieft sich, nach einem prüfenden, aber freundlichen Blick wieder in ihr Buch.

Der großgewachsene Mann sortiert sich nun auf den engen Zugsitzen und fängt an, die Taschen um sich zu arrangieren. Aus der Aktentasche entnimmt er mehrere Papiere, die er auf dem Tisch verteilt, wobei immer wieder Papiere, Stifte, die aus einem Mäppchen kullern und sogar seine Brille zu der Frau hinüber rutschen. Ihr amüsiertes Lächeln entgeht dem Hageren nicht und es entsteht der Eindruck, dass er seine offensichtliche Ungeschicklichkeit noch verstärkt um mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Seufzend lässt sie schließlich ihr Buch sinken und beobachtet den Mann nun unverhohlen, der die Geste begreift und ein Gespräch beginnt.

Während die sommerliche Landschaft vorbeifliegt und der Zug mit schnellem Tempo nach Süden fährt, erzählt er. Und erzählen, das kann er. Von seinem Leben, dem bewegten, zwischen Ost und Süd, ein wichtiger Investor sei er, erzählt er, sein ganzes Vermögen habe er investiert in die Rettung eines Schlosses, eines zwar historisch unbedeutenden, aber dennoch unvergleichlichen Kulturschatzes, in einem verschlafenen kleinen Ort mit großer Zukunft. Ja und nun sei das Werk vollbracht, aber eine Nutzung brächte er, eine Nutzung für dieses sein Schloss, das nun leer stünde, ein Kleinod, ein Traumschatz der nur wartete auf eine wirkliche Prinzessin, die sich seiner annimmt.

Was sie denn mit ihrem Leben mache? Fragt er.

Die Lockige lächelt zurückhaltend und erzählt wenig aber Interesse ist ihr anzumerken. Ein Schloss, das klingt interessant, ob er schon mal an eine kulturelle Nutzung gedacht hätte, Ateliers, Ausstellungen, Konzerte?
Ein Strahlen erleuchtet sein scharfkantiges Gesicht und seine Augen blitzen, ja, natürlich, das wäre es. Eine kulturelle Nutzung, dem verwahrlosten Osten nun endlich Kultur zeigen, ein missionarisches Werk nahezu, das wäre seine Rettung und die Lösung und sie, ob sie nicht… und ob sie vielleicht interessiert wäre.. und ob man….?
Viellicht könne sie sich vorstelle, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen. Geld, nein. Geld bräuchte sie nicht, nur ihr Kow How, vielleicht ihre Arbeitskraft. Alle, alles, würde und könnte er dort ermöglichen. Wenn sie nur käme, wenn sie ihn nur unterstützte. Dort wohnen könne sie umsonst, ja Platz gäbe es genug, er könne dort etwas ausbauen nach ihrem Wünschen, natürlich, das würde sie keinen Cent kosten. Wenn sie nur, ja wenn sie nur sich durch den Kopf gehen ließe, vielleicht sich zu beteiligen an einer kulturellen Nutzung, vielleicht.

Zwischenzeitlich klingelt immer wieder sein Handy. Sie kann nicht anders, als die Gespräche zu überhören. Eine Insolvenz, eine wohl nicht ganz unstrittige Abwicklung irgendeines Geschäfts, der Gesprächspartner in der Leitung ist laut, aufgeregt, drohend, ihr Gegenüber zunehmend ungehalten, wirft ihr entschuldigende Blicke zu, schaltet das Handy schließlich aus, als die Anrufe nicht abreißen.

Seine Stimme wird leiser und schmeichelnd, er lobt ihre Ideen und ihre Erfahrung, er entwickelt einen Traum, den Traum der kulturellen Erweckung des Ostens, der Segnung einer neuen Welt, einfach und offen, wie Kinder, seien die Menschen dort, bereit für ein solches Projekt, für eine Prägung durch eine bedeutende Person des künstlerischen Lebens.

Er trägt ein bisschen dick auf, denkt sie, als sich ihr Zielbahnhof nähert und sie langsam ihr Buch in ihre Tasche packt, die Jacke vom Haken nimmt und sich zum Aufstehen bereitmacht.

Ob man denn noch Daten tauschen wolle, drängt er, man könne doch in Verbindung bleiben, unverbindlich, versteht sich und vielleicht einmal essen gehen, wenn sie wieder im Osten sei und er auch, und noch mal nachdenken, einfach mal rumspinnen an der Idee, das könnte doch….

Als der Zug in den Bahnhof einfährt steht er höflich auf um sie zu verabschieden.

„Von Rheinberg, meine Liebe, Ralph von Rheinberg, Bitte merken Sie sich meinen Namen, ich werde Sie anrufen, das ist sicher. Und bitte denken Sie über mein Schloss nach, ich bitte Sie, vergessen Sie mich nicht, erinnern Sie sich an mich, wenn ich Sie anrufen. Von Rheinberg, einmal Adel, immer Adel.“

Und mit einem galanten Beugen über ihre Hand verabschiedet er sich, während das pneumatische Zischen der Abteiltüren ihren Abschied untermalt.

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Nachtrag 1

 

Die Spuren der Familie sind nicht vergessen

Neue Ostdeutsche Zeitung vom 20.06.2017

Überparteilich & unabhängig

 

 

HISTORIE Schloss Ehrlichstett gehörte vom Mittelalter an bis zur Enteignung 1945 einer Familie. Welche Verbindung es noch heute gibt.

VON DETLEF DROBBEL

Ehrlichstett / NOZ – Selten ist eine Familiengeschichte so eng verknüpft mit einem Gebäude. Schloss Ehrlichstett befand sich immer schon, bis zur Enteignung 1945 in den Händen ein und derselben Familie. Zufall oder Schicksal: Der heutige Senior eben dieses Familienverbandes ist nun Vorsitzender einer Stiftung, in die das Schloss überführt wurde. Also ist der neue der alte Schlossbesitzer?

Sein Großvater, der letzte Besitzer vor der Enteignung, habe bereits davon geträumt, eines Tages ungehindert in seine alte Heimat zurückzukehren. Ein Traum, den sein Sohn weiterlebte. Ein Traum aber auch, den die Gerichte jäh platzen ließen. Statt der Rückgabe gab es nur eine Entschädigung.

Doch die Familie zog sich nicht zurück, auch als in den Jahren das Schloss mehrfach den Besitzer wechselte, bis der Adlige Hugo von Hülstorff das Schloss schließlich erwarb und die Ruine zu neuem Leben erweckte. Der ehemalige Eigentümer, der zugleich auch hohes Regierungsmitglied ist, wirkt nun aktiv an den Geschicken seines Stammsitzes mit. Es gibt große Zukunftspläne. Die Sanierung vor allem nach dem fatalen Brand zu Beginn diesen Jahres soll fortgesetzt werden. Die Erinnerung an den verstorbenen Vater des neuen Schlossbesitzers soll endlich hier einen bleibenden Ort finden. Ebenso, wie die Geschichte der Familie, die nicht vergangen ist und nicht vergessen werden darf. Der neue Schlossbesitzer will sich einbringen mit Ideen zur Sanierung und Erhaltung und dabei an Traditionen anknüpfen.

 

 

Kennt Ihr das auch? Manche Geschichten hat man so lieb gewonnen, dass man sich gar nicht davon trennen kann.

Solche Schmöcker, wenn sie zu Ende sind und dort die schrecklichen vier Buchstaben stehen und man weiß, dass man sein Leben jetzt ohne die liebgewonnen Helden oder bösen Schurken aus der Geschichte weiter führen muss, man möchte das Buch nehmen und schütteln und hoffen, dass noch ein Geschichtchen rausfällt und das alles irgendwie weitergeht.

Tut es vielleicht auch.

Manchmal.

 

Manchmal entwickeln Geschichten eine solches Eigenleben, dass sie einfach weitergehen müssen.

Wäre ja sonst auch zu ungerechnet, oder?

 

 

 

 

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 52

 

„Bleiben Sie zurück jetzt, verdammt!“

Der Feuerwehrmann hält Jakob am Arm fest. Jakob hat Henry einem weiteren Feuerwehrmann in die Hand gedrückt und will ihr nach – Tammi, Tammi ist in den Flammen verschwunden! Sie ist ins Schloss gegangen, auf der Suche nach Corinne, er muss…

„Meine Freundin,“ brüllt er den Mann an, der eisern seinen Arm umklammert hält, „Meine Freundin ist da drin, ich muss sie rausholen.“


„Ich weiß,“ brüllt der Mann gegen das Tosen der Flammen an. „Ich habe es gesehen aber Sie können ihr nicht helfen, verdammt, verstehen Sie doch. Für sie gibt es keine Rettung. Und sie müssen an das Kind denken!“
Jakob holt aus und will mit der freien Hand dem Mann einen Kinnhaken versetzen, sich losreißen, hinter Tammi her ins brennende Schloss.

Ein weiterer Feuerwehrmann eilt herbei und hilft, den Rasenden festzuhalten.

„So beruhigen Sie sich doch! Sie können da nichts tun!“


Während die Helfer sich noch um Jakob bemühen und mit ganzer Kraft versuchen, ihn vom Brandherd wegzuzerren, ist ein anderer der Aufmerksamkeit aller entgangen. Und erst ist in letzter Minute, bevor die Flammen seine Figur verschlucken sehen sie erschrocken eine weitere Gestalt im brennenden Schloss verschwinden. Ein gebeugter alter Mann, gehüllt in einen fleckigen Parka schlurft mit unbeirrbarem Schritt die Stiegen hinauf und wird mit lähmender Langsamkeit von den Flammen verschluckt.

„Renfeld!“ Brüllt Jakob „ es ist der irre Renfeld. Der ist jetzt auch im Schloss!“
Mit ganzer Kraft versucht er erneut, sich dem Griff der Feuerwehrleute zu entreißen.

Die Männer fluchen.

„Sperrt den Brandherd ab!“ Brüllt einer. „Bevor uns hier noch einer in die Flammen rennt!“


„Hier spinnt offensichtlich jeder, verflixte Scheiße!“ Flucht einer, während sie Jakob nun zu dritt hinter die Wagen zerren.

Immer mehr Schaulustige hat der Flammenschein inzwischen angelockt und Leute laufen auf dem Parkplatz zusammen. Vom Südflügel aus ist es der Feuerwehr inzwischen gelungen, die Flammen unter Kontrolle zu bekommen und der helle Schein gibt erste rauchige Ruinen frei. Die Menschen unterhalten sich gedämpft, fassungslos. Sie machen Fotos.

Mit aufheulendem Motor fährt ein Fahrzeug der lokalen Fernsehanstalt auf den Hof, die Leute geben ihm murmelnd Raum. Zwei weitere Helfer haben inzwischen mit Absperrband die Wiese vor dem Schloss und den Durchgang abgeriegelt.

Auch von Norden her gelingt es nun langsam den Brand zu löschen, der Eingang zum Schloss jedoch steht noch in hellen Flammen, als ein Raunen durch die Menge der Beobachter geht.

„Ein Wunder,“ wird erst die lokale, später die überregionale Presse titeln. „Ein unerklärliches Naturwunder.“

Ein alter Mann in einem fleckigen Parka, mit wirrem Blick verlässt das Schloss.

Als er die steilen Stiegen heruntergeht sieht man auf seinen Armen den leblosen Körper eines schlanken Mädchen, deren lange schwarze Haare schleifen hinter ihr her, wie ein schlaffer Rabenflügel.

Beobachtet von der schweigenden, wie erstarrten Menge wird er den Körper der jungen Frau auf die abgesperrte Wiese vor dem Schloss legen.

Die körnigen Handyvideoaufnahmen beginnen schon in derselben Nacht um die Welt zu gehen, Bilder, die den Alten zeigen, wie er niederkniet, neben dem leblosen Körper und seine Stirn zu Boden beugt. „Meister,“ hört man ihn murmeln, „Meister, mein Meister!“ Und die Stirn mehrfach zu Boden beugt. Und die Leblose richtet sich plötzlich auf, und, die Menge kann es bezeugen, und die Videoaufnahmen zeigen es schwach, ein blaues Leuchten geht aus, von der Gestalt, als sie ein schmales Band abnimmt, von ihrem Hals, sich vorneigt zu den Knienden und ihm das Band um den Hals legt in einer wortlosen altertümlichen Geste tiefer Dankbarkeit. Ein schmaler Ring leuchtet kupfern auf und für einen winzigen Moment lang überstrahlt seine Helligkeit die Leuchtkraft der erlöschenden Flammen.

Ein seliges Lächeln überzieht die Züge des Alten, der nie wieder, weder der Presse gegenüber, noch anderen, ein Wort zu der Sache sagen wird.

Auch das trug dazu bei, das Ganze später als Fake News, als einen großen gerissenen Trick abzutun. Später, Tage nachdem die Videos im Netz die Welt umeilt hatten.

Hier kommt nun Bewegung in die Helfer, sie eilen unter dem Absperrband durch, auf die beiden Personen zu, ein Arzt, mit einem Notarztkoffer, einer Trage, für die junge Frau. Tamara wird hochgehoben und auf die Trage gelegt. Sie ist totenbleich und hat die Augen geschlossen, wie Schneewittchen, denkt Jakob, als sie sie an ihm vorübertragen, als er ihre Hand ergreift, die kühl ist und trocken, erstaunlich, denkt er. Erstaunlich.

Denn weder sie, noch der alte Renfeld haben Verletzungen, Verbrennungen.

Ein schlechter Scherz, wird es später im Internet heißen, ein übler Witz mit einer schrecklichen Katastrophe, wird es heißen. Denn in der ausgebrannte Ruine des Schlosses finden die Helfer später die verkohlte Leiche eines Mannes, der noch später als ein ortsansässiger Anwohner identifiziert wird. Wie und warum der Mann sich zur Unglückszeit im Schloss aufgehalten hat, kann nicht ermittelt werden.

Den dunklen Mann mit den hellen alten Augen, der auf einem schwarzen Pferd den Unglücksort verließ, den hat aber nun wirklich nur Greta gesehen. Glücklicherweise, denn zu welchen Spekulationen hätte nun dies wieder Anlass gegeben.

Für Greta hingegen war es deutlich, als er am Fenster ihres Hauses vorbeiritt und sie kann schwören, dass er, als er ihren Blick durch die Scheibe suchte, das Wort „Wächterin!“ geäußert hätte, zusammen mit einer ehrerbietigen Geste der Hochachtung.

Ach ja, und Corinne, die ist auch irgendwann gekommen. Von ihrer Veranstaltung in Halle. Und dann direkt ins Krankenhaus gefahren. Zu ihrer unverletzten Tochter und Jakob. Und Henry.

Alle glücklicherweise unversehrt.

Ja, und die Raben.

Die kamen dann auch wieder.

Am nächsten Tag.

Als die Geschichte sich auf Null neu anfing zu schrieben.

Denn das wollten sie nicht verpassen.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 44

 

Zuerst hören sie die Sirene, als sie so langsam durch die dunklen Straßen laufen. Dann sehen sie es. Die Feuerwehrautos, auf der Hauptstraße, das blaue Flackern der Warnleuchten, und dann den hellen Schein. Den hellen Schein, der ganz Ehrlichstett in eine leuchtende Glocke verwandelt, ein fast sakrales Spektakel, das den Nachthimmel in goldene Funken hüllt. Es brennt. Es brennt im Schloss.

„Wo ist Corinne?“ Tammis Stimme ist schrill. Voller Angst. Die Bilder ihres Traums, die Flammen, ihre Mutter in Not, sie drängen sich in ihr Bewusstsein, nehmen ihr den Atem, jagen ihr Herz vor Angst.

„WO IST CORINNE?“ Sie schreit die Frage in die golden erleuchtete Nachtluft und rennt los. Sie jagt auf das Schloss zu. Als sie den Hof betritt, wirft die Kraft, das Licht und die Hitze der Flammen sie fast zurück. Sie kneift die Augen zusammen.

Der ganze Nordflügel, das Atelier, ihre Wohnräume, das Dach, alles steht in Flammen. Zwei große Feuerwehrwagen stehen vor dem Gebäude und richten den Strahl ihrer Schläuche fast hilflos in das brüllende Flammenmeer.

Wo ist ihre Mutter?

Tränen schießen ihr in die Augen, als sie fast blind, weiterläuft.

„Halt, bleiben Sie stehen!“
Sie ignoriert den Feuerwehrmann, der versucht sie zurückzuhalten, sie läuft auf die Haupttreppe zu.

Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Schloss betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, sie hat Angst, eisige Angst, die sie zwingen möchte, umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen. Sie nimmt allen Mut zusammen und öffnet die Tür – dahinter lodert das glühende Flammenmeer, Flammen schlagen brüllend hoch, fressen sich durch das brüchige, trockene Holz des Treppenhauses, der Boden strahlt eine übermenschliche Hitze aus, die sie zurückwirft. Ihre Mutter, ihre Mutter ist dort oben irgendwo, sie weiß es. Und sie weiß, dass sie sie retten muss. Sie muss da rein, in die Flammen, die sie verbrennen werden, die sie verglüht haben werden, bevor sie das brennende Treppenhaus erreicht haben wird.

Sie strafft den Rücken und geht weiter.

Die Hitze ist unmenschlich, übermenschlich und sie hat Hund nicht mehr. Hund, den kleinen Schutzgeist, dessen Kraft sie brauchte um das Feuer im Wohnwagen zu entfachen, um Kylie zu stoppen und Henry zu befreien.

Du bist die Macht, du hast die Macht, sagt etwas in ihrem Kopf, die Stimme von ….Hund.

Kann ein Hund reden?

Die Stimme des Meisters?

Und sie weiß, dass sie es kann, dass sie das Feuer bannen kann, dass sie die Kraft hat und die Macht. Sie schickt eine Feuerkugel die Stiegen hinauf, ein Feuer, das das Feuer bekämpft, ihr den Weg freibrennt, Feuer gegen Feuer, Macht gegen Macht, Kraft gegen Kraft.

Und sie spürt die Hitze nicht, als sie die Treppe emporläuft, als sie weiter hinauf geht, an der Wohnung vorbei, auf den Dachboden. Das Dach, freigebrannt, der leuchtende Himmel über ihr, die Nacht, die Finsternis.

Dort ist es. Das Ungeheuer, das Monster, seine gebleckten Zähne funkeln im Licht der brüllenden Flammen aus seinem Rachen, sein Atem ein schaler Hauch, der stinkt und modert.

Ihre Angst kehrt zurück, mit aller Macht. Die Flammen, die Hitze, die ihre Haut verkohlt, die Schmerzen, die unirdisch, überirdisch sind, sie weiß, sie wird sterben. Sie weiß es.

Dort ist noch jemand, etwas, mitten in den Flammen, ein Mensch auf einem Pferd, das kann nicht sein, sie reißt die Augen auf, trübe, versengt, wie blind der Blick, er bewegt sich, verdammt, ein lebendiger Mensch, ein lebendes Tier vor dem klaren Himmel, schwarz wie die Nacht und leuchtend, wie das Flammenmeer.

„Tamara….“ ruft die Stimme aus den Flammen.

Der Mann steht in den Flammen und seine hellen Augen, seine hellen, alten Augen leuchten. Sein Blick sucht den ihren. Sie geht ihm langsam entgegen.

Ihre Angst wird kleiner und kleiner, bedeutungslos, verschwindend. Und mit ihr das Monster.

Durch die Flammen geht sie, sie spürt, wie die sie berühren, fast streicheln, sie kommt näher, der Mann lächelt und streckt ihr vom Pferd herab die Hand entgegen. Ihn umstrahlt ein blaues Licht, ein blaues kühles Licht, der Schein des Rabensteins, ein sanftes Glühen, das sie einhüllt, kühlt, beschützt. Sie lässt es zu, lässt es in sich ein, das blaue Licht, das Alles und das Nichts. Das blaue Licht lässt das Monster, das auf ihren Fersen ist, erlöschen, es wird blass, wie ein altes Bild, verbleicht, verglimmt in den Schatten des blauen Scheins.

Sie sieht ihn an, den Meister auf dem Rappen und die Welt erlischt, die Zeit bleibt stehen und sie spürt das Nichts. Das Alles und das Nichts, das Ende und den Neubeginn, bevor ihre Sinne verlöschen und ihr Körper leblos auf die verbrannten Bohlen sinkt.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 29

 

Ein rotgoldener Schein leuchtet so hell, dass er trotz der dicken Decken und der Verdunkelung in Gretas Wohnzimmer zu sehen ist.

Langsam richtet sie sich auf. Wie aus einem Traum erwacht, aus einem tiefen Schlaf, ein Schlaf der erholsam war und sie geheilt hat. Sie steht auf und streicht die zerdrückte Kleidung glatt. Sie geht zum Fenster und schiebt die Verdunklung beiseite. Ungeduldig zieht sie an der Decke, bis sie zu Boden fällt.

Der gleißende Feuerschein dringt als helles Strahlen in ihr Zimmer und überzuckert alles mit goldenem Schein. Hastig reißt sie die Decken von den übrigen Fenstern und steht so im Schein der Flammen, im Schein der goldenen reinigenden Flammen.

Dann strafft sie sich und geht zum Telefon.

Sie wählt die Notrufnummer, lächelnd, und langsam

„Ich bin die Wächterin,“ sagt sie mit fester Stimme. Sie gibt die Adresse durch und ihren Namen, und sie meldet ein Feuer. Ein Feuer im Schloss.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 25

 

Zu dritt verlassen sie die Halle. Jakob hat Henry auf dem Arm. Der Kopf des Kleinen liegt auf seiner Schulter, die Locken kleben ihm verschwitzt an der Stirn die Augen geschlossen. Henry ist totenbleich.

Plötzlich bleibt Jakob stehen.

„Verdammt wo ist Hund? Wir haben Hund da drin vergessen!“

Tamara sieht ihn an und schüttelt den Kopf.

Plötzlich kommt Bewegung in Henry und er hebt den Kopf. „Henry!“ Tamara ist bei ihm, streicht ihm die verschwitzen Haare aus der Stirn und streichelt seine rundliche Kinderwange.

„Unn, „ sagt er. Seine Stimme ist rau und klingt alt und brüchig, „UNN“

Und ein kleines Flämmchen erscheint zwischen den Rissen im Beton vor der Halle, verschwindet gleich wieder.

„Unn,“ Henry lächelt und schließt die Augen. Erschöpft, müde, aber am Leben. Bereit, zum Weiterleben.

Langsam gehen sie weiter.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 23

 

Harald Bonsayh versucht Luft zu holen aber irgendwie bekommt er nicht genügend Sauerstoff. Sein Knie oder das was mal sein Knie gewesen ist lässt ihn vor Schmerz fast ohnmächtig werden. Er hört einen Schlag und malt sich aus, wie die Flammen, getrieben von chemischem Brandbeschleuniger durch das Schloss jagen und jeden auf ihrem Weg verschlingen.

Er spürt die Hitze der verschiedenen Brandherde, hört das Knacken und Krachen.

Er wartet.

Er könnte längst tot sein. Dann hätte er diese Schmerzen nicht mehr ertragen müssen. Er hätte sich einfach in seine Bestandteile aufgelöst. Statt dessen sitzt er hier fest und kotzt fast vor Schmerzen. Er wartet auf eine Erlösung, die ihm verwehrt bleibt. Die Hitze um ihn herum steigert sich ins Unerträgliche. Fluchend zieht er sich hoch und versucht aufzustehen, sein zerschmettertes Knie knickt aber augenblicklich wieder ein. Vor Schmerz winselnd wälzt er sich auf dem Boden. Ein brennender Schmerz leckt an seinem Fuß. Er dreht sich entsetzt um und sieht seinen Schuh in Flammen stehen. Schreiend schlägt er darauf ein, dann zerrt er ihn vom Fuß und schleudert ihn weg. Seine Hände brennen, sein Fuß brennt.

Rasend vor Wut und zu allem entschlossen schleppt er sich weiter, bis dahin, wo die Flammen bereits durch das verbrannte Dach in den Nachthimmel schlagen.

Er sieht sie.

Er hört sie.

Diese Schweine, diese blöden Schweine. Sie würden überleben! Trotz seiner umfassenden Planungen würden sie überleben und er würde verbrennen. Er hasst sie, er hasst sie alle.

Die Flammen holen ihn ein und er schreit auf.

Es tut so weh, es tut überall weh. Es ist schlimmer, als alles, was er sich vorstellen kann, es…

…und da ist er.

Die Flammen teilen sich und da ist er.

Er sieht in seine Augen.

Seine Hand neigt sich, reicht zu ihm hinunter, ihm der sich schreiend am Boden wälzt. Seine Hand ist kühl.

Er sieht ihn an.

Er lächelt. Seine goldenen Locken leuchten im Feuerschein, sie sind wieder lang, wie früher, bevor er sie abgeschnitten hat, sich verunstaltet hat, er sieht wieder aus wie früher, als…

…als sie sich sich liebten.

Als er sein Ein und Alles war.

Als er sein Engel war.

Und Harald Bonsayh schließt die verbrannten Lider über den verdampften leeren Augenhöhlen und steht auf.

Er nimmt die kühle Hand und geht mit einem Seufzer mit, mit Gabriel, der zuletzt noch gekommen ist, um ihn zu holen.