Ehrlichstett, April 2016

 

Sie sitzen zusammen, am Kachelofen.

Sie frieren.

Draußen entfaltet sich ein warmer, leuchtender April, aber die feuchten Wände des Schlosses halten die Kälte bis in den Sommer hinein und lassen einen frösteln und frieren. Nur ein Trost, dass die Haalswor, die hier wohnt, sicher noch mehr frieren muss, denkt von Hülstorff, kann sie doch nicht regelmäßig nach München, in eine zentralgeheizte Wohnung.

Er betrachtet zweifelnd das schweigende Häuflein, das sich um seinen Kachelofen versammelt hat. Da ist Cindy, die allzeit Bereite, allzeit bereit sich und ihrem Schmilewski eine Chance auf den Reitbetrieb im Schloss zu erträumen. Daneben der Bonsayh, die gedrungene Gestalt zusammengesunken, starrt er versonnen auf den Boden, daneben und an seiner Seite, seine Rabena, immer und nur noch schweigend, wenn sie in Ehrlichstett sind.

So mutlos, seine schlagkräftige Truppe, warum? Sie kommen diesem Verein nicht bei. Es geht nicht mit rechten Dingen zu, aber sie kriegen die nicht klein. Kaum glaubhaft und irgendwie verzweifelnd.

Durch die geschlossenen Fenster klingen Kinderstimmen und stören die grübelnde Ruhe, die über der Gruppe liegt.

Hülstorff springt auf, Rabena zuckt, so plötzlich rauscht er an ihr vorbei und springt ans Fenster. Mit einer unwilligen Bewegung zieht er die schweren Vorhänge zu, als wolle er das Kinderlachen ausschließen, versetzt aber damit auch den Raum in schummriges Halbdunkel.

„Was ist hier los?“ Fragt er mit spröder, fast körperloser Stimme.

Die Augen seiner Zuhörer müssen sich erst an das Halbdunkel gewöhnen, der Effekt ist fast unheimlich: „Bonsayh“ fährt er fort, mit derselben hohlen Stimme: „Warum gibt es diesen Verein hier noch?“
Er lässt dem Angesprochenen keine Möglichkeit zur Antwort sondern spricht sofort weiter. Dabei geht er mit schlurfendem Schritt vor dem verhängten Fenster auf und ab: „Sie haben allerhand Wünsche an mich, Sie wollen mein Schloss umsonst für Ihre Hochzeit, sie wollen das ganze Gelände und hier feiern und dafür nichts zahlen, sie wollen in die Stiftung, die ich gründen möchte, sie wollen als Dank für Ihre Leistung Vollmitglied werden,
Vorstand vielleicht noch.“

Auf und ab, auf und ab, schlurf, schlurf, schlurf.

Und plötzlich, laut:

“UND WAS SEHE ICH?“

„ALS GEGENLEISTUNG?“

Leiser, fast flüsternd: “Nicht, nichts, nichts.“


Alle sind zusammengezuckt und haben die Blicke gesenkt. Jeder kann das nächste Ziel seines Wutanfalls sein Cindy, Rabena.

„Aber ich habe…“ fängt Bonsayh fast winselnd an , den Blick noch immer zu Boden.

„JA?“

Der Graf steht nun direkt vor ihm, seine Nähe raubt Bonsayh die Luft zum Atmen, er sinkt noch mehr in sich zusammen:

“Ich habe doch alles gemacht, „flüstert er,“ hunderte von Anzeigen habe ich geschrieben. Alle Ämter, selbst die Lebensmittelhygiene und das Bauamt, alle sind hier gewesen. Ich beobachte diesen Scheißverein Tag und Nacht, ich fotografiere alles, ich denke mir tausend Straftaten aus, die die begangen haben könnten, ich bombardiere die Ämter mit Anzeigen, die können den Namen HEILE WELT schon nicht mehr hören! Ich veröffentliche alles im Internet! Dann die Bürgerinitiative, erledigt. Der Waldfrevel, Wald für die Pferde gesperrt, erledigt, Strand für die Pferde gesperrt, erledigt. Zaunbau, keiner kommt mehr durch, erledigt. Brunnen gesperrt, erledigt. Strom gesperrt, erledigt. Alternative Wege gesperrt, erledigt. Mistentsorgung verhindert, erledigt. Flächen gekündigt, erledigt. Und Sie in allem unterstützt! Erledigt.“ Er sieht langsam und fragend auf, sucht den Blick des Grafen.

„Ja,“ sagt dieser leise, sehr leise“ Und warum ist dann dieser Verein noch da?“


„Ja,“ erklingt nun auch Cindys schrille Stimme,“ Bonsayh, warum? Wir sitzen in den Startlöchern, der Schmilewski und ich. Zu deiner Familienfeier sollten schon unsere Pferde hier laufen. Ich kann die nicht ewig reservieren, wir müssen auch planen. Also, wie?“

„Ich weiß es nicht,“ sagt Bonsayh leise, „ich kann es nicht sagen. Die Schmilzer, die war von Anfang an auf unserer Seite, die hat die ausgehorcht, alle Interna berichtet, die ich dann im Netz ausschlachten konnte und dazu alle Einsteller zum Kündigen gebracht. Die müssten eigentlich platt sein, finanziell platt. Eigentlich!

Aber dieser Blog, die Haalswor, die wühlt in meinem Privatleben. Ich kann das nicht dulden. Das geht nicht. Das schadet meiner Reputation, ich kann das nicht dulden. Da müssen wir etwas tun“

Cindy sieht ihn neugierig an. Ihre Augen leuchten vor Interesse, vor Sensationsgier. Sie öffnet schon den Mund, um etwas zu sagen, aber von Hülstorff kommt ihr zuvor:

„Ach,“ Von Hülstorff beugt sich vor uns sieht Bonsayh ins Gesicht, nah, ins Gesicht. “Da müssen wir etwas tun. Oder? Die Initiative zur Rettung des Schlosses, oder? Muss da etwas tun?“

„Träumen Sie, Bonsayh, träumen Sie? Rettung des Schlosses, verstehen Sie das? Das hat hier Priorität.“
„Und nicht ihr mickriges Privatleben!“

„Da müssen Sie schon selber für sorgen, dass da Ordnung herrscht!“

„Und vergessen Sie die Haalswor. Die schießt sich selber um die Ecke mit ihren Kunstverboten und Prozessen. Die wird schon bald Geschichte sein, diese Pseudo-Künstlerin, die verbotene!“ Ein schrilles, kleines Kichern füllt den Raum und lässt alle erschaudern.

Mit einer heftigen, wütenden Bewegung springt Hülstorff nun wieder zum Fenster, reißt den Vorhang beiseite und das Fenster auf.

Alle schließen geblendet die Augen und das fröhliche Kinderlachen dringt wie ein Schwall ins Zimmer.

„UND DAS HIER?“ Brüllt er gleichzeitig. “Sind das vielleicht Kinder? Und wo kommen die her? Und wo gehen die hin? Ist das vielleicht ein toter Verein? DA LÄUFT DOCH ETWAS ZIEMLICH VERKEHRT ODER?“


Er beugt sich aus dem Fenster dreht den Anwesenden seinen knochigen gebeugten Rücken zu, der in einem verschlissenen grauen Strickpullunder steckt.

„RUHE!“ brüllt er, dass es über den Hof schallt.

Einen Moment ist Ruhe, einen kurzen Moment, willkommene, wundervolle Ruhe.

Selbst die Vögel schweigen, die Welt schweigt.

Dann plötzlich Kichern, „Das ist der Klapsmann,“ Flüstern, Kichern und sich entfernende Stimmen. Die Vögel in den Bäumen vor dem Schloss fangen wieder an zu zwitschern, ein Rabe sitzt auf der Dachrinne über ihnen und krächzt einmal, zweimal dreimal misstönend, dazwischen.

Das ist nicht, was er wollte, er will Ruhe, denkt Hülstorff, Ruhe, Ruhe, Ruhe.

Ruhe.

„Wir müssen unsere Bemühungen intensivieren,“ sagt er.

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Ehrlichstett, April 2016

 

„Hör dir das mal an!“.
Es ist ein sonderbar warmer Aprilmorgen, an dem Tamara den Laptop vor Corinne öffnet und mit ein paar Tastendrucken ertönen Klänge aus dem Gerät. Es ist das Lied, Marahs Lied, Corinne erkennt es sofort. Aber dann kommt ein Text dazu. Tamaras klare Stimme und ein Text, auf diese einfache Melodie:

„Briefkasten auf, schaue hinein, neue Anzeige drin,

falscher Weg, großes Camping oder’n gammliger Teich,

wie geht es weiter, was kommt als nächstes,

Hausfriedensbruch war schon dran,

Facebook Gestalke, Drohnenbewachung

ist doch alles schon so…

Ihr denkt, ihr könnt uns so brechen,

doch wir sind euch zu stark;

versuchts mit düstren Methoden,

doch ihr kriegt uns nicht weg….“

So geht das Lied weiter, eine witzige, kämpferische Schilderung ihrer Notlage.

Wider Willen muss Corinne lächeln, als sie das Lied hört.

„Das ist großartig! Ein Kampflied!“

Tamara nickt: „Ja, es ist Zeit für Kämpfe, es reicht, es wird Zeit, dass wir uns wehren.“

„Ja“ Corinne grinst „und wir machen das auf die Art, die wir am besten können – mit Kunst. Das ist großartig! Ich mache dir einen Film dazu!“

Tamara sieht sie fragend an.

„Ja,“ wiederholt Corinne, „wir machen Bilder dazu, eine kleine Geschichte, ein wildes Mädchen und ein Junge im Wald, die sich verbünden um gegen das unbekannte Grauen anzutreten, ein Pferd, Nicki…“

„…und Kater Fußball!“

„Ja,“ Corinne senkt den Blick „und Kater Fußball. Ich habe noch alte Filmschnipsel von den Katzenbabies und von ihm, wir setzen ihm ein Denkmal.“

Sie sehen sich an.

Die Luft ist leichter geworden, plötzlich, die Sonne strahlt in den Raum und spielt mit den Staubflocken, die in der Luft tanzen. Und die Luft ist leichter geworden. Die Luft, die zu schwer auf ihnen lag, um sie atmen zu können.

Eine Woche hatte es gedauert, in der nach Doreens Auszug und dem überstürzten Abtransport ihres Pferdes, alle Einsteller gekündigt hatten. Eine Woche und sie waren nun allein.

„Bei Null angekommen,“ sagt Gerhard, der auch inzwischen nur noch alleine kommt. „Mandy hält den Druck nicht mehr aus,“ erklärt er, „und wir lassen mal ein bisschen Luft dazwischen. Sie muss sich auch um Charlotte kümmern und sie…“ er zögert.

„Sie sieht keinen Sinn mehr in dem, was wir hier tun,“ hat Corinne ergänzt.

Er nickt stumm.

„Aber du,“ fragt Corinne. Das Gespräch hatte im Gartenhaus stattgefunden, nach einem Kassensturz. Denn auch finanziell ist der Verein nun am Ende, nachdem die Zahlungen der Einsteller ausbleiben.

Völlig am Ende.

Gerhard zuckt die Schultern: „Ja, ich bleibe. Du weißt warum. Ich würde niemals, niemals dem Unrecht nachgeben, bevor ich nicht alles versucht habe, es zu heilen.“
„HEILE WELT,“ Corinne lächelt resigniert unter Tränen, „dahin sind wir gekommen mit der heilen Welt.“

Nun sind sie also nur noch sie drei, und Desi und Dieter, die Aufrechten, die Treuen, die Unbeirrbaren – und das Kampflied.

Mit Fiebereifer machen Corinne und Tamara sich daran, die Bilder zu filmen und zu sondieren und das Lied zu vertonen. Bald schon flimmert ein kleines Filmchen über den Monitor, das Tamara in ihrem You Tube Kanal veröffentlicht. Und das sofort Stürme der Entrüstung erntet, eine weitere böse Mail des Grafen und seines Rechtsanwaltes und Stürme über Stürme in der Bonsayh Gruppe, Häme, Hass und Verachtung, gepaart mit neuen Lügen und neuen Verleumdungen.

Aber noch etwas geschieht, womit keiner rechnet:

Der Zauber des kleinen Liedes entfaltet sich, wie von selbst und Menschen kommen. Erst einzeln und dann häufiger, sie kommen zum gucken, um Nicki zu besuchen und zu streicheln, sich das Ganze anzusehen, sich selbst ein Bild zu machen, aber sie nehmen auch am Reitunterricht teil, den Tamara engagiert gibt und sie gehen mit den Ponys spazieren und helfen. Sie helfen bei der Stallarbeit und bei der Pflege der Pferde. Sie spenden. Sie spenden Geld für den Verein, einfach so, oder gegen Lieferungen von Pferdemist. Sie lassen sich nicht abhalten zu kommen, nicht von üblen Presseartikeln, bösen Aushängen an der Stallwand, nicht von dieser gemeinen Gruppe im Internet, nicht vom Klapsmann, der die Besucher beschimpft und bedroht, wenn er da ist. Nicht von Zäunen und abgesperrten Wegen und nicht von knöcheltiefem Schlamm, durch den man gehen muss, um den Reitverein zu erreichen.

Und Leander kommt.

Leander bringt Sand und Kies und befestigt den Zuweg zum Reitgelände, damit auch die Behinderten weiterhin zum Reiten kommen können. Leander bringt Fuhren von Sand und schüttet den Reitplatz auf, damit der Unterricht weiter stattfinden kann. Kostenpunk: Null, eine Tasse Kaffee und ein Lächeln.

Und auch Leander bringt Menschen mit, Menschen, die sich „das Ganze ansehen“ wollen, die sich selbst ein Bild machen. Menschen, die hier nichts Schlimmes erkennen können. Keine der so oft kolportierten Verwüstungen, keine Zerstörungen, keine Tierquälerei, kein Missbrauch, kein Gar Nichts. Nur HEILE WELT. Und Lächeln und Freundlichkeit, trotz alle dem. Menschen, die dann die Gerüchte, die über den Verein verbreitet werden, nicht bestätigen können. Und es werden mehr und mehr.

Der Verein erholt sich finanziell.

Es gibt neue Anfragen von anderen Menschen mit Pferden, die den friedfertigen Umgang mit den Tieren am Stall schätzen, die von Corinnes sanften Ausbildungsmethoden gehört haben und von Tamaras Turniererfolgen. Corinne zögert, neue Ersteller aufzunehmen, zu tief war die Verletzung, die Enttäuschung, der dumpfe Schmerz, den der Weggang von Doreen hinterlassen hat. Doreen war eine Freundin, eine Weggefährtin, so hatten sie gedacht. Falsch gedacht und die Enttäuschung um so tiefer. Aber vielleicht zu viel verlangt, grübelt Corinne, vielleicht ist es zu viel verlangt von Menschen zu erwarten, dass sie das aushalten, das was wir hier aushalten.

Und so geht das Leben weiter.

Der Frühling entfaltet sich mit voller Kraft, der Internetblog wächst und blüht, bald interessiert man sich in ganz Deutschland für die Geschichte vom kleinen Verein auf verlorenem Posten.

Fohlen werden geboren, die graue Stute Eisstern bekommt einen Sohn vom schwarzen Hengst Windtänzer, ein Prämienfohlen im lackschwarzen Gewand und Sandmann hat eine weitere Tochter, eine zarte Schönheit, die sie Delight nennen, „Entzücken“, ein echtes edles Drum.

Die Katzen bekommen Welpen und bald wuseln lauter bunte Kätzchen über den Hof, zur Freude der vielen Kinder und heilen die Verletzung, den Verlust, den Kater Fußball hinterlassen hat.

Sie machen weiter.

Sie machen weiter, Tag für Tag, von Morgen bis zum nächsten Morgen und es geht.

Es geht weiter.

Und die Raben, die sitzen auf dem Dach des Schlosses und sehen zu – und krächzen: „Irrtum, Irrtum, Irrtum“, mit ihren rauen Stimmen.

Ehrlichstett, März 2016

Öffentlicher Aushang, an der Stallwand

Doreen Schmilzer

an

Corinne Haalswor

Zur Kenntnis: Öffentlich

Werte Frau Haalswor,

hiermit kündige ich den mit Ihnen abgeschlossenen Pferdeeinstellvertrag fristlos.

Ich habe mich dazu entschlossen mein Pferd sofort aus Ihrer Obhut zu entziehen da sich auch schon aus tierschutzrechtlichen Gründen ein sofortiger Vollzug begründet. Ihrer eventuell berechtigten Sorge, mein Pferd würde in schlechte Verhältnissen untergebracht sein, kann ich entgegnen.

Sollten Sie ein Übergabeprotokoll zu Ihrer Absicherung wünschen, können Sie es mir in Briefform übersenden und ich werde diese Ihnen, bei Ordnungsmäßigkeit der Angaben unterzeichnet zurücksenden. Des Weiteren fordere ich Sie auf, mir den Equidenpass meines Pferdes zu übersenden, da diese Regelung im Kaufvertrag dem BGB widerspricht. Auch möchte ich Sie ersuchen mir die für diesen Monat zu viel entrichteten Pensionsgebühr zu erstatten.

Selbstverständlich werde ich meinen vertraglichen Verpflichtungen nachkommen, und den Kaufpreis, wie vertraglich vereinbart fristgerecht entrichten.

Sollten sich für Sie hieraus noch Fragen ergeben können Sie mir diese in Briefform gerne mitteilen.

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen

Ihre

Doreen Schmilzer

Ehrlichstett, März 2016

Manchmal geht es nicht mehr, denkt Corinne, manchmal ist es so, dass man aussteigen möchte aus dem eigenen Leben, wie aus einem Zug, einem Bus, den man versehentlich in die falsche Richtung bestiegen hat, gehen, einfach die anderen allein weitermachen lassen, irgendwo neu sein, wo einen keiner kennt…..

Tamara sitzt neben ihr, so fassungslos, wie sie selbst, sie sind jenseits von Tränen, jenseits von Furcht, jenseits von Entsetzen.

Nicht nur, dass sie den enthaupteten Leib von Kater Fußball auf den Stiegen des Gartenhauses gefunden haben.

Der selbe Ort, die zweite tote Katze, man stumpft vielleicht ab, Corinne hat ihn weggeräumt, sie haben ein Loch gegraben, sie haben geweint, sie haben getrauert, sich habe sich aneinander festgehalten, aber nun dies: Hier ist Fußball, der kleine schwarz-weiße Kater in einem Video, das im Internet kursiert. Über 100.000 Aufrufe, entsetzlich! Drei Mädchen, barfuß, man sah sie nur unscharf, die den kleinen Kater zu Tode foltern, sie treten ihn hin und her, sie spielen Fußball mit „Fußball“ , bis der kleine Kater zerschmettert, zertreten zusammensackt, was für ein makabrer, sich selbst erfüllender Name, was für ein schrecklicher Tod.

Sie möchte fort, weit fort, sie sieht sich außerstande, Tamara zu trösten sie sieht sich außerstande, sich selbst zu trösten. Was ist das für eine Welt, denkt sie. Lügen, Verleumdungen, Verfolgungen, es steht ein Ziel dahinter, das erklärte Zeil, sie hier zu vertreiben, drastisch aber dagegen kann man sich wehren, mit legalen Mitteln, mit aufklären, mit reden, mit Ehrlichkeit, aber dies. Die unvorstellbare Grausamkeit, die Gefühllosigkeit der Mädchen, die da zutreten, eine hat noch auffallend rosa lackierte Fußnägel, die die kindlich-grausame noch unterstreichen.

Was jetzt..

Was soll sie tun?
Wie soll sie alle noch schützen?
Wie soll das weitergehen?
Wie soll sie ihr Kind schützen vor der unvorstellbaren Grausamkeit, mit der hier vorgegangen wird, schützen vor einer Welt, die dies tausendfach im Internet verbreitet, gesehen, kommentiert wird?

Wo ist die heile Welt, denkt sie, wo ist die bessere Welt für die wir hier kämpfen? Wo sind die Erklärungen, die wir hier bieten können? Für dies?

Sie streicht Tamara über den Kopf, fühlt das weiche Haar ihrer Tochter, ihrer tapferen Tochter, die sich nicht entmutigen lässt, die ihre Geschichte im Blog liest, die keine Angst hat vor Drohungen, die weitermacht, weiterkämpft, die an Gerechtigkeit glaubt. Das ist, wie ich sie erzogen habe, denkt sie, ich, die ich den Glauben daran schon fast verloren habe.

Sie hat angefangen zu handeln.

Nach Langem, endlich, war sie beim Staatsanwalt. Gerhard hatte alles zusammengetragen und diese angebliche „Petition“, die an der Stallwand hing, die der Klapsmann dann aber abhängen ließ, sie war beim Staatsanwalt und hat alles geschildert. Mal sehen, was man tun kann, die Sache wird geprüft.

Die Nummer des Vorgangs, die Nummer der Anzeige, die Eingangsbestätigung der Staatsanwaltschaft, hat sie dann immer über diese Petition tapeziert, wurde immer heruntergerissen, aber sie hat viele Kopien, sie hat immer nachgezogen. Jetzt ist der Dreck abgehängt, aber wenigstens ein bisschen. Wenigstens ein bisschen das Gefühl, etwas getan zu haben, sich gewehrt zu haben.

Nichts zu tun, da hört es nicht auf, die anderen werden immer stärker, die Lügen und Verleumdungen immer dreister, wenn sie nichts tut. Das hört nicht von selber auf. Sie muss handeln, sie muss handeln und die Ihren schützen. Es geht sonst nicht mehr. Sie muss alles sehen, alles aufschreiben und aber auch handeln. Etwas tun.

Armer kleiner Kater Fußball. Aber die anderen, die muss sie schützen, die wird sie schützen. Alle.

Ehrlichstett, März 2016

 

Langsam tippt sie eine Nachricht in ihr Handy. Sie haben noch eine zweite Whats Up Gruppe, neben der offiziellen vom Verein. In der zweiten Gruppe sind nur die Einsteller und einige vertrauenswürdige Vereinsmitglieder und hier können sie offen reden. Offen reden vor allem über Gerhard und Corinne.

Sie selbst hat die Gruppe angeregt und alle waren dafür. Die Dinge müssen ja mal auf den Tisch, und Angst, Angst haben sie alle. Alle haben sie den letzten Blogbeitrag vom Bonsayh gelesen und sie beschließt nun die Sache zum Ende zu bringe. Sie muss da raus, egal, wie, sie hält das nicht mehr aus. Der ganze Dreck, die Angst um ihr Pferd und im Ende, im Ende weiß doch keiner, wie das Ganze ausgeht.

Es gibt doch immer noch die Möglichkeit, dass der Bonsayh Recht hat, dass der Klapsmann Recht hat, dass sie Corinne und Gerhard aufgesessen sind, mit deren Betrugsmaschen.

Ne, aber wohl ist ihr nicht dabei.

Aber sie muss da raus, das geht einfach nicht mehr. Sie kann nicht mehr schlafen, schlank werden ist ja OK, aber sie kann auch nicht mehr essen und der Bund ihrer Jean schlackert um ihre Hüften. Sie will auch da raus. Die Sache mit dem Katzenvideo hat ihr den Rest gegeben. Sie will ein Ende mit diesem Bonsayh, sie kann nicht mehr. Der verdient da Geld mit, denkt sie schaudernd, solche Videos sind gefragt. Und sie mochte den kleinen Kater, irgendwie. Und was, wenn ihrem Pferd…

Nein, Schluss jetzt damit und los!

Sie drückt auf „Senden„ und die Botschaft verschwindet im Orbit um sofort danach auch auf ihrem Handybildschirm aufzutauchen:
„Also Leute, bei mir wirds jetzt amtlich. Ich stelle mein Pferd weg und es wird schnell gehen. Ich habe einen neuen Stall, welchen wisst ihr und übermorgen kommt der Transporter und holt sie weg. TOP SECRET!! Lasst Corinne und Gerhard bloß nichts wissen! Ich will nicht, dass die Sache in letzter Minute noch platzt. Und ich will echt mit dem Ganzen nichts mehr zu tun habe. Ich liebe mein Stütchen und ich habe Angst, dass sie sie mir wegnehmen. Diesen Leuten ist nicht mehr zu trauen. Ich habe einen Text geschrieben, den hänge ich dann im Stall auf, da steht noch mal alles drin, warum ich kündige und wieso. Aber vorher bitte NICHTS VERLAUTEN LASSEN! Und wer sich anschließen will, bitte gerne! Ihr wisst wo ich hingehe und da ist noch Platz frei. Und da passiert bestimmt nicht das, was in Ehrlichstett passiert. Ganz bestimmt nicht, die Stallbetreiber sind ehrliche Leute und der Stall wurde auch schon in der Bonsayh-Gruppe empfohlen, also kommt uns die Hetze und die schlechten Bewertungen nicht hinterher!“

Sofort piepst das Handy mehrfach auf.

Die Reaktionen überschlagen sich Alle, wirklich alle, haben es sofort gelesen und schreiben zurück. Fassungslosigkeit, Unglauben, spontane Bestätigung, alles dabei. Ja, was denken die denn – sie hat das seit Monaten vorbereitet. Seitdem der Bonsayh sie angesprochen hat und, ja, erpresst hat, mit dieser alten Geschichte, seitdem hat sie ihren Auszug vorbereitet, und den der andren Einsteller. Das war der Deal: Er hält dicht, über diese alte Geschichte und sie verlässt den Stall und nimmt alle Einsteller mit, so sollte es gehen.

Über diese Polizistin hat er die blöde alte Geschichte rausgekriegt. Nach dem Erfolg „Liebe ist nur ein einziges Wort“ hat sie völlig in der Luft gehangen, klar, auch verkalkuliert, völlig, der Hype und die Kohle floß und überall wurde sie rumgereicht und dann das Loch, keiner wollte mehr was von ihr, sie war abgemeldet, auf Jahrmärkten und in Kneipen, ja da hätte sie auftreten können, und die Kohle, das war auch plötzlich zu Ende gewesen und es waren Verpflichtungen da, Kreditverträge, und die ließen nicht locker. Dann hat sie Geld von dem Freund eines Freundes bekommen und so weiter und so weiter und im Ende der Vorschlag, die Schulden abzuarbeiten: Sie sollte das Telefonbuch nach altmodisch klingenden Namen wie Hilde, Waltraud oder Egon durchsuchen. Am Telefon gab sie sich dann als Enkelin oder nahe Verwandte aus, indem sie die Leute ihren Namen erraten ließ. Dann wird Druck aufgebaut: Sie sei in einer Notlage und brauche Geld für eine Operation, wurde bestohlen und sitze im Ausland fest oder habe einen Unfall verursacht und müsse für die Behandlung der Verletzten zahlen. Es endete damit, dass das Opfer einem Boten Geld aushändigen soll – denn die falsche Enkelin kann gerade angeblich nicht persönlich vorbeikommen. Aber auch Schmuckstücke wurden genommen oder das Opfer gleich zum Geldabheben zur Bank gefahren. Na ja, die Sache war schließlich aufgeflogen, zwei Jahre auf Bewährung, sie war nicht vorbestraft und man hatte Rücksicht genommen auf ihre Prominenz und ihren Ruf. Eigentlich alles lange vorbei, aber nun hatte dieser Bonsayh das Ganze ausgegraben. Und sie hatte gerade eine Anfrage bekommen, wegen einer Schlager TV Show, im privaten Fernsehen und das Vorsprechen war gut gelaufen und es waren guten Chancen, dass sie genommen wurde, ne, das ging jetzt einfach nicht, dass das jetzt torpediert wurde.

Sie musste da auch an sich denken!

Nun ja.

Sie tippt noch ein paar Antworten ins Handy ein.

Das wird schon klappen, denkt, sie, da werden die schon nachziehen. Wenn sie jetzt geht und ihr Pferd wegstellt, da werden die mitkommen. Sie hat das gut vorbereitet, es hat jetzt nur einen ersten Schritt gebraucht, einen der handelt, da werden alle hinterherkommen, da ist sie sich sicher. Das wird schon und dann ist sie diesen Bonsayh los und hat endlich Zeit, sich wieder auf ihr eigentliches Leben zu konzentrieren. Auf ihre Karriere.

Ehylinborg, 1348

 

Der Nachfahr des Vorfahren wurde überrollt von der Entwicklung, die sich schneller vollzog, als er dem Einhalt gebieten konnte, wie er sich später wieder und wieder versicherte.

Der Mönch, der nach dem Heiligen Franciscus sich nannte, hatte die Führung auf der Burg, dem späteren Schloss Ehrlichstett übernommen. Nicht nur, dass er ein Bett verlangte und Speis und Trank und hiervon nur vom besten, er rief auch einen Gerichtshof im Burghof ein und sich selbst zum ehrwürdigen Richter.

In der Schnelle war auf dem Hof ein massiver Holzpfosten errichtet worden, an dem die Delinquentin, die junge Amarah für die Verhandlungen festgebunden wurde, auf dass sie ein jeder betrachten konnte. Da allerlei Gerüchte über ihre Kräfte umgingen und Franciscus, der sich müde, fiebrig und abgespannt fühlte, seine Nächte gerne in Ruhe verbringen wollte, durfte sie zwischen den Prozesstagen im Hause ihres Vaters verbleiben und nicht in dem feuchten unterirdischen Verlies der Burg.

Heute war nun die Aussage der Apollonia an der Reihe: “Ich war mit Jakobi verlobt.“ Setzte sie an und senkte den Blick bescheiden zu Boden.

„Lügnerin!“ rief eine laute Stimme, Jakobi selbst war es.

Appolonia sah den richterlichen Mönch an und ließ sich nicht unterbrechen: „Wir haben uns geliebt und waren sehr glücklich. Und plötzlich hat er sich verändert. Er wurde kalt und abweisend. Und ich habe ihn reden hören, wenn niemand in der Nähe war. Mit Stimmen“, sie flüsterte nun: “Unverständliches! Wie mit Geistern!“
Die Menge schnappte nach Luft. Das war ein deutliches Zeichen für Hexenkraft.

„Und dann hat er verkündet, er würde Amarah heiraten.“

Amarah wusste, dass Jakobin die harmlose und bisweilen peinliche Angewohnheit hatte, mit sich selber zu sprechen. Und dies wurde nun benutzt, um sie zu verdammen.

Es ist schon erstaunlich, denkt Amarah die von ihrem Pfahl aus, das Geschehen beinahe ungerührt beobachtet. Es ist schon erstaunlich, wie man selbst die unbedeutendste Wahrheit so verdrehen kann, das sie wie eine düstere Offenbarung klingt. Sie wusste was wirklich geschehen war, Jakobin war freundlich zu Apollonia gewesen, nichts als freundlich und höflich, sie waren weder versprochen noch verlobt gewesen. Und Apollonia hatte sich Hoffnungen gemacht, Jakobin hatte ihr mitgeteilt, dass er ihre Gefühle nicht teile, zwar nett, freundlich, schonend, aber mit der Folge, dass sie verletzt war, dass sie ihn gehasst hatte.

Aber ein teuflischer Zauber, das war natürlich eine viel zündendere Geschichte.

Wie konnte man eine solche Bosheit mit seinem Gewissen vereinbaren, fragte sie sich. Wie konnte ein Kirchenmann, ein Mönch eine solche Bosheit gutheißen?

Apollonia kam zum Ende. „Ich kann nie wieder einen anderen Mann lieben. So sehr verhext hat sie mich. Deshalb werde ich mit Bruder Franciscus ziehen und einem Kloster beitreten.“

Das war ein machtvoller Beweis, erkannte Amarah und Angst legte sich wie ein Schatten auf sie. Dass Apollonia Nonne werden wollte verlieh ihrem Zeugnis Glaubhaftigkeit. Es war eine Art seelische Erpressung. Wie konnte man ihr nicht glauben, wo sie doch bereit war, ein solches Opfer zu bringen?

Die Leute waren stiller geworden. Dies hier war nicht das ausgelassene Spektakel, das sie sich erhofft hatten, sie begriffen, dass es hier nun um Leben und Tod ging.

„Das ist eine Lüge! Wo sind die Beweise?“ Fuhr Jakobin auf.

„Seid still,“ donnerte der Mönch mit irrem, fieberbrennendem Blick. „Wenn ihr das Verfahren unterbrecht, müsst ihr in den Kerker!“

Amarah kämpfte gegen das wachsende Gefühl des Schreckens an. Sie versuchte sich auf eine Erwiderung zu konzentrieren. Sie konnte den Vorwurf, der gegen sie erhoben wurde ins Lächerliche ziehen, aber das würde vielleicht nicht reichen. Sie konnte die gesamte Geschichte erzählen und versuchen den Vorwurf zu widerlegen, aber auch da würde vielleicht nicht reichen.

Sie sah die Menge an, die Menschen, mit denen sie gelebt hatte, Tag für Tag, denen sie geholfen hatte, wenn sie konnte, deren Tiere sie besänftigt und gezähmt hatte. Sie sieht sie an, mit ihren auffallend grünen Augen, den Augen aller Erben von Marah und Bibotari. Und die Leute wichen ihren Blicken aus.

Sie könnte Magie anwendet. Uralte Macht, Feuer oder sie alle bannen mit einer Wand, sich entwinden und fliehen. Aber Magie erfordert Konzentration. Und Konzentration geht nicht mit Angst. Angst frisst alles auf und hält den Verstand besetzt, mit Angst geht nichts einher, als Angst.

Und dann tat sie das einzige das ihr in dieser Situation einfiel: Sie sang. Sie sang das alte Lied, Marahs Lied, das Lied, das die Pferde bändigt, das wilde Tiere sanft macht und Hengste zu zahmen Lämmern. Aber es zähmte die Menge nicht und auch nicht den geifernden Mönch. Den Mönch der sie entblößt, der das Hexenmal findet und sie verurteilt. Das Feuer, das brennt und ihren sterblichen Leib verzehrt.

Das Lied bannt aber auch nicht den Hungerwinter, der kommt, es bannt auch nicht den todbringenden Schrecken eines winzigen Virus, das der Mönch Franciscus neben seinen Hetzreden im Gepäck hat: Die Pest bricht über Ehylinborg herein und verschont keine sterbliche Seele, sie verbrennt den Mönch Franciscus im Feuer des Fiebers und des blutigen Auswurfs, den Lehnsherrn und die Apollonia, aber auch den Jakobin, der trauernd zurückbleibt und beinahe alle anderen Einwohner des Ortes.

Ehylinborg verschwand in der Versenkung. Das Dorf verfiel und die Burg geriet in den Besitz anderer Teile der Familie des Herrn mit dem Einstecktuch, die die Oberburg als Sommersitz nutzten, bis man Jahrhunderte später Gefallen fand an der Kohle, die hier in der Erde war und die man anfing zu bergen, auszugraben, zu heben und zu verwerten.

Die Raben von Ehrlichstett blieben und die Geschichten vom Meister, die von Mund zu Mund getragen wurden und nicht vergessen wurden.

Und das Lied von Marah, das war nun ein Lied des Kampfes geworden, der Auflehnung, aber auch der Hoffnung, wenn alles hoffnungslos war.

 


Von: HvH@internett.de
Gesendet: Samstag, 26. März 2016 18:00
An: 'Corinne Haalswor'; 'Gerhard Schneider'
Betreff: Hinweistafel Schloss Ehrlichstett an der Schlossgeländezufahrt

Sehr geehrte Frau Haalswor, sehr geehrter Herr Schneider, 

 

Ihre Angriffe gegen Ihren Verpächter erreichen mit dem Überkleben des firmeneigenen Ankündigung-Schaukastens mit 
Pamphleten gegen Herrn Bonsayh einen neuen Höhepunkt.

Bitte unterlassen Sie derartige Beschädigungen des Eigentums des Schlosses.

Sollte das Pamphlet nicht bis heute, 26.3.2016, 24.00 vom Schau-Informationskasten entfernt werden, sehen wir uns 
gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen.

Ferner unterlassen Sie Ankündigungen über die wilde Verkleisterung der Stallfassade mit Ihren Aktionen. 
Der HEILE WELT e.V. hat weder einen Pachtvertrag mit dem Eigentümer, der Stadtgemeinde Ehrlichstett, 
noch mit dem Schloss Ehrlichstett, daher stellt alles Reiten ein Besitzstörung dar, die zur Anzeige gebracht wird. 
Bitte informieren Sie Ihre Reitgäste.

 

Mit freundlichen Grüßen, Hugo von Hülstorff





 


Von: HvH@internett.de
Gesendet: Sonntag, 27. März 2016 09:31
An: 'Corinne Haalswor'; 'Gerhard Schneider'
Betreff: Hinweistafel Schloss Ehrlichstett an der Schlossgeländezufahrt

Sehr geehrte Frau Haalswor, sehr geehrter Herr Schneider, 

 

Ich habe die von Dritten angebrachten Papiere im Kasten entfernt und die Zugänglichkeit zum Schaukasten wieder hergestellt.

Es wäre auch freundlich gewesen, wenn Sie das Entfernen des  Kleisters von der Scheibe nicht mir überlassen hätten. 
Durch den Kleister sind die Hinweise im Kasten nicht mehr lesbar.

Mit freundlichen Grüßen, 

Hugo von Hülstorff

 

 

Ehrlichstett, März 2016

 

 

Landkreis Ehrlichstett/Neustadt

DEM LANDRAT

 

Sehr geehrter Herr Landrat,

aus der Neuen Ostdeutschen Zeitung vom 24.02.2016 mussten wir zu unserem Unglauben und Entsetzen erfahren, dass Sie die sogenannte „Petition“ von 65 Personen, angeblich aus Ehrlichstett ernst nehmen und sich mit den Vertretern dieser fragwürdigen „Bürgerinitiative“ zum Thema Vernichtung unseres Vereins an einen Tisch setzen möchten.

Die „Petition“ genügt weder inhaltlich, noch formal den Anforderungen einer solchen.

Der Inhalt wurde, wie Ihnen bereits angezeigt, dem Staatsanwalt gemeldet, da es sich überwiegend um Verleumdungen meiner Person handelt, die mit dem Verein HEILE WELT nur bedingt zu tun haben.

Die Aufforderung in der „Petition“, Sie mögen die Ämter des Landkreises instrumentalisieren, um den Verein zu vertreiben, halten wir überdies für sehr fragwürdig. Rückfragen bei Ihren Ämtern werden ergeben, dass weit über hundert Anzeigen des Herrn Bonsayh bei den Ämtern des Kreises und der Stadt Ehrlichstett vorliegen, die, da können Sie versichert sein, von diesen sehr sorgfältig bearbeitet werden.

Sie erinnern sich daran, dass er hier so geschmähte Verein von Ihnen in 2015 noch mit einer finanziellen Zuwendung für die erfolgreiche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ausgezeichnet wurde.

Ein Besuch vor Ort, den wir im übrigen sehr begrüßen würden, ergäbe, dass nicht nur die in der „Petition„ genannten Vorwürfe hinsichtlich des Zustandes des Geländes völlig haltlos sind, als auch, dass sich diese erfolgreiche Arbeit ungebrochen fortsetzt. Ein Vorwand für ein „Verbieten und Vertreiben„ des Vereins dürfte also nicht gegeben sein.

In der Anlage übersende ich Ihnen eine in 2015 gesammelte Unterschriftenliste, die Arbeit des Vereins und dessen Anerkennung in der Bevölkerung betreffend. Hier haben sich über 500 Personen aus Ehrlichstett, Neustadt und dem Kreis bereit gefunden, ihre Unterschrift zu leisten. Ich darf in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass unsere Unterschriftenliste sowohl der Form, als auch dem Inhalt nach einer solcher genügt und hiermit als Beleg standhalten würde.

Aus diesem aktuellem Anlass wurde uns von Unterstützern des Vereins angetragen, die Unterschriftenliste weiterzuführen. Wir werden dieses Angebot annehmen und diese Liste bald erweitern können.

Persönlich erlaube ich mir, als anerkannte Künstlerin, deren Projekte und Arbeit Beachtung weit über die Region hinaus erzielen, über die hier, den Verein HEILE WELT betreffenden Vorgänge entsetzt zu sein. Ich verarbeite diese Beobachtungen in einem Kunstprojekt.

Mit fassungslosem Gruß,

Corinne Haalswor


			

Ehrlichstett, März 2016

 

Der Boden ist gefroren und die Luft hart, als Rudolph Renfeld aus der Werkstatt tritt und auf das Schloss sieht.

Es geht ihm besser. Sei es, weil das feuchte Wetter nun ein Ende zu haben scheint und ein später Winter mit Frost sich anbahnt, sei es, weil er die kalte trockene Luft besser atmen kann mit seinen angegriffenen Lungen, sei es, weil es nun bald ein Ende zu sein scheint. Ein Ende des Unfriedens auf Schloss Ehrlichstett.

Sie führen eine alberne kleine Schlacht um die Stallwand neben dem Schlosstor, dieser Bonsayh und die Haalswor. Sie bringt irgendwelche Zettel an und er reisst sie wieder runter. Das ist an sich schon lächerlich, weil keiner weiß, wozu das führen soll. Wie ein albernes kleines Scharmützel.

Der Graf hat dem schließlich ein Ende gemacht, indem er diese Petition abgenommen hat. Wohl nicht ganz freiwillig, gehen die Gerüchte, denn am Wochenende war der mit dem Einstecktuch, da mit großem Gefolge und der ist wohl zusammengezuckt, mit dieser Petition. Da hat es auch nicht geholfen, dass der Graf beteuert hat, der Landrat wäre sehr aufgeschlossen und würde wohl ein Gespräch anberaumen, der mit dem Einstecktuch war „not amused“, das konnte selbst Renfeld sehen. Obwohl er sich im Hintergrund hielt, hat da nur Getränke ausgeschenkt, Sektflaschen aus der Küche nach oben geholt, entkorkt und der Gräfin zugearbeitet, die die Gäste versorgt hat. War wahrscheinlich die Aufforderung, der Landrat solle die Ämter anweisen, den Verein stillzulegen. Das weiß selbst Renfeld, das so etwas nun auch nicht geht. Und wenn es geht, dann sollte man besser nicht darüber reden und es schon gar nicht an der Stallwand veröffentlichen.

Wobei die Gerüchte gehen…

Nun ja, er will sich da nicht einmischen, aber der mit dem Einstecktuch hatte ja wohl auch schon mal die Idee, den Verein mit Hilfe der Ämter platt zu machen und der Schmohl, der Bürgermeister, der am Wochenende auch da war, sollte sich auch dafür einsetzen. Also alle denselben Gedanken, muss also doch etwas bringen. Aber ist vielleicht nicht so schön, wenn es in der Zeitung steht und es dann plötzlich alle wissen, was besser privat und geheim zu bleiben hat.

Na ja, ihm egal.

Er, Renfeld, sieht die Zeichen und das macht ihn hoffen. Das mit dem Verein, das hat sich bald. Die Mitglieder sind unzufrieden, sie haben Angst und keiner traut mehr dieser Haalswor und dem Schneider. Es kursieren noch immer Gerüchte, dass die Mitglieder die Schulden des Vereins bezahlen müssen, wenn der Verein den Prozess verliert, was bei den ganzen Lügen der Haalswor auch alle glauben, selbst die Bilder von der sind ja verboten worden und davor haben alle Angst. Und dass die Haalswor und der Schneider schon ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben und sich vom Acker machen, wenn es eng wird, auch das glauben reinweg alle.

Kann er sich nicht so recht vorstellen, die sind halsstarrig und dickköpfig, die stehen das bis zum Ende durch. Der Schneider erst, der hat schon ordentlich Feuer von seiner Frau, aber der hält fest an dem Verein, der geht da bis zum Ende mit. Und die Haalswor. Die lebt doch hier, wo soll die denn hin, auf die Schnelle?
Aber solche Gedanken behält er schön für sich, so schlau ist er auch, das muss ja nicht sein, dass er es ist, der das Öl aus den Flammen holt.

Letzte Woche war großes Drama, wieder eine tote Katze! Aber diesmal hatte er nichts damit zu tun! Er hat nur das Geschrei gehört, wie die Irren, die Kleine, Tamara, die Tochter. Die hat geschrieen und geschrieen und nicht mehr aufgehört. War wohl ihre Katze. Arme Kleine, kann einem leidtun – das ist nichts für ein Kind, selbst so ein großes, ganz ehrlich. Das hätte er für seine Kinder auch nicht gewollt, wenn er welche hätte.

Da versteht er auch die Haalswor nicht, das Kind dem auszusetzen, ne, das würde er nicht.

Der Kater hat wohl wieder auf den Stufen zum Gartenhaus gelegen, ohne Kopf. Der kleine schwarz- weiße, war wohl zutraulicher, als gut für ihn war. Die Tochter hat ihn gefunden und so geschrieen, dass sich einem das Herz zusammenzog. War doch nur eine Katze, aber trotzdem, irgendwie schlimm.
Aber das ist Krieg, so ist Krieg. Die Schutzlosen zahlen die Rechnung und die Rechnung muss beglichen werden.

Und ihm, Renfeld, geht es besser. Schon zwei Nächte ohne diesen Traum. Ohne den Meister, schon zwei Nächte Frieden.
Ein Lächeln stiehlt sich auf seine Züge, als er den dünnen Märzsonnenschein betrachtet, der alles sanft erstrahlen lässt, das gefrorene Gras, die dürren Zweige, die weißen Mauern des Schlosses, den dünnen Faden Rauch aus dem Kamin der Werkstatt.

Ja, lächelt er, jetzt wird wohl bald Frieden sein.
Frieden im Schloss.

Und langsam macht er sich auf den Weg zu seinem Tagwerk.