Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 04

 

Sie sind nun alle fort, denkt er zufrieden. Meins, meins, endlich mein Schloss. Alles steht offen, alle Türen, die Wohnung der Schlampe, die Räume des Grafen, er setzt sich hierhin auf ein Sofa, öffnet dort einen Schrank, blättert in einem Buch, macht einen Wasserhahn an und wieder aus. Er schlendert durch das ganze Schloss und nimmt es auf in seinen Besitz, in seine Seele, in sich selbst. Sein Knie pocht und dröhnt vor Schmerz, auf dem Biedermeiersofa hinterlässt er eine blutige Schliere auf dem Polster. Er möchte so sitzen bleiben hier sein, seinen Besitz genießen, seine natürlichen Rechte, für immer hier, das verletzte Bein entlasten, sich ausruhen, aber es geht nicht. Denkt er, nein, er hat eine Mission, eine Aufgabe.

Die Stätte, die Stätte des Unheils muss gereinigt werden, der Fluch muss erfüllt werden, um sich von ihm zu befreien.

Dies ist klar und liegt klar vor ihm.
Kaum noch trägt ihn sein Knie, als er seiner Aufgabe entgegen tappt.

Dorthin geht, sich schleppt sich, hinkt er, zu dem Ort an dem es geschah, zu dem Ort, der gereinigt werden muss, damit er frei ist.

Frei und voller Macht, endlich.

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Ehrlichstett, 2017, 16 Uhr 42

 

Desi und Dieter sind auf der Nordkoppel, bei den Jungpferden. Sie flicken den Zaun und wollen danach gleich nach Hause fahren. Lang genug der Tag. Nein, sie haben Henry und Hund nicht gesehen.

Corinne geht nicht ans Telefon.

Als sie zu Greta hochlaufen öffnet die nach einer gefühlten Ewigkeit die Tür. Ihr Blick ist fahrig und unstet und sie weicht sofort zurück in den Hausgang.

„Scheiße,“ murmelt Tammi, „sie hat einen Anfall!“

Jakob sieht sie fragend an.

“Sie hat Agoraphobie, sie kann nicht raus. Das ist ein Anfall,“ wiederholt Tammi leise, als sie die Tür mit Druck aufschiebt und schnell ins Haus schlüpft.

Jakob springt hinterher und zieht die Haustür zu.

Der Flur liegt im Dunkel und sie gehen Greta nach, die bis ins Wohnzimmer zurückgewichen ist. Hier sind die Fenster verhängt und nur in der Ecke glimmt eine kleine Lampe. Greta liegt nun schwer atmend auf der Couch, ein Schweißfilm auf ihrer Stirn.
„Greta“ drängt Tammi ungeduldig „wir suchen Henry, hast du ihn gesehen? Und Hund?“

Greta holt hörbar tief Atem und schüttelt den Kopf. Sie holt erneut gurgelnd Luft und stammelt unverständliche Silben vor sich hin.

„Greta!“ Tammi wird lauter und greift nach ihrer Schulter „Greta hör mir zu!“
„Tammi, lass es,“ Jakob zieht sie zurück. „Du siehst doch, dass sie kaum bei sich ist. Sie kann uns nicht helfen!“
„Der Tag ist da!“ Kommt plötzlich Gretas Stimme hohl und brüchig, aber klar verständlich „Der Tag der Weltenweiche, der Tag des Meisters, der Meister ist da, der Meister ist hier und seine Kraft kommt zur vollen Blüte!“ Ihre blassen Augen weiten sich und starren auf die Wand hinter Tamara und ein verzücktes Lächeln legt sich auf ihre Züge.

Tamara ist versucht, sich umzudrehen, weiß aber, dass da nichts zu sehen ist.

„Greta verdammt,“ schreit sie nun. “Lass diesen Scheiß! Henry ist weg! Wir suchen Henry!“

Jakob greift wieder nach ihrem Arm und will sie zurückziehen, als Gretas Stimme erneut ansetzt, klar diesmal und deutlich, dröhnend und getragen, der Blick noch immer starr auf die Wand hinter Tamara gerichtet.

„Die Flammen reinigen die Stätte.“ Sagt sie „Die Flammen reinigen die Stätte und der Fluch erlischt. Der Rabenstein, der Stein des Meisters öffnet sich und seine Kraft dringt ungehindert hervor, die Stunde des Meisters ist da und die Weltenuhr wird auf Null gestellt. Die Kraft des Meisters reinigt und erneuert und der reinen Herzens ist rettet und verbindet die Welt von gestern und von morgen. Die Zeitenwende ist da und die Kraft des Meisters ist mit Euch!“

Ihre Stimme erstirbt und ihre Augen schließen sich. Ihr Kopf sackt zurück in die Polster.

Eine Moment verblüffter Stille entsteht, in dem Tamara sich jedoch in Jakobs Griff stemmt, um zu Greta zu gelangen.

Plötzlich ertönt ein Kratzen von der Tür, ein Kratzen und ein hohes Winseln.

„Hund!“

Tamara und Jakob stürzen gleichzeitig den Flur hinunter und reißen die Haustür auf. Der kleine schwarze Hund springt an Tamara hoch. Hund, Hund ist da! Aber keine Spur von Henry.

Der kleine Hund springt die wenigen Stiegen an der Haustür hinab und läuft die Einfahrt hinunter. Er bleibt stehen und sieht sich um, sieht sie an, kommt zurück, springt Tammi an und wieder die Stiegen hinunter, hoch und wieder runter.

„Das ist wie bei Lassie!“ Sagt Jakob“ der will uns was zeigen! Wetten?“

„Klar, Lassie! Du spinnst,“ sagt Tammi, aber sie gehen los.

Beide gehen sie los, sie gehen.

Sie laufen, sie rennen, Hund hinterher, der ihnen unbeirrbar den Weg weist.

Ehrlichstett, 2017, 16 Uhr 33

 

Er war erst im Stall. Der Abend senkt sich wie eine graue Decke über das Schloss. Er überlegt noch, diesen Prachthengst vielleicht laufen zu lassen.

Während er noch nachdenkt sieht er die Künstlerschlampe aus dem Schloss laufen, zack, zum Auto rein, Rückwärtsgang und raus aus dem Gelände. Diese widerliche Schlampe, alles, hat sie zerstört, alles, was er hatte, alles, was seins ist.

Vielleicht doch den Hengst laufenlassen, Schlosstor ist offen, der geht auf die Straße und – batsch – platt, das Prachtstück. Dieses Prachtstück, ihr ganzer Stolz. Das würde sie zur Vernunft bringen, das würde ihr Angst machen. Das würde der Schlampe zeigen, dass nicht alles geht, dass sie nicht alles machen kann und hier schon gar nicht. Das würde ihm Genugtuung verleihen, denkt er, als er sich der Box nähert. Das Riesenvieh steckt seinen Kopf durch das Fenster im Gitter und sieht ihn an.

Er wird abgelenkt.

Der Bengel kommt auf Gelände gefahren in seinem schicken kleinen Auto. Fährt da auf den Parkplatz, als ob ihm das Schloss gehörte, kommt da erst ewig nicht aus dem Auto, dann doch und latscht dann zum Schloss. Wie ein alter Mann, denkt er zufrieden. Den hat es schon fast erwischt. Die junge Schlampe, die macht den fertig.

Er grinst zufrieden.

Plötzlich ein Fiepen. Suchend sieht er sich um. Das Riesenvieh sieht ihn noch immer an, aus dem Fenster raus.

Der Bengel kommt aus dem Schloss gerannt und verschwindet, Eiltempo, Richtung Gartenhaus.

Das Riesenvieh fängt an, mit dem Huf vor die Boxenwand zu treten. Der Knall erschreckt ihn zu Tode, fast wäre er gestürzt, als sein verwundetes Knie den Schock nicht auffangen kann. Er fängt sich an der Wand ab und schlägt dem Vieh die Faust ins Gesicht. Der erschrockene Blick!

Fast hätte er laut aufgelacht. Er muss gleich nochmal zuschlagen, so geil ist das. Das Vieh zieht den Kopf zurück in die Box und hört auf, mit dem Huf zu schlagen. Da hört er wieder das Wimmern. Er tastet sich an die Box heran und sieht durch das Fenster. Ein Kratzen, ein Rascheln. Die haben kein Licht mehr im Stall, der Graf hat denn Strom abstellen lassen.

Im Halbdunkel erkennt er nur unscharf den ekelhaften kleinen Hund von der jungen Schlampe, der da auf und abspringt in der Box von dem Riesenvieh.

Wieso sperren die ihren Hund ein, grübelt er. Was haben die vor, dass die den Hund einsperren? Tritt so ein Riesenvieh den kleinen Hund nicht tot? Wollen den wohl loswerden? Wollen wahrscheinlich ihre Ruhe haben, denkt er und ein verstehendes schmieriges Grinsen legt sich auf seine Züge. Na die Suppe, die kann ich euch versalzen, denkt er, als er die Box einen Spalt aufschiebt. Der kleine Hund zischt durch, schneller als eine Rakete und rast aus dem Stall. Das Riesenvieh sieht ihn mit große Augen an und weicht zurück. Hat wohl Angst noch eine abzukriegen, auf die Zwölf.

Grinsend schiebt er die Box wieder zu.

Ehrlichstett, 2017, 16 Uhr 21

 

Langsam wendet Jakob das Auto von der Hauptstraße ab und biegt auf den Schlosshof ein.

Wie sich alles verändert hat denkt er. Wie lähmend, das Gefühl, hier auf den Hof zu fahren, den Wagen abzustellen, den Schlüssel abzuziehen, auszusteigen.

Er fühlt sich schwer, fast wie krank, unwohl, dumpf, verloren. Was früher wilde Freude auf Tammi, auf die fröhliche Stimmung, den See, ja sogar die Pferde war, ist jetzt nur einfach deprimierend, lähmend, zäh, wie Gummi. Was ist nur geschehen? Wann hat sich alles so verändert? Und warum konnte er es nicht aufhalten?

Er müht sich, aus dem Auto auszusteigen, irgendwie alles grau und hoffnungslos. Selbst die nervigen Raben, mit ihrem unstillbaren rauen Gekrächze, selbst die sind verschwunden oder nur einfach still, sonderbarerweise.

Es ist, als ob selbst das Schloss sich verändert hat, durch den verlorenen Prozess, die verlorene Hoffnung auf ein Errichten der heilen Welt in Ehrlichstett. Es sitzt grau und schwer, wie ein lauernder Hund vor ihm und scheint ihn mit kranken trüben Augen anzustieren.

Langsam geht er auf das Schloss zu. Wo sie wohl sind? Es ist später Nachmittag, Tammi wird mit Henry wohl drin sein. Sonst wäre auch Hund draußen, der kleine Wirbelwind, der als einziger die gute Laune nicht verloren zu haben scheint.

Er betritt den Schloss und schiebt die schwere Holztür auf, geht das gewundene Treppenhaus hinauf. Es scheint immer dunkler zu werden, der blasse Frühlingstag scheint vorzeitig in eine graue Nacht zu verschwinden.
„Tammi! Henry!“ Ruft er, als er die Wohnung betritt. Komisch, die Wohnung offen und keiner da. Keine Reaktion, keine kleinen kratzenden Trittchen von Hund, kein Gegurgel, Getapse von Henry. Er fühlt sich eigenartig. Fremd, sonderbar. Wann war er das letzte Mal hier? Die Wohnung scheint ihn abzuweisen, wie tot und leer, wie lange verlassen, ihn anzuklagen – wo warst du? Wann warst du hier?

Wo sind sie?

Suchend läuft er durch die Räume, eine zähe Erinnerung verfolgt ihn, Angst, er zieht sein Handy aus der Hosentasche und tippt Tammis Nummer.

„Tammi?“ Wegen des schlechten Empfangs knistert Tammis Stimme aus dem Lautsprecher, Wortbrocken, Wortfetzen. Abgehackt, verzerrt.

Ist das überhaupt Tammi? Es klingt als würde jemand schluchzen: Was ist da los, verdammt?
„Tammi?“ Er brüllt nun, aber das verbessert den Empfang nicht.

“Wo bist du?“ Laut, sehr laut. Die leere Wohnung hallt und dröhnt, spiegelt seine Stimme, wirft sie zurück, spielt mit ihr. Dazwischen Geknister, Geraschel, keine verständlichen Worte. Gartenhaus? „Im Gartenhaus?“ brüllt er und rennt gleichzeitig los.

Er stürzt die Stiegen hinab. Das Handy gibt einen Pfeifton von sich, der anzeigt, dass der Empfang nun völlig zusammengebrochen ist. Er rennt aus dem Schloss, jagt um das Gebäude, hinten herum, hinaus zum Gartenhaus.

Da ist sie – Tammi!
Sie kommt ihm entgegen. Ihr Haar ist ganz zerrauft und voller Blätter und Spinnweben, das ist das erste, was ihm auffällt und ihr Gesicht, tränenverschmiert, ihre Augen, ihr Blick, verschwommen, jähe Verzweiflung!
„Tammi! Was ist los?“
„Ich kann Henry nicht finden,“ schluchzt sie, “Henry ist weg. Und Hund!“

Sie fällt ihm in die Arme, umklammert ihn, schluchzt hilflos. „Ich war schon überall, ich suche schon seit gefühlt Stunden. Ich rufe und schreie rum aber er kann ja nicht antworten, aber auch Hund, ich weiß nicht, wo sie sind.“

Die Schluchzer lassen ihren schmalen Körper erbeben, aber er muss sich zusammenreißen um sie nicht zu schütteln und zu drängen.

Verdammte, verdammte Scheiße! Was einem kleinen Jungen hier alles passieren kann, auf diesem Gelände und die Leute, denkt er, die Leute die hier herumschleichen.

Und – hätte sie nicht besser aufpassen können? Denkt er.

Er schluckt seine Wut herunter. Beschuldigungen helfen auch keinem, er ringt um Fassung.

„Wo hast du überall gesucht? Und, wer ist noch hier? Wer könnte sie gesehen haben?“
„Keine Ahnung. Überall, ich war überall, ich weiß nicht!“
„Tammi!“ Energisch hält er sie von sich und sieht ihr in die Augen. „Tammi,“ wiederholt er bemüht ruhig. „Reiß dich jetzt zusammen! Wir müssen sie finden! Also sag mir..!“
„Verdammt!“ Schreit sie ihn an, „meinst du das weiß ich nicht. Und ich weiß auch, dass ich Schuld bin. Ich hätte aufpassen sollen, denkst du das weiß ich nicht?“
Wut lodert in ihren Augen auf.

„Tammi, reiß dich jetzt verdammt noch mal zusammen, wir müssen logisch denken, sonst wird das nichts. Wo hast du sie das letzte Mal gesehen? Und wen könnten wir fragen? Wer ist da? Wen können wir anrufen? Wo sind Dieter und Desi? Ist Greta vielleicht da? Und dann die Behörden, die Polizei! Lass uns das Ganze logisch angehen, sonst wird das nichts!“

Tammi sieht ihn an und nickt.

Ehrlichstett, 2017, 16 Uhr 07

Mist, denkt Corinne, als sie hektisch ihre Handtasche packt. Beinahe hätte sie diesen Termin vergessen. Ein alberner Fototermin in einer Galerie in Halle mit anschließendem Umtrunk. Der Sammler, der einen ganzen Werkkomplex von ihr ankaufen möchte, möchte sich als Mäzen feiern lassen und hat einen Pressetermin anberaumt, bei dem die Werkreihe offiziell an ihn übergeben wird, mit Fotografen und Sektemfang und allem drum und dran. Und über dem ganzen Trubel der letzten Tagen hat sie es fast vergessen. Mist, verdammter!

Sie wirft sich ihren Mantel über und hastet die Stiegen herunter. Renfeld kommt ihr entgegen, wirrer Blick, wie immer. Wo er ist, ist auch Tamara nicht weit, denkt sie unwillig. Wäre aber nicht schlecht, sie sagt ihr noch Bescheid, damit sie weiß, dass sie jetzt weg fährt.

Aber von Tamara keine Spur, als sie das Schloss verlässt und auf den Parkplatz eilt. Mist, blöder! Sie kann doch nicht weit sein! Tammi hatte Henry da, über Nacht, ein Lächeln stiehlt sich auf Corinnes Züge, der Kleine hat jedermanns Herz erobert und sie freut sich, dass Tamara sich um ihn kümmert. Nichts bringt einen so auf andere Gedanken, wie ein lebhaftes Kleinkind, lächelt sie.

Sie schließt das Auto auf und steigt ein, sieht sich noch suchend um, als sie langsam am Stall vorbeifährt, aber keine Menschenseele zu sehen. Wo die nur alle sind? Ein ziemlich schmutziger Geländewagen steht im Tor und parkt die halbe Einfahrt zu. Stirnrunzelnd fährt sie vorsichtig an dem Fahrzeug vorüber. Zugemüllt, bis ins Letzte und dreckig, sogar drinnen. Was sind denn das für Leute, die mit so etwas herumfahren?

Ich schicke ihr eine SMS, denkt sie, wenn ich in der Galerie bin.

Suchend tastest sie in ihrer Handtasche nach dem Handy während sie langsam auf die Hauptstraße abbiegt.

Sie sucht und kramt herum, den Blick immer auf die Straße gerichtet und findet das Gerät nicht. Wenn es schiefgeht, dann gründlich, denkt sie ärgerlich. Wahrscheinlich habe ich das Handy auf dem Schreibtisch vergessen. Verdammt! Ein Blick auf die Uhr im Armaturenbrett zeigt ihr, dass keine Zeit ist, zurückzufahren und das Handy zu holen.

Ärgerlich fährt sie weiter.

Wenn dieser blöde Termin nicht so wichtig wäre, denkt sie, als sie das Fahrzeug auf der Landstraße beschleunigt.

Aber ich bin ja bald wieder zurück. Denkt sie noch. Wird ja wohl nicht ewig dauern.

Ehrlichstett, 2017

Harald Bonsayh stinkt. Selbst in der kühlen Luft kann er riechen, dass er stinkt.

Seit Tagen schon war er nicht im Wohnwagen. Er kann es nicht. Die Kleene, das Ganze, er kann dort nicht mehr hin. Seit Tagen schon lebt er im Auto. Letzte Nacht ist er losgefahren auf der Suche nach Darya, aber sie war nicht auf dem Straßenstrich. Nichts hätte er von ihr gewollt, gar nichts. Nur vielleicht bei ihr mal duschen und eine Mütze Schlaf. In einem richtigen Bett. Und eine Frau in der Nähe. Sie hätte auch nichts tun müssen. Gar nichts. Bezahlt hätte er, natürlich.

Ein trockener Schluchzer klingt rau in seiner Kehle.

Er fährt nach Haus. Zu sich nach Hause. Zu Sylvia in sein Haus und ihr Haus.
Es ist Mittag, heller Tag. Sylvia ist nicht da. Aber er hat Sehnsucht. Sehnsucht nach Zuhause, nach seinem Haus, seinem Garten, seinem Leben. Wie es mal war.

Er parkt den Wagen vor dem Haus und stiegt aus. Hell und freundlich leuchtet das Haus in der Frühlingssonne, so sauber, so adrett, so wundervoll. Ruhig, wundervoll.
Er schluckt das Schluchzen herunter und geht um das Haus nach hinten. Sein Gartenschuppen, seine Werkstatt. Vielleicht kann er da wohnen, bis Sylvia ihn wieder aufnimmt. Muss sie, sollte sie. Immerhin sind sie noch verheiratet und er will sie zurück. Dringend. Wichtig. Seine Sylvia.

Die Tür vom Schuppen steht halb offen.

Er runzelt die Stirn und spürt, wie heiße Wut sich in ihm aufbaut. Wer ist da drin? Wer um alles in der Welt macht sich an seinen Sachen zu schaffen, wenn er nicht da ist? Er beschleunigt seinen Schritt und geht näher. Er reißt die Tür auf und das blasse Frühlingslicht fällt in den kleinen staubigen Raum und beleuchtet…

Seine Wut verraucht und er lächelt.

Vertrauenerweckend, fest und sicher das Mädchen an, das ihn mit schreckgeweiteten Augen ansieht, als er langsam näher kommt.

Vertrauenerweckend langsam, wie einem scheuen Tier, nähert er sich.

„Ich wollte nur. Ich wollte nicht…“ stammelt die Kleine und ein Lichtstrahl bringt das glänzende Goldhaar zum Leuchten.

„Kein Problem,“ warum nur klingt seine Stimme so rau?

Wie lange ist es her, das er geredet hat, mit irgendeinem Menschen? Er räuspert sich und versucht es erneut:“ Kein Problem…“ rau, hechelnd.

Er streckt die Hand nach Michelle aus, in der Hoffnung sie zu beruhigen, als sie zurückweicht ins Dunkel des Raums.

Als er näher kommt.

„Bleib doch,“ hört er sich, mit dieser heiseren Stimme reden „Ist doch kein Problem. Bleib doch stehen! Ich tue dir nichts. Du darfst hier sein. Ich will dich nur anfassen, ein wenig streicheln. Dein Haar vielleicht. Ich tue dir nichts, du musst nicht…“

Plötzlich macht das Mädchen eine jähe Bewegung, ein stechender Schmerz in seinem Knie, ein bohrender, grausamer Schmerz. Er stürzt zu Boden und sieht ungläubig, dass in seinem Knie ein Holzstück steckt. Michelle hat hinter sich gegriffen und eine Latte gepackt, diese mit aller Kraft gegen ihn geschwungen. Ein herausstehender Nagel hat sich in sein Knie gebohrt. Er schreit auf. Aus dem Schwung der Bewegung ist die Kleine über ihn gesprungen und aus dem Schuppen geflüchtet, losgerannt über die Wiese.

Der Schmerz nimmt ihm den Atem. Gurgelnde Laute kommen über seine Lippen, als er sich herumdreht und sich die Latte aus dem Bein reißt, Blut schießt hervor. Der Schmerz ist unmenschlich. Er wälzt sich herum. Staub bleibt auf seinen Kleidern hängen, als er sich an die Werkbank heranrobbt. Trüb und rot steht es vor seinen Augen, als er sich hochzieht.

Es geht. Er ringt einen Schwindel nieder.

Er weiß, was er tun muss.

Er weiß, was er tun muss, um sein Leben wiederzubekommen.

Sylvia, sein Heim, Michelle und ein wenig Frieden.

Frieden.

Die Geister, die sollen verschwinden und ihm sein Leben wiedergeben. Ins Schloss muss er, dorthin an den Ort, an dem Gabriel starb. Gabriel, dessen Tod sein Leben vergiftet hat, sein Leben genommen hat.

Gabriel, diese Schwuchtel, sein missratener Sohn. Ausgemerzt, beendet, vernichtet muss er werden, der ihn über den Tod hinaus verfolgt.

Dort hat es begonnen und dort wird er es beenden.

Den Fluch. Das Unglück. Er hat es immer gewusst, dass dort der Ort ist, der das Schicksal bestimmt.

Schwankend, mit schleifenden Schritten verlässt er den Schuppen.

Ehrlichstett, April 2017

Sie hatten Sex gehabt. Es hatte ihm gefallen – zumindest bis es vorbei war. Hinterher hatte ihn eine merkwürdige Lethargie erfasst und er hatte sich weniger entspannt, als vielmehr gefangen gefühlt.

Danach hatte sie ihn hier liegen lassen.

Nachdem er mühsam seinen Reißverschluss hochgezogen hatte, gab er sich endlich der Erschöpfung hin ohne sich um den Umstand zu kümmern, dass es zu kalt war und dass es am helllichten Tag nicht sonderlich schlau war hier herumzuliegen und zu schlafen.

Der Traum, den er gehabt hatte, war grauenhaft gewesen und jetzt, im trüben Licht des Tages reißt er unwillkürlich den Kopf herum, um sich zu vergewissern, dass niemand hinter ihm ist.

Mein Gott, dieser Alptraum! Er war mit einem verwesenden Ungeheuer zusammen gewesen, das irgendwie….und auch nicht… im Traum hatte er mit ihr eine Vereinbarung getroffen. Aber er kann sich nicht erinnern, was er im Austausch für das, was er geben muss, bekommen sollte.
Tamara … es hatte irgendwie mit Tammi zu tun.

Plötzlich taucht Tammis kleiner alberner Hund auf, schnüffelnd aus dem Gebüsch.

Ist vor ihm stehen geblieben und hat ihn angesehen, mit seinen komischen hellen Augen und einem erregten Zittern in seiner blanken Nase. Wie von selbst schnellt seine Hand nach vorne und packt den Hund. Es ist ihm aufgefallen, dass er viel schneller ist als vorher, und hundertmal stärker. Stärker und konzentrierter. Er hat den Hund hochgehoben und herumgezogen, wiegt ja nichts der kleine Kerl, er will…, er hat gespürt…, der Hund sieht ihn an mit diesen alten Augen, er winselt nicht, er schnappt nicht, mit seinen albernen kleinen Zähnen, er guckt nur, das scheußliche Vieh.

Und in dem Moment ist ihm alles wieder eingefallen.

Als er aufsteht, empfindet er gleichzeitig eine drückende Last und ein Hochgefühl.

Hol ihn dir, sagt eine Stimme in seinem Kopf.

Er muss los.

Beeil dich.

Abgesehen von diesem Gedanken ist sein Kopf leer. Trotz der eigenartigen Kraft in seinem Inneren fühlt er sich, wie festgefahren, ein Motor im Leerlauf, er kann nichts, als geradeaus zu starren und los zu laufen.

Ganz weit hinten in seinem Kopf beunruhigt ihn, dass er sich keine Sorgen macht, um das was kommen wird, das was er tun wird.

Geh los!

Mach es!
Die Aufforderung klingt in seinem Kopf deutlicher als eine Glocke im hellen Morgengrauen.

Mach dir keine Sorgen! Geh ins Schloss.

Und werde dieses hässliche kleine Vieh los. Vorher!

Langsam geht er los.

Ehrlichstett, April 2017

 

Langsam geht Tamara auf die grüne Holztür von Libertas Haus zu. Raben hocken im Geäst der Linde und krächzen ihr tonloses Lied, einmal Krächzen, zweimal Krächzen dreimal, die Farben scheinen aus der Luft gesogen, jede Bewegung schwierig und zäh. Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Haus betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, etwas ist anders, sie ahnt, dass sich etwas verändert hat, sie weiß nicht, was kommen wird und sie hat Angst, eisige Angst, die sie zwingen möchte umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen. Sie nimmt allen Mut zusammen und öffnet die Tür – dahinter lodert ein glühendes Flammenmeer, Flammen schlagen brüllend hoch, – warum hat sie das Geräusch von außen nicht gehört? – fressen sich durch das brüchige, trockene Holz des Treppenhauses, der Boden mit den Mayolikakacheln strahlt eine übermenschliche Hitze aus, die sie zurückwirft. Ihre Mutter, ihre Mutter ist dort oben irgendwo, sie weiß es. Und sie weiß, dass sie sie retten muss. Sie muss darein, in die Flammen, die sie verbrennen werden, die sie verglüht haben werden, bevor sie das brennende Treppenhaus erreicht haben wird. Aber da, verdammt, was ist das?? Tamara kneift die Augen zusammen.Dort steht jemand, auf den Stiegen, mitten in den Flammen, ein Mensch, er bewegt sich, verdammt ein lebendiger Mensch – oh mein Gott, er wird verbrennen „Tamara….“ruft eine Stimme aus den Flammen. Es ist Devon, sie hört seine Stimme, sie sieht ihn deutlich. Er steht in den Flammen und seine blauen Augen leuchten. Sein Blick sucht den ihren. Sie geht ihm langsam entgegen. Durch die Flammen, sie spürt, sie wie die sie berühren, fast streicheln, sie kommt näher, Devon lächelt und streckt ihr die Hand entgegen. Sie sieht ihn an und seine Züge verzerren sich, verändern sich und es ist Jakob, plötzlich der die Hand nach ihr ausstreckt, ihr gegenübersteht, nach ihr greift.

Sie spürt den Ring um ihren Hals, der glüht und lodert, ein heißer Fleck, wie Glut, brennend und mit einem Mal dringt Jakobs Hand in ihren Brustkorb ein und ergreift ihr Herz und zieht es heraus.

Sie erinnert sich an ihre Mutter, die auch noch dort ist und die sie retten muss. Und sie spürt keinen Schmerz obwohl er ihr Herz hält.

Doch jetzt sieht sie etwas, das sie erstarren lässt.

Jakob legt ihr Herz in eine Schale. Und neben dieser Schale ist das abgrundtief Böse. Ein Monster von tödlicher Niedertracht. Reihen nadelspitzer gebleckter Zähne funkeln im Licht der brüllenden Flammen aus einem Rachen, der in die Hölle der ewigen Verdammnis führt.

Tammis Augen quellen heraus, ihr Kopf dröhnt, Schweiß dringt ihr aus allen Poren. Sie steht am Abgrund aller Dinge, sie weiß, was von ihr erwartet wird.

Sie weiß, was sie tun muss.

Sie hat vergessen.

Sie hat es vergessen.

Bitte, bitte lass es ihr wieder einfallen. Bitte!

Das Monster verändert seine Position und rutscht an das Herz auf der Schale heran und fährt mit seiner triefenden Zunge darüber.

Tammi sieht an sich herunter und entdeckt dass sie etwas in den Händen hält. Sie hebt die Arme und sieht, dass es Hund ist. Er liegt leblos in ihren Armen.

Entsetzt sieht sie Jakob an. Oder ist es Devon? Oder beide.

„Bitte hilft mir,“ flüstert sie und hält ihm Hund entgegen.

Gleißendes Licht flutet auf und die Flammen dröhnen.

„Die Aufgabe liegt vor dir. Nun beweise dich!“ dringt eine Stimme aus den Flammen, aus Jakob/Devon, aus ihrer Mutter.
Schweißgebadet öffnet Tammi die Augen. Das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Verwirrt sieht sie sich um und erkennt ihr Zimmer im Schloss, eine blasse dünne Frühlingssonne, die hereinscheint und den Raum erhellt.

Henry ist da. Im Kinderbettchen. Jakob hat ihn gestern gebracht, ob sie auf ihn aufpasst, er hat in der Frühe eine Vorlesung und seine Tante und sein Onkel sind verreist. Klar, kein Problem. Sie mag Henry. Er schläft mit leisen ruhigen Atemzügen.

Hund liegt unten auf ihrem Bett. Er hat die Augen geöffnet und sieht sie an.

„Hund,“ sagt sie leise.
Er nickt, denkt sie verwirrt. Er nickt ihr zu und legt sich dann seufzend zurück und schließt die Augen.

Langsam beruhigt sich Tammis Herzschlag.

Ein Alptraum.

Der Alptraum. Aber noch nie war er so deutlich und so nah. Noch nie ging das so weit. Was soll das bedeuten, grübelt sie. Sie sucht den Ring um ihren Hals mit den Fingern. Er ist noch da, schwarz und düster, aber nicht brennend und nur so warm wie ihre Haut. Ihre Fingerspitzen kribbeln, als sie an ihn berührt.

Verdammter Mist, denkt sie. Ob das alles wohl jemals ein Ende nimmt? Ob es sich beruhigt und ein ruhiges Ende nimmt?

Sie zweifelt.

Daran jedenfalls.