Grömlitz Winter 2014

 

Der Winter hat sich eingerichtet, wie ein ungebetener Gast. Sechs Wochen schon empfindliche Minusgrade von stets weniger als 10 Grad minus, sechs Wochen bedeckter Himmel, sechs Wochen Schneegriesel, sechs Wochen grau, kalt, farblos, trübe, sechs Wochen Nebel, sechs Wochen Totenstille und sechs Wochen Luft ohne Gerüche, selbst der Pferdegeruch scheint in der toten Luft zu ersterben, sechs Wochen Ende der Welt. Dietmar hatte unrecht, denkt Corinne, die Welt stirbt nicht im Inferno oder der Apokalypse, sie stirbt im Grau, im Vergessen, im Erlöschen. Die Welt wird nie wieder erwachen, es wird auf ewig grau bleiben, jemand hat die Farben gestohlen, die Gerüche und die Geräusche, wie in dem Märchen mit dem Riesen, der in seinem Garten im ewigen Winter sitzt. Corinne steht jeden grauen Tag auf und geht jeden grauen Tag ins Bett. Neben allem Sinnlichen scheinen auch die Ereignisse verstorben zu sein. Die Zeit, wie angehalten. Sie war bei weiteren Besuchen bei Anwalt Zimmermann in Halle, dieser arbeitet eine Strategie aus, wie man ihren Auszug aufhalten kann, vielleicht, vielleicht doch einen Ankauf in die Wege leiten kann, vielleicht, vielleicht und doch eher nicht? Eine Fotosammlung, soll hierbei dienlich sein, ein Fotoprojekt, das Corinne eigentlich in künstlerischer Absicht über Libertas Haus begonnen hat und das nun seine erste Ausstellung vor Gericht erfahren wird, um zu zeigen was und wie viel sie in den Bau und die Renovierung investiert haben. Wundervolle Fotos, von romantischem Verfall, malerisch und voller Hoffnung. Der Verfall nur ein Spiel und ein Kulisse, dahinter sieht man schon die heile erblühte Welt und den Frieden und die Schönheit des fertig erstellten Hauses. Im Keim erstickt in der Planung erstarrt, das Projekt wird eine ewige Hoffnung bleiben, denkt sie, ein Bild für die ewige Hoffnung, die ja bekanntlich zuletzt stirbt, die Hoffnung auf ein gutes Ende, die Hoffnung auf die Wiedererrichtung von Libertas Haus, die Hoffnung, dass aus der Ruine ein wundervoller Gutshof voller Leben wird, aus dem Dorf am Ende der Welt ein Ort des Friedens und der Freundschaft. Diese Hoffnung liegt wie im Schneewittchensarg in diesen Fotos und ob ihr jemand noch einmal Leben einhauchen kann, wie der magische Prinz, daran darf wohl ernsthafter Zweifel angemeldet werden. Corinnes Wut ist erloschen, die Wut auf den Winter, die Kälte, die Wut auf die ungerechte Behandlung durch die Brückners, die falschen Versprechungen, die Wut auch auf sich selbst und ihre Leichtgläubigkeit. Die grauen Tage absorbieren sie ganz, jeden Morgen aufstehen und den Tagesdienst tun und abends ins Bett gehen, deine schwarze traumlose Nacht hinter sich bringen und das Ganze wieder von vorne. Hätte sie diese Struktur nicht, würde sie wahrscheinlich sterben, denkt sie, wahrscheinlich würde der Funke des Lebens einfach ausgehen und sie würde erlöschen, wie ein zaghafte kleine Flamme. Aber so geht das Leben weiter, grau und gleich, Tag für Tag, die Tage, die Wochen, die Starre, die Kälte. Ihr Körper verändert sich, er scheint eine Art Unempfindlichkeit gegen die Kälte entwickelt zu haben, er kennt die täglich gleichen Schritte und Verrichtungen und funktioniert ohne Dazutun, er braucht keine Wärme und keine Nahrung, und kein Denken. Corinne spürt, dass sie weniger wird, das ihr Körper zu schrumpfen scheint, was sie nicht weiß, ist, dass ein winzig kleines Virus seinen Weg in den geschwächten Organismus gefunden hat und sich auf dem Weg durch die Organe in ihrer Lunge festgesetzt hat. Ein gelegentlicher trockener Husten schüttelt sie, aber da sie selten spricht, fällt das nicht weiter auf, eine Reaktion auf den Heustaub, denkt sie, wenn sie denkt. Leichte Fieberschübe bringen ihren Kopf trotz Eiseskälte zum Glühen und zehren den mageren Leib weiter aus, aber da sie bald wieder abklingen und unregelmäßig sind, fallen sie ihr nicht weiter auf, im Gegenteil, fast willkommen ist die hitzige Wärme aus dem Nichts, die sie plötzlich überfällt. Die Zeit vergeht, vergeht ohne Ziel und Plan und die Hoffnung, die Hoffnung, hat sie verloren.

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Grömlitz Winter 2013

 

Langsam geht Tamara auf die grüne Holztür von Libertas Haus zu. Raben hocken im Geäst der Linde und krächzen ihr tonloses Lied, einmal Krächzen, zweimal Krächzen dreimal, die Farben scheinen aus der Luft gesogen, jede Bewegung schwierig und zäh. Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Haus betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, etwas ist andres, sie ahnt, dass sich etwas verändert hat, sie weiß nicht, was kommen wird und sie hat Angst, Eisige Angst, die sie zwingen möchte umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen. Sie nimmt allen Mut zusammen und öffnet die Tür – dahinter lodert ein glühendes Flammenmeer, Flammen schlagen brüllend hoch, – warum hat sie das Geräusch von außen nicht gehört? – fressen sich durch das brüchige, trockene Holz des Treppenhauses, der Boden mit den Mayolikakacheln strahlt eine übermenschliche Hitze aus, die sie zurückwirft. Ihre Mutter, ihre Mutter ist dort oben irgendwo, sie weiß es. Und sie weiß, dass sie sie retten muss. Sie muss darein, in die Flammen, die sie verbrennen werden, die sie verglüht haben werden, bevor sie das brennende Treppenhaus erreicht haben wird. Aber da, verdammt, was ist das?? Tamara kneift die Augen zusammen.Dort steht jemand, auf den Stiegen, mitten in den Flammen, ein Mensch, er bewegt sich, verdammt ein lebendiger Mensch – oh mein Gott, er wird verbrennen „Tamara….“ruft eine Stimme aus den Flammen. Es ist Devon, sie hört seine Stimme, sie sieht ihn deutlich. Er steht in den Flammen und seine blauen Augen leuchten. Sein Blick sucht den ihren.

Tamara wacht mühevoll auf. Der Traum, hält sie zäh im Halbschlaf, über sich einen Berg Decken, das geliebte Plumeau von den Weinmüllers, wie ein Iglu aus daunengefüllter Wärme. Sie weiß, im Zimmer ist es eisig. Sie ist in Grömlitz und es ist Winter. Mal wieder Winter und diesmal kam er schon im November mit Schnee und minus 15 Grad. Das Zimmer ist eine Eishölle und wenn sie jetzt aufsteht, wird sie fast erfrieren. Das weiß sie, obwohl sie Socken trägt, eine Jogginghose und zwei Pullover. Sie ist in Grömlitz, in ihrem Zuhause, das irgendwie nicht ihr Zuhause ist, oder vielleicht nicht mehr lange, bei ihrer Mutter, die irgend wie nicht mehr ihre Mutter ist, sondern irgendein Zombie. Sie sollte wahrscheinlich am besten in Halle bleiben, auch am Wochenende. Ihre Mutter schleicht rum, wie eine Untote, immer dieselben Klamotten an, sie fragt sich ob sie die Schneehose überhaupt im Bett auszieht, den ganzen Tag ist sie mit den Pferden. Geheizt wird irgendwie nur noch abends, sie hat so eine Ahnung, dass Corinne, wenn sie alleine ist, gar nicht mehr heizt. Man kann das unter den Schichten von Kleidung nicht erkennen, aber sie hat auch so eine Ahnung, dass Corinne mächtig abgenommen hat. Ihr Gesicht sieht spitz aus und bleich, ihre ohnehin große Nase übergroß zwischen Schal und Mütze. Und sie hat das Gefühl, dass Corinne sie hier nicht haben will und das ist vielleicht das Schlimmste, aber auch das Tröstlichste an der ganzen Sache. Corinne hat Probleme, Probleme wegen Libertas Haus und wie alles weitergehen soll, das kann Tamara sich zusammenreimen, auch wenn Corinne das mit ihr nicht anspricht. Sie bespricht das nicht mit ihr, weil sie das Kind ist und weil für ein Kind gesorgt werden muss. Kinder sollten keine schlimmen Entscheidungen treffen müssen, Kinder sollten ein Zuhause haben, in dem es warm ist und in dem jemand fürs Essen sorgt. Kinder sollten sich keine Sorgen machen müssen, um Geld und Wärme und Essen und Zukunft. Es sollte sein, wie früher, aber irgendwie kann sie da nichts tun. Sie, Tamara kann da nichts tun. Sie muss warten, abwarten, wie alles wird und Kind sein.

Mühsam schiebt sie sich aus dem Bett und huscht ins Badezimmer. Corinne ist schon unten, sie sieht sie durch das vereiste Badezimmerfenster. Tamara zieht sich schnell Schichten um Schichten eiskalter Kleidung an. Was soll sie machen? Bisschen Wärme wäre nicht schlecht. Geheizt ist hier nicht, also los, zu wem? Mal sehen, ob Anne zu Hause ist. Das ist nur die Dorfstraße runter und die haben ein richtiges Haus mit einer richtigen Zentralheizung und warmem Wasser und all dem. Tamara schlüpft in ihre Schneejacke und die Stiefel, geht die steile Treppe hinunter und steht auf dem Hof. Sie blickt sich suchend um. Corinne ist nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich ist sie im Futterlager oder der Sattelkammer. Aber egal. Sie interessiert sich sowieso nicht, wohin Tamara geht, also los. Sie verlässt den Hof. Sie kommt am Schlittenberg vorbei, wo im Sommer der Jugendtreff am Teich ist und im Winter buntgekleidete kleine Würmchen auf Schlitten und Bobs heruntersausen, aus der ganzen Umgebung kommen die Eltern mit ihre Kindern es ist der Kirchberg von Grömlitz doch die einzige Erhebung auf der sich trefflich rodeln lässt. Als sie also am Schlittenberg vorbeiläuft, rennt sie fast in Mandy und Charlotte, die sich gerade zum Aufbruch rüsten.

„Tamara!“ Brüllt Charlotte übermütig und flitzt auf sie zu.

„Oh, hi, Charlotte, ich habe euch gar nicht gesehen. Bist du rodeln?“

Charlotte nickt begeistert, „Ja, aber Mutti will jetzt nach Hause. Ist ihr zu kalt. Willst du mitkommen?“
Mandy ist inzwischen auch hinzugetreten.

Tamara nickt grüßend und zögert.

„Komm doch mit,“ sagt Mandy, „Dir ist sicher kalt. Ich mache Euch einen warmen Tee. Willst du?“

Tamara nickt, klar sie hat ohnehin kein bestimmtes Ziel und wer weiß, ob Anne da ist. Und bei Mandy ist es auf jeden Fall warm.

Schweigend gehen sie den Hügel hinauf, umtanzt von Charlotte, die fröhlich mit dem Schlitten am Strick vor ihnen herhüpft.

Im Haus der Schneiders ist es wundervoll warm. Tamara sitzt am Esstisch und wartete auf den Tee, den Mandy in der offenen Küche zubereitet.

„Wo ist Gerhard?“, Fragt sie, um ein Gespräch in Gang zu bringen.

„Das weißt du wahrscheinlich besser als ich. Ist er nicht bei Euch?“ kommt die bittere Antwort. Autsch, denkt Tamara, besseres Thema…

„Ja, das ist toll, dass er bei uns so viel hilft. Bei Euch ist es schön warm,“ versucht sie es mühsam.

Mandy setzt sich ihr gegenüber und stellt eine dampfende Tasse vor sie.

„Bemüh dich nicht, Tamara, du bist kein Kleinkind mehr. Das ganze Dorf spricht bereits darüber, dass Gerhard mehr bei deiner Mutter ist, als zu Hause. Also lass es einfach.“

Tiefe Falten haben sich unter Mandy Augen eingegraben und ihre Miene ist bitter.

„Mandy, ich bin mir sicher, dass Gerhard und meine Mutter nichts haben. Meine Mutter hat im Moment echt andere Sorgen und mit dem Mann einer Freundin etwas anzufangen, das ist echt nicht ihre Art.“
„Ich weiß, dass da nichts läuft, verdammt! Ich kenne doch Gerhard. Da ist nichts. Aber es glaubt jeder. Und das ist schlimm. Wie, meinst du fühle ich mich? Wenn jeder glaubt, dass mein Mann es mit deiner Mutter treibt?“ Sie schüttelt bitter den Kopf. Eine Träne rollt ihre Wange hinunter und tropft auf das Tischtuch.

„Also Mandy, das tut mir leid“ Versucht Tamara verlegen, sie zu trösten, “aber meine Mutter kann doch nichts dafür…“
„Ach hör doch auf! Du und deine Mutter, ihr wäret besser geblieben, wo ihr herkamt. Das geht doch alles den Bach runter und wir hängen da mit drin. Ich kenne Gerhard, der wird nicht aufhören, der wird euch unterstützen, egal, was da passiert und wir werden in den ganzen Mist mit reingezogen. Und dass er eine eigene Familie hat, ist ihm dann völlig egal, weil er alles so ungerecht findet und weil er für Recht und Ordnung kämpfen muss, ach keine Ahnung, warum. Versteh doch einer die Männer…“

Sie bricht ab, erneut Schluchzen. Irgendwie will ich hier raus, denkt Tamara und sucht schon nach einem Vorwand aufzustehen und zu gehen, da setzt Mandy erneut an:

„Und du, mein Fräulein bist auch nicht viel besser,“ sie blickt Tamara an,“ was soll das mit Devon? Lass mir den Jungen in Ruhe! Der kann jede haben, aber irgendwie hat er sich dich in den Kopf gesetzt.“

Eine Pause entsteht. Tamara senkt den Kopf, auf dieses Gespräch hat sie nun wirklich überhaupt keine Lust. Sie schweigt betreten.

„Ich verstehe das nicht, „sagt Mandy, wie zu sich selbst, “er könnte jede haben, die Mädchen sind verrückt nach ihm, seitdem er 13 ist. Die kleine Bagger schleicht hier rum, wie die Biene um den Honig und dauernd summt und zirpt sein Handy. Ich versteh nicht, warum du? Du bist so„ sie zögert… “so nichtssagend“

Danke, denkt Tamara, das wollte ich heute wirklich unbedingt noch hören.

„Also Mandy;“ setzt sie ärgerlich an, „ ich versteh dein Problem nicht, denn ich denke, Devon will sicher ganz alleine entscheiden, mit wem er zusammen ist und mit wem nicht. Aber bei mir kannst du dir sicher sein, das ich keine Interesse habe“ Sie will aufstehen und schiebt den Stuhl zurück, knarrend fährt er über den Holzboden.

„Und die Träume, Tamara die Träume machen mich ganz krank“ flüstert Mandy plötzlich unvermittelt.

„Welche Träume?“ Tamara setzt sich wieder und sieht Mandy neugierig an.

„Die Träume mit Libertas Haus.“ „Und den Raben“
„Hast du auch den Traum? In dem Libertas Haus brennt?“ fragt Tamara atemlos.

„Ja, und Devon ist mitten in den Flammen und du bist auch da.“
„Mandy, wie geht das? Ich habe den Traum jede verdammte Nacht, egal, was ich tue. Ich habe aber aufgehört, den schlimm zu finden. Da passiert nichts, das ist unheimlich, aber es passiert nichts.“

„Nein, Tamara, da passiert etwas, da wird etwas passieren, ich habe Angst. Ich weiß, dass das nicht gut ist, da wird irgendetwas passieren, und ich kann da nichts tun, ich habe Angst“
Mandy lässt den Oberkörper auf den Tisch sinken und fängt an hemmungslos zu schluchzen. „Mutti, ich…“ die Tür schießt auf und Charlotte, läuft ungestüm ins Zimmer. Sie stutzt als sie ihre Mutter weinend am Tisch sieht „Tammi!! Was hast du gemacht!“ Sie läuft zu ihrer Mutter und umarmt sie. „Mutti, lass mal. Wird wieder gut, Mutti, Mutti bitte,“ ihre Stimme wird drängend,. „Mutti, bitte aufhören zu weinen! Bitte!“
Mandy scheint nicht zu reagieren.

Unbeholfen steht Tamara auf und will sich den beiden nähern.

Wütend stößt Charlotte sie weg.“ Geh jetzt!“ Schreit sie,“ du hast meine Mutti zum Weinen gebracht! Geh jetzt, Tamara! Lass uns in Ruhe“

„Aber Charlotte, ich..“

„Geh jetzt!“ jetzt schreit das Kind in voller Lautstärke“ Geh jetzt endlich! Du bist böse und geh jetzt!“
Betroffen geht Tamara rückwärts, bis sie die noch offen stehende Tür erreicht. Langsam schiebt sie sich hinaus. Verdammt, waren denn hier alle irre geworden? Verdammtes Grömlitz, verdammter Mist, verdammter beschissener Blödsinn! Tränen steigen ihr die Kehle hinauf, als sie ihre Jacke anzieht, die Stiefel, das Haus verlässt, die Haustür leise hinter sich zuzieht, es ist so verdammt kalt, dass die Tränen auf ihren Wangen gefrieren, als sie langsam den Hügel hinunter zu Libertas Haus läuft.

Grömlitz Herbst 2013

 

Diesmal kommt der Winter nicht plötzlich, schleicht sich an und überfällt die Ahnungslosen im Gewand glitzernden weißen Schnees, nein, diesmal kommt er ungeschminkt und ungetarnt in großen Schritten mit einem eisigen kalten feuchten Herbst, der ihn ankündigt und mahnt, dass es wieder so werden wird, wieder, wie im vergangenen Jahr, kalt, eisig, bedrohlich, schrecklich. Der ganze Ort scheint sich unter dieser Drohung zu ducken.

Corinne wird nach, wie vor gemieden, sie hat aufgehört zu den Einkaufswagen zu gehen, ihre Stimme scheint alle Kraft, alle Wut verloren zu haben, seit der Kündigung kann sie der feindseligen Ablehnung nichts mehr entgegensetzen. Ihre Freunde werden in diese Ablehnung mit einbezogen, am härtesten trifft es die Weinmüllers auch sie werden nun ausgegrenzt, was Corinne besonders schmerzt. Sie sieht keinen Weg, da gegenzusteuern und jeder Kontakt, den sie mit den Frauen pflegt, macht alles noch schlimmer. Sie fühlen sich beobachtet, überwacht und bei, an, oder in Libertas Haus gesehen zu werden, gleicht einer öffentlichen Brandmarkung. Gerhard lässt sich davon wenig erschüttern, hatte er doch ohnehin stets wenig Kontakte mit den Leuten im Ort, aber Mandy hat sich zurückgezogen und kommt nur noch selten zum Hof. Corinne hat ihre Besuche in dem kleinen Einfamilienhaus eingestellt, sie merkt, dass es Mandy nicht recht ist, wenn sie dort gesehen wird, hat sie doch genug Probleme damit, dass Gerhard sich nicht abhalten lässt, zu reiten, mit Charlotte Kutsche zu fahren und an und in Libertas Haus zu helfen. Böse Gerüchte entstehen praktisch unvermeidlich im Ort, Corinne hört davon, und Erika warnt sie und bittet sie in Mandys Namen, den Kontakt zu Gerhard einzuschränken, aber Corinne steckt in einer Zwangslage und kann auf Gerhard nicht verzichten. Tino, dem guten Tino musste sie kündigen, sie kann das Gehalt für den treuen Helfer nicht mehr aufbringen. Die Kosten für das alte Haus, die Pferde, der Verlust Windtänzers als Verkaufspferd, nicht erfolgte Bilderverkäufe und nun ein drohender Prozess um Libertas Haus mit enormen Anwaltskosten, all das droht sie finanziell zu ruinieren und Tino musste eingespart werden. Der Treue kommt noch einige Mal ohne Lohn dafür zu verlangen und hilft stets in Notlagen, aber der Weg von Leipzig ist für ihn zu weit und Corinne weiß, das die Familie nicht in Geld schwimmt und er die Fahrtkosten kaum aufbringen kann und so bittet sie ihn, sich nach einem anderen Job umzusehen.

Corinne befindet sich in einer Stimmung der Trauer, die seit Hannahs Tod nicht enden will. Ihre Tage, die ohnehin grau und eisig kalt sind ziehen sich zäh, schwarz und trüb vor ihr hin, wo sie hinsieht tauchen Probleme und Schwierigkeiten auf, die sie nicht beheben kann.

Der Prozess gegen die Brückners um Libertas Haus ist hoffnungslos, aber sie sieht keinen anderen Weg, als auf einen Richter zu hoffen, der ihr ein wenig Zeit schenkt, der die Gegebenheiten anerkennt und Gerechtigkeit walten lässt, weiß sie doch nicht, wohin mit den Pferden, auf die Schnelle und ohne finanziellen Spielraum. Denn, das Geld ist verbraucht, Corinnes Reserven sind am Ende, sie sieht sich dem völligen finanziellen Ruin gegenüber und verschließt davor die Augen.

Sie kann sich damit nicht beschäftigen.

Sie muss den Stall betreiben, das Tagesgeschäft. Wo das nächste Heu herkommt. Das Stroh bezahlen und den Hafer, sie denkt von Tag zu Tag, das macht es einfacher.

Libertas Haus scheint das zu spiegeln. Es sieht grau aus und unbewohnt. Sie hat aufgehört zu heizen. Es sei denn Tamara ist an den Wochenenden zu Besuch, aber Tamara kommt selten und Corinne ist froh darüber. Sie liebt ihre Tochter aber sie sieht keinen Weg, sie zu schützen, ihr Sicherheit zu geben, die Sicherheit eines Zuhauses, die finanzielle Sicherheit einer Zukunft ohne Sorgen, sich frei entfalten zu können, sie hat alles ruiniert mit ihrer Leichtsinnigkeit und ihren Träumen und die Zukunft ihres Kindes, die hat sie auch auf dem Gewissen. Sie windet sich vor Schuldgefühlen, diese Gedanken drehen und drehen sich im Kreise und nur die Eintönigkeit der Stallarbeit und das pure Überleben hindern sie daran durchzudrehen.

Morgens verlässt ihr Bett und das Haus und legt sich abends wieder hinein.

Irgendwie hat sie auch aufgehört, regelmäßig Nahrung zu sich zu nehmen, die Struktur des Tages, der Stalldienst, die viele viele Arbeit, die nun allein zu erledigen ist, geben ihr Struktur, an die sich sich mühsam hält, die sie wie ein Roboter befolgt, bloß nicht nachdenken, bloß nicht Anteil nehmen am eigenen Leben.

Erika Weinmüller kommt im Schutze der frühen Dämmerung und bringt ihr Essen, sie sieht Corinnes mageres, bleiches Gesicht zwischen den Schichten von Kleidung mit Sorge, aber sie muss auch an sich denken, auch an Florine, es ist besser den Kontakt einzuschränken und sich der eigenen Gefahren zu erwehren. Und die sind nicht wenig: Der Kumnet ist seit der Übergabe der Kündigung der große Wortführer im Dorf und verteufelt Corinne und die Ihren unablässig. Seitdem Brückners den Mietvertrag gekündigt haben und das im Dorf bekannt ist, gibt es allen das Recht, hier zu unterstützen, die Vertreibung zu beschleunigen und den rechtmäßigen Besitzern zu ihrem rechtmäßigen Recht zu verhelfen, hier will die Dorfgemeinschaft unter Kumnets Führung tätig werden und die Usurpatorin, die Mietnomadin vertreiben. Maik Gummel sieht seine Chance und macht sich dem Kumnet unentbehrlich durch dienende, speichelleckende Gefolgschaft. Hierüber bringt er seine eigenen Interessen ins Spiel, die Weinmüllers, sie sollen gleich mit verschwinden und er, Gummel wird im Namen des abwesenden Eigentümers den Wehnehof führen, verwalten und zu neuem Glanz verhelfen. Neue Mieter für Weinmüllers Wohnung hat er schon, treue Gefolgsleute aus der Feuerwehr, sichere Mietzahlungen vom Sozialamt und unkomplizierte Leute, da kann der Eigentümer sich freuen und die Weinmüllers sollen fort und das schnell. In und am Wehnehof macht der Gummel den beiden Damen das Leben zur Hölle, bald schlägt Florine die Lokalzeitung zuerst auf der Seite der Vermietungen auf und ebenso bald beginnen beide sich nach einer neuen Wohnung umzusehen. Florine mit Trauer und Erika mit Panik, hat sie doch ihr ganzes Leben in Grömlitz verbracht, hat sie hier den Friedhof mit den Gräbern, der Mutti und dem früh verstorbenen Mann, die sie hingebungsvoll pflegt, sie kann das nicht, sie will das nicht, aber sie muss. Sie weiß, dass sie muss. Flucht war in ihrer Familie stets ein Thema, auf der Flucht kamen sie nach Grömlitz, Heimat und Bleiben, das weiß sie tief in ihrem Herzen, das kann es nicht geben. Man verweilt nur kurze Zeiten des Friedens und der Ruhe und dann muss man wieder los erneut vertrieben und weiter. Das ist ein tiefes Wissen ihrer Generation und obwohl sie in ihrer lieben, freundlichen Einfachheit versucht hat, ihrer Tochter diese Erfahrung zu ersparen, hat sie sie nun doch wieder eingeholt und nun müssen sie los, aufbrechen, bevor es zu schlimm wird.

Sonderbare Galionsfigur des Mobs ist ein strahlender Engel, der einer Jeanne D`Arc gleich die Hexenjagd adelt: Kylie Bagger. Immer ist sie da, wenn Reden geführt werden, wenn gehetzt wird und politisiert wird, kein Stammtisch ohne Kylie, die lächelnd und strahlend an der Seite des Kumnet das Wort führt, keine Kaffeerunde ohne die unschuldig leuchtende, die lächelnd und strahlend den Wachgänsen beipflichtet und von Corinnes zahlreichen Sünden zu berichten weiß. Sie scheint immer und überall zu sein und zu strahlen und zu leuchten und je blasser und schwächer Corinne wird, desto leuchtender und strahlender Kylie Bagger.

Halle/Saale Herbst 2013

 

Langsam geht Tamara auf die grüne Holztür von Libertas Haus zu. Raben hocken im Geäst der Linde und krächzen ihr tonloses Lied, einmal Krächzen, zweimal Krächzen dreimal, die Farben scheinen aus der Luft gesogen, jede Bewegung schwierig und zäh. Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Haus betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, etwas ist andres, sie ahnt, dass sich etwas verändert hat, sie weiß nicht, was kommen wird und sie hat Angst, Eisige Angst, die sie zwingen möchte umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen. Sie nimmt allen Mut zusammen und öffnet die Tür – dahinter lodert ein glühendes Flammenmeer, Flammen schlagen brüllend hoch, – warum hat sie das Geräusch von außen nicht gehört? – fressen sich durch das brüchige, trockene Holz des Treppenhauses, der Boden mit den Mayolikakacheln strahlt eine übermenschliche Hitze aus, die sie zurückwirft. Ihre Mutter, ihre Mutter ist dort oben irgendwo, sie weiß es. Und sie weiß, dass sie sie retten muss. Sie muss darein, in die Flammen, die sie verbrennen werden, die sie verglüht haben werden, bevor sie das brennende Treppenhaus erreicht haben wird. Aber da, verdammt, was ist das?? Tamara kneift die Augen zusammen.Dort steht jemand, auf den Stiegen, mitten in den Flammen, ein Mensch, er bewegt sich, verdammt ein lebendiger Mensch – oh mein Gott, er wird verbrennen „Tamara….“ruft eine Stimme aus den Flammen…..

Tamara schreckt schweißgebadet aus dem Bett auf, Devon, das war Devon dort in den Flammen, sie hat ihn gesehen, auf der Treppe von Libertas Haus, dem dürren trockenen Ding, das da brennt, wie Zunder. Devon, der nach ihr ruft.

Sie wischt sich das schweißfeuchte Haar aus der Stirn. Es ist ein kalter, feuchter Herbsttag, aber sie hat geschwitzt, im Bett, in ihrem Internatszimmer, in Halle, in Sicherheit, es ist nur ein Traum. Es ist nur ein verdammter Traum und Devon erfreut sich irgendwo bester Gesundheit und ihre Mutter auch. Na ja, bei ihrer Mutter ist sie sich nicht so ganz sicher. Sie lässt sich erschöpft zurücksinken. Sie redet mit ihr nicht darüber und eigentlich will Tamara es nicht so genau wissen, aber ihre Mutter, hat mächtige Probleme. Sie werden Libertas Haus verlieren. Das ihnen offensichtlich nie richtig gehört hat und ihre Mutter weiß irgendwie nicht mehr weiter. Tamara will das nicht daran denken. Manche Dinge sollten einfach die Erwachsenen lösen und sie damit in Ruhe lassen. Sie hatte ihre eigenen Probleme und davon weit genug.

Ja, sie war nun mit Jakob zusammen. Das war, was sie wollte, eine ruhige nette Beziehung zu einem ruhigen, netten Jungen, etwas Verlässliches, etwas Sicheres, nicht diese ständige Auf und Ab, wie mit Devon. Zugegeben, Jakob war nett und all das, und es war toll mit ihm. Er war sanft und zärtlich und sie genoss es, ihm nahe zu sein, mit ihm zu kuscheln und auch ihn zu küssen, aber die Aufregeung und dieses wilde Kribbeln, wie bei Devon….Verdammt, denk an etwas Anders! Ermahnt sie sich. Im Paket mit dem Kribbeln ist auch ein Haufen Mist und Scheiß und niemals sicher wissen und eine Kylie. Darauf hat sie echt keinen Bock.

Sie steht auf und sucht ihre Sachen zusammen. Sie wird jetzt duschen, dann frühstücken gehen und dann zur Schule. Ein ganz normaler Tag, ein ganz normales Leben und ganz normale Albträume. Alles kein Grund zur Sorge. Gähnen schlurft sie mit ihrem Bündel über den Flur auf das kleine Badezimmer zu.

„Bitte sag, dass es nicht wahr ist, was ich sehe.“ murmelt sie fassungslos und zupft ihr kurzes Schlafhemd herunter, in der Hoffnung, irgendwie ordentlich und gefasst auszusehen und nicht so…nackt. „Scheiße, wie bist du hier reingekommen? Das ist privat hier und nur für Mädchen!“ entfährt es ihr.

Devon lehnt an der Wand zur Dusche, ein breites Grinsen auf dem Gesicht, die Augenbrauen erhoben „Na, der Anblick ist in jedem Falle jede Schandtat wert.“

„Mann, Devon, verschwinde, wenn dich hier jemand um die Uhrzeit erwischt gibt’s richtig Ärger. Hier wohnen auch noch andere. Keine Ahnung, wie du an der Pforte vorbeigekommen bist, aber mach dich jetzt fort! Wenn die anderen dich sehen, finden sie das wahrscheinlich echt nicht lustig. Was willst du überhaupt hier?“
„Das ist doch schon ein besserer Ansatz. Was glaubst du?“ Sein Grinsen ist ungebrochen und er mustert ungerührt ihre nackten Beine und Füße.

„Devon, verdammt hör auf mit dem Scheiß! Hau jetzt ab, ich muss duschen und dann zur Schule!“

Sie versucht, sich an ihm vorbeizudrängen, rutscht aber aus, stolpert vor die Badezimmertür, die aufschwingt und sie unsanft auf den gekachelten Badezimmerboden befördert. Sie spürt einen scharfen Schmerz auf der Stirn und dann etwas Feuchtes, das dort herunterrinnt.

„“Bleib sitzen!“ Devon nimmt ein sauberes Handtuch vom Haken und beginnt behutsam ihre Stirn abzutupfen. „was soll man nur mit dir tun, Kleines?“ murmelt er zärtlich. Auf dem Handtuch zeigen sich rote Blutspuren. Benommen starrt Tamara darauf.

Das dunkle T-Shirt spannt sich über Devons Brust, als er das Handtuch beiseite legt und Tamara vorsichtig aufrichtet. „Sieh mal, es hat schon aufgehört zu bluten. Du hast dir den Kopf an der Ecke der Duschkabine aufgeschlagen, aber so schlimm ist es nicht.“

Tamara fasst vorsichtig an ihre Stirn

„Danke, dass du es gereinigt hast.“

„Kein Problem, ich glaube nicht, das man noch etwas tun muss.“ Sanft fährt er mit den Fingerspitzen an der Verletzung entlang. Tamara zuckt zusammen und spürt ein Prickeln unter der Haut. Devon hält seine Hand still und blickt sie an. Seine Augen verwandeln sich von einer Sekunde in die anderen von kühlem Grau in leuchtendes Blau.

„Woran denkst du?“ Fragt er leise, seine Stimme rau. Er sitzt wenige Zentimeter von ihr entfernt auf dem kühlen gekachelten Badezimmerboden, aber die Luft brennt zwischen ihnen, ihre Wangen glühen. Daran in deine Arme zu sinken und mich darin zu vergessen, dich zu küssen, bis ich keine Luft mehr kriege und mein Herz das schlagen lassen will, denkt sie. Sie blinzelt:“Nichts“

Langsam erhebt sich Devon, lässt aber ihren Blick dabei nicht los. Ihr ganzer Körper verspannt sich, als er sich herunterbeugt und seine Hände rechts und links unter ihre Achseln schiebt. Beinahe mühelos hebt er sie hoch, als ob sie eine Puppe wäre und nun steht sie ihm gegenüber. Er beugt sich vor und lehnt seine Stirn gegen ihre. Seine Stirn ist kühl und angenehm. Er holt tief Luft und seine Stimme ist rau, als er sagt: „Weißt du worüber ich die ganze Zeit nachdenke?“

„Nein“

Seine Lippen berühren ihre Wange. „Davon, wie ich bei dir sein kann, wie ich dir nahe sein kann, wie ich dich glücklich machen kann, wie ich die Träume von dir nehmen kann.“

Sie fährt zurück „Devon, was weißt du von den Träumen??“

Er kommt noch näher, seine Pupillen scheinen zu leuchten, er scheint gar nicht mehr zu atmen, wie sanfter Glanz umfasst er sie „Weißt du eigentlich, was du mit mir anstellst?“ Flüstert er in ihr Ohr.

„Ich tue nichts,“flüstert sie zurück.

Devon bewegt den Kopf ganz leicht, so dass sich ihre Lippen berühren. Ganz sanft, wie ein Hauch. Dieser Kuss ist sanft, federleicht und unendlich sanft. Er legt die Hände um ihre Wangen und stöhnt leise. Der Kuss wird leidenschaftlicher, bis beide keuchen. Sein Körper presst ihren an die gekachelte Wand, die zu glühen scheint, so heiß ist der Kontakt. Er fährt mit der Hand an ihr hinab, bis zur Hüfte, das kurze Hemd er schiebt es langsam hoch, seine Berührung auf ihrer Haut, er zeiht sie noch näher heran, seine Fingerspitzen streicheln sie, wie elektrischer Strom fährt es durch sie…

Sie stößt ihn zurück.

Er tritt bedächtig rückwärts.

Langsam lichtet sich der Nebel in ihrem Kopf und ihr wird bewusst, was geschehen ist. Sie haben sich geküsst, schon wieder.

„Wir können so nicht weitermachen,“ ihre Stimme zittert „Wir…“

„Wir mögen uns,“ er beugt sich vor und stützt die Hände rechts und links neben sie an die Wand hält sie umfangen wie in einem Käfig, „die Anziehung war von Anfang an da, das kannst du nicht leugnen. Als du das erste Mal bei uns vor der Haustür standest,. Mit diesem albernen Stoffbeutel meiner Mutter“

Er beugt sich vor. Sie erschaudert

„Wir müssen dagegen ankämpfen“

„Warum?,“ haucht er.

Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, dass es schmerzt. Wenn sie in seiner Nähe ist, schreit jede ihrer Zellen nach ihm, bei ihm zu sein, ihn zu berühren, ihm nachzugeben. Aber sich ihm hinzugeben, heisst zu akzeptieren, wie er sie behandelt. Heisst, ihm blind zu vertrauen, darauf, dass auch sein Gefühle echt waren. Und wenn sich herausstellt, das das nicht so ist? Es würde ihr das Herz zerreissen, je mehr sie mit ihm machte, desto schlimmer würde es werden, sie hätte keine Kontrolle mehr über das Ganze und dann wäre sie ihm total verfallen.

Sie duckt sich unter seinem Arm hindurch. Ihre Stirn pocht dumpf “ Irgendwie kommt es mir so vor, als wäre ich erst interessant für dich geworden seit sich jemand anders für mich interessiert“, sagte sie betont leichthin .

„Nein, so ist das nicht.“

„Was dann Devon? Warum diese plötzliche Interesse, wenn du es vor einem halben Jahr noch nicht einmal ausgehalten hast, dies lebe Luft, wie ich zu atmen?“

„Verdammt, ich habe mich entschuldigt. Glaubst du., ich würde es nicht bereuen, wie ich mich benommen habe? Ich war unsicher, und so. Du verstehst das nicht. Es ist nicht leicht für mich.“

Er holt tief Luft. „Ich habe mich falsch verhalten. Das weiß ich. Aber ich bin der Bessere, besser als Justin“

„Jakob“ verbessert sie. „Und, „ sie seufzt, „ich habe sehr viel mit Jakob gemeinsam. Ich bin gerne mit ihm zusammen“

„Belüg dich nicht! Du wirst dem armen Jason da Herz brechen.“

„Nein, das werde ich nicht.“

„Das wirst du doch, weil du mich willst und ich dich“

Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er recht hatte, aber… Kopfschüttelnd, wie um den Gedanken loszuwerden geht sie zur Tür

„Du sagst dass du mich willst, aber das reicht nicht.“

„Ich zeige es dir auch“

„Nein, es reicht nicht,“ Sie wendet sich den Gang hinunter, zurück in ihr Zimmer, die Tür zu, ihn ausschließen, zurück ins Bett, heute keine Schule, heute gar kein Tag nur dunkle Nacht und schlafen.

„Ich werde nicht aufgeben, Tamara, „Ruft er hinter ihr her „ich gebe nicht auf…“

Bei Einbruch der Dämmerung herrscht ein Kommen und Gehen auf dem Haus am Hügel. Vom Gartenhaus ist der vordere Eingang gut einsehbar und die Frauen des Dorfes gaben sich die Klinke in die Hand. Sie trugen kleine Pakete, Tüten oder Beutel, die leer waren, wenn sie das Haus verließen. Jeden Abend kam eine oder eine andere, manchmal zwei hintereinander, stets allein, irgendwie geduckt und schweigend. Rabena ist allein im Gartenhaus. Das Schloss war zwar partiell nun renoviert, aber noch nicht bewohnbar, so dass sie bei ihren Aufenthalten noch immer das kleine Gartenhaus beziehen, ein hässliches DDR Relikt aus den 70er Jahren, das sich trotzig in grauen Kubenhaftigkeit im Schlosspark behauptet.

Hugo hatte sich beim Bürgermeister des Ortes eingeladen, dessen erdbeerrote Nase auf überreichlichen und regelmäßigen Alkoholkonsum, schließen läßt und dessen cholerisches Temperament laut und unangenehm wird, wenn er ein gewisses Maß an Alkohol zu sich genommen hat und das war schnell geschehen, kurz, Rabena hatte keine große Lust gezeigt, ihn zu begleiten, die Gespräche langweilten sie, sie hatte wenig Interesse an Hugos Plänen mit dem Schloss, dem Ort und der restlichen Welt. Sie würde beizeiten davon erfahren und das würde allemal früh genug sein.

Hugo fuhr nun regelmäßig einmal im Monat in den Osten zum Schloss. Wenn er darauf bestand, begleitete sie ihn. Freude hatte sie an diesen Fahrten nicht. Die Leute hier verunsicherten sie, ihre Art war so anders als die Art der Menschen, die sie kannte. Sie bevorzugte allein in München zu bleiben und dort gelegentliche, aber wie sie fand, intensive und erfreuliche Kontakte zu pflegen, Spaziergänge zu unternehmen oder dem Lesesaal der Stadtteilbibliothek einen ausgiebigen Besuch abzustatten. Wenn Hugo nicht da war, gehörten die Tage ihr, es kehrte eine Ruhe ein, Gelassenheit, von der keine Spur war, wenn er anwesend war und das kleine Haus mit seiner Hektik, seiner Rastlosigkeit erfüllte.

Das Haus am Hügel interessierte sie und seine Bewohnerin, Greta Berger-Schaaf, die ihr beim Richtfest vorgestellt worden war und die dort nicht von ihrer Seite gewichen war. Die gepflegte Frau hatte einen gescheiten Eindruck hinterlassen, aber Rabena wurde die Annahme nicht los, dass sich mehr hinter ihrer Fassade verbarg. Kleine Ungereimtheiten, unbedachte Bemerkungen, eine etwas schrilles Lachen, ein dann und wann gehetzte Blick, hier war mehr und anderes zu vermuten, als der erste Eindruck anbot.

Im Gartenhaus war es zudem kühl und feucht, Hugo hatte einen kleinen Gasofen im Wohnzimmer aufgestellt, aber er sah es nicht gerne, wenn man ihn anfeuerte, denn Gas sollte und musste gespart werden, außerdem war der Geruch stechend und unangenehm und, wie Rabena befürchtete, nicht allzu gesund, war wohl dieser Ofen eher für Baustellen oder Rohbauten ausgelegt. Also verzichtet sie aufs Heizen, zieht sich lieber einen Wollpullover über den, den sie bereits trägt und lange wollende Strümpfe an. Es ist ein trüber dunkler Herbsttag, der so dunkel zu enden scheint, wie er begonnen hat, ohne jemals zwischendrin heller zu werden. Feuchtigkeit tropft von den bereits blattlosen Zweigen der Bäume, die zwischen dem Gartenhaus und dem Haus am Hügel stehen und in denen sich eine Schar Raben lautstark vergnügt. Das Schloss schien diese Vögel anzuziehen, eine ganze Horde begleitet Rabenas ungewollte Aufenthalte hier mit ihrem steten heiseren Geraune oder ihrem lauten erregten Gekreisch, wenn sie alle hochfliegen, um sich alsbald auf dem Gerippe des Daches des Hügelhauses zu versammeln und in brütende Stille zu verfallen.

Kurze brütende Stille.

Sie wäre lieber in München geblieben, aber Hugo hatte auf ihrem Mitkommen bestanden, sie wusste, es standen wieder ein paar Termine an, bei denen er ihre Gegenwart wünschte, Anzugträger und Wichtige, deren Treffen sie mit ihrer schweigenden Anwesenheit adeln musste. Wenigstens würde dort geheizt sein.

Sie zieht den linken Kniestrumpf hoch, dessen Gummi ein wenig ausgeleiert ist und steht auf. Sie würde jetzt da rüber gehen und sich dem Reigen der Frauen anschließen.

Gerade hatte eine das Haus verlassen und es war ihr keine weitere gefolgt, also, beschliesst sie, nun ist sie an der Reihe.

Fröstelnd zieht sie einen dunklen, gefütterten Parka über, schlüpft in die Galoschen, die unten an der Treppe stehen und eilt hinüber, vom erheiterten Gekreisch der Rabenschar begleitet. An der Tür des Hügelhauses findet sich keine Türglocke oder Klingel, aber eine altmodische Fahrradhupe, die die Frauen einmal zu drücken pflegen, also tut sie desgleichen.

Nach einiger Zeit hört sie Schritte, eine Tür klappen, erneut Schritte und die Haustür öffnet sich. Eine lange braune Zigarette zwischen den Lippen, begegnet sie dem erstaunten Blick von Greta Berger- Schaaf, in einen weichen hellen Wollumhang gehüllt, mit langen engen Hosen und Pantoffeln, ein exotisches Bild.

„Oh, Hoheit, das ist aber ein Überraschung!“

War dort ein spöttischer Unterton zu vernehmen? Stirnrunzelnd betrachtet Rabena die Frau, kann aber nichts dergleichen erkennen.

„Hoheit dürfte wohl kaum zutreffend sein,“ sagt sie bestimmt, „diese Anrede verwendet man ausschließlich für Angehörige des Königshauses!“

„Ich weiß,“ Greta lächelt willkommen heißend und dreht sich zur Seite, um Rabena den Zutritt freizumachen. „Ich freue mich, bitte kommen Sie herein“
„Komme ich nicht ungelegen?“ fragt Rabenau.

„Nein,. Gewiss nicht. Man könnte sogar sagen, ich hätte sie erwartet, früher oder später“ setzt Greta hinzu. Sie öffnet die Zwischentür, beide überqueren einen schmalen Flur und betreten ein erstaunliches Wohnzimmer.

Das erste, was Rabena auffällt und sie zu einem erfreuten genießerischen Lächeln veranlasst, ist die Wärme. Herrliche dichte, wundervolle Wärme erfüllt den wohlriechenden Raum wie ein Nest. Dicht an dicht bedeckten Schirme die Zimmerdecke, große, kleine, ein riesengroßer Sonnenschirm, wie aus deinem Straßenrestaurant und viele kleine, Regenschirme, Kinderschirme, Sonnenschirme fügen sich zu einem bunten, absurd fröhlichen Muster, das die Raumstruktur völlig auflöst. Sofas, Sessel und gepolsterte Stühle laden samt und sonders zum gemütlichen Sitzen ein, Räucherstäbchen verbreiten einen dezenten, angenehmen Geruch, der mit Gretas Zigarettenrauch verschmilzt. Auf einem niederen Tisch stehen zwei Weingläser, eine geöffnete Rotweinflasche und eine kleine Schale mit Gebäck, wunderschöne geschliffene Gläser, edles antikes Silber, das warm blinkt im Schein von vielen kleinen Leuchten, die oberhalb und unterhalb der Schirme hervorlugen und dem Raum in zauberisches Sternenlicht tauchen.

Greta deutet auf ein Sofa und Rabena lässt sich aufseufzend hineinsinken.

Greta schenkt Wein in beide Gläser, ohne zu fragen, ob Rabena etwas zu trinken wünscht, schiebt ihr die Schale mit dem Gebäck hinüber, lehnt sich in einem Sessel ihr gegenüber zurück und sieht sie freundlich an. Prüfend nimmt Rabena einen Schluck Wein, dann gleich noch einen, das ist ein hervorragender Jahrgang, ein wundervoller Wein, schwer und samtig, wie der Sommer. Sie nimmt sich ein Gebäck und dann gleich noch eines und entgegen ihrer Gewohnheit und Erziehung noch eines, das schmeckt wundervoll und sie merkt erst jetzt, wie hungrig sie war. Sie begegnet Gretas Blick und deren freundlichen Augen. Auch sie lächelt nun. Noch nie, seit sie das erste Mal einen Fuß in diese fürchterliche Gegend gesetzt hat, hat sie sich so wohl, so willkommen gefühlt.

Greta scheint das zu spüren und hebt ihr Glas

“ Willkommen,“ sagt sie und ihr Lächeln vertieft sich, wird noch offener, noch freundlicher „Und endlich. Endlich willkommen“

Rabena schreibt dies dem Umstand zu, dass sie schon längst, wie es die Tradition geböte, mal einen Antrittsbesuch bei den Nachbarn hätte machen sollen, wundert sich aber über die Schwere und Bedeutsamkeit, mit der Greta diese Worte spricht. Da war es wieder, diese Frau war so nett und freundlich, aber, darunter lauerte etwas….Sonderbares.

„Ja, endlich,“ sagt sie,“ ich hätte wirklich schon längst einmal kommen sollen. Sie haben es schön hier! Ungewöhnlich, aber schön!“

„Was haben Sie für Pläne mit dem Schloss?“ fragt Greta plötzlich ohne Umschweife.

Rabena schwirrt ein wenig der Kopf. Sie hätte den Wein nicht so schnell auf nüchternen Magen trinken sollen, nun muss sie sich konzentrieren, um zu sprechen,

„Ach, wissen, Sie, für die Pläne ist mein Mann zuständig. Ich spreche da nicht so viel mit.“
Verwundert sieht Greta sie an „Und das bei Ihrer Macht? Sie müssen doch wissen, was sie wollen?“
Rabena schüttelt den Kopf; dieser blöde Schwindel, sie ärgert sich, der Wein ist wohlschmeckend, aber auch schwer:

„ Ach, der Name allein ist doch keine Macht. Heutzutage bedeutet Adel nicht mehr viel, da ist keine Macht, die ich irgendwie nutzen könnte oder müsste“ Sie versucht sich an einem entschuldigenden Lächeln.

“ Diese Macht meine ich nicht,“ sagt Greta „ mehr eine andere, nicht irdische.“

Verwundert sieht Rabena sie an, aber Greta schüttelt nur den Kopf.

„Lassen sie uns die Karten legen. Vielleicht erhalten wir dann einen Antwort.“
„Ach, wissen Sie, Greta, das liegt mir nicht so. Ich möchte das glaube ich nicht,“ und schon gar nicht, wenn mir so schwindlig ist, setzt sie in Gedanken hinzu „Ist das deshalb, warum die Frauen alle zu Ihnen kommen? Sagen Sie Ihnen die Zukunft voraus?“

Greta schweigt.

Na dann eben nicht, denkt Rabena und nimmt einen weiteren Schluck Wein und ein Gebäck um die Gesprächspause zu überbrücken.

„Ich denke, mein Mann möchte das Schloss der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, wenn es einmal renoviert ist und es in einen Versammlungsort verwandeln,“ lenkt sie schließlich ein. „So hat er das auch im Internet publiziert und daran sind auch die Fördermittel gebunden.“
Greta sieht sie lange an und sagt dann, als Rabena schon vermutet, sie würde gar nichts mehr erwidern: „Dieser Ort hat eine lange Geschichte und es wäre gut, wenn man diese Geschichte zum Guten wendet, nun endlich. Die Zeit ist reif“
Rabena sieht Greta fragend an.

„Hier sind nicht immer nur gute Dinge geschehen, „ ergänzt Greta vorsichtig,“ Manch einer mag sogar behaupten, dass dieser Ort über die Zeit ein Zentrum des Bösen war“

Rabena lächelt nachsichtig,“ Aber Greta, das meinen Sie doch nicht wirklich. An allen Orten mit Geschichte sind gute Dinge geschehen aber auch schlimme. Es gibt keine guten oder bösen Orte, Orte haben doch keine Handlungsfähigkeit.“

„Doch, gewissermaßen schon. Dieser Ort hier hat eine wechslungsvolle, aber überwiegend schlechte Geschichte. Und diesen Ort gibt es noch. Vergessen Sie das nicht! Andere Orte hier wurden zerstört und geschliffen, dieser Ort hier, das Schloss und die Kirche sind die einzigen historischen Orte die es hier noch gibt. Es sind starke Orte, sie können ihrer eigenen Zerstörung entgegenwirken, aber ihre Kräfte sind nicht immer gut.“

Rabena schüttelt den Kopf. Das ist nicht die Art von Diskussion, auf die sie sich einlassen will: „Wenn Sie das sagen, dann wird das sicher so sein, Greta, ich kenne mich mit solchen Dingen wirklich nicht aus. Aber wir können uns doch vornehmen, alles zu tun, um diesen Ort in einen Guten zu verwandeln, wenn er denn eine so schlimme Geschichte hat. Einen Ort für die heile Welt, eine Begegnungsstätte des Guten“ Die Idee gefällt ihr wider Willen, sie spürt eine plötzliche Euphorie, wie schon lange nicht mehr. Vielleicht ist das nur der Wein, aber es glimmt in ihr die Gewissheit, dass sie vielleicht, eventuell auch etwas machen könnte, etwas Eigenes, eigene Ideen verwirklichen, vielleicht könnte sie das.

Sie sieht das plötzlich vor sich: Ein Ort für Kinder und alte Menschen, Tiere, Sonnenlicht, lautes Lachen und Freude, Musik, Kunst, Freude und Freiheit.

Das würde ihr gefallen. Das würde sie interessieren und sie hat schon so lange nichts mehr wirklich interessiert. Das würde dem Ganzen irgendwie einen Sinn geben.

Vage denkt sie, dass das vielleicht nicht unbedingt Hugos Pläne wären, aber vielleicht, vielleicht könnte sie mit ihm einmal darüber reden? Sie wusste wirklich nicht, was er mit dem Schloss plante. Vielleicht hielt er ja das für eine gute Idee?

Sie nimmt noch einen Schluck Wein und Greta, die ihre Gedanken zu lesen scheint, hebt erneut ihr Glas und stößt mit ihr an. Helles Klingen der geschliffenen Gläser erfüllt den Raum, der plötzlich zu leuchten scheint, zu glühen und Rabena mit seiner Wärme zu umfangen.

„Ja,“ sagt Greta mit einem offenen kindlichen Lachen, mit Dankbarkeit in den dunklen Augen, “ ja, das wird es sein! Es wird ein freundlicher Ort, ein Wunderort, eine heilsamer Ort! Eine heile Welt, ein Paradies voller Heilkräfte und Freude. Das wollen wir machen! Das können wir machen.“

Und beide Frauen nicken sich zu.

Grömlitz Herbst 2013

 

Der Kumnet steht mal wieder vor der Tür. Einen dicken weißen Umschlag in der Hand. „Ich muss Frau Haalswor sprechen, persönlich, „ sagt er bedeutungsvoll zu Tino, mit gewichter ernster Miene, hinter der sich aber ein triumphierendes Lächeln zeigt. „Ich bin ein Bote, „ sagt er,“ Ich muss das abgeben und ich brauche eine Unterschrift . Von Frau Haalswor“ „Persönlich“
Corinne wird geholt und unterschreibt.

Der Kumnet wendet sich zum Gehen, mit seinem Unterschriftenblatt. „Tut mir leid, dass es so gekommen ist“ sagt er noch

„Ich wollte das nicht,“ sagt er auch noch.

Corinne sieht ihn fragend an, aber er wendet sich ab und geht die Straße hinunter, die holprige Natursteinstraße, auf der die Autos langsam fahren müssen, den steilen Berg hinab an Libertas Haus vorbei. Corinne sieht ihm fragend nach, aber er wendet sich nicht mehr um.

Prüfend betrachtet sie den schweren Umschlag in ihrer Hand und beginnt ihn aufzureissen. Sie entfaltet die Blätter, der Briefbogen einer Anwaltskanzlei aus Ulm, ein Eingangsbogen mit Briefkopf und dann ein Anschreiben, sie lässt den zerrissenen Umschlag zu Boden flattern, ihr Herz schlägt bis zum Halse, ihr Atem stockt, sie bekommt kaum noch Luft. Sie muss sich setzen, sie lässt sich zitternd auf den Stein neben dem Torbogen sinken, mal wieder, mal wieder eine Hiobsbotschaft, mal wieder das Ende der Welt, diesmal wirklich, das Ende der Welt in Libertas Haus, ihr ist schwindelig und die Tränen steigen ihr in die Augen. Warum?

Warum das?

Und was soll sie jetzt tun?

Was soll sie jetzt bloß tun??

„Tja, diesmal sieht es nicht gut aus,“ Zimmermann schüttelt zweifelnd den Kopf „Erlauben Sie mir die Frage, er lehnt sich vor und richtet seinen sezierenden Blick aus hellen Augen interessiert auf sie. Als würde er eine seltene Spezies begutachten „Warum haben sie einen solch blödsinnigen Vertrag unterschrieben?“
„Keine Ahnung,“ Corinne schüttelt den Kopf. Ihre Stimme ist tonlos;“ Die haben mir gesagt das wäre schwierig, mit der Erbengemeinschaft und dass sie die Zeit bräuchten, das alles zu klären und es steht ja drin, dass ich das Haus dann kaufen kann. Das haben wir doch reingeschrieben. Und ich habe mich da eben sicher gefühlt. Es sollte ja nur ein Vorvertrag sein. Bis zum Kaufvertrag. So ist es ja auch formuliert.“
„Aber Sie haben sich nicht abgesichert. Sie haben das nicht notariell beglaubigen lassen. Damit ist das nicht bindend, sondern nur eine Art Absichtserklärung und damit jederzeit, ganz normal kündbar.“Zimmermann schüttelt den Kopf. „Bevor Sie so viel Geld investieren, warum haben Sie nicht mal einen Anwalt um Rat gefragt. Das hätte Ihnen jeder in jeder x-beliebigen Rechtsberatung sagen können, dass das nicht bindend ist.“

Corinne zuckt die Schultern. Sie ist schon wieder den Tränen nahe und will sich die Blöße nicht geben hier vor dem Anwalt loszuheulen, der sie ohnehin für die dümmste aller Lebenden hält, nein. Bitte bloß das nicht! Sie holt scharf Atem und blickt dem Anwalt in die hellen Augen „Also, Zimmermann. Wie ist es, können Sie mich da raus hauen oder nicht? Gibt es eine Chance, dass ich Libertas Haus doch noch kaufen kann oder nicht? Über Vergangenes Jammern hilft jetzt auch nicht weiter, das ist passiert und jetzt müssen wir versuchen, das Beste daraus zu machen.“
Zimmermann sieht sie ernst an: „Das ist eine ganz schöne Aufgabe. Aber hier mein Tipp: Versuchen Sie zu verhandeln. Reden Sie mit den Leuten. Das kostet Sie auch erst mal nichts. Das Haus ist nichts wert, das wissen die auch. Vielleicht können Sie sich ja einigen, vielleicht wollen die sie ja auch nur aus der Reserve locken und den Preis hochtreiben.“
Corinne schüttelt zweifelnd den Kopf.

„Das habe ich doch schon versucht. Ich habe schon so viele Gespräche geführt, und immer dieses Ausweichen, dieses Zögern. Klar wollen die eigentlich verkaufen und diesen Klotz vom Bein haben, aber irgendetwas hindert die. Und jetzt haben sie eben Tatsachen geschaffen und den Vertrag fristgerecht gekündigt. Also kein Verkauf. Ich hatte die Hoffnung, das man da rechtlich etwas tun kann. Dass man den Vertrag oder dessen Durchführung anzweifeln kann oder sie irgendwie zwingend kann, mir dieses Vorkaufsrecht einzuräumen, denn das steht ja immerhin in dem Vertrag. Ich habe doch so viel investiert, mein ganzes Geld steckt da drin. Das kann einfach nicht sein, dass das jetzt nicht klappt.“
Es entsteht eine Pause, in der Corinne Hoffnung schöpft.

Aber schließlich sagt Zimmermann:“ Also, bei dieser Vertragslage sieht es einfach schlecht aus. Sie können sich keinerlei Rechte daraus herleiten, denn das Vorkaufsrecht ist hier nur eine Option und keine Verpflichtung. Denn keiner hat sie gezwungen zu investieren. Wir können natürlich trotzdem vor Gericht gehen und hoffe, dass ein Richter ein Einsehen hat, weil das Haus ja an sich unbewohnbar war und ohne die Investitionen gar keine Miete erbracht hätte und gar kein Vertrag zustande gekommen wäre, aber die Rechtslage gibt das eigentlich nicht her. Denn, es bleibt dabei, es hat Sie ja keiner gezwungen, diesen Mist zu unterschrieben und es hat Sie auch keiner gezwungen zu investieren. Das einzige was Sie damit gewinnen, ist Zeit. Zeit, etwas Neues zu suchen. Mehr kann ich Ihnen nicht versprechen.“

Die Drohne war nicht billig gewesen, aber sie war jeden Cent wert. Die Bilder waren gestochen scharf, obwohl das Licht nicht optimal war und sie war teuflisch leise. Teuflisch war das richtige Wort. Ein teuflisch exaktes Überwachungsinstrument. Ein lautloses Auge, das sich in die Lüfte erhebt und seinem Herrn und Gebieter Bilder übermittelt von wo auch immer er es hinlenkt. Perfekt!

Zuerst hatte er versucht, eine Drohne selbst zu bauen. Aber es war nicht gelungen. Das Montieren der Kamera hatte nicht so geklappt und es hatte sich auch nie richtig lenken lassen. Es war stets wenig exakt gewesen und hatte sein Perfektionsbedürfnis nicht befriedigt. Aber dann war der Katalog ins Haus geflattert und er hatte nicht lange nachgedacht!! Die Preise waren zwar exorbitant, aber die Technik hat ihn überzeugt.

Das war es!!! Harald Bonsahy schmunzelt, diese hier ist jeden Cent wert. Die Bilder flackern über den Bildschirm, als er das Flugobjekt durch den Garten lenkt, lautlos schwebt es vor den Fenstern der Nachbarn, perfekter Einblock, perfekte Beobachtung, lautlos und unbemerkt. Es ist Dämmerung, der leise Beobachter steht nun vorm Badezimmerfenster der Nachbarfamilie. Michelle, diese kleine Hure, die macht das doch mit Absicht, das kann doch nicht wahr sein! Harald grinst breit, als sich die Bilder auf seinem Monitor aufblättern. Wie sie sich dreht und wendet, das ist doch Show, die weiß doch, dass sie beobachtet wird. Er spürt die Erregung steigen, sein Atem wird schneller, dieses Miststück, die weiß genau, was sie tut.

Dass die Tür seines Büros sich geöffnet hat und Sylvia das Zimmer betreten hat, merkt er erst, als sie hörbar die Luft einzieht „Harald!!“ Ein erschrockenes Ausatmen,

schnell clickt er rechts oben in das Monitorfenster und verschließt die Seite mit den Bildern.

„Das ist nicht…“, stammelt er erschrocken.

Er dreht sich um und sieht in das Gesicht seiner Frau. Ein mageres, verlebtes Gesicht, gepflegt und geschminkt mit dem Bemühen das Einstige zu erhalten. Aber mager, verlebt, alt und erschrocken, jetzt zutiefst erschrocken die Augen mit den schlaffen Lidern nun mit Tränen gefüllt, ein fassungsloser Blick, der den seinen sucht.

„Nein Harald, „ flüstert sie, „nicht wieder!“ und „Bitte nicht!“ und „Nicht wie bei Gabriel!“ bevor sie aufschluchzend das Zimmer verlässt.

Die Tür hinter sich offen lässt.

Für einen Moment ärgert er sich. Er ärgert sich über sich selbst, dass er nicht abgeschlossen hat. Er wollte doch nur ausprobieren nur mal sehen, ob das überhaupt geht. Konnte er denn wissen, dass die Kleine da so eine Show abziehen würde.

Verdammt!

Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass dieser ganze Terror wieder anfing.

Seine Familie ging ihm über alles, das musste Sylvia doch wissen! Er muss das wieder hinkriegen – Sylvia muss doch wissen, dass sich das mit Gabriel nicht wiederholen würde. Er hatte es versprochen, das wusste sie doch! Die blöde Kuh, wieso konnte sie ihm nicht vertrauen. So ein bisschen Vertrauen, war das denn zu viel verlangt? In einer Ehe, so einer jahrelangen, jahrzehntelangen Ehe? Ein bisschen Vertrauen, oder??

Hatte er sie schon jemals betrogen? Nein! Er nicht. Nicht wie andere Männer, er sah nicht nach anderen Frauen , das machte er nicht. Nein, da war doch wohl ein bisschen Vertrauen angebracht.

Ärgerlich öffnet er wieder die Seite mit den Fotos und sichert die Bilder. In einem Ordner, einem privaten Ordner. Den er wiederum sichert. An einer anderen Stelle, auf eine anderen Laufwerk, das er wiederum sichert. Auf einer externen Festplatte, die er absteckt. Man weiß ja nicht. Wenn hier noch nicht einmal mehr in der eigenen Familie mit Vertrauen zu rechen sein kann.

Grömlitz Herbst 2013

 

Corinne geht den schwersten Gang ihres Lebens.

Der Herbst ist gekommen und hat die Blätter bunt gefärbt. Ein strahlend blauer Himmel überzieht die Weite und lässt die Farben leuchten, die klaren Nächte mit Milliarden Sternen bringen die ersten Nachtfröste, das Gras ist morgens weiß vom Reif und starr und brüchig, wie Papier.

Hannah, die schwarze Stute geht ihren letzten Gang.

Sie muss in den Stall und dann wird die Stunde des Abschieds nahen. Ihre Fehlstellung hat sich so verschlechtert, dass sie kaum mehr laufen kann. Sie steht mit dem Hengst und den anderen Stuten auf einer großen wilden Weide unter Bäumen und an einem Bach, aber draußen geht das jetzt gar nicht mehr. Sie wird frieren, wenn sie sich nicht bewegt und so viel liegt, sie muss auf jeden Fall in den Stall. Und dann einen Tierarzt sehen.

Mit minutiös winzigen Schritten gehen Corinne und ihre Stute den Weg zum Stall. Die Strecke, die mit einem gesunden Pferd eine halbe Stunde dauert, zieht sich nun schon weit über eine Stunde und tief in ihrem Herzen weiß Corinne, dass es das letzte Mal sein wird, dass Hannah diesen Weg geht. Das letzte Mal, dass sie den Wind in den fallenden Blättern hört, das letzte Mal, dass die Sonne ihr tiefschwarzes Fell zum Schimmern bringt, das letzte Mal, dass der Tau ihre Hufe nässt und den flauschigen Behang feucht werden lässt. Das letzte Mal grünes Gras am Wegesrand. Das letzte, feuchte Gras ist voller Energie und Süße. Das letzte Mal Huf vor Huf den steilen Weg zum Dorf hinab mühsam über die unebenen Steine. Menschen, Frau Herder und die Nachbarinnen, die in ihren Vorgärten arbeiten Blumen zurückschneiden und abdecken, bleiben stehen und sehen dem sonderbaren Paar zu, der schwarzen Stute, die die Schritte mit Mühe setzt, die Hinterhand immer wieder abknickend und die Frau an ihrer Seite, deren Gesicht feucht ist, die sich blind vor Tränen an dem schwankenden Pferd festzuhalten scheint, die in dem kranken Tier noch eine Stütze sucht. Und die Stute leitet sie, wie sie es immer getan tat. Hannah gibt ihre verbleibende Kraft dem schwachen Menschen an ihrer Seite und beide stützen sich gegenseitig den letzten Weg zu Libertas Haus. Die Frauen schweigen und sehen ihnen nach. Es ist ein ewiges, ein universelles Gefühl von Abschied, das die beiden umgibt und das allen nahe geht.

Die nächsten Tage werden die Menschen, die Corinne nahestehen zu Libertas Haus kommen und sich von Hannah verabschieden, der Guten, die viel liegt und mit ihren sanften schwarzen Augen die Besucher empfängt. Dr. Schuster wird sie gesehen haben und den Kopf geschüttelt haben. Einfach nur den Kopf geschüttelt und Corinne die Hand auf die Schulter gelegt haben und sanft zugedrückt haben. Ein Termin wird abgesprochen werden.

Corinne wird am Sonntag im Gottesdienst eine Fürbitte für Hannah lesen und die alten Frauen werden in ihr Weinen mit einstimmten. Es wird eine schwere Trauer sein in der Kirche, Trauer um Hannah und Trauer um all die Freunde, die Geliebten die man hatte gehen lassen müssen und die einen allein und im Verlust zurückließen.

Corinne wird alleine am Hof sein, wenn der Tierarzt kommt, Hannah wird liegen auf der Seite. Corinne wird ihren Kopf in den Schoß nehmen und ihr die Stirnlocke streicheln, das weiche seidige Fell spüren und der Tierarzt wird die Spritze setzen. Hannah wird Corinne in die Augen sehen und nach einiger Zeit, mit einem Seufzen, wird ihr Blick brechen. Ihre Augen werden voll tiefer Dankbarkeit sein und Corinne wird in all den Tränen in all dem Schmerz wissen, dass es eine Gabe der tiefsten Liebe ist, ein Geschenk an die treue Freundin, ihr hier das Leben zu nehmen und sie vom Schmerz zu erlösen. Sie wird dem Pferd die Augen schließen und weinend den toten Kopf ein letztes Mal in die Arme schließen. Hannah wird nun fort sein. Hannah wird auf den ewigen Weiden sein, in ewiger Oktobersonne und süssem, grünen Gras und ohne Schmerzen. Und Corinne und die anderen werden ohne sie weiter leben müssen. Immer und für immer ohne sie weiter leben müssen.

Grömlitz, Herbst 2013

 

Langsam verliert die Sonne ihre sengende Kraft, die Tage sind noch immer schön, aber die Farben haben sich verbraucht, die Linde zeigt erste gelbe Blätter, die Morgen fangen an, feucht zu werden, wenn Corinne die Koppeln abgeht, kommt sie mit nassen Schuhen zurück, denn Tau hat sich angesammelt. Die Luft verändert ihren Duft, ist harzig und staubig von der Strohernte, aber entwickelt auch einen leicht moorigen Geruch nach Verfall und Schimmel. Die ersten Anzeichen des kommenden Herbstes.

Und dann des Winters.

Corinne schaudert. Was, wenn das wieder so ein Winter wird. So ein richtiger Winter, so ein Jahrhundertwinter, wie es sie angeblich nur alle Jahrhunderte gibt. Sie hat zwar die drei verbliebenen Fohlen aus diesem Sommer verkauft, aber für den Bau einer Heizung haben die Einkünfte nicht gereicht. Sie muss Heu bestellen und Stroh, für den Winter muss vorgesorgt werden und, sollte es wieder so kalt werden muss ordentlich gefüttert und eingestreut werden können.

Und sie hat diesen Prozess gewonnen. Wenn man das gewinnen nennen kann, ein Gefühl das einen so schalen Nachgeschmack hinterließ. Diese dummen dusseligen Prozess gegen Yvonne Bagger. Sie muss der Frau kein Schmerzensgeld zahlen, weil nicht beweisbar war, dass sie ihr den Arm gebrochen hat, genau, wie Zimmermann vorhergesagt hatte. Obwohl sie mit einer Rüge davonkam, weil sie nicht auf den Krankenwagen gewartet hat. Weil sie sie selbst ins Krankenhaus gefahren hat. Eine Dummheit. Eine gutgemeinte übereilte Dummheit.

Noch immer spürt sie diesen Ärger, wenn sie daran denkt. Und die Verwunderung. Die Verwunderung dass so etwas möglich ist. Das aus der reinen, uneigennützigen Hilfsbereitschaft so etwas werden konnte, wenn sich nur jemand fand, der es ausnutzte.

Der gerissene Anwalt von Frau Bagger hatte immer wieder auf die Hilfsbedürftigkeit der Frau hingewiesen und Corinne dargestellt, als ob sie sie absichtlich verletzt hätte, um ihrer Wut über die unliebsamen Nachbarin Ausdruck zu verleihen. Yvonne Bagger hatte dort gesessen, wie ein Opfer, stumm und in sich zusammengesunken. Ihre billige Kleidung hing wie ein Sack an ihr und sie hatte nicht gewagt, den Blick zu heben, Corinne anzusehen, den Richter oder ihren Anwalt. Zimmermann hatte alles souverän abgeschmettert, so dass Corinne weder das Schmerzensgeldes zahlen, noch die Kosten für die medizinische Behandlung übernehmen musste. Soweit, so gut, aber dennoch, der Sieg blieb hohl und ohne jeden Triumph, das Gefühl blieb schal, der Prozess an sich war mehr als unangenehm gewesen. Corinne hatte sich in die Rolle der, wenn auch zufällig und bei einer wohlmeinenden Hilfsmaßnahme verletzenden gedrängt gefühlt und kam sich ungerecht beurteilt vor.

Heiko Bagger war nicht bei Gericht gewesen, wohl aber Kylie, wieder im Outfit des Unschuldsengels, saß sie auf der Besucherbank und ließ Corinne nicht aus den Augen. Das machte sie nervös, dieses Mädchen. Ihr unverwandt starrender Blick. Sie mochte das nicht, das war eine reine Provokation. Sie konnte sich nicht ausdenken, was sie diesem Kind getan haben könnte und es gefiel ihr nicht, dass sie ihren Widerwillen so auf sich gezogen hatte.

Sie wollte sich weder gegen heruntergekommene Alkoholiker wehren müssen, noch gegen Kinder und schon gar nicht gegen solch engelsgleiche. Das war ein unfairer Kampf gegen einen Gegner, den sie nicht als solchem empfand. Sie wollte diese Schlacht nicht, aber sie sah keinen Weg den Konflikt mit den Baggers abzubiegen. Und nach diesem Prozess wäre ein Ende sicher nicht erreicht. Sicher nicht.

Corinne atmet tief ein. Sie läuft den Weg von den Koppeln hinauf vom Dorf fort. Auf der am Weitesten entfernten Koppel steht Windtänzer mit seinen Brüdern. Er ist ein seidiger glatter Absetzer geworden, kein Fohlen mehr. Ihre Bindung, ihre tiefe Freundschaft, ist ungebrochen, auf der Koppel kommt er ihr im Galopp entgegen, wenn sie pfeifft, auch wenn er nun mit den anderen Absetzern im hintersten wildesten Teil der Flächen ist, wo er außer Corinne selten ein Mensch ist. Seine Bewegungen sind gleichmäßig und stark, nicht schlaksig und ungelenkt, wie bei einem solch jungen Pferd zu erwarten wäre. Es ist ein Wunder, ein Geschenk und ein Wunder. Er wird ein prachtvoller Hengst werden.

Sie möchte nicht an den Winter denken, wenn hier alles weiß ist, nackt und gefroren, wenn hier kein Pferd mehr ist, keine Leben, alles tot erscheint und nie wieder Leben vorbestellbar erscheint. Sie hat Angst vor dem Winter. Zum ersten Mal hat sie Angst. Sie hat Angst vor etwas, das sich nicht aufhalten lassen wird, das kommen wird, gegen das sie nichts tun kann. Sie weiß, dass sie dem Wetter wieder so ausgeliefert sein wird, wie im vergangenen Jahr, sollte es wieder so kalt werden. Sie hat Angst, dumme kleine namenlose Angst und sie weiß nicht, wie sie dem entgehen soll. Sie verdrängt den Gedanken, ändern kann sie es nicht, ihr fällt keine Lösung ein, also lieber nicht dran denken und die Zeit genießen, in der noch Wärme herrscht.

Und dann durch.

Durch diesen nächsten Winter.

Durch und Überleben.