Landeshauptstadt, Oktober 2016

 

Eine Kunstausstellung im Museum, Pre-Opening. Nur geladene Gäste. Die Freunde und Förderer der Kunst. Gediegene Atmosphäre, samtene junge Damen mit Tabletts, Häppchen und Sekt, Gläserklirren, gedämpfte Gespräche.

Vor einem bunten expressiven Gemälde treffen zwei Herren in dunklen Abendanzügen aufeinander:

Herr 1, ein bekannter Förderer mittelalterlicher Kunst, sehr gebildet, Herkunft über jeden Zweifel erhaben, leise, sehr vornehme Stimme

vornehm herablassend lächelnd, auf das Bild deutend

  • Na das ist doch mal Ihre Richtung, oder?

Herr 2, ein bekannter Sammler von eher kitschigen Werken des 19. Jahrhunderts, bedeutende Position, kann aber seine einfache Herkunft nicht immer verbergen, bemüht sich, sehr von sich eingenommen zu erscheinen, etwas näselnde Stimme, ringt um Distinguiertheit:

gespreizt

  • Ich bitte Sie. Dieses Machwerk würde ich nicht einmal geschenkt nehmen?

Lacht kurz und knarrend.

  • Na ja, vielleicht außer, um es gewinnbringend weiterzuveräußern, hat ja einen ganz netten Wert, diese Schmiererei.

Herr 1, senkt die Stimme auf einen noch leiseren, noch vornehmeren Ton

  • Die Gelegenheit zu einem solchen Geschäft bekommen Sie vielleicht eher als Ihnen vorschwebt.

Herr 2, hebt fragend die Brauen

Herr 1, vertraulich

  • Diese Haalswor-Geschichte. Sagen sie nicht, dass sie davon gehört haben. Macht sich doch ihren ganze Ruf zunichte, indem sie eine alberne Klage anstrebt vor dem Verfassungsgericht. Ist doch Ihr Kerngeschäft. Davon haben müssen Sie doch gehört.

Schüttelt betont bedauernd den Kopf

Herr 2, kurzes Lachen in dem Erleichterung mitschwingt

  • ja, natürlich. Unwürdig, das Ganze unwürdig. Künstler sollten bei ihrem Leisten bleiben und sich nicht mit Rechtsdingen befassen, das würdigt das Werk herab. Kunst ist Kunst und Recht ist Recht.

Lacht über seinen Wortwitz.

  • Das hätte sich doch anders regeln lassen. Ganz anders.

Herr 1, legt ihm kurz die Hand auf die Schulter

  • Ja, da haben Sie völlig recht. Und sie kann ja nicht genug kriegen, diese sogenannte Künstlerin. Macht sich stark für so einen zweifelhaften Verein. Ziemlich dubiose Geschichte. Haben einen ungültigen Pachtvertrag und wollen nun den Grundstückseigentümer ausnehmen, ausbluten lassen, regelrecht vernichten, mit so einem fragwürdigen Projekt. Ziemlich unangenehme Geschichte. Liegt, wie ich erfahren haben auf Ihrem Schreibtisch.

Herr 2, runzelt die Stirn

  • Der Verein in Ehrlichstett?

Er macht eine Pause.

Denkt nach.

  • Ich war dort und habe mir das angesehen. Das ist…

Unterbricht sich.

Hebt den Blick und sieht seinem Gegenüber ins Gesicht.

Senkt den Blick wieder zu Boden.

Herr 1, hebt auffordernd sein Glas.

Nach kurzem Zögern stoßen beide an.

Herr 1, bestimmt

  • Man hat eine Verantwortung, wie Sie wissen. Für die Gesellschaft, dieses Land. Die Elite formt die Gesellschaft. Das ist eine Pflicht, nicht die Kür. Das ist eine Aufgabe.

Solche Auswüchse, wie dieser Verein das kann man nicht gelten lassen. Und wer, wenn nicht wir soll diese Verantwortung tragen, für das Gemeinwohl, für alle?

Was wäre denn, wenn der Eigentümer auf seinem Grund nichts mehr zu sagen hat? Wenn so ein Plebs sich plötzlich alles nimmt, was ihm gefällt und nutzt, wie es ihm gefällt?

Anarchie!

Nichts als Anarchie.

Bricht ab, holt Luft und beruhigt sich. Hat sich ein bisschen in Rage geredet.

Herr 2, schweigt. Schließlich:

  • Das ist rechtlich aber nicht so ganz einfach. Es gibt da einen Vertrag und der gibt dem Verein ziemlich große Freiheiten.

Herr 1, etwas leiser, lächelnd

  • Ein Vertrag? Haben Sie diesen Vertrag gesehen? Ein Schmierpapier ist das. Ein Vertrag sieht anders aus.

Er schnaubt leise, vornehm. Seine Augen suchen den Blick seines Gegenüber.

Herr 2, zaudert, stockend

  • Es tut mir leid, ich werde das noch einmal prüfen, natürlich. Aber so ein Vertrag, Sie wissen selbst….

macht eine Pause.

Schließlich:

  • Es ist da auch die Presse dran. Diese Haalswor nutzt ihre Verbindungen und man weiß nicht, was für Folgen das Ganze dann bekommt.

Herr 1, weiterhin lächelnd. Beruhigend

  • Die Presse? Das haben Sie jetzt nicht wirklich gesagt, oder? Seit wann lassen wir denn Politik von der Presse machen?

Eine weitere Pause entsteht, während der Herr 2 ein sein Glas nervös zwischen den Fingern dreht.

Eine der samtenen jungen Damen nähert sich fragend mit einem Tablett. Herr 1 winkt sie ungeduldig fort.

Herr 1 sehr leise:

  • Es gibt hier bestimmte Interessen, die zu wahren wären. Das müssen sie bei Ihrer Entscheidung berücksichtigen. Auch bestimmte eigene persönliche Faktoren über die Sie nachdenken sollten.

Wirft einen Blick auf das Sektglas seines Gegenüber.

  • Aber lassen Sie uns das Thema wechseln: Sie haben Ihr kleines Problem mit dieser famosen Klinik in den den Griff bekommen, wie ich sehe?

Herr 2, wird bleich. Zuckt zusammen.

Herr 1:

  • Ich habe gehört, dass die sehr große Erfolge haben. Einige Prominente, die sich dort schon therapieren ließen. Und da ich sehe, dass Sie nun hier wieder Alkohol trinken können?

Er lässt die Worte eine Zeit im Raum stehen.

Fährt schließlich fort, als von seinem Gesprächspartner keine Reaktion kommt:

  • Das ist wirklich ein Erfolg, für Sie. Wirklich.

Jovial

  • Nicht auszudenken, was das für Ihre Karriere bedeutet hätte, wenn der Vorfall bekannt gemacht worden wäre. Wer weiß, ob sich da die Presse hätte stoppen lassen. Alkohol, ein bisschen zu viel, ein bisschen zu wild….

Lächelt noch jovialer

  • Männergeschichten, kann ja mal passieren. Wir wissen doch alle, dass in uns ein ganzer Kerl lebt, der manchmal sein Recht fordert.

  • Das mit dieser Dame, nun ja, das ging ja glimpflich aus. Geld heilt alle Wunden. Und das Leben geht weiter.

So eine Klage wegen Körperverletzung, das hätte sich nicht gut gemacht.

Schüttelt bedauernd den Kopf.

Legt erneut die Hand auf die Schulter seines Gegenüber, drückt sanft, fast väterlich zu.

  • Ja, ja die wilden Jahre. Ich bin froh dass Sie das so gut in den Griff bekommen haben. Ich bin stolz auf Sie.

  • Und, der Klageanwalt, da in dieser Sache, der reicht noch einen Schriftsatz ein. Guter Mann, fähiger Anwalt. Guter Ansatz. Lesen Sie das durch. Das könnte die Lösung Ihres Problems sein, mit diesem Verein.

Er drückt noch einmal lächelnd, väterlich die Schulter von Herrn 2, nickt ihm dann zu und wendet sich einem Paar zu, das eben den Raum betritt.

Herr 2 sieht in das Glas, das er noch immer in der Hand dreht.

Er stellt das halbvolle Glas auf ein Tablett.

Die samtene junge Dame, die das Tablett trägt:

  • Hat es Ihnen nicht geschmeckt?

Herr 2 schüttelt den Kopf, bedauernd

  • Nein, machen Sie sich keine Gedanken.

Sieht auf

  • Bitte bringen Sie mir einen Saft.

Die samtene junge Dame nickt folgsam und geht ab.

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Ehrlichstett, Oktober 2016

Tamara ärgert sich. Ärgert sich über sich selbst.

Sie kann es einfach nicht lassen, darüber nachzudenken, zu zaudern, zu zweifeln. Kylie hat den Zweifel gesät und das ist wie ein bohrendes Gift, das ihre Gedanken nicht verlässt.

Kylie hat ihr Bilder geschickt, üble verschwommene Handybilder von Leuten, Körpern ineinander verschlungen. Lisa deutlich erkennbar und ein Typ. Könnte Jakob sein, könnte aber auch nicht. Man sieht ihn nur von hinten und nicht ganz scharf.
Könnte. Könnte nicht

Warum kann sie sich nicht einfach sicher sein? Warum zweifelt sie? Warum kann sie nicht glauben, dass er das nie tun würde, das er sie nie betrügen würde, dass er ihr Vertrauen nie missbrauchen würde?

Das Wissen, der Zweifel, dass jemand, dem sie vertraut, sie betrügt, zerfrisst ihr Inneres wie Säure. Wenn sie ihre Freundschaft zu Jakob abklopft und nach einem Hinweis oder einem Zeichen sucht, das den Zweifel rechtfertigt, findet sie nicht das Geringste.

Aber Kylie hat ihr Beweise gezeigt.

Was wenn das nun stimmt? Was, wenn sie sich irrt? Was wenn sie sich selbst nicht vertrauen kann? Ihrem Gefühl, ihrer Einschätzung?

Die Möglichkeit dieser ungeheuerlichen Fehleinschätzung untergräbt alles, was vorangegangen war. Alles, was sie in ihrem Leben als gegeben und selbstverständlich angesehen hat, löst sich auf. Sie kann ihren eigenen Gedanken nicht trauen.

Und sie kann an nichts anderes denken.

Als immer wieder daran, immer wieder, immer wieder.

Es ist als ob ihre Gedanken Amok laufen, Amok laufen um diesen einen zentralen Punkt.

Alles anderes, das auch irgendwie schrecklich ist, blendet sie aus:
Sie werden nun videoüberwacht. Der Klapsmann hat eine Kamera installieren lassen, am Schloss, die das Gelände überwacht. Alles wird jetzt gefilmt, von ihnen, jeder Schritt. Es ist gruselig aber – so what – sie blendet das aus. Nicht schlimm. Die Zäune? Die Tore, die Schlösser? Der Schlammweg? Die ganzen Verbote, Gebote, Anweisungen. Drohungen, Befehle, so what?
Vielleicht ist es auch eine Flucht, denkt sie. Eine Flucht vor diesem ganzen Irrsinn.

Warum muss man so leben? Wie im KZ, wie im Kriegsgebiet?

Kann einen davor niemand schützen?

Der Klapsmann hat mit seinem Auto ein Kind vom Gelände gejagt vor zwei Tagen. Sie denkt darüber nach, aber es erregt keine Gefühle in ihr. Ein kleines behindertes Mädchen. Es ist schreiend vor seinem Auto davongelaufen, er mit heulendem Motor hinterher, das Kind hat sich weinend in den Stall gerettet, gerade noch.

So muss das im Krieg sein, denkt sie, man blendet das alles irgendwann irgendwie aus. Man sieht die Gefahr in der man schwebt, aber man muss sie ausblenden um weiterleben zu können. Um nicht vor lauter Angst den Atem anzuhalten und einfach zu ersticken.

Plötzlich steigt ein Schluchzen ihre Kehle hoch.

Hund, der auf dem Fußende des Bettes liegt, sieht auf. Er hebt seinen struppigen Kopf und steht auf. Er tappt mit seinen kleinen Pfötchen über die Bettdecke und legt sich auf Tammis Schoß zurecht. Ihre Hand gleitet über ihn, versucht sein Fell glattzustreichen, aber das ist vergebene Liebesmüh, es ist einfach zu borstig. Sie streichelt und streichelt und sie weint. Haltlos, lautlos fließen die Tränen ihr Gesicht herunter und beflecken das struppige schwarze Fell des Tieres.

Sie kann nicht aufhören.

Zu streicheln und zu weinen.

Es scheint das Ende der Welt, das Ende von allem.

Nur Hund, Hund und sie. Und das ganze Grauen.

Ehrlichstett, Oktober 2016

Das kann es nicht geben, er glaubt es einfach nicht!

Sie sitzt an seinem PC: Er kommt in den Wohnwagen, sieht sie von hinten. Ihren Rücken, in so einem Trägertop. Rückenfrei, die Schulterblätter, die sich durch die Haut bohren, wie sie da vor seinem PC sitzt und seine Dateien aufruft.

Sie dreht sich noch nicht mal um, als er reinkommt.

Er schnappt hörbar nach Luft.

Er springt auf sie zu.

Er greift nach ihr, er will ihre Schulter packen, sie nehmen, sie herumziehen, wie werfen, sie zerbrechen, sie auf den Boden knallen, sie zertrampeln, ihr Blut riechen, ihre Knochen zerschmettern.

Er sieht rot.

Sein Atem dampft heiß in seiner Kehle.

Aber es geht nicht.

Seine Hand greift an eine Wand.

Es geht nicht.

Es geht nicht.

Langsam dreht sie sich um.

Sie lächelt. So ein flieses kleines Lächeln, die Augen halb geschlossen.

Er hämmert an die Wand. Seine Fäuste schmerzen aber er kann nicht aufhören. Seine Knöchel sind aufgeschlagen. Es kommt ein dumpfer Ton, wenn er an die unsichtbare Wand schlägt, aber sie zerbricht nicht, er kommt da nicht ran.

Hinter ihr, auf dem Monitor, die alten Fotos von der Nachbarstochter, von damals, als er noch im Haus wohnte, Michelle, er sieht sie auf dem Bildschirm flimmern, das ist seins, sie darf das nicht, das ist privat, das geht sie nichts an…

Sie versteht das nicht.

Er wirft seinen ganzen Körper an die Wand. Er schlägt dagegen. Es schmerzt. Er lässt sich daran herunterrutschen. Er atmet heftig, er schwitzt. Er kauert auf dem Boden des Wohnwagens, an der Wand, er sieht die Kleene an, sie lächelt. Und dahinter die Bilder.

Die Schönheit.

Michelles Schönheit.

Sie ist blond.

Die Haare reichen ihr bis zur Taille herunter und schimmern in der Sonne wie ein Tuch aus Seide. Die Fotos haben das Glimmen, das Glitzern, das Leuchten eingefangen und es strahlt bis zu ihm herunter.

Ihre Hände. Feingliedrig, sehr schmal.

Ihre Beine. Zart, fast zerbrechlich. Alles an ihr ist so, wie aus einem hellen Holz geschnitzt, von jemandem der sich viel Zeit genommen hat und große Mühe gegeben hat. Nichts an ihr ist plump, dick oder groß. Sie ist die vollendete Anmut.

Schönheit.

Schönheit, das er es fast nicht zu glauben wagt.

Und plötzlich begreift er:

Es ist Liebe, was er empfindet.
Es muss Liebe sein, nicht bloß Gier, Erregung, all das was dazugehört, was aber nur deshalb entstehen konnte, weil er sie liebt. Die Liebe ist der Anfang, der Boden, auf dem die Sehnsucht gedeiht. Die Sehnsucht, die er für die Kleene nicht aufbringt, nicht für Sylvia. Sylvia war eine Notlösung gewesen. In bittere Notwendigkeiten muss man sich fügen, manchmal verlangt das Leben es so. Er war kein…


„Kinderficker!!“

Die Stimme der Kleenen klingt hart und metallisch, hinter der Wand.

In seine Kehle presst sich ein Schluchzen. Auflehnung, dazwischen Hoffnungslosigkeit. Denn welche Chance hat er? Er war kein attraktiver Mann, das sah er ohne jede Illusion. Den dicken Bauch verdankt er seiner Vorliebe für Bier, fettes Essen. Er sieht zehn Jahre älter aus, besonders dann wenn er abends zu viel getrunken hat und leider schafft er es nicht, damit aufzuhören. Er hätte mehr Sport treiben müssen, mehr Gemüse essen, Wasser oder Tee trinken, aber Herrgott noch mal, wenn man dreißig Jahre lang anderes gelebt hatte, dann ging das nicht so einfach mit der Umgewöhnung. Er hatte sich gefragt ob Michelle, diese Elfe, diese Fee, dieses wunderbare Wesen ihn trotzdem würde lieben können. Trotz Bauch und Tränensäcken, seiner halslosen gedrungenen Gestalt, obwohl er bei der kleinsten Anstrengung keucht und schwitzt.


„Kinderficker,“ leiser diesmal.

Er keucht. Hilflos. Ohnmächtig.

Die Kleene versteht das nicht und er hasst sie. Das Schluchzen in ihm ist Wut, ein Laut von Wut, Wut und Ohnmacht. Wenn er sie zu fassen kriegt, er würde sie töten. Jetzt und hier töten.

„Es geht hier aber nicht, um dich!“

Er sieht auf.

Sieht durch die Wand in ihre Augen.

Ihren Blick. Die Wand scheint ihn zu spiegeln, zu brechen. Ihre grünen Augen sehen aus, als leuchten sie von innen, in einem metallischen silbrigen Licht:

„Es geht nicht um dich,“ wiederholt sie: “Es ist mir egal, wie gemein du bist. Es gibt immer jemanden, der noch gemeiner ist als du. Und eines Tages wirst du ihm begegnen. Oder ihr.“


Sie lächelt wieder, diese komische kleine Lächeln.

Matt schlägt er mit der Faust vor die Wand.

Eine blasse Blutschliere bleibt, als er die Hand kraftlos herabrutschen lässt.

Die Bilder von Michelle auf dem Monitor umrahmen den Kopf der Kleenen, wie eine Bühne. Eine irreale, unglaubliche Bühne.

Sie steht nun auf und geht direkt an die Wand. Die Bilder von Michelle, die hellen Farben bleiben komischerweise hinter ihrem Kopf.

Sie beugt sich hinunter, ihr Gesicht nun direkt neben seinem. Sie flüstert, aber ihre Stimme klingt überlaut in seinen Ohren: „Noch gefährlicher, als die gemeinen Typen, sind die die verrückt sind,“ flüstert sie: “Du weißt nie, was sie ausrasten lässt und was sie als nächstes tun.“
Sie macht eine Pause und sieht ihn an, mit diesem hellen Metallblick. Mit Michelle als Rahmen um ihren Kopf:

„Es geht nicht darum, gemein zu sein. Es geht darum schlau zu sein. Es geht darum wachsam zu sein.“

Plötzlich ist die Wand fort.

Er sackt zusammen, sein schwerer Oberkörper, der an die Wand gelehnt war, hat keinen Halt mehr, rutscht auf den Boden des Wohnwagens.

Sie sitzt wieder auf dem Stuhl vor dem PC, der nun dunkel ist, Bildschirmschoner, ausgeschaltet?

„Ich sage dir, was wir tun.“

Sagt sie: “Was wir jetzt tun.“

Ehrlichstett, Oktober 2016

 

Es ist heiß im Raum. Unerträglich heiß.

Hugo von Hülstorff spürt, wie sich Schweiß auf seiner Stirn bildet. Und das obwohl es sich empfindlich abgekühlt hat draußen und der Kachelofen sich abringt, den großen Raum auch nur ansatzweise zu wärmen. Er schwitzt. Er sitzt am Schreibtisch vor dem PC und denkt nach und schwitzt.

Er sollte eine von diesen Tabletten nehmen, denkt er und fängt an, in der Schreibtischschublade zu kramen. Die kleinen gelben oder eine von den weißen? Rabena ist nicht mit in Ehrlichstett, diesmal, denkt er ärgerlich. Sie weiß immer, wann er welche der Tabletten zu nehmen hat. Hektisch schiebt er sich beide zwischen die trockenen Lippen, die weiße und die gelbe. Er hat Mühe zu schlucken. Er hätte sich ein Glas Wasser holen sollen.

Ärgerlich sieht er wieder auf den Bildschirm des PC. Der Schriftsatz seines Anwalts, Blatter, ein Durcheinander, wie üblich. Klar ist das gut, mit dem Durcheinander, gut zu wissen, dass im Ende niemand mehr weiß, was es zu wissen gibt, weil es so ein Durcheinander ist.

Er soll sich keine Sorgen machen, hat der mit dem Einstecktuch gesagt und gelächelt. Nach langer Zeit endlich mal wieder gelächelt, der mit dem Einstecktuch, als sie sich in München getroffen haben.

Nein, er macht sich keine Sorgen. Er doch nicht. Hat er noch nie. Kann ihm auch egal sein. Er, er hat schon seine Schäfchen im Trockenen. Da muss so einer, wie der mit dem Einstecktuch und seiner leisen vornehmen, keine-Sorgen-Stimme und dies in Halblaut und mit diesem Lächeln, da muss so einer sich mal keine Sorgen machen.

Aber irgendwie hängt er an diesem alten Kasten.

Irgendwie ist das doch ein bisschen „sein“ Schloss geworden, über die Zeit.

Irgendwie.

Und hier muss nun er lächeln, weil es so widersinnig ist, irgendwie hängt er auch an dem Verein. Wäre schade, wenn der weg wäre. Diese naivem Dummköpfe mit ihren Ponys. Und wie gut sie ihre Rolle gespielt haben. Mal eben kurz die Welt retten. Und dabei den Schlosspark aufräumen und den Stall renovieren. Zum Nulltarif.

Nun ja, damit ist jetzt Schuss.

Jetzt rettet hier niemand mehr die Welt.

Außer diesem anstrengenden Bonsayh vielleicht. Jeden Tag nervt der ihn. Der bombardiert ihn mit Fotos, müllt ihm das Postfach zu, obwohl der Empfang hier so schlecht ist und ihm dies fast den Rechner lahmlegt. Und der wird immer eifriger und eifriger, wie ein kleines Hundchen, sabbernd und hechelnd läuft er zu Höchstform auf. Jeden Tag, den Gott erschaffen hat, fotografiert er den Misthaufen des Vereins. Jeden Tag! Und schickt ihm die Fotos. Und sämtlichen Ämtern cc. Die springen vor genervt sein wahrscheinlich inzwischen an die Decke. Kein Mensch weiß, was er damit bezwecken will. Aber was solls. Er fotografiert eben gerne. Leider auch noch immer noch die Kinder. Er hat ihm zurückgeschrieben, dass er ihm dies nicht schicken soll. Er will da keine Bilder auf seinem Rechner haben von Kindern. Ehrlich nicht. Aber sein eifriges Hundchen schickt und schickt und fotografiert und fotografiert ohne jeden Sinn und Verstand.

Geister, die ich rief, denkt er und steht auf.
Er streckt die langen Glieder und geht ans Fenster.

Langsam wirken die Tabletten und sein Kreislauf beruhigt sich.

Draußen dämmert ein trüber Herbstnachmittag vor sich hin. Es ist ruhig.

Angenehm ruhig. Der Zulauf zum Verein versiegt, denkt er. Die Leute bleiben weg. Wenigstens das erreicht der Bonsayh mit seiner Fotografiererei und seinem gebetsmühlenartigen wiederholen irgendwelcher Gemeinheiten und Lügen über den Verein. Wenigstens das.

Das trübe Grau umhüllt den Garten und den beginnenden Park wie eine dunkle Decke und fasst die Welt zusammen auf diesem Ort.

Ja, irgendwie hängt er an dem altem Kasten. Denkt er wiederholt. So sehr dass er sich eigentlich nicht trennen möchte, egal, wie das nun ausgeht. Egal ob er übergibt und gehen muss oder ob sie verlieren und er gehen muss.

Ja, ja dieser Verein. Wer hätte das gedacht? Der mit dem Einstecktuch war von Anfang an gegen den Deal mit dem Verein. Der hat die Schwierigkeiten kommen sehen. Aber irgendwie, irgendwie hat es auch Spaß gemacht. Spaß gemacht, den mit dem Einstecktuch aus der Reserve zu locken und Spaß gemacht, sich mit denen zu messen, diesen Gutmenschen, der Haalswor und diesem Schneider. Intelligente Leute. Glücklos, aber intelligent. Leider keinen Plan für den großen Wurf. Leider, leider.

Und diese Mitglieder! Eine Ausdauer! Halten zusammen, erstaunlich! Obwohl es da doch jetzt wirklich nichts mehr zu gewinnen gibt. Aber die glauben noch immer ans Welt retten.

Er grinst.

Gestern hat er mit seinem Renfeld, der auch langsam immer irrer wird und dem Mirko und dem Dieter vom Verein, der immer auf einen Kaffee in die Werkstatt kommt, zusammengesessen. Hat sich so ergeben. Als er angekommen ist, gleich in die Werkstatt nach dem Rechten sehen. Da saßen sie alle. Der Dieter wollte gleich auf und raus aber mit einem Abwinken hat er ihm bedeutet, er soll ruhig sitzen bleiben und seinen Kaffee austrinken.

„Ob einer Lust hat, den alten Kasten abzufackeln?“ Hat er so in die Runde gefragt. Sollte ein Spaß sein.

Aber die Reaktionen!

Wie im Kino!

Renfeld aschbleich geworden, aufgesprungen und ihn mit offenem Mund angestarrt. Angesabbert. Ist wirklich langsam nicht mehr schön mit dem Verrücken.

Mirko in hysterisches Lachen ausgebrochen, wahrscheinlich wegen Renfeld und Dieter stammelnd und bleich wieso und warum

„500 Euro“ hat er nachgelegt und Dieter angesehen. Und dann Mirko.

„500 Euro für denjenigen, der Feuer legt. Unauffällig!“

Es sollte ein verdammter Spaß sein. Und mal gucken, wie die reagieren. Die drei Helden. Renfeld hat dann angefangen zu lallen und zu versuchen, etwas zu äußern, aber ging wohl nicht so recht und dann hat er Laute von sich gegeben, wie ein Tier, man weiß ja nicht. Ob der nicht doch in die Anstalt sollte. Dieter ist dann hin zu ihm und hat ihn beruhigt und auf den Sessel niedergedrückt, bis der endlich Ruhe gegeben hat.

„Ein Spaß“ hat er dann zugegeben, „sollte ein Spaß sein.“ Und dass Renfeld sich beruhigen soll, sonst schnappt er noch über.

Diese Halbidioten! Ehrlich zu nichts zu gebrauchen.

Mit der linken Hand streicht er sich das Haar aus der Stirn. Feucht, aber er schwitzt nicht mehr.

Das ist gut.

Im Gegenteil, die klamme Kälte des Raums.

Die spürt er jetzt. Und fröstelnd wendet er sich vom Fenster ab.

Ehrlichstett, Oktober 2016

 

Noch immer leuchtet eine warme und helle Sonne. Tamara hat Besuch von Kylie, nach Langem endlich mal wieder. In ihrem Schlepptau Lisa, die schweigsam und teilnahmslos neben ihnen auf den Stufen vom Gartenhaus sitzt. Kylie hat sich ein Eis geholt und leckt nun eifrig die rosa Süßigkeit aus der Waffel, während Lisa nur stumm und irgendwie stumpf die Hauswand anstarrt.

„Was ist den mit ihr?“ Tammi flüstert, aber Lisa scheint ohnehin auf keine Außenreize zu reagieren.

Kylie grinst:“ Keine Ahnung. Flashback. Weiß nicht, Wir haben da was ausprobiert, gestern, da ist sie irgendwie hängengeblieben. Ist wien Zombie, ne?“

„Hm. Find ich eigentlich nicht lustig!“ Tamara sieht Lisa eingehend an, die aber noch immer die Wand anstarrt. Als ob sich dort der Mittelpunkt der Welt befände.

„Ihr solltet da aufpassen, mit den Drogen. Vor allem mit so selbst zusammengemischtem Zeug. Das kann echt auch übel enden.“
„Ach, du immer,“ Kylie steht auf und lacht. „Du hast noch nie Spaß verstanden. Dieser Schnarcher Jakob passt schon zu dir, echt Mann!“

„Obwohl,“ fährt sie fort, „so verdammt schnarchig ist er gar nicht. Musst ma Lisa hören, wenn sie nicht gerade weggetreten ist, der hats ganz schön drauf, echt.“

Tamara sieht sie fragend an: „Was meinst du?“

Henry unterbricht die beiden, indem er um die Ecke des Hauses biegt, Hund im Schlepptau und fröhlich unverständliche gurgelnde Laute ausstößt, während er, versponnen in seine eigenen Pläne an ihnen vorbeitoddelt.

„Und dieser Krüppel ständig, echt, Tammi, da hast du dir was andrehen lassen.“ Kylie setzt sich wieder auf die Stufen und fummelt eine Packung Zigaretten aus der Jackentasche, aus der sie umständlich eine Kippe nimmt und anzündet. Zeitgleich tritt sie mit der Fußspitze Lisa in den gebeugten Rücken und hält ihr, die sich wie in Zeitlupe umdreht, fragend die Zigarettenpackung hin. Zittern und langsam greift Lisa nach der Packung, schüttelt sich eine Zigarette heraus und zündet sie mit flackernder Feuerzeugflamme an. Dann versinkt sie wieder in ihre Starre, die Zigarette verglüht nach dem ersten Zug, ohne weiteres Interesse zu erregen, zwischen ihren Fingern.

Hund hat sich von Henry abgewendet und springt die Treppen hinauf. Neugierig schnüffelt er an Lisas Rücken und streift dabei Kylies Bein, die ihm mit einer blitzschnellen Bewegung einen Tritt versetzt, der ihn jaulend die Stiegen hinabkatapultiert.

„Kylie, Manno ,lass das! Der arme Hund der hat doch nichts getan!“ Fährt Tammi auf.

Kylie lacht nun laut:“ Mann eh, der wollte Lisa beißen. Und die kann sich nicht wehren. Muss auf sie aufpassen, bis sie wieder klarkommt. Damit Jakob weiter Spaß mit ihr haben kann.“
Kylie grinst Tammi an und zieht an ihrer Zigarette, bevor sie sie angeraucht vor sich wirft und mit der Sohle ihres Turnschuhs austritt.

„Außerdem hat der sicher Flöhe. Will ich nicht. Krieg ich auch Ärger im Heim, wenn ich sowas anschleppe!“

„Quatsch, Hund hat keine Flöhe! Und sammel deine Kippe auf und wirf sie in den Abfalleimer. Sonst steckt Henry sie in den Mund und wird krank!“

„Ist doch nicht schade um den Krüppel. Spaßbremse! Was glaubst du. Warum Jakob den immer bei dir parkt. Und was er dann macht:“ Sie grinst “Frag Lisa, wenn sie wieder ansprechbar ist.“

„Ach Kylie, hör auf mit dem Scheiß. Jakob ist mit Dieter auf der Koppel, Zäune nachsehen. Und nachher kommt er hierher. Da ist nichts mit Lisa. Soweit ich weiß hat er sie gar nicht gesehen, außer auf den Feiern dir oder in Grömlitz!“

„Na wie du meinst!“ Kylie ist an Lisa herangetreten und bohrt ihr erneut die Schuhspitze in die Seite:“ He Alte, aufstehen! Wir gehen. Ist echt öde hier. Nichts mehr los!“

Sie brüllt überlaut, als ob Lisa schwerhörig wäre. Diese reagiert aber wenig, sinkt eher noch mehr in sich zusammen. Kylie sieht Tamara an:“ Zu euch kommt ja wohl auch keiner mehr, oder? Seitdem die hier alles sperren und verbieten und die Leute anquatschen, vor allem die die Kinder haben, da geht ja wohl nichts mehr.“ Sie lässt den Blick über das Gelände schweifen.

„Nur die, die keinen haben oder zu blöd sind, das zu kapieren, die Behindis und die Irren die kommen noch zu euch.“ Sie lacht kurz auf. „Mann Tammi, du hast dich echt mit den falschen Leuten eingelassen. Das wird nichts mit deiner Turnierreiterei und all dem. Schau dich mal um. Nichts hier und wieder nichts. Und bald müsst ihr hier raus und was dann? Mann, Mann Tammi, echt schlechte Wahl mit deinem Verein, schlechte Wahl mit deinem Freund mit seinem Krüppelneffen und vor allem mit deiner Mutter, dieser Quatschziege. Was man so hört, ehrlich!“

Sie beugt sich hinunter und rüttelt Lisa an der Schulter, die schließlich mit halb geschlossenen Augen aufsieht und sich mühsam aufrichtet.

„Weißt du was, Kylie?“ Tammis Ton ist entschieden: „In Zukunft, wenn du mal den Wunsch hast jemanden grundlos fertig zu machen und ein bisschen übles Zeug zu quatschen, geht doch bitte ma Schloss vorbei. Ich möchte das nicht. Und ich finde auch nicht, dass es ein besonderer Freundschaftsdienst ist, mir all diesen Quark zu erzählen. Behalts also einfach für dich, OK? Wenn du was nettes hast, was erfreuliches, oder was aufbauendes, dann kannst du gerne wieder kommen. Und wenn du hier mithelfen willst auch. Aber mit deinen Gemeinheiten und Lügen, mach dich ab!“

Hund kommt bellend um die Ecke geflitzt, als eine kleine Flamme vor Kylie aufbrennt und sie einen Schritt zurückspringen lässt.

Kylie wendet sich Tamara zu, ihre Augen zu Schlitzen zusammengezogen, ihr Gesicht für einen Moment hasserfüllt: „Warte ab, Tamara Haalswor, warte ab. Die Zeichen stehen nicht gut für dich. Früher oder später wirst du gekrochen kommen und mich anwinseln. Dass ich dir helfe, warte es ab.“

Sie zieht die schlaffe Lisa hoch und stützt sei, als die beiden jungen Mädchen den Weg hinunter, am Schloss vorbei nach vorne gehen.

Tränen steigen Tammi gegen ihren Willen in die Augen als sie ihnen nachsieht.

Allein, sie fühlt sich allein, mal wieder.

Allein und ohne Freundin.