Berlin, Juli 2015

 

„Sag mal, hast du nicht gesagt, dein Typ hat Geld?“ Zweifel klingen in Kylies Stimme, als die beiden Mädchen die U-Bahn verlassen haben und die Straße gefunden haben, in der Jakobs Schwester wohnt.

Plattenbauten, riesige Hochhäuser, die schon bessere Zeiten gesehen haben, sicher nicht die beste Gegend. Alte Ostzone und seit hunderttausend Jahren nicht renoviert. Verlassene Wohnungen mit rußgeschwärzten Wänden und eingeworfenen Fensterscheiben, darüber noch bewohnte Einheiten, zugehängte Fenster, Satellitenschüsseln an den Fassaden. Überquellende Mülltonen in den Hauseingängen, ein räudiger kleiner Hund, da eine alterlose Frau barfuß in zerrissenen Feinstrumpfhosen und einer übergroßen fleckigen Strickjacke die in einer Mülltonne wühlt.

Tamara sieht sich zweifelnd um: „Ja, sieht komisch aus. Aber das ist sicher die richtige Adresse.“ Sie zieht einen Zettel aus ihrer Hosentasche und liest noch einmal stirnrunzelnd die Adresse: „Echt sonderbar.“
Kylie legt den Kopf schief und sieht sie an: “Ich kann mir echt nicht vorstellen, dass dein Typ hier mit seinem schicken Neuwagen rumgurkt. Der ist doch Schrott in einer Minute, wenn du den aus den Augen lässt oder auf dem Weg nach Polen.“
„Weiß auch nicht,“ Tammi zieht den Kopf zwischen die Schultern, als sie eine Gruppe Jugendliche passieren, die in einem Hauseingang Schutz vor der sengenden Sonne gesucht haben. Einer der Jugendlichen, ein Junge ist auf den Stiegen eingeschlafen und lehnt seinen Kopf mit offenem Mund an die schmutzige Häuserwand. Ein Gutaussehender im Muskelshirt, mit schweißglänzendem Oberkörper spuckt in hohem Bogen vor die Füße der Mädchen, als sie vorbeigehen.

„Hey, tickst du?“ Kylie fährt wütend auf.

„Kylie, bitte“ Tammi versucht eilig, sie am Arm weiterzuziehen, aber Kylie ist stehengeblieben und sieht den Jungen wütend an. Dieser grinst ein schmieriges Lächeln und kommt langsam die Stufen hinunter auf die Mädchen zu.

„Kylie!“ Drängend zieht Tamara sie nun am Arm und versucht die Freundin von dem Jungen wegzuziehen, weiter die Straße hinunter.

„Na, ihr Bitches? Was treibt euch den hierher? In rosa, echt süß“ Der Junge steht nun vor ihnen und zupft an Kylies Minirock.

„Hey, Scheiße!“ Aus dem Hauseingang dringt die schrille Stimme eines Mädchens und wie ein Blitz kommt eine dünne Jugendliche die Stufen hinuntergeschossen und baut sich vor Kylie und Tamara auf.“ Hey, du Schnalle, grab meinen Typen nicht an!“

Das Mädchen ist groß und dünn und an ihrem linken Nasenflügel streiten sich eine ungeheure Menge Piercings um den Platz, was die Nase sonderbar schief und aufgebläht erscheinen lässt. Sie trägt eine unvorstellbar kurze Shorts, die den Blick auf ihr mageres Hinterteil freigeben und ein bauchfreies Top, ihren Kopf umhüllen verfilzte lange schwarze Haare, nachlässig von einem Band zusammengefasst, die sie bei jeder Bewegung umschwingen wie der Flügel eines dunklen Vogels.

Sie macht einen Schritt auf Kylie zu und stößt sie mit der Hand an der Schulter, dass Kylie rückwärts stolpert.

„Scheiße, Mann eh,“ brüllt sie dabei und lacht laut, als Kylie nur mühsam das Gleichgewicht hält. Die anderen Jugendlichen, bis auf den Schlafenden, erscheinen nun auch am obereren Ende des Hauseingangs und gehen langsam auf die Gruppe zu.

Tamara spürt, wie der Ring um ihren Hals warm wird, heiß!

„Nein, Kylie,“ flüstert sie, „das sind zu viele, das schaffen wir nicht, lass uns hier verschwinden, bitte!“ Sie greift Kylie nun um den Oberarm und versucht sie rückwärts zu ziehen. Der Ring kühlt langsam wieder ab, als Kylie einen Schritt rückwärts tritt, ohne das dunkelhaarige Mädchen aus dem Augen zu lassen.

„Hey!“ Kommt plötzlich eine laute Stimme aus der Haustür. „Angie, verdammt, lasst die Mädchen in Ruhe! Das sind Freunde von mir!“
Jakob!

Tammi spürt eine heiße Freude und Erleichterung, als sie Jakobs hohe Gestalt auf dem oberen Stiegenabsatz erkennt.

Das dunkelhaarige Mädchen, Angie, hat sich umgedreht und starrt Jakob verblüfft an.

„Echt, Mann? Solche Landtussis? Sind wohl von da wo du dich immer hinkriechst? Mann, Hammer! Solche Landtussis, Bauerntussis, Mann Jakob, ehrlich!“

Sie will sich übrtrieben vor Lachen ausschütten, geht aber zurück und setzt sich auf die Stiegen unterhalb Jakobs. Der Junge folgt ihr und fummelt umständlich eine zerknüllte Zigarettenpackung aus seiner Hosentasche und bietet dem Mädchen eine an.

Beide betrachten Kylie und Tamara nun fasziniert.

Sie haben recht, denkt Tammi, wir sehen wirklich aus, wie die Aliens, hier, Kylie in ihrem ganzen rosa Outfit und ich in meinen braven Jeans. Und Jakob, tatsächlich Jakob, der nun die Stufen herunterkommt und auf sie zugeht.

Verblüffung zeigt sich auf seinen Zügen:

„Tammi, Kylie, was macht ihr denn hier?“
„Äh, wir,… „ stammelt Tammi, „…wir wollen dich in Berlin besuchen. Bisschen Hauptstadtflair und so. War so eine spontane Idee.“ Sie senkt den Blick und spürt, wie ihre Wangen vor Verlegenheit glühen.

„Ja,“ setzt Kylie hinzu,“ war spontan und haut uns echt aus den Socken. Ist ja echt ne tolle Absteige, die du hier hast. Echt vornehm und so.“ Sie grinst Jakob an.

Jakob wird rot.

„Lass uns reden,“ sagt er halblaut. „Kommt, mit hoch, bitte, und lasst uns reden“

Er nimmt Tamaras Arm und schiebt sie die Treppen hinauf, dem Hausflur entgegen. Angie und der Junge neben ihr rutschen zur Seite und machen ihnen Platz. Sie sehen ihnen neugierig und ohne ein weiteres Wort nach.

Im Hausflur empfängt sie kalte, abgestande Luft, der Geruch nach altem Zigarettenrauch, verdorbenem Essen und nach etwas anderem, schmutzigem, alten, unangenehmem.
„Zweiter Stock,“ murmelt Jakob,, „Wir müssen die Treppe nehmen, Aufzug ist kaputt“
Wahrscheinlich ein Segen, denkt Tamara, als sie sich an einem zerbeulten Kinderwagen und dem Wrack eines Fahrrades vorbeidrücken, um zum Treppenaufgang zu gelangen. In den Ecken stinkt es nach Urin.

„Mann, Jakob,“ entfährt es ihr, „das ist echt, oder? Das ist echt, wo deine Schwester wohnt. Ich glaub es nicht!“

„Doch,“ sagt er leise“ das ist echt. Es gibt Menschen, die so wohnen, glaube es oder nicht.“ Seine Stimme hat eine Schärfe angenommen, die sie an ihm nicht kennt.

Sie kommen im zweiten Stock an. Jakob fingert einen Schlüssel aus der Tasche und schließt die Tür auf. Das Schloss war ausgewechselt worden, ein neues neben den Relikten des alten ausgebrochenen angeschraubt worden. Sie betreten einen dunklen Flur, in dem sich Kartons und Plastiktüten stapeln. In den Kartons Kleidungsstücke, hineingeworfen ungeordnet, Kinderkleider und Schuhe. Sie schieben sich an dem Sammelsurium vorbei und betreten ein Wohnzimmer durch eine Tür, deren Milchglasscheibe Sprünge aufweist. Im Raum herrscht diffuses graues, fast zähes Licht und es ist unnatürlich still, geräuschlos.

Ein schmutzig verkrusteter Teppich verschluckt ihre Schritte.

Auf einem zerwohnten Sofa vor einem großen Fernsehbildschirm der tonlos Bilder in den Raum wirft liegt eine dürre Frau und schläft. In feinen Fäden dringt Speichel aus ihren halboffenen Mund und läuft auf das schmutzige Polster unter ihr. In und neben einem Aschenbecher auf dem Boden an dem Sofa liegen unzählige Zigarettenstummel.

Neben dem Sofa steht ein Laufstall. Darin sieht ihnen ein etwa einjähriges Kind mit Jakobs prüfenden grauen Augen entgegen.

„Mein Schwester Bärbel,“ sagt Jakob und deute mit einer Geste auf die schlafende Frau:

„Und mein Neffe Henry. Henry ist taubstumm.“

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Ehrlichstett, Juli 2015

 

Sie sitzen vor dem Büro von Amtsleiter Udo Gammelhieb und schweigen. Corinne und Gerhard sind trüber Stimmung.

Der tägliche Ablauf im Schloss wird jeden Tag schwieriger. Nachdem Corinnes Dienstaufsichtsbeschwerde vom Landrat zurückgewiesen wurde, hat das Umweltamt seine ganze Macht gezeigt. Der Misthaufen war nun bereits das zweite Mal umgesetzt worden. Einmal musste er komplett geräumt werden und ein neuer Platz wurde gesucht, der den Vorgaben des Amtes entspreche. Dieser war sofort durch den Grafen oder seinen neuen Adlatus, diesen Bonsayh gemeldet worden, eine Amtsbesichtigung, und, schon wieder nicht genehm. Nun war ein dritter Aufbewahrungsort für den Pferdemist gemeinsam vom zwei Damen vom Amt und Gerhard ausgewählt worden, derselbe Weg, Anzeige durch den Grafen und seinen Bonsayh und ein weiteres Verbot, diesmal verbunden mit einer saftigen Geldstrafe.

Es war zum wahnsinnig werden.

Und sie waren wütend, sehr wütend.

Der Bauschutt war noch immer im Teich. Sämtliche Wasserpflanzen waren eingegangen oder unter Bauschutt verschwunden. Die Sommerhitze brachte das Wasser zum Glühen und durch den niedrigen Wasserspiegel hatten sich grünlicher Schlick und Algen gebildet, die den zuvor klaren Teich langsam in einen brackigen, übelriechenden Tümpel verwandelten. Erste tote Fische schwammen mit dem Bauch nach oben in der Brühe und werden vom Renfeld eilfertig entsorgt.

Es war eine solche Ungerechtigkeit.

Muss denn ein Umweltamt nicht auf solche Missstände sehen?

Wieso waren Sie ständig in der Schusslinie?

Warum hatten die die Macht und die Zeit und die Lust sich mit solchen Lappalien, wie einem Misthaufen aufzuhalten, wenn direkt daneben derartige Umweltverschmutzung, Umweltvernichtung stattfand?

Die Tür des Büros öffnet sich.

Im Rahmen steht nun ein Mann in mittleren Jahren, der sie mit traurigem Dackelblick ansieht:
„Frau Haalswor und Herr Schneider?“ Sein Dackelblick sieht sie fragend an.

Gerhard nickt.

„Ich muss Sie leider enttäuschen. Herr Gammelhieb kann die Verabredung nicht einhalten. Er musste zu einem wichtigen Außentermin. Sie müssen also mit mir vorliebnehmen.“ Sein Blick bittet um Verzeihung und sein Kopf ist bereits schützend zwischen die Schultern gezogen, als er Corinnes Augen wütend blitzen sieht.

„Das ist nicht wahr, oder…“ setzt sie an, wird aber von Gerhard unterbrochen:

“ Reg dich nicht auf. Er kann doch auch nichts dafür. Lass uns den Termin jetzt so wahrnehmen, mal sehen, was wir erreichen können.“ Er legt ihr beruhigend den Arm auf die Schulter, als sie aufstehen und den Büroraum hinter dem Dackelblick betreten.

Dackelblick setzt sich hinter den Schreibtisch und die beiden nehmen davor Platz.

„Mein Name ist Setzer. Ich bearbeite hier auch Müll und Entsorgung, bin also wahrscheinlich ohnehin ihr Ansprechpartner“ Er redet mit seiner Schreibtischunterlage, den Blick gesenkt und mit leiser Stimme.

Corinne holt schon Luft, wird aber wieder von Gerhard unterbrochen, der das Wort ergreift:
„Ja, Herr Setzer, Sie sind sicher informiert, warum wir hier sind.“
Dackelblick nickt: „Es sind eine Menge Anzeigen eingegangen,“ murmelt er. „Sie verklappen überall ihren Pferdemist“

Corinne macht eine jähe Bewegung, aber Gerhard stoppt sie erneut:
„Darüber hätten wir gerne Auskunft. Wer zeigt uns an und wie sind die Sachverhalte geschildert?“

„Dafür brauchen Sie einen Anwalt,“ Dackelblick Setzers Stimme wird noch leiser, fast schon ein Flüstern.“ Der kann für Sie Akteneinsicht nehmen. Ich bin nicht befugt, solche Informationen herauszugeben.“
„Nun gut. Aber bitte teilen Sie uns doch die konkreten Vorwürfe mit. Aus den Schreiben, die wir erhalten haben, gehen diese nicht hervor. Wir haben nur erfahren, dass wir den Pferdemist offenkundig nun auch im dritten mit Ihrem Amt besprochenen Versuch falsch lagern, aber niemand teilt uns mit, wie wir ihn richtig lagern können.“

Setzer hebt nun den Blick und sieht Gerhard an. Eine Spanne des Schweigens entsteht und dann hebt er mit erstaunlich fester Stimme an: „ Herr Schneider, tun Sie doch nicht so, als ob Sie nicht begriffen hätten,was hier geschieht. Ich kann ihnen nur einen guten Rat geben: Gehen Sie. Lösen Sie Ihren Verein auf und gehen Sie. Es ist völlig gleichgültig, was Sie von jetzt ab tun, es wird immer wieder etwas gefunden werden, das eine Genehmigung verhindert. Es ist bekannt hier im Amt dass das von oben kommt. Die werden suchen, immer weiter suchen bis sie etwas gefunden haben, Sie und Ihr Verein, Sie haben keine Chance.“
Sein Blick senkt sich wieder auf die Schreibtischunterlage und er atmet in einem lauten Seufzen aus.

„Gehen Sie,“ wiederholt er, “gehen sie, bevor der Schaden zu groß wird.“
Corinne hält es nun nicht mehr aus: „Aber das kann doch gar nicht sein. Das ist Korruption oder was weiß ich. Es gibt doch Gesetze, an die muss man sich halten. Das können die doch nicht einfach machen. Das ist ungerecht und ungesetzlich. Auf der einen Seite wird tonnenweise Bauschutt verklappt, der Teich kippt um, die Vegetation geht kaputt, die Fische sterben und die Mitarbeiter Ihres Umweltamtes gehen daran ungerührt vorbei und suchen unseren Misthaufen, um ihn zu verbieten.“
Setzer sieht Corinne langsam an: „Frau Haalswor, seien Sie doch nicht so naiv. Die Akten, was den Teich angeht sind sauber. Die Abfuhrbelege sind da…“

„Die sind gefälscht, es wurde nichts abgefahren.“ Corinnes Stimme wird immer lauter.

„Die Abfuhrbelege sind da,“ wiederholt Setzer, “ und damit ist die Sache abgeschlossen. Die Akte ist sauber, da kommen Sie nicht mehr ran. Sie könne mir hier zwanzig Fotos hinlegen, vom vergammelten Teich und toten Fischen und ich werde keine sehen. Ich werde Ihnen in die Augen sehen und sagen, – Frau Haalswor ich sehe keinen toten Fische -. Und die Gesetze,“ fügt er nach einer kurzen Pause an, „die Gesetze, auf die sich Sich hier so verlassen. Sehen sie sich die Gesetze doch an. Machen Sie sich die Mühe und gucken Sie mal rein in die Gesetze: Gerade die Umweltgesetze sind so geschrieben, dass sie jede Auslegung ermöglichen. Damit kann man alles verbieten und alles erlauben. Und Sie sind in den Fokus geraten, Pech gehabt und gut für unsere Statistik. Gehen Sie! Lösen sie auf! Wir werden Sie verbieten lassen, egal, was Sie tun. Die Gesetze, die geben das her.“
Corinne und Gerhard schwiegen betreten.

„Ich setze da Zimmermann dran,“ sagt Corinne schließlich, „das glaube ich einfach nicht. Ich setz da den Anwalt dran und wir klagen. Das kann doch nicht sein, das kann doch einfach nicht sein.“ Aber ihre Stimme hat an Kraft verloren, die ganze Wut ist Fassungslosigkeit gewichen.

„Gehen Sie,“ setzt Setzer leise hinzu: “Tun Sie sich selbst und uns allen den Gefallen, gehen Sie!“

„Glaub ich nicht. Wir geben nicht auf.“ Corinnes Stimme ist noch leiser geworden. Verhalten.

Dumpf schüttelt Setzer den Kopf. „Glauben Sie mir, da sind schon Größere drüber gestolpert, viel größere Betriebe, die wir dicht gemacht haben. Was haben Sie schon für Möglichkeiten?“

Er lässt die Frage unbeantwortet im Raum stehen.

Es bleibt nichts mehr zu sagen.

Erstmal nicht.

Langsam stehen Corinne und Gerhard auf.

Beide reichen Setzer die Hand über den Schreibtisch und verabschieden sich.

„Danke, „ sagt Gerhard leise, Corinne schwiegt nun.

Als sie den Raum verlassen wollen, klingelt Gerhards Handy.

„Gerhards, Corinne kommt schnell zurück,“ aufgeregt klingt Mandys Stimme schrill aus dem Gerät, so dass auch Corinne und Setzer ihre Worte hören können.
Gerhard wirft Setzer noch einen entschuldigenden Blick zu und sie verlassen den Raum.

Corinne schließt die Tür hinter ihnen.

„Mandy, beruhige dich,“ sagt Gerhard gerade, „Was ist den los?“ Gerhard telefoniert nun leiser mit Mandy, während sie auf den Aufzug warten, hinunterfahren und das Gebäude verlassen. Sie gehen über den Parkplatz und haben das Auto erreicht als Gerhard auflegt.

„Doreen Schmilzer“ sagt er lächelnd.

„Doreen, wer?“ Corinne sieht ihn verständnislos an.

„Liebe ist nur ein einzelnes Wort.“ Er summt eine Melodie vor sich hin und brummelt bruchstückhaft unverständlichen Text.

„Wie bitte?“ Corinne guckt noch immer verständnislos, inzwischen fast verwirrt.

Gerhard muss lachen:“ Ich vergesse immer, dass du ja ein Wessi bist. Doreen Schmilzer war etwa 18 als die Wende kam und ist kurz vorher mit einem Schlager hier relativ bekannt geworden: „Liebe ist nur ein einziges Wort“. Sie wurde dann zu Wendezeiten kurz gehypt als unverbrauchtes, natürliches Ossimädel mit Löckchen und Bluejeans Marke Ostbock, ist dann aber schnell in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Vor kurzem ist sie wieder aufgetaucht, blondiertes Plastikhaar, an Gewicht zugelegt, vor allem an bestimmten Stellen und hechelt nun durch die privaten Fernsehshows, ich weiß nicht, ob sie nicht auch im Dschungel schon Maden gekaut hat. Sie moderiert auch irgendeine Schlagersendung, im privaten Fernsehen, glaube ich.“
„Aha, so ein richtiger B-Promi also. Was ist mit ihr?“
„Sie steht bei uns auf dem Hof und will reiten lernen!“ Gerhards Grinsen verstärkt sich.

Irgendwo in Mitteldeutschland, Juli 2015

 

„Mann, der sieht ja völlig schräg aus! Wieso trägst du noch immer das verdreckte Ding?“

Tamara hat ihre dünne Jacke ausgezogen und an den Haken hinter sich gehängt und sitzt nun im ärmellosen Shirt Kylie auf den Polstern des Zugabteils gegenüber. In ihrer Halsbeuge baumelt der geschwärzte Kupferring.

„Weiß nicht,“ murmelt sie und senkt den Blick, „ ich habe mit Greta gesprochen. Das ist nicht schlimm, das wird von selbst wieder.“

Sie sitzen im Zug, tatsächlich im Zug nach Berlin. Ein Superbilligangebot der Bahn und ein alter, klappriger Bummelzug, der an jedem dicken Baum hält. Der Zug ist so alt, dass er noch keine Großraumabteile hat sondern die kleinen Sechssitzer mit den Schiebetüren, die sich pneumatisch schließen und knautschigen alten Kunststoffpolstern, auf denen Kylie in ihrem Minirock bestimmt klebenbleibt. Denn die Temperatur im Abteil ist zum Ersticken die Klimaanlage scheint nicht zu funktionieren und die Fenster lassen sich nicht öffnen.

Kylie verliert das Interesse an dem verfärbten Ring und summt eine kleine einfache Melodie vor sich hin, während sie anfängt in ihrer winzigen rosa Handtasche zu kramen. Tammi erkennt das Lied, das sie auch alle am Hof summen, ein richtiger Ohrwurm.

Tammi lässt ihre Gedanken schweifen. Sie freut sich.

Schnell war die Reise nach Berlin organisiert.

Wie zu erwarten war Corinne einverstanden gewesen. Sie hatte genug zu tun mit einer erneuten Strafanzeige und einem Schlagerstar, den keiner kennt und der sich anscheinend als neue Reitschülerin angemeldet hat. Eine Doreen Schmilzer, deren Namen Tammi noch nie gehört hat, anscheinend so eine abgehalfterte Singtante, was alle ganz aufgeregt macht. Nun gehe es aufwärts, jubeln Mandy und Gerhard, jetzt werde der Verein aufgewertet und gerate nun mal positiv in das Licht der Öffentlichkeit. Überhaupt Öffentlichkeit: Es war mal wieder ein Artikel über den Grafen und seine Verdienste in der Neuen Ostdeutschen Zeitung erschienen, bei der er keine Gelegenheit versäumt hatte, den Verein schlecht zu machen. Corinne und Gerhard finden es schlimm, dass die Zeitung noch nicht einmal nachfragt und um Stellungnahme bittet, sondern die Behauptungen des Klinsmanns einfach übernimmt.

Gleichzeitig war aber auch Rudi Heitmann, der ja jetzt für die HIER schreibt, am Hof gewesen und hatte Nicki, das winzige Fohlen von Elsa gesehen, das den Vereinsmitgliedern vor allem Desi auf Schritt und Tritt folgt. Nur wenig größer als die Hofkatzen geht Nicki Desi bis in die Vereinsräume nach, selbst bis vor die Toilettentür und hofft auf die Gabe ihres Fläschchens. Denn inzwischen nimmt der Winzling ein Babyfläschchen und wird immer noch rund um die Uhr von den Vereinsmitgliedern gefüttert. Man hatte sich schon so gewöhnt an den Anblick des außergewöhnlichen winzigen Pferdes, dass der Begeisterungsaufschrei von Rudi Heitmann ein bisschen verwunderte. Er wolle nun gleich mit einem Fotografen anrücken und Nicki in die HIER bringen; sie sei ein absoluter Star, Nicki lutschte derweilen an seinem Hosenbein herum und hinterließ einen feuchten Fleck mit dem der Reporter beseelt den Hof verließ. Das Sommerloch war gerettet.

„Hier!“ Kylie unterbricht ihre Gedanken und zieht triumphierend eine zerknüllte Zigarette aus ihrer Tasche.

„Willste auch?“

„Kylie, du kannst hier doch nicht rauchen!“ Tammi zeigt auf das Schild mit der durchgestrichenen Zigarette an der Glastür.

„Mir egall!“ Kylie zündet sich die Zigarette an und lehnt sich zurück, wobei sie einen tiefen Zug nimmt.

„Geil, „ seufzt sie „Is was drin. Willste wirklich nicht?“

„Kylie, Mann, hör auf damit. Wir kriegen hier nur Ärger und das muss doch echt nicht sein!“

Kylie öffnet erstaunt die Augen.“Mann Tammi, sei doch nicht so ein Weichei! Du bist schon etwas schräg, ist ja auch kein Wunder so wie die euch vorhaben, da am Schloss. Aber jetzt entspann dich mal, hier kommt keiner rein!“

„Ach, Kylie, ich hab mich so auf den Urlaub gefreut. Und jetzt geht das gleich los mit so einem Mist! Ich weiß nicht, ob das echt sein muss!“ Tammi ärgert sich, das ihr frustrierte Tränen in die Augen steigen.

„Hey, Tammi, hör doch auf hier kommt keiner rein. Wirst sehen!“

Plötzlich erwärmt sich der Ring um Tammis Hals.

Sie sieht Kylie misstrauisch an.

„Hast du…“ fragt sie, „ hast du was gemacht?“

„Wie, was gemacht,“ Kylie reißt gespielt unschuldig die Augen auf.

„Mein Ring wird heiß, du hast was mit Zauberei gemacht!“ Tamara sieht Kylie neugierig an.

Klyie grinst und nimmt einen weiteren Zug aus der Zigarette.“ Versuch mal rauszugehen!“

Tamara steht auf und schiebt die Glastüre auf, die sich mit einem schweren astmatischen Seufzen bewegt. Sie kann zur Tür gehen, aber keinen Schritt weiter. Sie versucht es erneut. Sie kann den Raum nicht verlassen.
Sie sieht Kylie überrascht an.“Was ist das?“

„Keine Ahnung, ich nenn es „Die Wand“: Es macht die Luft irgendwie zu. Man kann nicht durchgehen, aber man sieht es nicht. Es ist, wie eine Glasscheibe, aber ohne Glas!“

„Genial! Zeig mir, wie das geht.“

„Versuchs mal. Du musst dich konzentrieren darauf, dass du die Luft ganz zusammenschiebst und irgendwie dicht machst.“
„Woher weiß ich, ob es funktioniert?“

„Keine Ahnung, versuchs einfach. Bin ich ein Zauberlehrer oder was? Vielleicht sagt dir dein Ring, ob es geht. Mach mal, ich hab meine Wand weggemacht.“

Tatsächlich hat die Temperatur an Tammis Ring nachgelassen.

Sie schließt die Augen und stellt sich eine Wand aus Glas vor, die die Tür vom Abteil verriegelt. Sie hält den Atem an und konzentriert sich. Sie stellt sich schmale Bausteine vor von verdichteter Luft, die sie, wie einem Computerspiel aufeinanderschichtet, bis alles dicht ist. Ihr Ring erwärmt sich langsam.

Sie öffnet die Augen: „Versuch mal, ich glaub ich habs!“

Kylie steht auf und versucht, durch die Tür zu gehen. Es funktioniert nicht. Sie grinst breit „Hammer! Du bist echt Hammer. Hätt ich nicht gedacht! Du bist die einzige außer mir, die das kann. Irre, völlig irre!“ Sie hält ihr die ausgestreckte Handfläche entgegen und Tammi schlägt ein.

„Wie kriege ich es wieder weg?“
„Versuch es zusammenfallen zu lassen oder aufzulösen, geht beides!“

Tammi pustet in Gedanken die Wand weg und deutet Kylie noch einmal, zu versuchen, das Abteil zu verlassen. Problemlos kann Kylie auf den Gang treten.

Tammi grinst. „Coole Sache! Kannst du noch mehr?“
„Nö,“ Kylie ist wieder ins Abteil gekommen und hat sich Tammi gegenüber auf das Polster sinken lassen,“ nur die Stromstöße und die Wand. Du?

„Ach, hör auf. Ich kann doch nur, was du kannst. Und ich weiß viel weniger davon!“
Auf dem Gang klingen plötzlich erboste Stimmen.

„Mach die Kippe aus, schnell!“

„Nö, „ Kylie grinst, „ich hab noch ne Wand gemacht, vorne im Gang. Da kommt hier keiner hinter!“

Tamara grinst „Das ist echt nützlich, super! Da hat man endlich mal seine Ruhe. Aber mach sie dann auch lieber mal wieder weg, damit die hier nicht die Polizei rufen.“

Kylie drückt die Zigarette an der Schuhsohle aus und lässt denn Stummel in ihrer Handtasche verschwinden. Die Stimmen verstummen und heben wieder an. Langsam kommen sie näher. Tamara und Kylie sehen zwei Frauen mit schweren Taschen den Gang entlang laufen und sich erregt unterhalten.
Sie grinsen sich verschwörerisch an. Ja, es gibt tatsächlich Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich manch einer nicht erklären kann.