Der Rabe und die anderen wohnen nun im Wäldchen und wecken nachts den Hageren mit den Giraffenbeinen und dem gebückten Gang aus seinem unruhigen Schlaf. Die Anzugträger waren zurückgefahren, dahin, woher sie gekommen waren und hatten andere Anzugträger gesprochen, die wiederum andere und man hatte gesessen und gesprochen und der mit dem Einstecktuch hatte genickt und gelächelt und dann war Geld geflossen, viel Geld, eine Gesellschaft war gegründet worden und ein Verein abgewickelt und nun war im Gebälk der Ruine kein Unterkommen mehr für die vielen Raben. Es waren Menschen gekommen und hatten ein Gerüst gebaut und angefangen, das geborstene Dach zu decken. Der einzelne Rabe kann wohl dann und wann noch auf dem Turm noch sein Plätzchen beziehen, an dem er alles sehen kann, ohne wahrgenommen zu werden, so lange sich sein heiseres Krächzen unterdrücken läßt, aber die anderen, die waren ins Wäldchen gezogen und führten nun dort ihre lautstarke Unterhaltung. Als die Blätter von den Bäumen geweht worden waren, sah man sie deutlich, die schwarzen glatten Körper zwischen den Bäumen. Der Hagere hat sich im Gartenhaus eingerichtet, tags auf der Baustelle unermüdlich und nachts, frierend, in den kleinen Räumen vor einem Elektroofen, er hatte einen Satellitenempfänger auf dem Dach angeschlossenen und ein kleines Fernsehgerät installiert. Die Räume karg, ein paar Sperrmüllmöbel, ein abgenutzter Teppich, sein Blick starr auf den kleinen Bildschirm gerichtet.

Advertisements

Grömlitz 1943

„Windgraf, er soll Windgraf heißen,“ zärtlich reibt Liberta über das noch feuchte Fell des gerade geborenen Hengstfohlens, reinster Trakehner Abstammung. „Aber…“ versucht Arnold Brückner einen Einwurf. Sei bloß still, sagt ihr Blick, sei bloß still und ruiniere nicht diesen Moment.

Das langbeinige Tierchen hält sich zitternd auf den noch wackligen Beinen.

„Das ist egal“, sagt sie über die Schulter „man kann dieselben Namen mehrfach verwenden. Wäre nicht das erste Mal, in berühmten Zuchten gibt es oft die gleichen Namen.“ Brückner schweigt bedrückt. Liberta war schon immer eine Frau, die ihren eigenen Kopf hatte, aber was das bedeutet hat er erst erfahren, als er sie geheiratet hatten. Beide großen Höfe nun zusammengeschlossen, ergab dies für das junge Paar einen ungeheuren Besitz, aber auch ein ungeheure Verantwortung. Liberta, die Erbin, des eigentlich kleineren Gutes hatte von Anfang an gewusst, diese Verantwortung zu tragen. Die ernste, fast harte junge Frau, hatte ihrem Mann die Führung des Betriebes aus der Hand genommen, beide Güter zu einem enorm erfolgreichen Betrieb geführt, der ihm und den bei ihnen beschäftigten Männern sogar bis jetzt den Kriegsdienst erspart hatte, da das Gut als kriegswichtiger Betrieb geführt wurde. Letzte Woche jedoch war die Einberufung gekommen, nach und nach waren bereits einige Männer eingezogen worden und nun auch Arnold. Nur gut, dass Liberta die Geschäfte führt, war sein erster Gedanke, als er den Umschlag geöffnet hatte, um sie und die Kinder brauche ich mir keine Sorgen zu machen – eine Gedanke, der beruhigend sein sollte, aber auch von Scham erfüllt war. Fast sehnte er sich nach dem Schlachtfeld, fast freute er sich auf eine Möglichkeit, sich endlich zu beweisen.

Vier Söhne hatte sie ihm zur Welt gebracht, Liberta, die Starke, es schien nichts zu geben, das sie erschüttern konnte. Mit eisernen Hand führte sie das riesige Gut nichts entging ihren unbestechlichen Augen und jährlich steigen die Gewinne, Brückners waren reich, richtig reich.
Jagdpferde zu halten und zu reiten, dafür war ihre eigentlich nicht die Zeit geblieben und die Leidenschaft ihrer Kindheit und Jungmädchenzeit war nach dem Tode des ersten Windgraf ins Hintertreffen geraten. Vergangenes Jahr jedoch hatte sie eine der reinrassigen Stuten einem Hengst zugeführt und diese hatte gerade ein wundervolles Hengstfohlen geboren, braun, wie die Erde, mit großen blanken Augen voller Vertrauen in die Welt, in die es hineinboren war. Liberta schien ihr Gefühl plötzlich übermächtig, die Nähe zu dem neugeborenen Geschöpf, die zugleich auch eine Trauer war über die verlorene Kindheit. Ihr harter Panzer bekam einen Riss und durch diesen durfte Windgraf eintreten, ihr neues Pferd.

Grömlitz Herbst 2012

Schluchzend zieht Mandy die Luft hoch. Wie ein kleines Mädchen sieht sie aus, die blonden Locken verwirrt, feuchte Spuren auf den Wangen, in den Augen einen Blick schierer Fassungslosigkeit. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie schlimm, das war. Es war so demütigend, erniedrigend“. Gerhard, der neben ihr in Corinnes Wohnküche sitzt, legt tröstend einen Arm um ihre Schultern. selbst, er , der sonst so unerschütterliche, zeigt Fassungslosigkeit, gemischt mit Wut auf seinen Zügen. „Es ist unfassbar, was bilden die sich ein? Da werden wir schon noch etwas unternehmen, das kann nicht sein. So dürfen sie auch Mandy nicht behandeln. was sie alles für die Feuerwehr getan hat. Ohne sie gäbe es gar keine Kinderfeuerwehr Und das Sommerfest, das hat sie ganz alleine organisiert. und die Altpapiersammlung, die das Fest finanziert hat, alles ihre Idee.“ Corinne blickt ihn verblüfft an. In der ganzen Empörung, dem Unglauben und der Wut muss sie doch innerlich schmunzeln. So viel hat sie den sonst so Wortkargen noch nie reden gehört. Es musste ganz schlimm gewesen sein, eine entsetzliche Blamage für Mandy und Gerhard, inszeniert und vorbereitet von Maik Gummel, dem Wehrleiter der Grömlitzer Feuerwehr. Seine Rache auf Mandys Ablehnung war spät gekommen, aber gründlich.
Seit dem Sommer war Mandy schon in der Feuerwehr engagiert gewesen und hatte dort mit viel Einsatz und überaus erfolgreich eine Kindergruppe aufgebaut, die, so fand Corinne, die Feuerwehr überhaupt erst im Ort präsent gemacht hatte. Die Kinder zogen hinter Mandys fröhlicher Gestalt nun jeden Freitag durch den Ort und sammelten Altpapier, das versilbert wurde. Von dem Erlös hatte Mandy vor ein paar Wochen auf der Dorfwiese ein lustiges Kinderfest organisiert, mit unterhaltsamen Mitmachspielen, einem Kuchenstand und Getränken für Groß und Klein. Der ganze Ort war da gewesen und hatte die Initiatorin gefeiert und gelobt Und nun dies: Gerhard hatte, um die Arbeit seiner Frau zu unterstützen und zu fördern ebenfalls einen Antrag auf Mitgliedschaft bei der Feuerwehr gestellt. Normalerweise eine Formalie, denn jeder Grömlitzer war bei der Feuerwehr als Mitglied gerne gesehen. Nicht so heute. Zur Versammlung, bei der über Gerhard Mitgliedsantrag entschieden wurde, war die gesamte Feuerwehr anwesen. Zu ihrer Überraschung standen also Mandy und Gerhard bei ihrem Erscheinen einer bereits versammelten Feuerwehr gegenüber. Ein triumphierender Maik Gummel hatte ihnen nicht nur verkündet, dass Gerhards Mitgiedsantrag abgelehnt worden war, sondern , dass auch Mandys Mitgliedschaft bei der Feuerwehr beendet worden sei, da man ihr Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung des Sommerfestes vorwarf. Mandy war völlig geschockt. Gestern noch hoch gelobt und zum Erfolg ihres Festes beglückwünscht und heute wegen Betruges rausgeschmissen? Ihre Verletztheit kannte keine Grenzen und sie war vor der Versammlung in Tränen ausgebrochen. Gerhard hatte sie sofort schützend in den Am genommen und die Anwesenden wütend beschimpft, ihnen Unehrlichkeit vorgeworfen und Undankbarkeit. Er wolle das nicht auf sich sitzen lassen, er würde Schritte unternehmen, rechtliche Schritte und als Maik Gummel ihn nur angrinste und sagte er solle mal lieber auf seine Frau aufpassen und ob er nicht wisse, was sie in seiner Abwesenheit täte, hätte er um ein Haar die Nerven verloren und sich auf den feisten, höhnisch Grinsenden geworfen.

Nun sitzen die drei in Libertas Haus und beratschlagen, was zu tun sei. Mandy weiß, wenn es Unregelmäßigkeiten gibt, nur Gummel selbst der Verursacher sien kann, es gibt bereits Gerüchte, wonach er Material abgerechnet hat, das er privat verwendet hat. Sie kann die Abrechnung der Feuerwehr prüfen und wenn sich dort tatsächlich Unregelmäßigkeiten finden, können die nur auf Gummels Konto als Wehrleiter gehen. „Ich melde das beim Bürgermeister. Ich muss da noch mal hin, mein Zeug abholen, ich fotografiere dann die Rechnungen und schreibe einen Bericht. Ich hänge den hin, der spinnt wohl.“

„D bist einfach zu intelligent für die,“ wirft Gerhard ein, „der hat Angst, das du ihm die Führung streitig machst. Der hat doch nichts bewegt, bis jetzt und du bist kaum da und plötzlich rührt sich was“

Mandy wirft Corinne einen warnenden Blick zu. Sei bloß still sagen ihre Augen. Gerhard soll nichts von dem gescheiterten Anmachversuch Gummels wissen. Corinne nickt unmerklich Das ist wirklich nicht nötig, hier auch och mit diesem Mist aufzuwarten. Was für ein fieser Typ! Sie hat noch nie ein gutes Gefühl bei dem gehabt. Und um so schlimmer, dass der in der Feuerwehr, die für das Dorfleben ein zentrales Element ist, offensichtlich das absolute Sagen hat.

Grömlitz Herbst 2012

Laut bollernd scheppert das alte Holztor. Eine Stimme ist zischelnd und lallend zu hören, Worte unverständlich. Irritiert legt Corinne das Buch beiseite in dem sie gelesen hat, auf der alten Holzbank am Tisch sitzend, die Füße bequem auf dem Tisch, ein Glas Rotwein neben sich. Es ist Herbst geworden, die Nächte kälter, die Linde vor dem Haus trennt sich von ihren golden gewordenen Blättern und belegt den Hof mit einem weichen dichten Teppich, der jeden Laut schluckt, so dass Corinne nicht hören kann, ob der nächtliche Besucher sich der Haustür nähert. Denn Nacht ist es , eigentlich die Zeit in der alles zur Ruhe kommt und Gelegenheit ist, noch ein halbes Stündchen zu lesen, bevor man ins Bett geht. Unter klappert nun die Haustür.

Corinne öffnet die Tür der Wohnküche und schaltet das Licht im Gang an. Sie geht zum oberen Treppenabsatz und lugt ins Erdgeschoss. Hier steht wankend und vor sich hin lallend die Frau von Heiko Bagger, das kleine verhuschte Ding, mager bis auf die Knochen, kann sich kaum auf den Beinen halten, der rechte Arm häng sonderbar verdreht an ihrer Seite, ein schmaler Blutfaden rinnt aus ihrem Mund.
“Oh mein Gott, was ist mit Ihnen geschehen?“ Eilig läuft Corinne die Treppe hinunter. Die Frau lallt Unverständliches. Sie schwankt, kann sich kaum auf den Beinen halten, nicht klar ist, ob wegen der Verletzungen oder wegen ihrer Trunkenheit, über die der schnapsschwangere Atem deutlich Auskunft gibt.

„Was ist passiert“ wiederholt Corinne dringlich, aber die Frau gibt noch nur einen letzten unverständlichen Seufzer von sich und sinkt dann zu Corinnes Füßen zusammen.

Scheiße, murmelt diese unterdrückt, was mache ich denn jetzt? Vorsichtig, mit spitzen Fingern rüttelt sie die Frau an der Schulter. Das Blut aus deren Mund vermischt sich mit Speichel und tropft auf den Fußboden. Scheiße, Scheiße Scheiße, murmelt Corinne unterdrückt. Was mache ich denn jetzt – Krankenwagen holen, denkt sie Polizei? 110 Notruf. Sie rennt die Treppe hinauf und sucht fieberhaft ihr Handy – da auf dem Tisch unter dem Buch, Gott sei Dank – Sie wählt die Notrufnummer. Nach einer gefühlten Ewigkeit wird abgenommen. Hastig schildert sie die Situation, nur um zu erfahren, das man nicht zuständig sei, das sie versuche solle, die Frau selbst in ein Krankenhaus oder zu einem Arzt zu fahren, dass ein Fahrzeug frühestens in einer Stunde kommen könne, da man unterbesetzt sei. Unterdrückt fluchend rennt sie die Treppe wieder hinab, die Frau liegt unbewegt auf der Seite und sabbert Blut und Speichel. Sie greift der Frau entscheiden unter beide Arme und versucht sie hochzuheben. So ein Mist, die Frau sieht aus, wie ein Knochenhaufen, aber scheint Tonnen zu wiegen. Sie kriegt den schlaffen Körper keinen Zentimeter bewegt. Dietmar!! Sie muss versuchen Dietmar zu erreichen, der kann helfen. Zitternd wählt sie die Kurzwahl von Dietmars Nummer in ihrem Handy. Endlich, nach endlosem Freizeichen – hoffentlich ist er noch nicht im Bett – geht er ans Telefon. Schnell ist die Situation geschildert, wenig aufgeregt, so was ist doch bei denen an der Tagesordnung – sagt Dietmar seine Hilfe zu. Er wolle mit seinem Auto einem alten würdigen Lada aus DDR Zeiten kommen und beide abholen und nach Halle ins Krankenhaus fahren. „Danke und bis gleich“; Corinne seufzt ein Lächeln der Erleichterung.

Nach kurzer Zeit schon ist das unverwechselbare hohle Motorgeräusch von Dietmars Lada in der nachtstillen Dorfstraße zu hören, dann sein schwere Schritt auf der Treppe, die Tür auf, wunderbar. Er nimmt die Bewusstlose wie eine Feder hoch und trägt sie zum Auto.

Gähnend richtet sich Corinne im Bett auf. Au weia, glücklicherweise ist Tino da und versorgt die Pferde – verschlafen! Hastig springt sie aus dem Bett. Um 11 kommen die Essenswagen, sie braucht Brot und Butter, das erlaubt keinen Aufschub. Früher zu DDR Zeiten hatte das kleine Dorf einen KONSUM, der sich kurze Zeit über die Wende gehalten hatte, aber dann zugemacht wurde. Der nächste Laden befand sich 10 Kilometer entfernt in der nächst größeren Stadt. Über die Dörfer fahren aber zu bestimmten zweimal wöchentlich Essenswagen in denen man den täglichen Bedarf erwerben kann. Brot, Butter, Wurst, Fleisch, Käse, Eier. Und da halbe Dorf trifft sich dort zu diesen festgesetzen Zeiten, Klatsch wird ausgetauscht, Beziehungspflege auf dem Lande. Schnell läuft Corinne ins Bad, eilig waschen, Einkaufskorb einsammeln, Geldbörse.

Die Nacht war lang gewesen. Dietmar und sie hatten die Frau in die Klinik gebracht,. Die war die ganze Fahrt über bewusstlos gewesen. Im Krankenhaus hatte sie sie in einen Rollstuhl verfrachtet und in die Notaufnahme gefahren. Zu den Daten der Frau befragt konnten sie nichts angeben, als deren Adresse, wussten doch beide nicht den Namen, das Alter oder die Krankenversicherung. Corinne musste letztlich ihre Daten hinterlassen, als Ansprechpartner, wegen weiterer Informationen. Bis sie endlich die Klinik verlassen hatten stand fest, dass der rechte Arm der Frau gebrochen war, sie Schläge auf den Kopf erhalten hatte und unter schweren Alkoholeinfluss stand. Schweigend waren Corinne und Dietmar zurückgefahren. Die Stimmung war gedrückt gewesen. Jeder hatte wohl an die Frau gedacht und ihr trauriges Los. „Ob sie wohl zu ihm zurückkommt?“ fragte Corinne schließlich. „Wahrscheinlich, sagte Dietmar nach einer Pause. „Das ist bei denen schon immer so. Nehme mal an, sie hat auch keine anderen Bleibe, lebt von Harz 4, dann der Alkohol. Die hat keinen, weißt du. Die geht zu dem zurück, weil sie sonst alleine wäre und das wäre noch schlimmer“
“Seine letzte Frau hat sich aufgehängt, sagt man“ sagte Corinne.

Dietmar nickt „Ja, an der Kirche. Herder hat sie gefunden. Guter Mann, aber das hat ihn schwer betroffen. Der konnte man nicht helfen.“
“Auch in der Kirche nicht? Wenn man doch die Geschichten kennt, kann man dann da nicht mal hingehen und ihr Hilfe anbieten? Ihr wohnt seit Unzeiten da zusammen in diesem Dorf und keiner kümmert sich“
Dietmar dreht den Kopf und sieht Corinne lange schweigend an, so das sie ihn schon anstoßen möchte, damit er auf die Straße achtet.“ Wenn du so denkst, dann wirst du es schwer haben, auf dem Dorf. Das Dorfleben besteht aus Wegsehen, nicht aus Hinsehen, Und wenn einem nicht geholfen wird, dann wird einem nicht geholfen. So ist das eben. Auch die Kirche nicht. Denn das sind auch die Dorfleute, die die Kirche machen. Und wenn du dagegen verstößt, dann bist du auch allein, bei denen, denen eben nicht geholfen wird.“

„Aber…“ fängt Corinne an. „Da kann man gar nichts machen?? Irgendwie anfangen, selbst was tun…?“

Aber Dietmar sieht nun wieder unbewegt durch die Windschutzscheibe und schweigt. Sie bricht ab, Schweigen. Wortlos fahren sie langsam durch die Nacht. Wortlos und irgendwie traurig. Warum nur ist die Welt so, wie sie ist? Grübelt Corinne.

Der Rabe und die anderen sitzen nebeneinander im zerborstenen Dach. Sie schweigen, das ist selten, aber sie schweigen, als wollten sie kein Wort verpassen, von dem was unten gesprochen wird. Der Hagere ist wieder da und der mit dem Einstecktuch und der Fliege auch. Der Hagere sieht unpassend aus, er trägt krachlederne Bayernhosen und einen Lodenjanker, wohl die Absicht aufzufallen. In Begleitung der beiden drei Männer im Anzug, die sich jedoch unterwürfig und gefällig zeigen, dem gegenüber, mit dem Einstecktuch. Der Hagere schreitet voran, mit seinen langen Giraffenbeinen und seinem gebückten Gang, die anderen stolpern kaum hinterher. Es ist wohl schon ein bisschen aufgeräumt in der Ruine, aber das Vorankommen ist noch immer nicht einfach, dass Betreten mancher Räume oder des Treppenhauses gefährlich, worauf der Hagere wortreich hinweißt. Der mit dem Einstecktuch sagt beinahe gar nichts, lässt sich nur hofieren, die Anzugträger lauschen aufmerksam, stellen manchmal eine Frage und nicken zumeist beifällig mit dem Kopf. „Der Turm muss wieder aufgerichtet werden,“ sagt der Hagere nun „das ist das Herzstück, das ist nicht billig, aber ohne das geht es nicht. Das wird ein Schmuckstück, ich sage Ihnen, ein Juwel, das Zentrum der ganzen Region, Ein Kulturgut sonder Gleichen, für Alle offen, das Erbe eines uralten Geschlechts, hat die ganze Gegend geprägt“ der mit dem Einstecktuch nickt und lächelt salbungsvoll, er ist einer der Erben dieses wichtigen Geschlechts. In den Westen rübergemacht, als hier alles den Bach runterging und dann nach der Wende das Angebot bekommen, das Ganze zurückzukriegen. Aber so einfach ist das nicht, meine Herrschaften, ist ja alles heruntergewirtschaftet. Da braucht man ein Vermögen, um das Ganze wieder aufzubauen und ein Vermögen hat man nicht mal so eben rumliegen. Und außerdem war man ja auch nicht untätig gewesen und hatte sich vermehrt, sodass der ganze baufällige Segen nicht einem gehören soll, sondern vielen, die sich dann auch noch drum streiten, wenn’s ernst wird. Nein Danke. Meine Unterstützung, die könnt ihr haben, aber den Besitz zurück, nein, das muss nicht sein. Die Anzugträger nicken, der Hagere nickt und die Raben nicken auch, als würden sie jedes Wort verstehen.

Grömlitz Herbst 2012

„Neeee, du glaubst das nicht,“ hilflos kichernd und völlig außer sich vor Vergnügen kam Mandy durch das Holztor auf den Hof, auf dem Corinne gerade mit zwei kleinen Mädchen den Vorderhuf einer Stute aufgehoben hatte und dort offensichtlich die Reinigung erklärt. Die Kleinen lauschen konzentriert und betrachten die Unterseite des Hufes, als wäre es der Mittelpunkt des Universums.

Corinne stellt das Bein vorsichtig ab und reicht einer der Kleinen den Hufkratzer: “Jetzt versuch du mal“

„Was ist denn bloß los? “Fragt sie Mandy irritiert, die inzwischen zu der kleinen Gruppe aufgeschlossen hat.

Mandy schüttelt sich noch immer vor Lachen:“ Du glaubst nicht, wer mein Verehrer ist, der der den Zettel an mein Auto gehängt hat.“
Sie macht eine bedeutungsvolle Pause, die ihren dramatischen Effekt durch weiters unterdrücktes Kichern einbüßt: “Maik Gummel!!!!“
Sie schüttelt sich vor Lachen.

„Maik Gummel, der von oben, von den Weinmüller Omis?? Der fiese Typ?“
“Ja, das glaubt man echt nicht! Ich hatte die Nummer angerufen und mich mit dem Typ in Halle am Händel verabredet“
“Wie einfallsreich!“ Corinne schmunzelt. Alle Welt trifft sich am Händel, der großen Staute des Komponisten mitten auf Halles Marktplatz.

„Na ja, ist ja egal. Ich wusste ja nicht wer das ist und wie ortkundig der ist. Und da steht der Gummel, fett und feist und voll in Schale geschmissen. Und das Beste – der war sich völlig sicher, das ich auf ihn abfahre – der spinnt doch. Ich habe den nur ausgelacht, das fand er dann gar nicht mehr witzig. Am Liebsten hätte er vor Ort…“
Corinne warf einen warnenden Blick zu den Kindern, die gebannt lauschten.

„Also, ich meine, er hat sogar durchblicken lassen, dass er…“ Mandy wird wieder von einem Kicheranfall geschüttelt „dass er auch was nehmen würde, damit es spannender wird, was blaues.“
“WAS???? Auf dem Marktplatz habt ihr so was diskutiert“ Corinne schüttelt ungläubig den kopf. „Also, es hält sich ja das Gerücht, das man im Osten freizügig ist, aber solche Diskussionen auf dem Marktplatz…“

Mandy kichert schon wieder: „ich wäre fast zusammengebrochen, vor Lachen, ich konnte ehrlich nicht mehr. Und der wurde immer wütender, aber ich konnte nicht aufhören zu lachen. Dieser dicke aufgeblasene Wichtigtuer und brüstet sich da mit seinen Qualitäten, preist sich an, als tollster Liebhaber der Welt und was mir entgehen würde…. Ich konnte nicht mehr. Ich bin dann einfach gegangen. Ingrid saß im Rossini und hat auf mich gewartet, die konnte uns sozusagen sehen, ich wusste ja nicht, was da auf mich zukommt, aber das….“
Sie lacht wieder. Die beiden Mädchen beobachten ihren Heiterkeitsausbruch fasziniert.

„Kinder, macht ihr jetzt mal die Hufe fertig – wir wollen doch nicht reiten“ Corinne schiebt Mandy an die Seite.

„Klar, ist das witzig und der Typ ist völlig daneben, aber mir gefällt das nicht. Wie soll das denn jetzt weitergehen?? Ihr seht euch doch hier ständig und wenn du jedes Mal in Lachkrämpfe ausbrichst, wenn du den siehst. Ihr seid doch auch in der Feuerwehr zusammen, das ist doch doof!“

„Ach, ich mache da nur die Kindergruppe in der Feuerwehr, da hat der nichts mit zu tun. Und so oft sieht man den ja auf der Straße nicht. Aber witzig ist das einfach, dieser aufgeblasene Pinsel. Was bildet der sich ein? Das ich etwas mit dem anfange, der spinnt wohl völlig!!“

Grömlitz 1935

Die alte uralte Frau liegt im Bett, regungslos auf dem Rücken, die papiernen Hände auf der Bettdecke ordentlich nebeneinander gelegt. Rasselnder Atem verrät, dass sie noch immer am Leben ist. Hundert Jahre alt ist die Mumie und älter und noch immer ist Leben in ihr. Gedanken drehen sich in ihrem Kopf, die niemand mehr erfährt, weil sie schon lange nicht mehr spricht. Bilder sieht sie in sich selbst, die aus de Vergangenheit kommen, denn die Augen öffnet sie nur noch selten um das weiße Zimmer zu sehen, die weißen Wände, das Fenster, das leer in den Himmel scheint, manchmal eine Wolke, manchmal grau, manchmal hell. Das Leben ist eine Aneinanderreihung von stets Gleichem geworden. In ihrem Kopf sind die Tage noch bunter und jeder anders, voller Spannung, voller Freude und Siege, aber auch voller Wut und Trauer und Unglück.

„NEIN!!“ Wütend krallte Liberta ihre Hände in die Hemdbrust ihres Vaters, ihre Fäuste schlugen vor seine Brust, ihre Wuttränen hinterließen nasse Spuren auf seiner Weste.

„Liberta, sei vernünftig! Du siehst doch, dass es keinen anderen Ausweg gibt,“ die Stimme des Vaters zittert, Herrmann Ose, ein schwerer ruhige Mann, der sein Gut und die Geschicke der Seinen mit Gelassenheit lenkt, ringt um Fassung.

Vor ihnen stand Windgraf, der wundervolle Braune, den edlen Kopf gesenkt, die Flanken bebend und zitternd vor heftigem Atem und Wellen des Schmerzes. Sein rechtes Vorderbein hielt er hoch und versuchte mit den drei anderen mühsam das Gleichgewicht zu halten, die Augen starr aufgerissen vor Schmerz. Vom Vorderbein lief Blut in einem steten roten Strom, ab und zu senkte er den Kopf und versuchte nach dem verletzt Bein zu schnappen, als ob es nicht zu ihm gehörte und er sich fragte, warum dieser fremde Gegenstand so viel Schmerz verursachte.

„Liberta lass mich jetzt!“ Ungeduldig versuchte Herrmann Ose, sein Tochter abzuschütteln. „Reiß dich jetzt zusammen. Das Tier leidet und für einen Ehrenmann gehört es sich, ein Tier dann zu erlösen und ihm weitere Schmerzen zu ersparen!“

„NEIN!“ Wieder ein wilder Schrei, Liberta war völlig außer sich „Das geht nicht. Da kann man sicher noch etwas machen. Das ist Windgraf, er darf nicht sterben“ Tränen liefen ihr wie Ströme über die Wangen, die schmutzigen Hände hatten Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen, die sonst so elegante Reitkleidung war verdreckt und zerrissen.

„Liberta, da geht nichts mehr. Die Sehnen sind zerschnitten, fein säuberlich durchgetrennt, Er wird NIE wieder gehen können – möchtest du das? Willst dem Pferd das nicht ersparen? Du wirst ihn nie wieder reiten können Ich habe dir auch hundertmal gesagt, du sollst nicht durch den Garten reiten. Das hier hast du ganz alleine zu verantworten und jetzt benimm dich endlich, wie eine Dame und fasse dich. Die Leute sehen dir alle zu und ein solches Verhalten gehört sich nicht!“

Ungläubig starrt Liberta ihren Vater an. Noch nie, noch nie hat er in einem solchen Ton mit ihr gesprochen. Und noch nie vor Leuten. Sie tritt einen Schritt zurück, zieht das zitternde Pferd am Zügel, das jedoch nur schwankend auf dem einen Vorderbein zu hüpfen versucht, sammelt sich dann. Atmet tief ein. Zitternd.

„Na dann. Tu es. Wo? Hier“

Sie deutete mit einer Geste um sich. Der Garten der Tagelöhnerfamilie Bagger ist war Schlachtfeld. Sie war wie üblich im Kanter über die Wiese gekommen und hatte über den kleinen Zaun gesetzt, in der Absicht den Garten zu durchqueren. Doch in dem verkrauteten Grundstück war eine Veränderung vor ich gegangen, die sie zunächst nicht bemerkt hatte: Die Baggers hatten sich eine Beetumsäumung ersonnen und diese mit einer für sie untypischen Gründlichkeit um all die kleinen Beete im Garten herum angelegt, um diese voneinander abzugrenzen: Umgedrehte Schnapsflaschen, eine neben der anderen, dicht an dicht mit den Hälsen nach unten in den Boden gesteckt, sodass der größte Teil den Blicken verborgen war. Windgraf war mit dem rechten Vorderbein zwischen den Flaschen gelandet, alle Sehnen, bis zum Gelenk hinauf waren sauber durchtrennt. Der untere Teil des Beins baumelte völlig nutzlos, nachdem das gestürzte Pferd, das seine Reiterin dabei abgeworfen hatte, sich wieder aufgerichtet hatte.

Windgraf war nicht zu retten. Der eiligst herbeigerufene Vater bestätigte das Urteil. Ein so schwer verletztes Pferd konnte nur noch erlöst werden. Ihr geliebtes Pferd.

Als der Vater mit dem Gewehr aus dem Gutshof wiederkam hatte sich eine schweigende Menge neben dem Garten und auf der Wiese versammelt. Dorfbewohner, Bedienstete aus dem Haus und vom Hof, Nachbarn, die beiden Schwestern Brückner, die versuchten, Libertas Aufmerksamkeit zu erregen.

Liberta jedoch hatte nur Augen für ihren Braunen. Der Vater deutete ihr mit einer Geste, beiseite zu treten und das Pferd stehen zu lassen. Sie schüttelte den Kopf. Die Tränen hatten ihren Weg werde ihre Wangen hinunter gefunden und liefen nun lautlos in stetem Rinnen ihren Hals hinunter. Der Brauen wandte den Kopf und sah Liberta am, seine Herrin, die er seit Fohlenbeinen kannte, der er vertraute. Der Mann mit dem Gewehr trat auf ihn zu , aber das große braune Pferd beachtete ihn nicht, sondern sah nur ungerührt seine Herrin an, der Mensch, den er kannte, der er vertraute. Wo sie, war, da konnte kein Übel sein und sie, das wusste er würde alles tun, den teuflischen Schmerz zu beenden, der in seinem Bein tobte.

Der Schuß löste sich mit einem ohrenbetäubenden Knall und der Blick der schönen Braunen suchte den Libertas noch eine letzte Sekunde, bevor er brach, mit einem Seufzen sank der schwere Körper in sich zusammen und begrub die Schmerzen, das Leid und die verwüsteten Beete der Baggers unter sich.

„NEEEEEEEEEEIN“ Libertas schriller Schrei stieg in die Luft, ein Laut von so unirdischem maßlosen Leid, nicht mehr von dieser Welt und ohne Grenze. „ICH VERFLUCHE EUCH ALLE!“

„FÜR ALLE ZEITEN!!“

Eine Gruppe Raben flog vom nahen Wäldchen auf und ihr heiseres Kreischen war das einzige Geräusch, das die Stille durchdrang, nachdem Libertas Schrei abgebrochen war und sie wie tot auf dem Körper des Braunen zusammengesunken war.

Grömlitz Spätsommer 2012

Glattgeschnittene große Steinflächen liegen wie Terrassen geschnitten übereinander geordnet in den noch warmen Strahlen der letzten Sommersonne. Da die großen Gutshöfe im 19.Jahrhundert das Recht und die Pflicht hatten, Straßen zu errichten und zu erhalten wurde jedem das Abbaurecht für den harten, roten Porphyr zugestanden einem vulkanischen Gestein, das den Kern dieser Gegend bildet und zu jedem Gutshof gehörte von je her ein Steinbruch. Der Steinbruch von Libertas Haus ist ein tiefer mit glasklarem Grundwasser gefüllter Krater, dessen glattgeschnittene Wände von der Sohle aus mehrere Meter hoch in den Himmel ragen und einen Eindruck davon vermitteln, wie viel Stein damals abgebaut wurde. So tief sei er, so sagt ein Dorfgerücht, dass auf seinem Grund eine alte Lokomotive liegt, auf ewig menschlichen Blicken verborgen. Die glatten Schnittflächen am Ufer sind für die Badenden willkommene sonnengewärmte Liegemöglichkeiten. Tammi liegt hier, auf einem bunten Badehandtuch, neben sich Anne, das einzige gleichaltrige Mädchen aus dem Dorf, eine üppige blonde Schöne, stets ein bisschen gelangweilt und auf der Suche nach Zerstreuung. Mit den Füßen im Wasser spritzen und kreischen Charlotte und Annes kleine Schwester Lisbeth. Manchmal trifft die großen Mädchen ein Wasserspritzer, woraufhin sie empört aufquietschen. Ansonsten stört kein Laut die träge sommerliche Stille.

„Ich rauch mal eine,“ sagt Anne langsam und setzt sich auf.

„Och nee“, murmelt Tammi, ohne die Augen zu öffnen.

„Das stinkt so“

„Egal!“ Anne sucht in ihrer Badetasche nach ihren Zigaretten.

„Oh nein!!“

„Wassn?“ Tamara liegt noch immer unbewegt auf dem Bauch doch der alarmierte Ton in Annes Stimme lässt sie den Kopf heben.

„Na der da“ Anne deutet nach oben, in Tammis Rücken.

Klar hebt sich die Silhouette des Jungen vor dem Himmel ab. Unbeweglich, wie eine Statue steht er am oberen gegenüberliegenden Ufer, das etwa 10 Meter steil über der Wasserfläche aufragt. Langsam, sich die Blicke der Mädchen bewusst hebt er die Arme über den Kopf.

„Mein Bruder ist so ein Angeber“ murmelt Charlotte, auch die kleinen Mädchen haben ihn inzwischen entdeckt.

„Er wird doch nicht…“ stammelt Tammi fassungslos, die sich aufgesetzt hat und den Jungen gebannt beobachtet.

„Doch!“ Anne hat ihre Zigaretten gefunden und schüttelt sich betont langsam eine aus der Packung. „Der wird. Die Jungs springen von da oben runter. Reine Angabe! Aber tief genug isses, also keine Angst“

Federnd drückt der Junge sich ab, wie ein Tänzer steigt sein Körper zunächst an und streckt sich dann in einer fließenden Bewegung nach unten, senkrecht, bevor seine Hände, Arme Kopf das Wasser berühren und er wie ein Pfeil untertaucht. Scheinbar endlose Sekunden später taucht sein Kopf in der Mitte des kleinen Sees auf, mit einer heftigen Bewegung schüttelt er sich das dichter nasse Haar aus den Augen und schwimmt dann in kraftvollen Zügen auf die Mädchen zu. Unwillkürlich atmet Tammi laut aus, hat sie doch vor Spannung die Luft angehalten.

Mein Gott, er sieht so endlos verdammt gut aus, schießt es ihr durch den Kopf, als Devon, bekleidet nur mit tropfnassen, abgeschnittenen Jeans zu den Mädchen auf die Steinplatten kommt.

„Devon, du bist so ätzend! Was willst du denn hier“ mault Charlotte.

„Na, dich abholen, was dachtest du?“ Mit einer gleitenden Bewegung setzt Devon sich neben Tammis Badetuch auf den warmen Stein. Tammis dreht sich betont gleichgültig auf den Rücken und schließt die Augen. Was glaubt der eigentlich? Sie hat ihn nicht eingeladen sich neben sie zu setzen und quatschen will sie mit dem schon gar nicht.

Eine noch nasse, aber warme Handfläche legt sich auf ihren nackten Bauch. Ein heißes Zittern durchfährt sie ungewollt und sie schießt empört hoch „Sag mal spinnst du?“ herrscht sie Devon an. „Tickst du noch richtig?“ Sie spürt wie sich ihre Wangen vor Wut rot färben.

„Mann Devon, du bist so ein Arsch“: Annes betont raue Stimme, sie lacht verführerisch und zieht mit aufgeworfenen Lippen an ihrer Zigarette.

Devon steht geschmeidig wie ein Katze auf „Komm Charlie, wir müssen nach Hause“

„Och nöö – Lisbeth muss auch noch nicht.“

„Komm jetzt, mein Moped steht da und du darfst vorne mitfahren!“

„Au ja, das ist geil! Aber gib ordentlich Gas!“ Jubelnd springt Charlotte auf uns stopft ihre nassen Badesachen in ihre Tasche.

„Ladies“, Devon dreht sich mit einem Grinsen um. „Nicht unterkriegen lassen!“ Er greift nach der Hand seiner Schwester und zieht die hüpfende, plappernde Kleinere hinter sich her. Ohne darüber nachzudenken starrt Tammi ihm nach. Er dreht sich um und sieht Tammi direkt in die Augen, stahlgrauer intensiver Blick. Ein Schaudern durchfährt sie.

„Er ist so hot, hot, hot!!“ Seufzt Anne und drückt ihre Zigarette neben sich auf dem Felsen aus. „Und er steht auf dich!“

„Du hast sie nicht mehr alle!“

„Spinnst du, das ist der heisseste Typ ever. Wenn der mich angrabschen würde, oh Mann ich würd abdrehen!!“

„Du bist echt nicht ganz dicht! Mit wärs recht, er würde dich angrabschen. Ich bin da nicht sonderlich scharf drauf“ Ärgerlich steht Tammi auf „Ich geh jetzt auch, wird langsam kalt“

„OK. Lise!!“ Brüllt Anne, als ob ihre Schwester sich meilenweit entfernt befände. „“Wir gehen. Und vielleicht kann ich ihn dir ja abnehmen, wenn du ihn nicht willst“ Sie grinst.

Grömlitz Spätsommer 2012

„Oh mein Gott, ich habe einen Liebesbrief erhalten“ kichernd schiebt sich Mandy in die Tür der Sattelkammer, in der Corinne gerade das Zaumzeug des großen Hengstes auf einen Halter legt.

„Wie?“

„Ja, das glaubst du nicht“ Prustend vor Lachen setzt sich Mandy auf eine Futtertonne und streicht sich mit dem Handrücken die blonden Locken aus der Stirn. „Also hör zu: Sehr verehrte Unbekannte! Ich bin ein junger Mann, aus dem Ort, der sie nun schon mehrer Male mit den Pferden gesehen hat. Ich finde Sie sehr sympathisch und würde mich Ihnen gerne vorstellen, Vielleicht könnten wir uns auf einen Kaffee treffen. Peter – und eine Handynummer. Ich fasse es nicht.“

„Wo hast du den denn her?“
Steckte unter dem Scheibenwischer von meinem Auto, hier vorm Haus, als ich von der Koppel wiederkam!“
“Na und, triffst du ihn?“

„Wen, den Unbekannten? Peter? Dass ich nicht lache. Ich bin im Nebenort aufgewachsen. Ich wohne schon seit 20 Jahren hier in Grömlitz, hier gibt es keinen Peter!“
“Sicher? Vielleicht heißt so einer mit zweitem Namen?“
“Nö, glaub mir, ich bin mit denen allen zur Schule gegangen, ich kenne die älteren und jüngeren Geschwister, ich kenne die Eltern, die Onkel, die Tanten, die Großeltern, in unserem Alter gibt es hier keinen Peter. Sicher nicht!“

„Hm, komisch, wer ist das dann?“

„Kann ich nur rausfinden , wenn ich ihn treffe,“
“Das wird Gerhard nicht gefallen“

„Muss er ja nicht wissen. Aber ich will wissen , wer der Witzbold ist.“
Die beiden Frauen verlassen die Sattelkammer und stehen nun auf dem Hof neben dem stattlichen Hengst, der unruhig am Anbindehaken zerrt

„Wie kommst du mit ihm voran?“ Fragt Mandy, die ein wenig zur Seite weicht, als das große Tier seine breiten Hufe seitwärts setzt.

„Ach, geht so. Ich mache halt ganz langsam. Raus traue ich mich nicht mehr mit ihm, seitdem er mir zweimal so durchgegangen ist, dass ich um mein Leben fürchte. Er ist toll, aber ich kann wahrscheinlich nicht gut genug für ihn reiten“
Liebevoll strich Corinne, dem Großen durch die lange Mähne. „Ich muss uns eben Zeit geben. So ein richiges Reitpferd war er eben nie und wir müssen das beide noch lernen, irgendwie. Aber er ist toll,“ sie lächelt.

„Wird schon werden“, tröstet die Freundin. „Du hast ja Zeit, muss ja nicht morgen etwas sein“
“Na, wenn er eine Hengstleistungsprüfung gehen soll und das muss er, damit ich ihn hier eintragen lassen kann, dann müssen wir uns schon ein bisschen ins Zeug legen“ Corinne seufzte sorgenvoll. „Er ist halt ein Wilder, keine Ahnung“
“Ja, lacht Mandy „halb Grömlitz kann ein Lied davon singen, wie du mit ihm hier durch die Gegend donnerst. Den Leuten ist schon Angst und Bange, keine Ahnung ob vor ihm oder vor dir?“
“Wieso vor mir? Ich tue doch keinem was?“
“NA du bist lustig. Eine Frau hier alleine in dem großen Gut, alles so baufällig und so und die ganzen Pferde, dann der große Hengst, das macht den Leuten schon Angst. Und die Hälfte der Männer im fortpflanzungsfähigen Alter träumt von dir“
“Ach, Unsinn, lacht Corinne“ was ist jetzt mit deinem Verehrer. Rufst du ihn an?“
“Klar, mach ich. Ich will doch wissen, wer das ist. Aber sag Gerhard nichts. Ist doch sowieso nur ein Witz“