Ehrlichstett Juli 2016

 

„Mann, du glaubst es nicht, das war so eklig!“ Mirko lässt sich mit einem Schnaufen an den Gartentisch sinken, den der Verein vor dem Haus unter einem großen Sonnenschirm aufgestellt hat.

„Erst diese ganzen Fischleichen, ich glaub ich habe schon keine Geruchsnerven mehr und jetzt das.“ Sie sitzen wieder draußen, endlich. Durch das Abfischen der Kadaver und durch heftigen Gewitterregen der sich die letzten zwei Tage über das Land ergossen hatte, war der Gestank verflogen.

Dieter, Desi und auch Greta, die auf dem Schoß eine kleine Katze streichelt, sehen Mirko fragend an.

„Wir waren beim Rudi im Haus, ich und zwei Kumpels, bisschen aufräumen, weil er doch im Krankenhaus ist und so und du weißt doch, wie es da aussieht und wegen der Ratten und so, nich dass sie ihm noch die Bude dicht machen oder der Kammerjäger kommen muss, jetzt wenn doch da keiner da ist. Kostet nen Schweinegeld, son Kammerjäger. Und du weißt, wie es da aussieht. Mann ich sage dir…“

Er macht eine bedeutungsvolle Pause und sieht Dieter an.

„Mann, ein Saustall. Ich weiß nicht, wie der da vorher noch gelebt hat. Alles durcheinander Essensreste und Dosen und Rattenkadaver, und Rattenhäute.“

„Wie, Rattenhäute?“


„Ja, weiß auch nicht. Da waren gehäutete Ratten. Über der Spüle hing eine Leine und da waren Ratten aufgehängt. Die Felle.“

Desi schüttelt sich und gibt eine kleinen angeekelten Quietscher von sich.

„Wie meinst du das?“ Fragt Dieter nach.

„Also, ich weiß nicht. Da hingen halt die Felle von den Ratten und stanken vor sich hin.“


„Aber wo waren die Ratten, die in den Fellen waren?“


Mirko zuckt die Schultern. „Keine Ahnung. Gegessen?“

Nun gibt Desi einen Aufschrei von sich.

„Das ist widerlich, Mirko, du spinnst, wer isst denn Ratten?“

Mirko zuckt erneut die Schultern. „Keine Ahnung, verdammt. Aber ich sage euch ich bin froh, dass ich nie die selbstgemachte Salami von dem Typen gegessen habe!“

Dieters Gesicht verfärbt sich langsam von blass zu eine grünlichen Grundton.

Mirko lacht laut auf und zeigt mit dem Finger auf ihn: „Aber der da, Desi, der hat die Wurst gekostet.“


„Ja,“ sagt Dieter, trinkt einen Schluck kalten Kaffee aus der vor ihm stehenden Tasse und verzieht das Gesicht, „aber der Klapsmann, der hat die regelrecht runtergeschlungen und lebt auch noch. Verdammt, wie eklig. Ich ess da nie wieder was. Von dem.“


„Wassn Glück, dass der das Fischsterben nicht mitgekriegt hat. Wer weiß, was er daraus zubereitet hätte.“

Desi gibt einen erstickten Laut des Ekels von sich..

„Mal sehen, ob der überhaupt wiederkommt,“ sagt Mirko langsam.

„Na, muss doch, oder? Was macht der Klapsi ohne ihn. Da geht doch nichts bei euch ohne ihn .“


„Klar,“ Mirko grinst. „hat doch keiner ne Ahnung. Und der Klapsmann kommt da nicht ran. Der brüllt rum und ordnet irgendwas an ohne Plan und wir machen heute hier und morgen dort, aber voran geht nichts, das stimmt schon!“

„Wirst sehen, der Klapsmann holt den wieder,“ sagt Dieter düster.

„Quatsch. Der Typ ist totkrank. Der arbeitet nie wieder was. Der wird krankgeschrieben für immer und wir haben das gemütlichste Leben im Schloss. Heute hier bisschen kratzen, morgen da bisschen schrubben und wenn der Klapsi nicht da ist,….“ er grinst, „gar nichts kratzen und schrubben!“

„Der Meister wird ihn wieder holen!“ Gretas zerbrechliche Hände malen eine zarte Geste in die Luft, als alle sie ansehen.

„Quatsch,“ Mirko wird bleich, „lass doch endlich diesen Scheiß mit dem Meister? Wer solln das sein? Der Klapsgraf vielleicht?“

„Ihr werdet sehen,“ wiederholt Greta unbeirrt, „Renfeld ist Sklave des Meisters. Er war der Wächter des Schlosses schon immer und zu allen Zeiten. Und der Meister wird ihn brauchen. Der Meister holt ihn wieder und der Meister,“ sie macht eine bedeutungsvolle Pause, schließt die Augen und hebt ihr schmales Gesicht in die Sonne: „Der Meister kann selbst den Tod besiegen. Ihr werdet sehen.“


„Mann, Greta,“ fährt Mirko respektlos dazwischen, “Rede doch keinen Quatsch. Dieses Gequarke mit dem Meister und den toten Katzen und dem ganzen Mist, das kann doch keiner mehr hören. Der Rudi ist krank und Ende. Der wäre fast gestorben, du hast ihn nicht gesehen. Der war schon hirntot, Mann! Der, der kommt doch nie wieder auf die Beine!“

Dieter schüttelt nur den Kopf und sieht weiterhin Greta an, die die Augen noch immer geschlossen, die schnurrende Katze auf dem Schoß, ihr Gesicht der Sonne zugewandt hat. Auch Desi ist still und betrachtet Greta, deren Züge sich, wie die einer urzeitlichen Göttin im Sonnenlicht glätten und entspannen.

„Mann,“ Mirko steht auf, sein Ton jetzt wütend, „ihr habt doch alle einen an der Klatsche. Manchmal habe ich echt die Schnauze voll von hier, ihr lauft echt alle nicht ganz rund.“

„Und der Renfeld,“ setzte er noch hinzu,“ den sehen wir nie wieder! Der rückt direkt in die Klappe ein, ich sag es euch. Werdet schon sehen!“

„Und mancher von euch wäre da auch nicht schlecht aufgehoben!“ Er wirft Greta einen bösen Blick zu, als er aufsteht sich rumdreht und zum Schloss zurückstapft.

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Fischen geht die Luft aus

Neue Ostdeutsche Zeitung vom 20.07.2016

Überparteilich & unabhängig

 

 

UMWELT Der Schlossteich in Ehrlichstett ist umgekippt, unzählige Tiere sterben.

VON DETLEF DROBBEL

Ehrlichstett / NOZ – Etwas ratlos steht Mirko N. am Ufer des Teiches am Schloss Ehrlichstett und lässt den Blick über das Gewässer schweifen. „Wenn wir die alle kriegen wollen, brauchen wir ein Boot,“ sagt er. Unzählige Fische schwimmen an der Oberfläche des Wassers. Wieder und wieder taucht N. den Kescher ins Wasser und fischt die leblosen Tiere ab und sammelt sie kiloweise in blauen Müllsäcken. Es wird noch lange dauern bis er sie alle erwischt hat.

Wie es zu der ökologischen Katastrophe in dem Teich kam, darüber lässt sich derzeit nur mutmaßen.

Bereits Mitte letzten Monats hatte das Umweltamt das Gewässer kontrolliert und eine deutliche Grünfärbung des Teichs festgestellt, was auf eine Vielzahl von Algen schließen lässt. Diese konnten angesichts des hochsommerlichen Wetters der vergangenen Wochen prächtig gedeihen und sich vermehren. „Aufgrund der begrenzten Lebensdauer der Algen sterben diese ab und werden von Bakterien unter Verbrauch von Sauerstoff abgebaut;“ heisst es in einer Mitteilung des Amtes. Die Folge, der Teich kippt um, den Fischen geht schlichtweg die Luft aus.

Vor gut zwei Wochen hatte die Ortsfeuerwehr das Umkippen des Gewässers noch versucht zu verhindern, indem es Frischwasser aus dem vorbeifließenden Fluss in den Teich pumpte, wie N. erzählt.

Die Behörde überprüft auch den Verdacht des Schlossbesitzers, der vermutet, die Gülle der zahlreichen Pferde des Vereins, der das Gelände rund um den Teich gepachtet hat, hätte das Fischsterben ausgelöst.

„Ein konzentriertes Absetzen von Harn und Pferdemist konnte jedoch nach wiederholten Kontrollen vor Ort nicht bestätigt werden,“ teilte das Umweltamt mit.

Ehrlichstett, Juli 2016

Ehrlichstett, Juli 2016

„Frau Haalswor, bis heute ging es mir ums Schloss und da war mir Ihr Dummschnack völlig egal. Inzwischen ist es was persönliches zwischen uns beiden und sie werden den Tag noch bereuen an dem Ihnen diese Scheiße in ihrem Blog eingefallen ist. Das ist keine Drohung, das ist eine Feststellung und ích werde ab sofort auch mein letztes bisschen Freizeit opfern Ihre Machenschafte an eine breite Öffentlichkeit zu zerren. Wo nehmen Sie nur Ihre abgrundtief dreckige Phantasie her sowohl bei Ihren Bildern als auch bei Ihrem Geschreibsel. Und seien Sie versichert, ich bin nicht allein. Es werden tausend Augen auf Sie schauen, glauben Sie mir das. Machen Sie keinen Schritt mehr neben dem Weg. Und seien Sie versichert – mein nächster Weg ist der Staatsanwalt, ich hatte Sie und Ihren Rechtsanwalt im Guten gewarnt den Bogen nicht zu überspannen, Sie wollten nicht hören.

Was Sie schreiben ist Dreck.“


Harald Bonsayh zittert, als er auf „Senden“ drückt.

Es ist zu viel, es reicht. Es reicht gestrichen. Das Maß ist obervoll, ein für alle mal.

Er steht auf und tigert unruhig im Wohnwagen auf und ab.

Die Sommerhitze glüht in der Halle und im Wohnwagen. Der Schweiß rinnt ihm die Brust hinab, den Bauch hinunter, durchnässt sein T-Shirt.

Wellen und Wogen des ekelerregenden Gestanks, der vom Schlossteich her durch ganz Ehrlichstett zieht, stehen in der Halle, im Wohnwagen und verursachen ihm Kopfschmerzen, Augenflimmern, reizen ihn zum kotzen.

Er war beim Staatsanwalt. Er musste zum Staatsanwalt. Er war vorgeladen worden.

Er, Harald Bonsayh wurde verhört von so einem verdammten pickeligen, jungschen Staatsanwalt, so ein schwindliger, grüner Bubi, der auf irgendeiner Hochschule ein dämliches Diplom in den Arsch geschoben gekriegt hat und nun meinte zu wissen, wie das Leben läuft.

Er hat ja wohl schon mehr Verhöre geführt,als dieser grüne Hansi sich vorstellen kann.

Die Haalswor hatte tatsächlich die Stirn, ihn anzuzeigen. Wegen Verleumdung, Stalking, Bedrohung und weiß der Himmel noch wegen was. Und dieser Burschi hat tatsächlich die Stirn, ihn zu vernehmen. Ihn zu befragen. Ihn dort sitzen zu lassen, warten zu lassen dann in sein mickriges Büro zu holen, ihn zu befragen. Ihn, Harald Bonsayh zu befragen. Was glaubt der Hans Wurst eigentlich,wer er ist?

Bonsayh setzt sich wieder an den Rechner.

Diese Haalswor, diese widerliche Person diese Hexe, dieses ekelhafte, perverse Mannweib, diese Wessi Möchtegernkünstlerin. Die! Die lässt man mit all dem davonkommen, mit ihrem Scheißblog, mit dieser Geschichte, mit all dem was die da schreibt. Wieso verdammte Scheiße, wieso weiß sie von Gabriel, wieso, wieso, wieso? Es gibt da keine Akten, keine Zeitungsberichte, keine Zeugen, kein…Garnichts. Wieso weiß sie davon?

Wieso weiß sie davon?

Eine trockenes Schluchzen würgt sich gegen seinen Willen seine Kehle hoch.

Was ist das bloß für eine Welt?
Was ist aus der Welt geworden?
Was ist geschehen? Mit Recht und mit Ordnung? Mit der alten Ordnung, die überschaubar war verständlich und überschaubar?

Er schließt sein Mailprogramm und ruft die Diskussionsgruppe im Internet auf. Wenig los. Wenn er nichts schreibt, dann rührt sich da nichts.. Das Ding kommt nicht wirklich in Gang. Verdammter dreckiger Mist! Wieso ist das so ungerecht? Diese Wessitrulla, auf die hören alle und auch so ein Wichtel von einem Staatsanwalt und er…

Harald Bonsayh Der Kampf um den Ehrlichstetter Schlossteich: Am Samstag habe ich ein Foto des Schlossteiches von Ehrlichstett angefertigt. Der Teich war bislang ein Juwel, eine grüne Oase, ein Paradies. Bis Frau Haalswor kam und mit ihr ihre illegale Firma, wohlgemerkt nicht der Verein HEILE WELT e.V. denn dieser Verein hat KEINE Pferde, die gehören alle der Haalswor. Und was macht diese Firma? Ungefragt und ohne jeglichen Pachtvertrag 25 Pferde auf dem Schlossgelände unterbringen, kost ja nischt. Und nun ist der Teich giftgrün und steht wahrscheinlich vor dem Umkippen durch völliges Überdüngen. Was man schon bei betreten des Hofes wahrnimmt ist stechender Güllegeruch. Man muss kein Orakel sein, woher diese Überdüngung kommen könnte, denn 25 Pferde produzieren 75 Liter Urin pro Tag und die gesamte Urinmenge läuft ungeklärt und frei weg täglich in den Schlossteich.

Das ganze fiel natürlich den Aktivisten der Bürgerinitiative auf und es wurden Nachforschungen und Wasserproben angestellt. Und nicht falsch interpretieren – die Firma geht uns nicht am Allerwertesten vorbei aber wir wollen und können nicht mit ansehen wie hier alles zerrammelt wird. Die Behörden sind inzwischen auch alarmiert und tätig und haben empfindliche Geldstrafen angedroht. Labortechnisch ist es bereits nachgewiesen und die Gegenprobe staatlicherseits läuft gerade auf Hochtouren und da warten wir mit Spannung auf das Ergebnis und das wird gruselig.

Frau Haalswor – und ob der Staatsanwalt Ermittlungen führt wegen Ihren Anzeigen gegen mich oder nicht – das interessiert in diesem Zusammenhang nicht die Bohne und wird auch die amtlichen Entscheidungen nicht beeinflussen.

Und Sie können mich noch weitere hundert mal anzeigen, ich besitze genügend Selbstachtung und Zivilcourage in meinem Bestreben das Umfeld des Schlosses und damit auch das Schloss selbst wieder erstrahlen zu lassen. Und noch ein kleiner Hinweis von mir: Was Sie schreiben ist Dreck. Merken Sie sich das: Was Sie schreiben ist Dreck, Dreck, Dreck! Sie werden den Tag noch bereuen an dem Ihnen diese Scheiße eingefallen ist.

Cindy_Reitermaus Na du scheinst ja Wut zu haben

Harald Bonsayh Jepp

Cindy_Reitermaus Sie wird diese Versprechen als Bedrohung werten und dich anzeigen

Harald Bonsayh Eine Anzeige mehr ist nun auch egal. Und ich hab geschrieben – es ist keine Drohung, nur eine Feststellung. Die Frau ruiniert gerade meine Reputation und dagegen werde ich mich zur Wehr setzen.

Ehrlichstett, Juli 2016

 

Es ist ein unglaublicher Gestank. Widerlich, ekelerregend, todbringend.

Corinne hält trotz der anhaltenden Sommerhitze alle Fenster im Schloss geschlossen und zum ersten Mal freuen sie sich über die Grundkühle, die die feuchten Mauern des Schlosses abstrahlen, aber sie entkommen dem Gestank nicht. Der üble Fäulnisgeruch liegt, wie eine Glocke über inzwischen ganz Ehrlichstett und die Leute kommen in Scharen, um nachzusehen, was geschehen ist.

Der Schlossteich ist umgekippt und nahezu über Nacht sind sämtliche Fische gestorben.

Die in der Sommerhitze im Wasser vor sich hin faulenden Kadaver verursachen den brechreizerregenden Gestank.

Noch vor einer Woche haben sie sich über den Klapsmann lustig gemacht, der zu Fuß über den Teich, wie über das verbleibende Bisschen Wasser gehen konnte, denn durch die wochenlange Hitze war die Feuchtigkeit im ohnehin nicht gerade tiefen Schlossteich weitestgehend verdunstet und der durch von Hülstorff rein geschüttete Bauschutt kam zu Tage. Der Bauschutt hatte zuvor schon die Wasserpflanzen zum Eingehen gebracht, so dass die Wasseroberfläche nun ungeschützt der Sonne, der Aufheizung und der Verdunstung preisgegeben war.

Corinne hat von den freigelegten Bauschuttgebilden eine gruselig schöne Fotostrecke gemacht und es sich nicht nehmen lassen, diese zu Frau Kohl ins Amt zu schicken, aber es kam nur die lakonische-ironische Antwort: „Frau Haalswor, ich sehe gar keinen Bauschutt“.

Hülstorff selbst hatte die Angelegenheit wohl ernster genommen, denn er hatte seinen Sommerurlaub abgebrochen und war angereist. Sie hatten belustigt beobachtet, wie er zunächst versucht hatte, mit einem Ruderboot den Teich zu befahren und den Bauschutt abzusammeln. Den Versuch musste er bald aufgeben. Der Wasserstand war zu niedrig, um den Teich zu befahren uund es war zu viel Bauschutt, den man nun sah, viel zu viel. Also lief er nun zu Fuß durch das niedrige Wasser, zog das Boot hinter sich her und sammelte es voller überständigen Bauschutts, den er am Ufer auslud und der dann, sehr zum Ärger von Corinne und Gerhard auf den Pachtflächen des Vereins vergraben wurde.

Trotz aller Tragik sah es lustig aus, so als wandle der Schlossherr über Wasser, wie der Herrgott selbst und sie fanden den Galgenhumor für ein herzliches Lachen.

Schließlich rückte die Feuerwehr an und füllte Tage lang den malträtierten Teich mit Wasser aus dem Flüsschen auf, das durch die Pachtgründe des Vereins floss.

„Na ob das hilft,“ grübelten Mirko und Dieter, beide passionierte Angler, die mit Bedenken die ersten toten Fische zur Kenntnis nahmen.

Der Klapsmann nahm diesen Moment zum Anlass, schnellst wieder abzureisen.

Denn die Katastrophe nahm ihren Lauf, das Fischsterben beschleunigte sich rapide und bald war die gesamte Fläche des Teichs mit Fischkadavern dicht an dicht übersät.

Und dann kam der Gestank. Nichts ließ sich nun mehr verbergen, denn der Gestank der verrottenden Kadaver durchzog ganz Ehrlichstett und blieb in der Sommerhitze stehen, wie ein übles Vorzeichen.

„Wartet es ab,“ orakelte Gerhard düster „sie werden wieder einen Weg finden uns das Schlamassel anzudichten.“

Ehrlichstett, Juni 2016

 

„Ich habe alles getan, was du verlangt hast, Meister. Sämtliche Vorbereitungen sind getroffen. Sämtliche. Ich erwarte deine Befehle. Denn ich weiß, wenn die Belohnungen verteilt werden, werde ich einer von jenen sein, die von deiner Großzügigkeit profitieren!“

Renfeld läuft im Kreise in seiner Küche immer herum, herum um den Tisch, der in der Mitte steht, immer herum, wieder herum und brabbelt. Brabbelt laut vor sich hin. Mit blitzartiger Geschwindigkeit fängt er eine Fliege, eine von den vielen, die um Essensreste, ungespültes Geschirr und leeren Katzenfutterdosen herumschwirren.

Mirko war da gewesen.

Renfeld war nicht zur Arbeit erscheinen, ungewöhnlich, normalerweise war er immer der erste, der kam und der letzte, der ging. Mirko hatte sofort geahnt, dass da etwas nicht stimmt und war auf sein Fahrrad gesprungen und zu ihm rübergeradelt, zu dem kleinen grauen Haus, um nach dem Rechten zu sehen, ihn zu wecken, falls er verschlafen hatte, ihn abzuholen.

„Renfeld! Rudi! Alles OK?“

Renfeld hält mit dem im Kreis laufen inne und sieht Mirko verwirrt an. Endlich, sein Blick fokussiert.

Eilig läuft er zur Anrichte und holt einen Teller.

„Darf ich Ihnen die Vorspeise anbieten?“ Seine Stimme, hoch und fistelnd. Er klingt nach jemand ganz anderen, als er Mirko den Teller entgegenhält auf dem sich tote Fliegen stapeln.

Mirko weicht erschrocken zurück: “Mann Rudi, wach auf! Verdammt. Was ist mit dir?“

Langsam geht er zurück.

Renfelds Blick trübt sich, er nimmt seinen Lauf um den Tisch wieder auf, den Teller noch immer in der Hand: „Das ist sehr nahrhaft,“ brabbelt er nun, während er sich eine Fliege in den Mund schiebt: “Jedes Leben, das ich aufnehme, gibt mir Leben zurück.“


„Oh Mann, Rudi, du bist irre! Lass das, verdammt! Lass das! Du kannst doch nicht…!“

„Fliegen sind sehr nahrhaft,“ brabbelt Renfeld weiter. „Und Spinnen. Spinnen fressen die Fliegen. Und Spatzen, Spatzen auch. Aber ein Kätzchen….!“

Er hält inne, sieht Mirko wieder an, geht einen Schritt auf ihn zu, kniet dann aber auf dem Boden nieder, stellt den Teller vor sich. „Ein Kätzchen. Ein keines geschmeidiges Kätzchen. Das von mir gefüttert wird, das von mir dressiert wird. Oder noch besser…“

Sein fahriger Blick sucht Mirko, der sich langsam rückwärts zur Tür bewegt, ohne Renfeld aus den Augen zu lassen.

„Noch besser eine Katze!“

Renfelds Stimme wird lauter: “Eine ausgewachsene Katze! Ich brauche Leben!“

Er schreit nun.

Mirko macht einen Schritt zurück, zur Tür.

„Ich brauche Leben für den Meister!“ Renfeld schreit. Mit einem Satz springt er hoch, hetzt er Mirko nach, der nun in der Tür steht, greift nach ihm. “Für den Meister, der kommen wird!“

Mirko stößt ihn zurück.

„Rudi, Scheiße, verdammte, hör auf! Du bist krank, lass das, du musst ins Krankenhaus, verdammte Scheiße! Verdammte“

Renfeld blinzelt und sieht ihn irritiert an: “Wenn der Meister kommt, wenn der Meister kommt, dann werde ich belohnt. Dann kommt die Belohnung.“ Er nickt abschließend, wirft Mirko noch einen entschiedenen Blick zu und nimmt sein Wandern um den Tisch wieder auf, schlurfend. Brabbelnd.

Mirko dreht sich um und hastet aus der Tür. Er springt auf sein Fahrrad und spurtet zum Schloss zurück. Der Graf ist nicht da, es ist keiner da. Es fällt ihm nur Dieter ein, also jagt er zum Gartenhaus und findet dort Dieter beim Flicken eines Gatters.
„Dieter, bitte komm!“ Er ist den Tränen nahe „Der Rudi, Renfeld, der ist verrückt geworden. Der ist in seiner Küche und rennt im Kreis rum und labert irres Zeug, bitte wir müssen irgendetwas tun!“

Dieter setzt sich zurück und sieht Mirko verständnislos an.

Langsam sammelt sich Mirko. Dieter, der herrliche Frühlingstag, das Vogelsingen und die Pferde und das Gartenhaus, alles so normal und wie immer, langsam kommt er zur Ruhe und kann Dieter die Situation schildern. Desi ist herangetreten und hört zu und Antje, ein Reitgast. Schnell einigen sie sich darauf, dass ein Krankenwagen gerufen werden muss, schnell haben sie den Notruf alarmiert und einen Wagen zu Renfelds Adresse geschickt.

Sie sitzen beim Kaffee zusammen, vor dem Gartenhaus und Mirko erzählt die Geschichte wieder und wieder, wie Renfeld ihm Fliegen angeboten hat, wie er von einer Katze fabuliert hat, vom Meister.

Und sie fragen sich, was wohl werden wird. Wie es wohl weitergeht, mit dem Schloss, wenn Renfeld krank ist. Und wie er wohl weitergeht mit Renfeld.

Und dem Meister.

München, Juni 2016

 

Rabena von Hülstorff sitzt vor dem Spiegel der Frisierkommode und blickt sich in die Augen. Den Bluterguss unter dem linken Auge. Zugeschwollen. Ihr Gesicht sieht irgendwie schief aus.

Das Datum für den Prozess ist da, für die Verhandlung. Kam gestern mit der Post vom Anwalt.

Rabena hat die Briefe hereingetragen und auf den Tisch gelegt, eine deutliche Ahnung, als sie den Absender des Anwalts sah. Nun, endlich, das Warten hat ein Ende, war ihr erster Gedanke. Dann, die Angst vor einer Entscheidung. Was würde wohl geschehen, was wenn sie verlören, was wenn…

Hugo ist sich sicher, dass sie gewinnen. Sie soll dabei helfen. Sie ist als Zeugin genannt. Sie soll es bestätigen.

Bestätigen. Dass der Stall ihnen nicht gehört, bestätigen. Dass die Vereinsleute das wussten. Bestätigen. Dass die den Stall einfach besetzt haben. Bestätigen, dass sie bei allen Gesprächen dabei war. Bestätigen. Dass die Vereinsleute Hugo betrogen haben, wissentlich, vorsätzlich, dass sie nur fünf Pferde mitbringen wollten, dass der Verein gar nicht gemeinnützig war. Bestätigen. Aussagen….lügen.

Darauf läuft es hinaus.

Sie soll lügen.

Lügen vor Gericht.

Für die gute Sache.


Männer, wie Hugo tun vor allem eines, noch vor allem anderen und sie tun es unmerklich: Sie rauben einem jedes Selbstvertrauen. Plötzlich hat man nicht mehr die Kraft. Nicht mehr die Kraft zu widersprechen, nicht mehr die Kraft, sich zu wehren, nicht mehr die Kraft zu gehen. Man glaubt nicht mehr an sich. Man glaubt nicht mehr, dass man irgendetwas im Leben allein bewältigen kann. Man hält an seinen Hugos fest, weil diese einen zunächst zerstören und einem danach überzeugend eingeredet haben, dass man ohne sie nicht mehr existieren kann.

Sie fühlt sich stärker, wenn sie in Ehrlichstett ist, wenn sie mit Abel ist.

Sie denkt nicht, dass sie ihr Verhalten verändert hat, aber sie spürt etwas ….mehr Ruhe, Glück?

Hugo kann sie mit seiner Art, seinen Beschimpfungen, seinen Angriffen, seinen Kränkungen nicht mehr bis in die Tiefe ihrer Seele treffen.

Es ist als ob….es plötzlich einen Ausweg gibt.

Irgendwann, vor langen Jahren, in einem anderen Leben, an das sie sich nur schwer erinnern kann, hat sie an die Garanten des beschützten Daseins geglaubt: Recht und Gesetz, Gerechtigkeit, Solidarität. Der Boden unter ihren Füßen schien stabil gewesen zu sein und sie hatte sich in der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen war, sicher gefühlt.

Dann hatte sie gelernt, dass das alles ein Trugschluss war.

Es gibt keine Sicherheit. Es gibt keinen Schutz, keine Gerechtigkeit, keine Solidarität. Es gibt das Recht des Stärkeren, mehr nicht.

Die Welt ist ein Ort des Grauens, nur oberflächlich in der Balance gehalten durch ein dünn gewobenes Netz fadenscheiniger Sicherheitssysteme. Wer durch die Maschen fällt, fällt ins Bodenlose.

Sie sitzt vor dem Spiegel und sieht sich an.

Sich, sich selbst.

Sie denkt an ihre Angst und ihre Möglichkeiten, an Abel, an einen Zufluchtsort, der ihr vertraut geworden ist und an ihre Angst ihn zu verlieren.

Sie weiß nicht, was geschehen wird.

Sie weiß nicht, was sie tun wird.

Nicht bei diesem Prozess und nicht danach.

Nicht, wenn sie verlieren und nicht, wenn sie gewinnen.

Sie weiß es nicht.

Ehrlichstett, Juni 2016

 

Es ist der große Tag.

Die Hochzeit.

Die GROßE Hochzeit in Schloss Ehrlichstett.

Der Wettergott hatte ein Einsehen und schenkt himmlisches Hochzeitswetter, ein paar Wolkenflöckchen auf ansonsten azurblauem Himmel.

Alle sind gekommen. Freunde, Verwandte, Familie, Geschäftskontakte, Thomas, der sich die letzten Wochen zurückgezogen hat, sieht attraktiv und männlich aus in seinem dunklen Anzug neben der mädchenhaften Braut, selbst Sylvia, die vor Rührung pausenlos heult und schnieft, sieht einigermaßen akzeptabel aus in einem von den abgelegten Fummeln von der Gräfin.

Graf und Gräfin glänzen durch Abwesenheit, aber er nimmt das als Vertrauensbeweis, er, Harald Bonsayh fungiert hier heute als Schlossherr, er hat alle Schlüssel und ist der Herr über Kommen und Gehen.

Zufrieden sieht er aus dem Fenster des ersten Stocks, einem der privaten Gemächer des Grafen, aber was solls, hier hat man den besten Überblick über die Wiese und den Parkplatz, man sieht, wer kommt und wer wen und was mitbringt und wie wer sich wem gegenüber verhält. Michelle sieht er von hier kommen, die Tochter der Nachbarin, ihre graziösen Bewegungen, ihr engelslanges Blondhaar weht wie eine glänzende Fahne hinter ihr her. Natürlich muss sie vorne am Stall stehen blieben und eines dieser Pferde streicheln. Seine Stirn runzelt sich ärgerlich. Er hat schon so oft mit der Mutter geredet: Er hat erzählt, was man munkelt, die Haalswor, wie sie die Kinder anfasst und missbraucht für ihre Bilder und sie solle sich doch mal Gedanken machen, warum ihre Michelle die ganze freie Zeit bei diesem Verein verbringe. Das wäre doch nicht gesund, nicht natürlich. Da gäbe es doch auch andre Vereine. Er will mal mit dem Schmilewksi reden, der hat doch auch Pferde, ob die Kleine nicht da reiten kann. Das ist doch unnatürlich hier mit der Haalswor und dem ganzen Pferdegekuschel, das hat doch nichts mit Sport zu tun, außerdem. Und eine begabte junge Reiterin, wie Michelle, die solle doch lieber woanders reiten nicht hier, da müsse man ja täglich Angst haben, dass die Haalswor dem Kind was antue.

Er folgt dem Mädchen und seiner Mutter mit Blicken, als sie sich endlich von den Pferden losgerissen haben und über die Wiese auf das Schloss zukommen.

Dieser Renfeld, der schleicht da auch rum. Geduckt, zwischen den Leuten. Der hat sie doch echt nicht mehr alle.

Er muss mit dem Grafen reden. So geht das nicht. Der Typ ist völlig irre, er sabbert und brabbelt und außerdem läuft er trotz der Frühsommerwärme mit so einem alten fleckigen Parka herum, der stinkt bestimmt.

Seufzend wendet er sich vom Fenster ab. Auf dem Rasen hat sich nun der Gitarrenspieler vor das Mikro gesetzt, das er vor dem Eingang zum Schlosshof installiert hat und fängt an das Kommen der Gäste mit leisen Tönen zu untermalen. Schön, einfach schön. Stilvoll.

Zufrieden zieht er die Tür zum Salon des Grafen hinter sich zu und schließt sie ab. Langsam geht er die Treppe hinunter.

Aus dem Innenhof hört er die Stimmen der Gäste, Gläserklirren, aber auch einen unangenehmen Geruch nach….Hundescheiße.

Fast wäre er reingetreten. Unten am Fuß der Treppe liegt ein Hundehaufen, auf jeder Stufe einer, das ist widerwärtig! Der Gestank zieht das ganze Treppenhaus hinauf. Das ist ekelerregend.

Wo ist dieser verdammte Renfeld? Der soll das wegräumen! Was, wenn einer der Gäste hineintritt, das ist widerlich!

Vorsichtig tritt er neben den Verunreinigungen die Stufen hinab und blickt sich suchend um. Der Innenhof ist voller gutgekleideter Menschen, die sich angeregt miteinander unterhalten. Keiner beachtet ihn. Er zieht die Tür des Treppenhauses hinter sich zu und beobachtet die Gäste. Keiner sieht ihn an. Keiner begrüßt ihn, keiner richtet das Wort an ihn. Er sieht Sylvia, sie bewegt sich zwischen den Leuten, richtet hier ein Wort, da ein Lächeln. Verdammt, was ist los mit ihr? Sie bewegt sich,…wie die perfekte Gastgeberin, so gewandt, geschmeidig, sicher. Als ob sie mit diesem Kleid von der Gräfin auch deren Umgangsformen übernommen hätte. Er versucht ihren Blick auf sich zu lenken, wie er da so am Rand steht, vor dem vollgeschissenen, stinkenden Treppenhaus, die Tür festhaltend, damit niemand die Bescherung mitkriegt, aber sie beachtet ihn nicht. Nein, sie hat ja Pflichten, sie eilt, sie lächelt, sie hat plötzlich ein Tablett in der Hand, sie reicht Gläser herum. Ihr Lachen perlt, wie die Bläschen in den Sektgläsern. Wann, verdammt, wann hat er diese Entwicklung verpasst?

Was verdammt ist hier los?

Langsam macht er sich auf den Weg durch die Gäste, die ihn schubsen, ihm im Weg stehen, ihn an die Seite drängen.

Schließlich erreicht er die Freifläche, steht vor dem Gitarrenspieler, der sinnlos vor sich hinklimpert. Hört sowieso keiner zu.

Harald Bonsayh nimmt einem vorbeieilenden Gast ein Glas aus der Hand. Der Mann sieht ihn verwundert an, wendet sich dann aber ab um einem weiteren Gast entgegenzulaufen, der eben den Weg vom Parkplatz hinaufkommt. Bonsayh stellt sich neben den Gitarristen, und schlägt mit der Stimmgabel, die auf dem Bestelltischchen liegt, gegen das Glas. Mehrfach. Es klirrt und klingelt. Der Gitarrist begreift als erster und hört auf zu spielen.

Schließlich die Gäste.

Es dauert.

Endlich verstummt das Raunen und Reden, das Lachen und sie wenden sich dem nervösen, dem schwitzenden Mann zu, der am zu engen Kragen seines Jacketts zupft und ansetzt, eine Rede zu halten. Ein paar Männer hinter ihm witzeln, weil er sich verhaspelt, abwechselnd rot und blass wird und dreimal neu ansetzen muss, ehe er wirklich beginnen kann.

Er redet und spricht, die Worte holpern und stolpern aus seinem Mund. Langsam, nimmt er wahr, dass die Zuhörer in Bewegung sind.

Sie gehen.

Erst einige und dann mehr und mehr. Sie verlassen das Gelände. Sie gehen hinter ihm entlang. Sie gehen den Weg am Teich entlang. Er hört die Stimmen in seinem Rücken.

Er sieht sie.

Michelle, Michelles Blondhaar, sie hat ein Kind an der Hand.

Sylvia geht neben ihm vorbei, in Richtung Teichweg.

Wo ist Thomas? Was ist hier los?

Die Menschen, seine Gäste, gehen nach hinten. In den hinteren Bereich des Geländes. Zu den Ponyleuten. Sie gehen die verdammten Ponys streicheln. Die Kinder da daraufsetzen, Michelle, die ein Pferd führt. Auf dem ein Kind sitzt. Ohne Sattel und er …

…er ist hier, im Schloss, zurück, zurückgelassen.

Während die…

Das Mikrofon pfeift, als er seinen Platz verlässt.

Er geht wieder hoch, in den Salon des Grafen. Er blickt auf die Wiese, auf die Kinder und die Ponys und das Lachen und die Missachtung und seine Wut legt sich wie ein roter Schleier vor seine Augen. Der Graf hat recht, mehr als recht. Die müssen weg. Das ist nichts Gutes, das ist ein Verbrechen, das geht nicht mit rechten Dingen zu, das ist Hexerei, das ist Übel, das Übel der Welt.

In seiner Kameratasche hat er den Katzenkopf.

In einer Plastikverpackung

Das halb verweste Teil stinkt, als er es auspackt.
Und mitten auf das Büfett legt.

Mitten drauf, auf die Hochzeitstorte.

 

Ehrlichstett, Juni 2016

 

Sie haben sich durch Zufall getroffen, mal wieder durch Zufall am See, mal wieder eines dieser beiläufigen Treffen.

Tamara ist auf dem Heimweg, sie war den Nachmittag am Strand gelegen, ihre Haut riecht nun nach Sommer und Seewasser, sie ist angenehm müde und entspannt, als sie von hinten Schritte hört und dann Devon an ihrer Seite auftaucht.

„He!“ Er lächelt, dieses unwiderstehliche Devonlächeln, das ihr das Herz unruhig schlagen lässt.

„He!“ Sie seht ihn an. Unverbindlich. Geht dann weiter die Straße hinunter.

Er passt seine Schritte den ihren an und legt den Arm um ihre Schulter.

Sie spürt, wie sie verkrampft. Abrupt bleibt sie stehen und sieht ihn an:
„ Ich will keine Beziehung mit dir. Nur falls du vorhast da jetzt wieder mit diesem Romatikkram anzufangen. Damit wir uns nicht falsch verstehen.“

Devon sieht sie belustigt an: „Ich hatte nicht vor, dir einen Heiratsantrag zu machen.“

„Ja, ich weiß. Ich will aber auch nichts von dem anderen. Kein Verknalltsein, keine langen Blicke nichts Liebe und so.“

„Chill mal!“

„Wenn wir uns nicht falsch verstehen, chille ich total!“

„Wir verstehen uns nicht falsch.“

„Ich will eigentlich nur Sex mit dir.“

Devon lacht auf: “Und das andere hast du nicht gern mit mir?“

„Nein, weiß nicht, eigentlich nicht. Aber ich weiß doch, wie das läuft: Wir fangen da wieder etwas an und in ein paar Wochen sind wir aus Versehen zusammen, weil wir es irgendwie nicht gemerkt haben.“


„Du bist aber drauf!“

„Ich will keine Ausversehenbeziehung. Und auch sonst keine Beziehung. Ich will nichts außer Sex von dir.“

„Und Jakob?“

„Was ist mit ihm?“


„War das auch eine Ausversehenbeziehung?“


„Ich will auch nicht mit dir über Jakob reden.“

Devon sieht nicht besonders glücklich aus.

Er tut ihr plötzlich leid. Obwohl er ihr noch nie leid getan hat.

Sie verspürt den Drang etwas von dem Gesagten zurückzunehmen, eine Entschuldigung vorzubringen, es sei ganz schön viel für sie im Moment, ihre Mutter, die Kunstklage, die irre Klapsmanngruppe, die sie im Internet stalkt, der Stress mit dem blog, das Studium.

Aber sie beißt sich auf die Zunge und sagt nichts. Langsam geht sie wieder los.

Sie hört, wie Devon ihr mit wenigen Schritten Abstand folgt.

Plötzlich fängt es an zu regnen, nein, zu gießen.

Devon geht los, ohne ein Wort, er überquert die Straße, die matt im Regen glänzt und in deren Schlaglöchern sich kleine Pfützen gebildet haben. Er schaut sich nach Autos um. Sie sieht sein Profil, sie sieht seine Muskeln in dem weißen Tanktop, das schmale Becken in den nassen Jeans.

Sie lehnt sich an eine Hauswand unter ein schmales Dach und sieht ihm nach, bis er hinter der nächsten Häuserecke verschwunden ist, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Sie denkt: Genauso werde ich diesen Moment mal in meiner Erinnerung sehen. Ich werde mich an eine junge Frau erinnern, die im Sommerregen steht und einem jungen Mann hinterhersieht, dem sie gerade gesagt hat, dass sie keine Liebe für ihn empfindet, zumindest nicht von der Sorte, die er erwartet. Ich werde daran denken, wie wahnsinnig allein und wie wahnsinnig stark ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Wie mir bewusst wurde, welche Macht ein Mensch über einen anderen Menschen haben kann. Und wie seltsam es mir vorkam, dass ich im Besitz dieser Macht war und dass ich überhaupt wusste, sie anzuwenden.

Ehrlichstett, Mai 2016

 

„Also, ich weiß nicht.“

Schmilewksi ist müde.

So hat er sich das nicht vorgestellt, mit dem Verheiratetsein. Cindy gibt keine Ruhe. Einmal gemütlich zusammensitzen, wie heute abend, vor dem Fernseher, ein Bierchen trinken, gemeinsam und dann…. Nein, das findet normalerweise nicht statt.

Cindy hat sich zwar dazugesetzt, aufs Sofa, mit einem überflüssigen Naserümpfen, zugegeben, das Stück hat schon bessere Tage gesehen, aber was ist denn mit der Frau im Haus? Die da mal putzt und aufräumt? Nein, er lebt wie vorher, eigentlich, wie als er noch Single war und dass da alles ein bisschen dreckig ist, nicht zu sagen verwahrlost, das ist ja wohl auch verständlich. Cindy ist nie da, nie neben ihm, auf dem Sofa, ein bisschen gemütlich, wie man sich so eine Ehe vorstellt. Er ist direkt erstaunt, dass sie sich nun neben ihn setzt, er hält gleich die Luft an und zieht den Bauch ein, als sie ihr Hinterteil vorsichtig an die äußerste Kante des Sofas platziert, sich die Fernbedienung greift und den Ton ausstellt.

„Doch!“

Ihre Stimme ist wie immer etwas schrill und hektisch, vor allem, wenn ihr eine Sache wichtig ist, so wie die hier jetzt: “Du solltest da mitmischen. Von Anfang an, das ist wichtig. Sonst kommt dir der Bonsayh zuvor und das…“ Sie macht eine bedeutungsvolle Pause und sieht ihn an.


Warum? Denkt er, hat er sich eigentlich in sie verliebt? Was, denkt er hatte er sich denn damals erhofft?


Aber sie unterbricht seine Gedanken sofort wieder:
„Der Graf ist fest entschlossen. Er wird diese Stiftung gründen und wenn du von Anfang an mit dabei bist, dann hast du da Rechte, Möglichkeiten. Und man weiß nie..“ ein leichtes Lächeln spielt um ihre Züge, ihre Stimme ist sanfter geworden: „Der Mann lebt ja auch nicht ewig. Und er ist schon alt.“


„Ja, kann schon sein,“ brummt er unwillig, „aber ich habe das Geld nicht.“

Der Graf will eine Stiftung gründen. Eine Schlossstiftung. Ein Haufen wichtiger Leute macht da mit. Auswärtige. Aus der Hauptstadt, aus der Regierung sogar. Und Cindy meint, er, Schmilewksi, solle sich da auch beteiligen. Aber er weiß nicht, eigentlich ist er mit dem Hof ganz zufrieden Er will eigentlich kein Schloss. Wozu auch?

Er richtet sich auf und zieht den fleckigen Pullover herunter. Er selbst riecht, dass das ein wenig müffelt. Wann eigentlich hat er das letzte Mal den Pullover gewechselt? Ärgerlich runzelt er die Stirn. Wenn er eine Frau hätte, die sich um so etwas kümmert, statt in der Weltgeschichte rumzumachen und sich um das blöde Schloss zu sorgen.

„Ne,“ seine Stimme ist nun fester. „Ich habe das Geld nicht und ich…“

„…aber dein Bruder!“

Cindy lächelt und rutscht ein wenig an ihn heran, auf dem Sofa, bis sich ihre Hüften berühren.

„Dein Bruder hat Kohle, wie Heu. Und wenn du ihn lieb bittest…“
Sie hat sich hinüber gebeugt und ihre Lippen berühren nun seinen Hals. Er spürt den Hauch ihres Atems. Er schämt sich ein bisschen, dass er nicht geduscht hat, heute nicht, und gestern auch nicht, genau genommen. Aber woher sollte er denn wissen…

„Cindy, nein, das will ich nicht. Ich will kein Geld von meinem Bruder, der wird mir wieder ewig vorhalten, dass ich nichts auf die Reihe kriege und überhaupt.“
Er holt tief Luft.

Ihre Hand ist unter den Pullover gekrochen und streichelt nun sanft seinen Bauch.

„Und außerdem…,“ setzt er wieder an, leicht atemlos, „das ist auch zu teuer. Das ist eine Unsumme, die der Graf da will, nur damit man in seiner Stiftung mitmachen darf.“

„Aber wenn wir es geschickt anstellen, dann kriegst du vielleicht einen Posten,“ ihre Stimme, ein Hauch, an seinem Ohr, ihre Hand wandert tiefer, in den Bund seiner Jeans. Er schnappt hörbar nach Luft, „Aber ich will nicht,“ matt, angestrengt.

„Ach wirklich?“

Ein energischer Ruck und sie sitzt auf einmal Kilometer entfernt, am anderen Ende der Couch.

„Nein, äh…,“ er schüttelt ungläubig den Kopf, „ich meine, das will ich natürlich schon, aber…“


„Der Bonsayh will bestimmt,“ ihre Stimme hat wieder diesen schrillen Ton und ist laut geworden: „und für den ist das sicher kein Problem, mit dem Geld. Und seine Frau, die magere Ziege wird dann die große Dame geben, in den abgelegten Kleidern der Gräfin. Und ich,“ sie steht auf und geht zum Fenster, ihr schmaler Rücken bebt, ihre Stimme wird leiser und mit Schluchzen unterlegt:
„Und ich, obwohl ich so viel für dich getan habe! Und für den Grafen, und das Schloss…“ Schluchzen „Und ich kann zugucken wie die sich da feiern. Wenn die die blöden Ponyleute weg sind. Und dann später, wenns ans Verteilen geht. Wenn es eventuell ein Schloss gibt. Schmilewksi, ein Schloss, für umsonst, wenn man es geschickt anstellt und nicht, wenn man rumheult, wegen der paar Kröten!“

„Und wenn man zu fein ist, seinen Bruder mal um was zu bitten!“


Sie hat sich umgedreht und sieht ihn nun an.

Er kann ihr Gesicht nicht genau erkennen, weil sie vor dem Fenster steht und das Licht von hinten kommt. Aber er würde schwören, dass ihre Augen von innen her so komisch leuchten. Irgendwie hell, irgendwie…sonderbar.

Eigentlich will er nur, dass sie wieder neben ihm sitzt, auf der Couch. Ohne Rumdiskutieren. Dass ihre Hand wieder dahinwandert, wo sie vorher war. Und dass er seine Ruhe hat. Und ein bisschen Spaß. Schloss brauch er eigentlich keins.

„Is ok,“ nickt er schließlich resigniert, „so machen wirs. Wie du willst, Cindy.“

Er sieht sie von unten an. Hoffnungsvoll. Und auf das Sofa, neben sich.