Harald Bonsahy hasst Stehempfänge. Seine verwachsene gedrungene Gestalt wirkt im Stehen nicht. Nicht nur, dass er kleiner ist, als die meisten anderen Anwesenden, den halslosen Körper aufrecht zu halten und Präsenz zu zeigen ist anstrengend und belastend.

Sitzen, das ist eher sein Fall.

Früher, da hat er die Delinquenten einbestellt, er selber hinter einem überdimensionierten Schreibtisch, das Licht hinter sich, die Befragten davor, direkt angestrahlt, das hat er mal in einem Film gesehen, das gefiel ihm, diese ständige Blinzeln und dass sie ihn nicht fixieren konnten.

Aber hier. Man konnte nicht sagen, das er sich hier wohlfühlte. Eigentlich hatte er nicht gehen wollen, zu diesem albernen Empfang in diesem halb verfallenen Schloss, aber Sylvia hatte die Einladung erhalten, war ganz aufgeregt geworden und fest entschlossen, hinzugehen. Ja, der große Wessi Fürst, der alberne Fatzke mit dem Adelstitel, der ließ sich hier feiern. Nicht mal Namen konnte der Laffe sich merken. „Ach, Brombay …..äh… Brombeer, guter Mann!“ Hatte er ihn jovial mit Schulterschlag begrüßt und dann einfach stehen gelassen. Der sollte sich lieber vorsehen! Nen Haufen Steuergelder wurde hier doch versenkt, aber der würde schon noch gekrochen kommen. Ihm, Bonsahy, konnte man nichts vormachen. Die Zeiten mochten sich geändert haben, aber er hatte noch seine Methoden, seine Möglichkeiten. Gelernt war eben gelernt und nichts dessen man sich schämen müsste. Hier stank doch irgendetwas zum Himmel! Dieser Habenichts mit dem albernen Adelstitel, wenn der adelig war, dann war er selbst der Kaiser von Deutschland. Seine Frau, die dort stand, mit dem Bürgermeister und dem Pfarrer und seiner eigenen Frau, nebenbei bemerkt, die war schon ein anderes Kapitel! Die hatte Klasse, das sah man. Das sah man schon an der Art, wie sie einem die Hand, gab, das arrogante Aas. „Ach, Herr Bromsah, oder wie?“

„Nein, Bonsahy, schwieriger Name, ich weiß, aber durchaus lohnenswert ihn sich zu merken, „ hatte er scheißfreundlich entgegnet. Aber da hatte sie schon gar nicht mehr zugehört, die Schlampe! Aber er lächelte, er schluckte seine Wut runter und lächelte. Seine Zeit würde kommen, das wusste er. Das war noch immer so gewesen.

Genau sein, Typ nebenbei, das Adels-Aas, bisschen alt leider, aber wenn sie jünger wäre, schlank und zart gebaut, edle Gesichtszüge, bisschen ungepflegt leider, die Haare sollte sie sich mal färben. Aber nicht, wie seine Sylvia, mit der die Adelsschnepfe sich nun schon seit Minuten angeregt unterhielt. Sylvia färbte ihre Haare wöchentlich, so dass sie nun schon hart und brüchig waren, wie Puppenhaar und das Blond, das Blond ihrer Kindheit, das kriegte sie eh nicht hin. Schade diese ganze Welkerei bei den Frauen. Wirklich schade. Er sinnierte, jung sollten sie bleiben und kindlich, das war, was ihm gefiel. Sylvia gab sich alle Mühe, das musste man ihr lassen. Sie war zart und kein, wirklich klein, von hinten ging sie locker als 12 jährige durch. Sie konnte Kinderkleider tragen und weisse Stiefelchen an ihren zarten Füßen, das gefiel ihm. Aber es halft nichts, sie war einfach zu alt. Vertrocknet und alt.

Was war das denn nun?? – Aha, der Auftritt der Anzugträger! Dieser da mit dem Einstecktuch, den kannte er doch. Nein, was tat der denn hier? Fiel dem Oberfürsten fast um den Hals und der kroch auf einer Schleimspur dahin, bückelte und buckelte und verbog seinen langen Körper in reinem Unterwuf. Das ist ja interessant! Da weiß man doch schon, wer da die Finger im Spiel hat, bei der sonderbaren und plötzlichen Genesung des Schlosses. Interessant! Bonsayh lächelt in sich hinein. Ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, geht herum und reicht Gläser mit Sekt und Organgensaft. Schnell nimmt er sich ein Glas und stürzt es gierig hinunter, der Kleinen noch in den knackigen Po zu kneifen, traut er sich nicht. Nur nicht auffallen, das wäre ungünstig. Aber niedlich ist er, der Po, kindlich, süß.

Sylvia ist noch immer im Gespräch mit der Dame Gräfin, Rabena von Quatsch-mich-tot. Jetzt nähert sich eine weitere Frau, au Backe, er weiß wer das ist! Die Irre vom Haus am Hügel. Die Zauberhexe, die nie ihr verfallenes Loch verlässt. Was macht die denn hier? Ist das ein Festtag oder was? Dass man die mal auf der Straße sieht! Gepflegt sieht sie aus, das glatte rabenschwarze Haar ordentlich frisiert, gewählte Klamotten, gar nicht irre, aber man hört ja genug, er weiß schon, wie die drauf ist. Mit Magie und Zauberei und all dem Quatsch, manche Frauen, sagt man, gehen nachts zum Haus am Hügel und lassen sich aus der Hand lesen und so ein Hokuspokus. Hat es damals nicht gegeben, so einen Quatsch! Da hätte man mal genauer nachgefragt, was das eigentlich soll, aber heute, kann man ja alles machen, geht ja alles. Die Irre wanzt sich jetzt an Sylvia und diese Rabena hin, kaum zu glauben, sie fällt der Frau Gräfin um den Hals, alle lachen und freuen sich, auch seine Sylvia. Nicht zu glauben! Aber er wird schon in Erfahrung bringen, was da los ist. Das ist doch eine korrupte Versammlung hier, das wird er schon noch beweisen. Und dann hat er diesen Haufen hier in der Hand. Der Knackpo kommt wieder vorbei und Bonsahy ergattert ein weiteres Glas Sekt. Er muss nur abwarten. Seine Zeit wird kommen. Er wird es schon noch beweisen. Und dann hat er das Sagen!

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Grömlitz Sommer 2013

 

„Das kann nicht wahr sein,“ fassungslos hält Corinne einen braunen Umschlag in der Hand, der gefüllt war mit einer Unzahl von Papierbogen, eingeschrieben im Briefkasten vorgefunden, eine Klage vom Amtsgericht in Halle und zwar von Frau Yvonne Bagger gegen sie, Corinne wegen Körperverletzung. Corinne stockt der Atem und sie muss ich erst einmal setzen, setzt sich auf den kleinen Mauervorsprung am Hoftor. Tino kommt vorbei, eine Stute am Strick, um sie auf die Weide zu bringen.

„Wassn los? Du bist ganz blass“
Wortlos reicht Corinne Tino die Bogen, wobei die Stute den Kopf hochreisst und einen Schritt nach hinten tritt, als das knisternde weiße Papier vor ihrer Nase vorbeigereicht wird.

Tino überfliegt mühsam den Kopfbogen und schüttelt dann sorgenvoll den Kopf. „Ich würde sagen, du brauchst einen Anwalt.“

„Fürchte ich auch. Mist, die spinnt doch wohl! Woher nehme ich jetzt einen Anwalt?“ Corinne springt auf – Flexi muss ran. Die kennt alle in der Welt und bestimmt auch einen Anwalt in Halle oder jemanden der einen Anwalt kennt.

Schnell das Handy aus der Hosentasche gefummelt, Kurzwahl gewählt, Flexi ist allzeit bereit für neue Katastrophenmeldungen aus dem wilden Osten. Corinne hört, wie sie am Telefon den Kopf schüttelt, sie bittet sich eine halbe Stunde aus und verspricht, zurückzurufen. Gesagt getan, pünktlich kommt die Nummer eines Anwalts, Einser Examen, ein kluger, unkonventionell denkender Mann, der nicht so schnell lockerlässt, Kunstliebhaber, in Halle / Saale und wartet schon auf Corinnes Anruf.

Gibt es eigentlich irgendwelche Probleme, die Felxi nicht lösen kann?

Björn Zimmermann ist ein drahtiger Mitvierziger, er denkt schnell und spricht schnell und man muss fix sein um seinen oft unkonventionellen Gedankengängen zu folgen. Schnell hat er den Sachverhalt begriffen: Es ging um den Vorfall im Herbst vergangenen Jahres, als Corinne und Dietmar die Frau von Heike Bagger ins Krankenhaus gefahren hatten. Frau Bagger versuche nun wohl offenkundig die Zahlung Schmerzensgeld zu erlangen, sie belastet Corinne, ihr den Arm gebrochen zu haben, denn dieser Befund war im Krankenhaus gestellt worden. Dazu hängt sich die Krankenkasse mit dran und möchte die Behandlungskosten gerne ersetzt haben. Ob es Zeugen gäbe, dass Frau Bagger bereits mit gebrochenem Arm in Libertas Haus erschienen sei? Nein, schade. Denn Dietmar war ja erst später erschienen, Corinne hätte also genügend Zeit gehabt der Frau und sei es bei einem unglücklichen Versuch zu helfen, den Arm zu brechen. Corinne sieht Zimmermann ungläubig an. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Zimmermann grinst.

Grömlitz, Sommer 2013

 

Helle Sonne taucht das Schlafzimmer trotz der zugezogenen Vorhänge in grelles Licht, das Mandy in die Augen sticht. Mist, schon wieder verschlafen! Das Haus ist still, die Kinder sind schon in der Schule, sie hat sie wieder nicht gehört.

Schlaftrunken wischt sie sich das schweißfeuchte Haar aus der Stirn. Was ist bloß los mit ihr? Sie hatte wieder diesen Traum, einen entsetzlichen Traum. Mehr eine namenlose Angst und Libertas Haus, das brennt. Sie weiß nicht, was das bedeuten soll, aber sie hat diese Panik, beim Aufwachen, auch wenn sie sich an kaum etwas erinnern kann. Alles macht ihr Angst im Moment. Sie will gar nicht mehr aufstehen aus dem Bett, denn die ganze Welt macht ihr Angst. Sie will nicht aus dem Haus noch nicht einmal mehr zum Einkaufen und das liebt sie – eigentlich. Sie will hier liegen bleiben, in diesem Bett und das Gefühl haben, dass hier keiner hinkommt, sie keiner sieht, keiner wahrnimmt. Libertas Haus macht ihr Angst, sie will dort nicht mehr hin, sie will eigentlich auch nicht, dass Charlotte dort hingeht, oder Gerhard, aber die beiden sind besessen vom Reiten. Sie möchte sie warnen, ihnen sagen, dass es dort gefährlich ist, aber sie hat nur diesen Traum, als Beweis. Und den Gummel, der dort immer herumhängt und sie beobachtet. Sie hasst den Gummel, sie hasst Libertas Haus. Mit diesem mageren Pferd noch davor. Wie ein Mahnung! Wie eine Warnung. Das kann doch alles nicht gutgehen. Und Devon, wie er hinter der Kleinen von Corinne herschleicht. Und Gerhard, wie er dauernd mit Corinne zusammenhängt. Das gefällt ihr nicht. Das gefällt ihr gar nicht. Nicht, dass sie glaubt, dass da etwas läuft. Dazu kennt sie ihren Gerhard zu gut und sie glaubt auch nicht, dass Corinne auf irgendetwas aus ist. Nein, sie beneidet Corinne. Trotz der ganzen Misere, in der sie steckt. Sie lässt sich da nicht unterkriegen. Sie kämpft sich da durch und Mandy weiß, dass Gerhard das gefällt. Sie selbst ist nicht so. Sie ist schutzbedürftig, war sie immer schon und sie weiß das. Sie kann nicht alleine sein, alleine leben, alleine bestehen. Und sie fühlt sich alleine gelassen. Niemand unterstützt sie gegen den Gummel, der ihr das Leben zur Hölle macht. Keiner hilft ihr, aber wenn bei Corinne mal etwas ist, da rennen sie alle. Sie selbst hat nur Dedo und die Rituale. Das gibt ihr Kraft, sie spürt das. Manchmal hat sie den Wunsch die Rituale gegen Corinne anzuwenden, aber die wagt es nicht. Sie möchte auch nicht, dass Dedo das weiß, weiß, dass sie Corinne beneidet. Sie würde das nicht verstehen. Sie mag Corinne zwar nicht, nicht zuletzt, weil Karol völlig vernarrt in sie ist, und weil Corinne den Ritualen nichts abgewinnen kann, aber sie respektiert sie, auf eine Art.

Seufzend wühlt Mandy den Kopf wieder in die Kissen. Sie kann hier liegen bleiben, das interessiert keinen und es merkt auch gar keiner. Bis die Kinder aus der Schule kommen, kann sie hier liegen bleiben. Sie will nur nicht mehr schlafen. Sie will diesen Traum nicht mehr, diesen namenlosen Mist, der ihr den Atem nimmt. Sie weiß dass Dietmar auch träumt. Nur noch schlimmer. Irgendetwas geschieht hier und die anderen wollen es nicht wahrhaben. Gut, dass sie die Rituale hat, um sich zu schützen. Dietmar verändert sich. Immer dieses Schwitzen und das rote Gesicht. Es geht ihm nicht gut. Er sollte zu einem Arzt gehen. Aber das ist es nicht allein. Er redet Zeug, das einem Angst macht, vom Weltuntergang und der ewigen Lichtlosigkeit und er hat Ideen und Vision, die sie nicht hören will. Er wird verrückt, glaubt sie. Eigentlich will sie damit nichts zu tun haben, denn sie hat nicht das Gefühl, dass man ihm da helfen kann. Aber die anderen tun so, als ob nichts wäre. Sehen die das denn nicht? Alles bricht auseinander und sie ist die Einzige, die das merkt.

Sie schließt die Augen vor dem gleißenden Sonnenlicht, das einen Spalt zwischen den Vorhängen gefunden hat und nun ihr Gesicht mit hellem Schein streift. Sie will das alles nicht. Sie will, dass es wie vorher wird. Bevor Corinne da war. Ruhig und ohne Träume und Raben, die vor ihrem Fenster krächzen und dabei nicht zu sehen sind. Ohne die Unsicherheit nicht mehr zu wissen, was man glauben kann, was man sehen kann und was geschehen wird.

Grömlitz Sommer 2013

 

Langsam geht Tamara auf die grüne Holztür von Libertas Haus zu. Raben hocken im Geäst der Linde und krächzen ihr tonloses Lied, einmal Krächzen, zweimal Krächzen dreimal, die Farben scheinen aus der Luft gesogen, jede Bewegung schwierig und zäh. Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Haus betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, etwas ist andres, sie ahnt, dass sich etwas verändert hat, sie weiß nicht, was kommen wird und sie hat Angst, Eisige Angst, die sie zwingen möchte umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen. Sie nimmt allen Mut zusammen und öffnet die Tür – dahinter lodert ein glühendes Flammenmeer, Flammen schlagen brüllend hoch, – warum hat sie das Geräusch von außen nicht gehört? – fressen sich durch das brüchige, trockene Holz des Treppenhauses, der Boden mit den Mayolikakacheln strahlt eine übermenschliche Hitze aus, die sie zurückwirft.

Dieser verdammte Traum. Tamara hat wieder eine Nacht nicht geschlafen. Wenn sie schweißgebadet aus dem Traum aufwacht kann sie nicht mehr einschlafen, heftig atmend liegt sie in der Dunkelheit, wenn sie die Augen schließt kommt diese namenlose Angst und hindert sie am Einschlafen. Inzwischen hat sie tiefe Ringe unter den Augen und nickt tagsüber immer wieder ein. Es reicht, wenn sie sich auf ihr Bett legt und die Augen schließt, zack, ist sie eingeschlafen und alle denken immer, mit ihr stimmt etwas nicht. Ist ja wohl auch irgendwie so.

„Der Neue steht auf dich“ Anne liegt neben Tamara auf dem Bett, sie ist spontan auf einen Samstagnachmittagbesuch vorbeigekommen, hat nun ein Glas Cola auf dem Bauch und starrt die fleckige Decke von Tamaras Zimmer an.

Tamara lächelt,“ Ja, glaube ich auch. Er war ja da zur Reitstunde,“ sie lacht „ das war eher ne Witznummer. Er wollte nur alles mögliche Zeug wissen und dann mit mir weggehen.“

„Und? Ich dachte eigentlich zwischen dir und Devon läuft was?“

„Ne, zwischen uns ist nichts.“ Sie weicht Annes Blick aus. „Ich dachte da läuft was mit Kylie. Die klebt doch dauernd an ihm und lässt ihn nicht aus den Augen. Und sie hat nicht gerade eine Leidenschaft für mich.“
„Ach, Kylie. Das ist doch immer ,wenn die hier ist. Die war schon hinter ihm her, als sie drei war. Aber da geht nichts, glaube ich zumindest. Immer wenn sie hier ist, und du weißt ja, dass das mal so und mal so ist, je nachdem , ob sie gerade bei ihrem Vater wohnt, oder im Heim….“

„“…oder in einem Zelt bei uns auf der Koppel. Ich hasse diese Tante, die nervt mich.“ „Das glaube ich. Sie ist ja wirklich nicht dein erster Fan. Und sie hat echt auch schon ne Menge Scheiß gemacht. Also ich dürfte die nicht mit nach Hause nehmen. Meine Mutter würde ausflippen.“

„Hm, meine ist da nicht so, weißt du ja. Hier kann jeder kommen. Kylie dürfte wahrscheinlich hier einziehen, müsste noch in meinem Zimmer wohnen und ich dürfte nicht so bockig sein und so ungerecht und müsste mit ihr auskommen, egal, was sie macht.“ Tamara lächelt resigniert. „Aber egal. Wassn mit dir? Sollte da nicht was mit einem Typen aus deiner Schule laufen?“

Annes blasse Wangen werden rot. „Rauchen geht hier nicht, oder?“ fragt sie ausweichend.

„Ne, weißt du doch. Und schon gar nicht auf dem Bett. Brandgefahr. Ist ein furchtbar altes Haus.“

„Also erzähl schon. Wie hieß der, Anton oder Toni?“

„Angelo!“ Anne lacht. „Saublöder Name!“

„Wir haben versucht etwas Zeit miteinander zu verbringen, so nach der Schule Eisessen und Spazierengehen und so. Alle erwarten jetzt eigentlich, dass wir zusammen sind, und so.“

„Na ja und?“ Fragt Tamara gespannt.
„Wir haben miteinander geschlafen“ Anne wird dunkelrot.

„WAAAS?“
„Ja, unglaublich, oder?“
Tamara starrt die Freundin an,“ja, allerdings unglaublich!“

„Ich hatte keine Ahnung, was ich für ihn empfinde. Ich meine, er sieht gut aus und alles, und er ist nett und mit ihm was zu unternehmen war immer nett. Und da habe ich zu ihm gesagt, das ich es gerne ausprobieren würde, auch um mal zu wissen, ob es überhaupt geht. Na ja und da haben wir es getan.“

„Wow – klingt ja super romantisch! Und wie wars?“

Wieder wurde Anne rot,“na, ja e,s war gut. Irgendwie“

„Gut?“

„Na ja, am Anfang war es ein bisschen schwieirg. Keiner wusste so recht, wie es geht und es war peinlich und so, aber dann war es gut. „ Sie grinst und wird wieder rot „Richtig gut.“

„Und was heißt das jetzt?“ „Weiß nicht. Das ist das Problem. Ich mag ihn, aber ich weiß nicht, ob ich ihn liebe. Und ich weiß auch nicht, ob ich mit ihm zusammen sein will.“ Sie dreht sich wieder auf den Rücken und starrt die Decke an. „Ich weiß nicht mal, was das ist verliebt zu sein, Liebe. Ich habe keine Ahnung.“

„Hm. Komisch. Ich dachte, man weiß das dann. Aber ich freue mich, dass es gut war. Ist doch nicht verkehrt!“

„Ja, schon. Aber jetzt habe ich so ein komisches Gefühl im Bauch. Ich muss die ganze Zeit an ihn denken und ich frage mich, wie es ihm wohl damit geht.“

„Hast du nicht versucht mit ihm zu reden?`“
„Nee. Weiß nicht, wie ich es anfangen soll.“

„Na ja,. Immerhin hast du mit ihm geschlafen. Wie wärs mit anrufen?“

„Und was ist, wenn er nicht das Gleiche fühlt? Ich meine, wenn es für ihn nur so.. so…irgendwie…war?“

„Keine Ahnung. Glaub ich nicht. Wahrscheinlich empfindet er dasselbe, wie du und traut sich auch nicht, nachzufragen“

„Hm. Weiß nicht. Meinst du wirklich?“‘
„Sag mal, habt ihr verhütet?“ Alarmiert setzt sich Tamara auf.

Anne lacht“ Was glaubst du denn. Meinst du ich will gleich heiraten und Kinder kriegen? Nachdem ich mich noch nicht mal traue, ihn anzurufen. Na das wird ja ne spanende Ehe! Natürlich haben wir verhütet.“

Tamara lehnt sich ausatmend zurück. Es beschäftigt sie, dass Anne Sex gehabt hat, einfach so. Um herauszufinden ob man jemanden mag. Komisch. Und sie selbst, zwischen zwei Typen, von denen der eine sie will, oder vielleicht auch nicht und der andere sie auch will und das ganz bestimmt,. Vielleicht sogar ein bisschen zu schnell für ihren Geschmack, aber sie nicht weiß, ob sie nicht doch lieber den einen will, obwohl der echte Arschlochqualitäten hat, aber auch nicht immer. Würde sie mit Devon schlafen wollen? Ein heißer Knoten bildet sich in ihrem Bauch, beim Gedanken daran. Au weia, das hieß wohl ja. Sie schluckt. Und mit Jakob? Ach, das wäre doch wohl alles sehr kompliziert. Zu kompliziert. Sie schließt die Augen und lehnt sich erschöpft zurück.

Grömlitz, Sommer 2013

 

Es ist ein trüber, grauer Tag und Corinne ist trüber Stimmung. Regenwasser tropft von den Blättern der Linde, der große Baum absorbiert alles Licht, wenn die nassen Blätter sich übereinander und als dichter dunkelgrüner Vorhang vor den grauen Himmel schieben. Corinne rührt in ihrer Teetasse und hängt der trüben Stimmung nach. Gerade hat Familie Grottenthal das Haus verlassen. Eltern eines Kindes, Ada, das Corinne als „Rapunzel“ in ihrem Märchenbilderzyklus abgebildet hat. Sie hatte es sich schon in München zur Gewohnheit gemacht, die abgebildeten Personen und in diese Falle auch die Eltern nach Vollendung des Bildes zu einem kleinen Atelierbesuch einzuladen. Gemeinsam das Ergebnis zu begutachten und eine Meinung dazu zu hören, ist ihr wichtig. Sie interessiert die Sicht der Gemalten auf das fertige Bild und es dient ihr dazu, in Gesprächen über die fertige, noch frische Arbeit ihren Ansatz zu überprüfen. Dieser Termin jedoch war langweilig gewesen und ergebnislos. Ada hatte sich gar nicht zu dem Bild geäußert. Still und schüchtern hatte sie im Schatten ihrer gesprächigen Mutter pflichtschuldig das Bild betrachtet. Die Mutter hatte sich wortreich über das Wetter und den schlechten Zustand des Hofes beklagt, der ihre Schuhe ruiniert habe und anschließend darüber sinniert, ob das Bild denn farblich über die Couch passe und ob sie es vielleicht kaufen würden und dass doch der Preis ein bisschen hoch sei, sie kenne eine Malerin, eine begabte Frau, die ihre Artefakte auch im Internet anbiete, die würde Bilder um einen Bruchteil des Preise machen und viel schneller und auch hübscher, eigentlich. Und warum denn eigentlich dieser Verband mit draufgemusst habe. Alle Versuche Corinnes, den gesamten Zyklus zu erläutern, die Verletzlichkeit der Adoleszenz, die Unschuld der Kindheit, den Märchenbilderzyklus, die Umstrittenheit der Bilder waren ins Leere gelaufen. Ohne großes Interesse hatten die Eltern sich weitere Bilder aus dem Zyklus angesehen, in dem das Bild entstanden war, sie hatten die Zusammenhänge nicht begriffen, nicht weil sie nicht begreiflich waren, hofft Corinne, sondern weil sie sich schlicht nicht dafür interessierten. Schade, dass Kunst sich da nicht aufdrängen kann, schade, dass Kunst nicht die Macht hat, die Menschen zu zwingen, sich mit diesen Inhalten zu befassen. Kunst, oder vielleicht nur meine Kunst erlaubt, auch nur die Oberfläche zu betrachten und in der Überlegung steckenzubleiben, ob das Bild über das Sofa passt oder nicht, grübelt sie mit Selbstzweifeln. Gerade der Märchenbilderzyklus, der in München solche Stürme der Entrüstung ausgelöst hat, sollte doch die Fähigkeit haben, von solch oberflächlicher Wahrnehmung abzulenken und in die Tiefe zu führen, Betroffenheit, wenigstens Nachdenklichkeit auszulösen. Aber nein, das lief hier völlig ins Leere, das ist hier nicht gelungen. Frustrierend, sehr frustrierend. Vielleicht ist sie einfach keine besonders gute Malerin, wenn ihr das nicht gelingt. Andererseits darf und sollte Kunst auch viel Spielraum, viel Freiheit in der Interpretation lassen, oder nicht? Auch bei solchen Themen?? Die eigentlich eindeutig zu verstehen sein sollten?? Unwillig schüttelt sie den Kopf. Das ist doch einfach nur frustrierend und vielleicht muss man damit auch leben können. Trübsinnig nimmt sie einen Schluck vom fast kalten Tee und schüttelt sich. Das ist insgesamt frustrierend momentan. Mit Dietmar stimmt irgendetwas nicht, tragen ihre Gedanken sie weiter: Er verändert sich. Neulich saß sie an der Koppel, ihre täglich Mediation über Sandmanns Zustand und die Freude darüber, wie schnell er zunimmt und sich erholt, und Dietmar war dazugekommen, wie immer mit Kaffee und hartgekochten Eiern. Widerwillig musste sie schmunzeln, bei der Erinnerung, dass sie immer dort saßen und hartgekochte Eier aßen und sie nie den Mut aufbrachte, ihm zu sagen, dass sie hartgekochte Eier verabscheute, brachte sie sie doch kaum herunter, wenn sie so trocken waren. Seine Geste war so rührend und so freundschaftlich, dass sie es ihm einfach nicht sagen konnte. Sie saßen also da und sie würgte und schluckte an ihrem Ei herum, da sinnierte er über den Untergang der Welt. Die Welt würde untergehen, so sei es prophezeit und er hätte es in seinen Träumen gesehen. Die Sonne würde nicht mehr aufgehen, die Menschen säßen im Dunkel und die Apokalypse würde beginnen. Sie, Corinne sollte sich ein Gewehr zulegen, denn man würde kommen und ihre Pferde nehmen wollen, um sie zu schlachten, denn man würde nichts mehr zu essen haben. So und fort entwickelt er düstere Szenarien, wieder tritt Schweiß auf seine Stirn und seine Wangen nehmen eine ungesunde Rotfärbung an. Er lässt sich nicht unterbrechen, es ist, als ob Corinne gar nicht da wäre, in predigerhaftem Tone spult er sein Wahnvorstellungen ab und doziert und palavert ohne Pause und Sinn und Verstand. Das macht ihr Angst. Ihr machen diese Bilder Angst, die er in den klaren Sommertag malt und diese Fixiertheit auf die widersinnigen Vorstellungen. Er untermalt das mit Bildern und Zitaten aus der Bibel und sie ist zu wenig bibelfest, um ihm den Versuch unternehmen zu können, das widerlegen. Nicht dass er sich irgendwie für ihre Einwürfe interessieren würde. Er hält Monologe, er scheint gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass sie als Zuhörerin anwesend ist. Der Weltuntergang. Wie gruselig. Und Libertas Fluch, der da irgendwie mit zusammengehängt.

Eine Bö kommt auf und klatscht die nassen Blätter an die Fensterscheibe. Das Geräusch reisst Corinne aus ihren Gedanken. Nein, das ist alles nicht gut und sie weiß auch nicht, was sie da machen kann. Sie hat versucht, mit Mandy darüber zu reden, aber die hat ihre eigenen Sorgen. Sie hört gar nicht richtig zu. Erika schüttelt nur den Kopf, Dietmar sei immer schon sonderbar gewesen, schon als junger Mann, da müsse man sich keine Gedanken machen, so sei das eben. Und Tamara. Corinne seufzt auf. Um Tamara muss sie sich auch Sorgen machen. Tamara entfernt sich von ihr. Wahrscheinlich ist das normal, sie ist in dem Alter und das gehört zum Erwachsenwerden. Das kleine vertrauensvolle Mädchen , für das die Mutter der Mittelpunkt der Welt ist, die alles reparieren und alles wider gut machen kann, ist einer jungen Frau gewichen, mit einem eigene Leben. Und einer eigenen Welt. Irgendetwas läuft da mit diesem ekelhaft arroganten Sohn von Mandy und außerdem war da neulich noch so ein Knabe da zur Reitstunde, so ein Blonder…. Ob sie wohl mal mit mir reden möchte?? Sich austauschen, etwas erzählen? Corinne spürt, dass sie Tamara zu wenig Zeit widmet und auch zu wenig Interesse. Die Wochen der Sorge um Sandmann haben sie wie von Sinnen sein lassen. Sie hatte keine Zeit für irgendetwas anderes und den Kopf auch nicht frei. Das muss sich ändern, nimmt sie sich vor und trinkt widerwillig den letzten Schluck kalten Tee. Sandmann ist wieder da und ich muss mich mehr um das hier und jetzt kümmern. Mehr Interesse zeigen. Mal wieder mit Tamara einen Abend auf der Terrasse sitzen und quatschen. Ja, denkt sie, das werden wir tun.

Grömlitz, Sommer 2013

 

Corinne und die Freunde sitzen am Rande der Koppel und sehen Sandmann beim Grasen zu. Der Hengst sieht erbärmlich aus, bei Tageslicht noch um einiges schlimmer, als im Schatten der regnerischen Nacht in Bayern. Corinne hatte den Tierarzt kommen lassen und selbst Dr. Schuster war fassungslos gewesen. „Dieses Tier wäre in spätestens 10 Tagen tot gewesen,“ sagt er, nachdem er den Hengst untersucht hat. „Es ist ein Wunder, dass er das so gut überstanden hat. Ansonsten ist er gesund, auffüttern und er wird wieder.“ Corinne hatte ihn auf die kleine Hauskoppel geführt, wo er nun im fetten grünen Gras stand, ein friedliches Bild, wäre nicht die krankhafte, beklemmende Magerkeit nur allzu ersichtlich gewesen. Schwach und zögerlich war er hinter ihr her den Weg aus dem Hoftor zur Koppel gelaufen, ein Schatten des alten, großspurig wiehernden und an der Leine zerrenden Tieres, das kaum zu bändigen gewesen war. Als sie ihn in die Koppel hineingeführt hatte und die Leine vom Halfter lösen wollte, geschah etwas Sonderbares: Der große dürre Hengst drehte sich zu ihr um, anstatt sich sofort dem Gras zuzuwenden, stellte sich vor sie und senkte den mächtigen Kopf. Für einen Moment senkte er seine Stirn, sodass sie die Stirn von Corinne berührte. Corinne hielt den Atem an, ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen und die Tränen schossen ihr in die Augen. Sie verstand, sie verstand alles. Mit einem Seufzen wandte das große Tier sich ab und begann zu fressen. „Ja, mein Großer,“ flüstert Corinne ihm zu,“nie mehr, nie mehr lasse ich dich aus den Augen. Nie mehr wird dir so etwas geschehen.“ Die Tränen rinnen ihr die Wangen herab, als sie sich an den Koppelrand setzte und dem Tier einfach nur beim Grasen, beim heil-werden zusieht. Es war etwas geschehen, das weiss sie. Der Hengst hat Verbindung zu ihr aufgenommen, er hatte mit ihr gesprochen. Er hatte ihr gedankt, für sein Leben und er hat ein Versprechen abgegeben. Vor dir, denkt sie, muss ich mich nie wieder fürchten. Du wirst auf mich aufpassen, wie ich auf dich, tief in ihrem Inneren weiss sie das.

Wie abgesprochen sind die Freunde dazugekommen, nach und nach und versammeln sich am Rand der Koppel neben Corinne. Mandy hat einen Kuchen mitgebracht, wunderbar, Florine läuft zum Hof und kocht Kaffee, denn Corinne kann ihre Augen nicht von dem Wiedergewonnenen lösen. Erika und sie schleppen die große Thermoskanne und Geschirr herunter und aus dem Nichts taucht Dietmar auf, mit einem riesigen Korb frischer Kirschen. Die Freunde veranstalten ein spontanes Picknick am Rande der Koppel und Gerhard und Mandy erzählen endlich allen, wie die Rettung Sandmanns vor Statten gegangen war:

Sie waren auf einsam gelegenen Hof eingefahren, nachdem sie zunächst das Tor geöffnet hatten. Der Hof war wie leergefegt gewesen, die Dämmerung tat ein übrigens, das ganze gruselig und einsam erscheinen zu lassen. Doch gleich biem Auffahren auf den Hof hatte Gerhard Sandmanns Kopf aus einer der Boxentüren ragen sehen – nun wusste er, sie würden diesen Hof nicht ohne das Pferd verlassen und etwas, wie Erleichterung löste die Spannung, die sich zuvor aufgebaut hatte. Aus einem Hauseingang stürzte nun eine junge blonde Frau auf Mandy und Gerhard zu. „Was wollen Sie hier?“ herrschte sie sie an.

„Ich nehme das Pferd mit,“ sagte Gerhard nur knapp und öffnete die Klappe am Hänger.

Mandy war bereits auf Sandmanns Box zugegangen und streichelte ihn am Kopf.

„Halt hören Sie auf, das geht nicht. Sind Sie verrückt geworden?“ Die Frau schrie nun und ein hünenhafter Mann kam aus der Tür des Wohnhauses und eilte zu ihr.

Gerhard schob die beiden zur Seite und ging zu der Box.

„Die Box ist verriegelt, „ flüsterte Mandy. Und tatsächlich, ein Vorhängeschloss sicherte die Boxentür. „Machen Sie das auf, sofort!“ Knurrte Gerhard und seine Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er die Tür sonst aufbrechen würde. Die junge Frau brach plötzlich in Tränen aus „Wir wollten das nicht. Das müssen Sie verstehen,. Wir sind von dem abhängig. Er stellt hier Pferde unter und verkauft sie dann. Wenn er hier keine Pferde unterbringen würde, dann könnten wir dicht machen. Die Lage ist zu einsam hier, hier kommt keiner her und wir haben uns so verschuldet, wir können den Hof sonst nicht halten,“ tiefe Schluchzer drangen aus ihrer Brust und zerrissen die gestammelten Worte. Ihr Mann legte den Arm um sie.“ Lassen Sie;“ sagte er ruhig“ ich hole den Schlüssel, Sie können das Pferd mitnehmen, aber passen Sie auf. Das Tier ist gefährlich. Wir sind froh, wenn wir den weghaben. Lassen Sie mich zuvor den Hof verriegeln und ich will noch das Auto wegstellen, der ist unberechenbar, den kriegen Sie sonst da nicht raus!“

Unwillig schob Gerhard den Hünen beiseite “ Lassen Sie mich mal machen. Ich kenne das Pferd, der macht gar nichts“

Mandy unterhielt sich inzwischen leise mit der noch immer schluchzenden blonden Frau, sie berührte sie tröstend an der Schulter. Der Hüne ging Gerhard schulterzuckend aus dem Weg und verschwand im Haus und kam kurz darauf mit einem Schlüsselbund wieder. Er löste den Riegel an Sandmanns Boxentür und trat beiseite. Gerhard hängte einen Strick in den Halfter ein , öffnete die Boxentür und führte Sandmann heraus. Ein kollektiver Seufzer ging durch die kleine Gruppe als das Pferd im Hof stand. Sandmann, ein Schatten seiner selbst. Auch in dem schlechten Licht der Dämmerung sah man den erbärmlichen zustand des Hengstes. „Oh mein Gott, entfuhr es Mandy, sie zog ihren Arm von den Schultern der Blonden zurück, als hätte sie sich verbrannt: “Was sind Sie bloß für Menschen?“

Die blonde Frau schluchzte noch einmal hörbar auf und wandte sich ab, vergrub ihr Gesicht an der Schulter ihres Mannes. Wortlos verlunden Mandy und Gerhard das Pferd und schlossen die Klappe des Hängers. „Das,“ sagte Gerhard als er sich abwandte um das Fahrzeug an der Fahrerseite zu besteigen, „das kann Ihnen niemand verzeihen. Sie sollten keine Pferde halten dürfen.“

Die Freunde reden wild durcheinander. Was denn geschehen war, warum hatte die Leute Sandmann nicht gefüttert, wie würde es nun weitergehen? Hier konnte Mandy Auskunft geben. Sie hatte mit der blonden Frau geredet. Offensichtlich war Sandmann im Auftrag gestohlen worden von eben diesem Mann, der der Halter des PKW war, mit der bekannten Nummer. Wo dieser lebte war keinem bekannt und offensichtlich war es auch der Polizei bisher nicht gelungen einen Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Dieser Händler stellte in regelmäßigen Abständen Pferde an dem Einödhof unter, diese wurden dann dort trainiert und geritten, über seine Kontakte vorgestellt und verkauft und das Ehepaar, das den Hof betrieb bekam daraus seine Einkünfte. Bei Sandmann jedoch war der Käufer wohl abgesprungen, nachdem das Pferd überall im Internet gesucht worden war und auch die Polizei in der Gegend ermittelte. Der Hengst war zu bekannt, um zu versuchen, ihn anderweitig loszuwerden, so dass man sich quasi entschlossen hatte, ihn zu vergessen. Wenn er verschwand aus irgendeinem Grund verschied, wäre das nicht das Schlechteste gewesen, dann dann wäre das Beweismittel verschwunden und die Sache aus der Welt geschafft. „Da kann man echt noch von Glück sagen, dass ihn da keiner totgeschlagen hat“ sagt Corinne bitter. „Ach,“ entgegnet Mandy,“ du tust den Leuten unrecht,. Die sind eigentlich nicht verkehrt, sie sind halt in einer fürchterlichen Zwangslage und von diesem Händler abhängig. Und die Frau hat ganz schrecklich geweint und irgendwie sind die auch froh, das das Pferd weg ist und sie aus der Sache raus sind.“

„Was willst du jetzt weiter machen? Willst du die verklagen? Oder so?“ Fragt Florine.

„Mach das nicht, „Sagt Mandy leise „Mir tun die Leute leid,. Die sind diesem Menschen ausgeliefert und haben es schwer genug. Und den kriegt man wahrscheinlich sowieso nicht, wenn die ihn bis jetzt nicht gefunden haben“
„Aber sie haben mein Pferd fast verhungern lassen, „ fährt Corinne auf,“ Die sollten keine Tiere halten,, wenn sie so etwas tun.“


„Das ist Libertas Fluch“ sagt plötzlich Dietmar mit dunkler düsterer Stimme. Alle fahren herum und blicken ihn erstaunt an. Ein Moment von Stille entsteht. Dietmars Blick ist sonderbar nach innen gekehrt und er sieht schrecklich aus. Sein Gesicht ist hochrot und Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. „Dietmar!!“ Corinne findet als erste ihre Stimme wieder,“ Dietmar geht es dir gut??“
„Das ist Libertas Fluch, „wiederholt er , während sich sein Blick aber langsam sammelt und die Freunde fixiert, „das wird nicht das letzte Unglück sein, das hier geschieht. Liberta hat das Dorf verflucht und hier wird nichts gutes wachsen und gedeihen, das ist mal sicher.“
„Dietmar! Du kannst doch nicht an so einen Hokuspokus glauben! Geht es Dir gut?“
„Lass mal Corinne. Da ist schon was dran, an dem Fluch. Seitdem hat es hier nur Unfrieden und Streit gegeben in diesem Dorf. Hier wird nichts gut, das kannst du mir glauben,“ Erika senkt den Kopf.

„Seid ihr jetzt alle irre?“ Corinne blickt fassungslos um sich. „Und wie soll das dann hier weitergehen? Wir sterben alle, wie die Fliegen oder werden von Heiko Bagger erschossen oder verhungern? Und du Dietmar, du solltest zu einem Arzt gehen, du siehst verdammt noch mal nicht gut aus.“

Dietmar schüttelt den Kopf „Mit mir ist nichts, was nicht der liebe Herrgott richten kann. Außerdem fühle ich mich schon besser“

Es stimmte, seine Gesichtsfarbe war langsam wieder heller geworden und sein Blick klarer.

„Also ehrlich, hört mal auf mit diesem Hokuspokus. Sandmann ist wieder da und jetzt wird alles gut! Mensch, wir haben ihn gerettet, das ist wie ein kleines Wunder! Und das ist ein Grund zur Freude!“
Corinne versucht sich an einem strahlenden Lächeln, um die Freunde aufzumuntern. Das zögernde Kopfschütteln von Mandy und die in ihrem Schoß überkreuzten Finger entgehen ihr aber nicht.

Grömlitz Sommer 2013

 

Langsam geht Tamara auf die grüne Holztür von Libertas Haus zu. Raben hocken im Geäst der Linde und krächzen ihr tonloses Lied, einmal Krächzen, zweimal Krächzen dreimal, die Farben scheinen aus der Luft gesogen, jede Bewegung schwierig und zäh. Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Haus betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, etwas ist andres, sie ahnt, dass sich etwas verändert hat, sie weiß nicht, was kommen wird und sie hat Angst, Eisige Angst, die sie zwingen möchte umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen.

Die Träume werden nicht besser. Wochenende in Grömlitz, selbst hier ist sie davon nicht verschont. Tamara sitzt müde mit Anne am Teich auf der Bank, die anderen ein wenig weiter weg, lassen die Bierflasche kreisen, wie immer und überbieten sich im Unsinn Reden. Heute gibt es einen Grund mehr, denn es ist ein neuer Junge dabei. Jakob, seit einer Woche in Grömlitz ansässig, ist zu seinem Onkel gezogen, der oben am Hügel über dem Teich wohnt. Ein echter Sahneschnittchen der Typ, ein Hingucker, so eine Art Surfertyp, aber musikalisch und sensibel, sieht man gleich. Schöne tiefe Stimme, schlanke Hände und so eine Art sensible Blässe, hochgewachsen und schlank. Neben Devons athletischer Männlichkeit und Toms gedrungener Wuchtigkeit wirkt er zart und jünglingshaft, die Mädchen sind begeistert, Jana und Anne fressen ihn fast mit den Augen. Er geht in Halle zur Schule, wie Tamara, allerdings einen andere. Schade, denkt sie.

„Der Neue steht auf dich“ flüstert Anne und zieht an ihrer Zigarette.

„Ach, Quark, das denkst du bei jedem,“ murmelt Tamara. „Nee, wirklich, guck mal, wie der dich ansieht.“ Tamara hebt den Blick und wird rot. Ja, es stimmt, Jakob sieht sie an und es gefällt ihr, wie er das tut. Dann geht ihr Blick zu Devon. Genau in dem Moment sieht er auf. Die Muskel in seinem zusammengebissenen Kiefer zucken, sein Gesicht, trotz aller Schönheit, sieht….wütend aus. Was habe ich denn jetzt verbrochen, denkt sie. Anne stößt sie an und sie sieht auf. Der Neue steht direkt neben ihr und lächelt nervös. „Oh, hallo,“ sagt sie“ willst du dich setzen?“ Sie rutscht ein Stück auf Anne zu und so finden sie zu dritt Platz auf der Bank. Der Neue grinst“ Mich starren alle an,“ sagt er.

„Ach, wird sich geben, sagt Tamara. „War bei mir am Anfang auch so. Die gewöhnen sich.“
„Ich bin Anne,“ flötet Anne“ Anne mit „E“ nicht mit „A“. Ich bin Tamaras Freundin.“

„Nett,“ lächelt der Neue“ Wohnst du auch hier?“

Anne nickt „Und du, woher kommst du“
„Aus Berlin. Ich hatte keine Lust mehr auf Stadt und wollte mal aufs Land“ ein schiefes Grinsen ergänzt seine Worte.
„Mehr Land als hier geht nicht,“ Anne verzeiht ihr Gesicht „Ich wette, Berlin war cooler.“

Das Gespräch plätschert so ganz entspannt vor sich hin. Jakob ist supernett. Er beantwortet Fragen und stellt selber welche. Ab und zu sieht er Tamara lächelnd an. Auch wenn sein Lächeln es nicht mit dem von Devon aufnehmen kann – wenn Devon denn mal in ihre Richtung lächelt – es ist nett. Freundlich und nett. Und es erregt die Aufmerksamkeit der anderen. Die ganze Zeit sehen sie zwischen Jakob und Tamara hin und her. Tamaras Wangen brennen.

„In zwei Wochen schmeißen wir eine Party,“ Anne grinst „Du kannst auch kommen. Ist bei Jana. Ihre Eltern sind nicht da und wir können dort feiern.“

„Klingt super. Gehst du auch hin?“ fragt er Tamara.

Tamara nickt.

„Ich geh auch,„ Annes Augen blitzen “ Hast du in Berlin eine Freundin?“

Jakob grinst.“Nein, ich bin Single. Du?“ fragt er an Tamara gewandt.

Tamara spürt, wie ihr noch mehr Röte in die Wangen schießt“ Äh ja, ….nein,“stammelt sie.

„Na, ja, „ Jakob beugt sich zu ihrem Ohr,“ der Typ da, Devon, der starrt dich die ganze Zeit an. Und er sieht nicht besonders glücklich dabei aus. Wart ihr mal zusammen?“

„Nee, gar nicht. Das ist, das ist der Bruder von einer Reitschülerin. Devon.“

„Ah, Reitschülerin, Unterrichtest du reiten?“

Tamara nickt. Sie spürt ein Brennen zwischen den Schlehenblättern, sie spürt Devons Blick, sie spürt seine Wut.

„Cool, dann kann ich dich ja fragen, ob ich mal ne Reitstunde kriege.“ Baoh, der Typ ließ wirklich nichts anbrennen. Tamara sieht zu Anne, die genauso überrascht wirkt, wie sie selbst. Sie kichert.

„Äh, klar. Ich meine, jeder kann bei uns Reitstunden nehmen. Das ist der Hof dort. Libertas Haus.“
„Weiß ich, wann kann ich kommen?“ „Hm, ich bin nur am Wochenende da. Sonst gehe ich in Halle ins Internat.“ „OK, dann gleich morgen??“

Tamara nickt. Sie lächelt. Klar warum nicht. Eine Reitstunde, nett.

Süddeutschland, nahe der österreichischen Grenze, Sommer 2013

Corinne zittert. Sie zittert vor Aufregung und Spannung und sie kann es nicht unterdrücken. Sie sitzt im örtlichen Polizeirevier, Mandy und Gerhard sind mit Auto und Pferdetransporter zum Reiterhof gefahren um Sandmann einzuladen. Sie muss hier die Stellung halten, auf Standleitung mit Gerhards Brusttasche verbunden, der sein Handy anhat, so dass sie mithören kann und soll, sollte es Probleme geben mit der Polizei nachkommen kann. Die beiden haben sie im Revier abgesetzt, nachdem besprochen war, das sie nicht mit an den Hof kommen sollte, weil sie den Konflikt verschärfen würde, wenn die Personen dort wirklich dieselben waren, die Sandmann gestohlen hatten und sie Corinne wiedererkennen würden. Und jemand musste die Polizei informieren , sich dort ausweisen und im Notfall für einen raschen Eingriff sorgen. Es tut sich nichts. Corinne steht auf, geht zum Fenster sieht hinaus, Bayern, bayerischer Schürlregen, den Tag neigt sich dem Ende zu. Sie setzt sich wieder auf die harte Holzbank im Wartebereich. Morgens um 5 sind sie losgefahren, längs durch halb Deutschland bis in den tiefen Süden, alle aufgeregt, aber entschlossen. Das Zittern schnürt ihr die Kehle zu. Sie nimmt das Handy ans Ohr, hört nur gleichmäßiges Rauschen und Knistern, offensichtlich sind sie noch unterwegs. Der Empfang ist schlecht hier, da jetzt hört sie Stimmen, ein Quietschen. Ein Hoftor? Weitere Stimmen, sie kann nichts verstehen, eine Frauenstimme, lauter, verdammt, ist das schon ein Eingreifgrund? Die Stimmen beruhigen sich wieder, werden leiser, verdammt, verdammt, verdammt, sie möchte dabei sein. Die Stimmen nuscheln und mauscheln, man hört Schritte auf Kies knirschen, kann aber nichts verstehen, da, es wird ruhiger, sie betreten wohl ein Gebäude, den Stall? Ja, Schnauben und Scharren ist zu hören, jetzt kann sie etwas verstehen , die Frauenstimme, Gerhard, der antwortet und dann nichts mehr, Abbruch. Totenstille, dann Besetztzeichen. Was ist das? Was soll das? Was soll sie tun? Ist der Empfang abgebrochen? Wurde aufgelegt? Ist es nun Zeit für behördliches Eingreifen? Was ist da los? Sie läuft zu der dicken Glasscheibe, die den Wartebereich von den Büros der Beamten abgrenzt. Aufgeregt klopft sie dagegen. Es rührt sich nichts. Es ist totenstill in diesem verdammten Polizeirevier am Ende der Welt. Die Dämmerung wird immer dichter, sie kann kaum noch die Konturen des Raumes erkennen. Sie schlägt stärker an die Glasscheibe, im Empfang auch niemand, dahinter im Gang ein schwacher Lichtschein zu erkennen, Mist, verdammter, was ist eigentlich hier los? Plötzlich ein Vibrieren in ihrer Hand, das Handy erwacht zum Leben, aufgeregt drückt sie die Annahmetaste und Gerhards ruhige Stimme dringt ihr entgegen. „Wir haben ihn, es ist alles gut. Wir kommen jetzt zurück“ „Oh mein Gott!“ quietscht sie,“wie großartig, das ist toll, aufgeregt japst sie nach Luft, „ich gehe raus und warte, wann seid ihr da?“
„Gleich, dauert sicher nicht lange. Beunruhige dich nicht, aber du darfst nicht erschrecken, wenn du ihn siehst, wir sind gleich da!“ Aufgelegt. Was war das? Unruhig zappelt sie von einem Fuß auf den anderen. Draußen rinnt in gleichmäßigen Strömen der Regen und entzieht zusammen mit der Dämmerung der Welt alle Farben, Warum nicht beunruhigen? Sie tastet sich zur Wand und findet den Lichtschalter, der den Raum in kaltes Licht taucht. Noch immer kein Beamter hinter der Empfangsscheibe. Sind die alle tot hier?? Gruselig! Na egal, sie wird draußen warten, meldet sich dann halt nicht ab. Sie nimmt ihren Rucksack und geht durch die Schwingtür nach draußen auf den Parkplatz. Aufgeregt läuft sie zur Straße und versucht den dichten Schleier des Regens zu durchdringen. Nichts zu sehen. Nichts und niemand zu sehen hier auf der Straße in diesem gottverlassenen Winkel, am Ende der Welt, alles grau und still. Sie läuft vor und zurück und wieder vor und zurück und endlich, endlich schieben sich Scheinwerfer blass die Straße hinauf und hinein in die steile Kehre auf die Einfahrt der Polizeistation. Hier immer noch keine Regung, keine Licht außer dem Warteraum, dessen Schein milchig auf die Straße fällt. Das wäre ja großartig geworden, hätte wir diese Herrschaften wirklich gebraucht, denkt Corinne während sie dem Fahrzeug entgegen hastet.

Der Wagen hat noch nicht ganz gebremst, schon hat sie die kleine Zugangstür an der Seite des Hängers geöffnet und Sandmanns großer Kopf streckt sich ihr entgegen. Er ist es! Er ist wieder da! Ihr Sandmann, das schönste Pferd der Welt, der majestätische Hengst. Die Tränen schießen ihr in die Augen, als sie in den Hänger klettert und den großen Kopf umfasst, umarmt, auf die breite Stirn küsst und weint und lacht und alles zusammen. Der Hengst reagiert kaum auf sie. Sein einzige Interesse gilt dem Heusack, der vor ihm hängt und aus dem er gierig Bissen ruft und kaut und schluckt. Dann sieht Corinne, warum. Es gibt keinen Hengst mehr. Es gibt kein Pferd mehr, auf seinen vier Beinen, mit letzter Kraft im Leben steht ein Knochengerippe mit schwarz-weiß gefleckter Haut überzogen. Fassungslos kriecht sie unter der Absperrung hindurch und berührt den mageren Hals, die vorstehenden Rippen, die Hüftknochen, die sich zentimeterlang in die Luft bohren, ein Anblick des Jammers, ein lebender Toter. Wie kann ein so mageres Pferd noch leben? Wieviel Kraft und wieviel Hoffnung muss in diesem Körper stecken, sich am Leben zu erhalten, bis er gerettet wird. Gerhard hat den Hänger betreten und steht nun hinter ihr. „Sieht schlimm aus,“ sagte er mit von unterdrückten Tränen rauer Stimme. .“ „Das ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe, schluchzt Corinne, „Gerhard, wie kann das sein? Was sind das für Menschen? Und warum hat niemand etwas getan?“ Die Tränen rinnen ihr die Wangen herunter und keiner sagt mehr etwas. Die Stille wird durchbrochen vom rhythmischen Malmen der Pferdedezähne die gierig das Heu rupfen und kauen.

„Lass ihn uns heimbringen,“ sagt Corinne leise „Und gesundpflegen“

München Frühsommer 2013

 

Rabena von Hülstorff sitzt vor dem Spiegel. Einer der wenigen ruhigen Momente, ein Moment, den sie für sich allein hat, allein, mit ihrem Spiegelbild, ihrem Anblick, ihrem Gesicht, das sie ansieht aus dem polierten Glas der alten Spiegelkommode. Adel sieht man in ihren feinen Zügen noch immer und in der Haltung, der jahrelangen antrainierten Haltung, der selbst die Entbehrungen nichts anhaben konnten, alten europäischen Adel und Schönheit, Erinnerung an eine fast vergangene Schönheit. Rabena von Hülstorff, einst gefeierte Debütantin, das lange rabenschwarze Haar zu einen Knoten geschlungen, ein zartes Gespinst aus glitzernden Steinen darüber gelegt, die kleine zarte Figur, die einer Elfe, die jungen Herren hatten sich gerissen um sie. Und sie die Schweigsame, die Vornehme, hatte gelächelt, so dass alles offen geblieben war und gewartet. Klar hatte sie heiraten sollen, die Familie war unter Druck, man hatte sich ja wenig verspekuliert und das Geld war knapp geworden. Eine gute Heirat, so war der Plan, hätte das richten können, ein junger Man aus gutem Hause, mit ein bisschen Geld, so wäre es ideal. Leider klebte das Pech an den Hülstorffens und der geschäftliche Ruin war in der Geschlossenheit der Kreise kein Geheimnis geblieben, da konnte auch Rabenas Schönheit nicht helfen. Man würde wohl außer Stand heiraten müssen, eine Geldheirat und dafür den Titel in die Waagschale werfen müssen. Einige hoffnungsvolle Kandidaten waren ins Auge gefasst worden, doch auch hier zogen sich die Verhandlungen schleppend, als Rabena Hugo kennenlernte. Im Englischen Garten, auf einer Parkbank und dort war es geschehen um sie. Der große schlaksige junge Mann voller Pläne, voller Träume voller Energie, er hatte ihr Herz im Sturm erobert, so einen Sturm entfacht, dass sie sich dem Vater entgegenstellte, der Mutter und den Verwandten. Hugo sollte es sein, ihn würde sie heiraten, sah man das denn nicht, er war zwar noch Student und hatte nichts, aber blitzgescheit und völlig von sich überzeugt. Er hatte eine Redegabe, die selbst den Göttern ihre Allmacht abschwätzen konnte und letztlich auch dem Vater Rabena. Er wusste seine Zukunft in den leuchtendsten Farben zu schildern und Rabenas gleich mit, so dass man ihm ihre Hand gab und den Titel auch dazu. Als Hugo von Hülstorff macht er seinen Studienabschluss und bekam auch gleich eine Anstellung in einer renommierten internationalen Firma mit Sitz in München. Er wusste sich zu verkaufen und er hatte keine Bedenken. Alsbald lernte er unverfänglich den Vorstand kennen und fand sein Gehör und er sprach und redete und gelobte und visierte und bekam einen guten Job, einen wirklich guten Job, ganz oben, da wo er hinwollte, da wo er hingehörte. Und Rabena immer an seiner Seite. Ihr gegenüber hatte er seine Sprache verloren und seinen Charme, hatte er sie doch sicher und hielt sie zu ihm. Egal wo seine Pläne ihn hinführten. Scheidung war in ihren Kreisen nicht üblich und je kometenhafter seine Karriere stieg, desto fester war sie an ihn gekettet. Und gekettet war sie. Aus dem Roman war ein Fluch geworden, denn der Goldjunge, der so eloquent um ihre Gunst geworben hatte, ihr die große Romantik und ewige Liebe versprochen hatte, war ein harter geiziger Mann, der nicht nur mit Hab und Gut, sondern auch mit seinen Gefühlen geizte. Aus den reizenden formvollendeten Gesten, den Einladungen, den zugesteckten Liebesbriefen, den romantischen Postkarten mit lieblichen Bildchen drauf, die sie selbst überall vorfand, immer schien er schon vorher zu wissen, wo sie sich befand, der Aufmerksame, der Liebestolle, diese Gesten waren versiegt, verschwunden, in der Nacht ihrer Hochzeit. Nun war sie seins, sein Eigentum, ein Teil von ihm und wurde nicht besser behandelt, als er sich selbst behandelte. Sie lebten sparsam, mehr als sparsam, kärglich. Er brachte Reste mit von den betrieblichen Feiern, die er besucht hatte, die sie aufwärmte und die sie dann aßen. Die angebrochenen Flaschen Wein und Sekt ließ er sich mitgeben und brachte sie nach Hause. Gespart werden musste eisern, ihre Kleidung musste hundertfach getragen und aufgetragen werden und wenn sie etwas Neues brauchte, musste sie second hand suchen. Später, als dann das Internet kam, gab es nur noch Dinge aus Auktionen, Möbel, Bilder an den Wänden, Kleidung, Geschirr alles, was ersetzt werden musste, kam aus dem Netz und es kam billig, wenn nicht ganz umsonst. Ihre Haare, die rabenhaften wurden grau, Friseur war nicht drin, schneiden tat sie sie selbst. Ihre Schönheit blich dahin und bald zeigten nur noch die Feinheit ihrer Knochen den Adel ihrer Herkunft. Sie schwand dahin, mit der Zeit und den Entbehrungen und gehorchte ihm. Sie hatte ihm nichts entgegenzusetzen. So war es immer gewesen. Sie war zum gehorchen geboren, zum gehorchen erzogen worden, sie hatte keinen anderen Weg, als ihm loyal zu folgen. Auch in den Abgrund zu folgen, wenn es denn sein musste. Denn seine Karriere lief nicht so, wie er es geplant hatte. Unregelmäßigkeiten und Gerüchte verstellten ihm den Weg nach ganz oben, bald schon ließ der große Vorstand nicht mehr empfangen und bald kam die Kündigung. Er hatte ein wenig Geld zur Seite geschafft und machte sich selbstständig. Der gute Name half ihm dabei und der ehemalige Arbeitgeber wollte ihn lossein, aber keinen Staub aufwirbeln und daher behinderte man ihn nicht. Er investierte in Firmen, kaufte sie auf und fuhr sie dann in die Insolvenz. Er entwickelte ein System dabei, ein System, dass nur er kannte, nur er kontrollierte und dass ihm Macht gab. Die Macht des Wissens, die Macht Gehörtes zu behalten und zu verformen, die Macht, dies anzuwenden und eloquent zu verwerten. Die Großen ließen die Finger von ihm, allzu weit war sein Ruf gedrungen, aber andere wiederum folgten ihm, vertrauten ihm und gaben ihm Gelegenheit, sein Wissen zu verwenden. Die Kontakte seiner Frau und deren Geburt wusste er zu nutzen. Die Szene des echten Adels war klein, geschlossen und hermetisch. Zu seinem Ärger ließ man ihn immer spüren, das er nicht einer der ihren war, einer der nicht zum engeren Zirkel gehörte, einer von außen, einer bürgerlicher Geburt, aber an Rabena und ihrer Familie kamen sie nicht vorbei, Sie mussten ihn schlucken, ihn akzeptieren, ihn einladen und sein Hofieren dulden, sie mussten, wollten sie sich und Ihre Überzeugungen nicht selbst verraten. Also machte er weiter, sprach und redete, glänzte mit seinem Wortgeschick und seiner Intelligenz und es ging weiter, weiter und weiter die Jahre über, keiner, auch Rabena nicht, keiner wusste immer so genau, was er gerade tat und verhandelte, aber es ging weiter und weiter.

Rabena strich sich mit einer Geste durch das dünner werdende Haar, das strähnig an den Seiten ihres schmalen Gesichtes herabhing. Dieser Mann war ihre Liebe gewesen und die Liebe war kurz gewesen, das Leben lang. Immer hatte er neue Pläne. Nach Investitionen hier und dort, über deren Erfolg oder Misserfolg sie nicht unterrichtet war, war das Finanzamt hier gewesen, hatte Büros aufgebrochen und Unterlagen mitgenommen. Sie hielt zu ihm, sie deckte ihn und verteidigte ihn, Daten wurden auf sie übertragen und sie unterschrieb und lächelte dabei. Nun hatte er auch noch ein Schloss. Ein Schloss im Osten Deutschlands, mit dem er Pläne hatte, über die sie nicht unterrichtet wurde. Bald sollte sie es sehen, das Schloss, das nun endlich auch seine Einführung in die Gesellschaft, seine Anerkennung gestalten sollte. Er würde nun ganz groß herauskommen, als Wohltäter, als Retter und Erfüller, hatte er ihr anvisiert, endlich würde er, würden sie beide, die Anerkennung erfahren, die sie verdient hatten, nach all den Jahren. Er hatte ihre Hand genommen und ihr in die Augen geblickt, nach all den Jahren, dachte sie, nach all den Jahren. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man , aber ihre Hoffnung war schon beinahe dahin. Ihre Hoffnung auf Ruhe, auf Frieden, auf ein wenig Wärme. Was das mit dem Schloss würde? Sie wusste es nicht. Sie wollte es auch nicht, aber selbst wenn sie es ihm gesagt hätte, es würde ihn nicht interessieren, das wusste sie.