Ehrlichstett, Mai 2015

 

 

Kylie und Tamara liegen auf Tammis Bett und unterhalten sich leise. Vor ihnen der Laptop über den tonlose Bilder flimmern. Dunkle Wolken wälzen sich über den Dächern von Schloss Ehrlichstett, der frühe Abend ist grau und düster, die Temperaturen sind umgeschlagen und die warmen Frühlingstagen sind kühl und feucht geworden.

Das Ponyfest hat stattgefunden. Es war schwierig gewesen,aber es war auch ein überwältigender Erfolg geworden. Der Graf hatte, wie angekündigt das Haupttor abgeriegelt und dort Aushänge mit wüsten Drohungen von Strafanzeigen und schlimmerem angebracht. Vereinsmitgleiter hatten sich am Eingang postiert und die Besucher dort empfangen und durch den schmalen Fußgängerzuweg hineingeführt und den Weg nach hinten auf das Festgelände beschrieben. Und die Leute waren gekommen. Unerwartete Mengen, Leute, viele Leute in Strömen! Es war großartig eine Sympathiekundgebung, jubelten Corinne und Gerhard.

Alle waren gerannt und hatten gearbeitet, wie die Verrückten, die Leute mit Essen und Getränken zu versorgen, die Ponys zum Ponyreiten bereitzustellen und das schlimme verbotene Feuer in Gang zu halten, damit dort Stockbrot zubereitet werden konnte. Kylie war auch den ganzen Abend dagewesen und eine unschätzbare Hilfe. Tammi freute sich, Kylie war eine echte Unterstützerin ihrer Sache und hatte sich als ein treuer Freund erwiesen.

Nun waren sie erschöpft und und hatten sich einen Chill-Tag auf dem Bett verdient.

Tammi summt schläfrig eine kleine Melodie vor sich hin, während sie zusieht, wie Kylie auf dem Bildschirm mit kleinen Quadraten versucht bunte Bälle abzuschießen, was ihr jedoch nicht so recht gelingen will.

„Mann, hör doch mal auf mit dem Gesumme, das macht mich ganz irre! Was ist das überhaupt für ein Lied, das singst du schon seit Tagen vor dich hin,“ Kylies Stimme ist ärgerlich, wahrscheinlich weil sie das Spiel nicht so richtig unter Kontrolle bekommt.

„Keine Ahnung, irgendein Ohrwurm. Ich versuche es nicht mehr zu singen, wenn es dich nervt. Mann, ich bin so kaputt. Das war echt eine Bambule auf dem Ponyfest,“ murmelt Tammi schläfrig in Gedanken an die vielen, vielen Leute, die so unverhofft gekommen waren. „Meine Mutter war völlig überrascht und die Vereinsleute auch, aber es ist toll, dass die Menschen hier uns so unterstützen, auch wenns dann echt stressig war, als alle auf einmal essen wollten und Ponyreiten.“

„Ja,“ stimmt Kylie zu, „ das war überraschend. Wenn man denkt, was da so im Internet steht, die ganzen üblen Gerüchte. Ist schon ein Wunder, dass da noch jemand kommt. Und die Zeitung ist ja auch nicht gerade auf Eurer Seite.“
„Stimmt, das ist blöd. Das hat meine Mutter und Gerhard auch geärgert, dass da keiner gekommen ist, von der Zeitung. Wenn der Graf einen Pups lässt, dann kommen sie alle und singen vor Begeisterung, aber unser Riesenfest wird einfach ignoriert.“

„Ist vielleicht wegen der Internetgruppe. Hast du da mal reingeguckt?“ Kylie tippt auf der Tastatur und ein Fenster poppt auf. Es zeigt eine alte Darstellung von Schloss Ehrlichstett.

„Nö, interessiert uns eigentlich nicht.“ Tammi gähnt.“ sind doch bloß ein paar Spinner, die dort irgendeinen Mist von sich geben. Liest doch ohnehin keiner.“
„Weiß ich nicht,“ Kylie schüttelt den Kopf, „keine Ahnung, ob das wirklich keiner liest. Denke da sind inzwischen schon eine ganze Menge Leute drin, die da auch mitschreiben und ziemlich viele lesen das mit. Auch der Bürgermeister und solche Leute. Und da steht echt übles Zeug drin über deine Mutter.“
„Ach, Kylie, hör doch auf, Das ist bloß Internet. Das ist nicht das wirkliche Leben. Da kann jeder seinen Mist von sich geben und lügen was das Zeug hält, das interessiert keinen, glaub mir. Da machst du dir umsonst Sorgen.“
„Na wenn du meinst,“ Kylie lehnt sich wieder zurück,“Hast ja wahrscheinlich recht. Die ganzen Leute, die gestern da waren haben es offensichtlich nicht gelesen. Sonst wären sie nicht gekommen. Da steht dass deine Mutter hier Kinder missbraucht, sie foltert und auszieht und dann Bilder davon malt und dass sie bereits deshalb verurteilt wurde und trotzdem weitermacht und dass die Leute doch endlich mal aufwachen sollen und sehen sollen, was hier abgeht.“

„Kylie!! Das ist doch nicht wahr!“ Tammi sieht die Freundin verblüfft an, „ das sind doch echte Verleumdungen, das können die doch nicht schreiben!“
„Siehst du jetzt interessiert es dich doch. Da, sieh dir das an, da steht es und die Leute kommentieren das und lassen sich darüber aus!“
Tamara hat sich aufgerichtet und fängt an die Texte und Kommentare unter dem Bild zu lesen. Sie runzelt die Stirn.

„Das ist doch nicht wahr oder, die sind doch völlig irre! Dieser Hass, das ist doch krank! Das sind doch Leute, die meine Mutter überhaupt nicht kennen und die schreiben hier, als ob sie hier ein und ausgehen und täglich mit ihr umgehen. Gruselig! Das ist echt krank! Die hassen sie, obwohl sie sie gar nicht kennen!“
Unbewusst greift sie in ihren Ausschnitt und dreht gedankenverloren den kleinen Ring in den Fingern, den sie an einem Bändchen um den Hals trägt.

„Sag ich doch, dass das schlimm ist,“ antwortet Kylie „und sieh, hier steht, dass ihr eine Sekte seid, schau! Und die hier, die das hier kommentiert, das ist eine Polizeibeamtin, die kennt man in der Gegend. Und wenn die hier mitschreibt, dann hat man das Gefühl, dass das alles stimmt und deine Mutter wirklich eine verurteilte Verbrecherin ist.“

Tammi beugt sich vor und liest: „Mann, die spinnt. Das klingt so, als ob sie meine Mutter persönlich kennt. Hier lies mal! Das ist ja echt der Hammer, die spinnen doch wirklich alle!“

Erschöpft lehnt sie sich zurück: „Da hast recht, das ist übel. Aber wenn ich das meiner Mutter zeige, weiß ich schon, was sie macht. Gar nichts.“ Sie seufzt“ Sie nimmt das nicht ernst, das garantiere ich dir. Sie denkt das sind nur ein paar Spinner und dass das keiner liest. Und dass ihre Kunst eben polarisiert und dass sie damit leben muss, als Künstlerin.“
„Echt, so cool ist die drauf? Kann ich mir nicht vorstellen. Also ich wollte nicht, dass man über mich schriebt, dass ich Verbrechen begehe und so Zeug!“ Kylie sieht Tammi zweifelnd an.

„Ach, keine Ahnung, du kennst doch meine Mutter!“
Kylie reißt plötzlich die Augen auf und starrt Tammi an. Dann nimmt sie ihre Hand und schiebt sie von dem kleinen Amulett weg, das Tammi um den Hals trägt.

„Meine Scheiße, was ist denn mit deinem Kupferring passiert? Der sieht ja übel aus!“

„Weiß schon,“ Tammi beugt kleinlaut den Kopf nach unten als versuche sie, den Ring mit dem Kinn zu verbergen. „Weiß nicht, wie das gekommen ist, ich muss mal Greta fragen, wie das sein kann.“

Der kleine Kupferring, das Amulett, das Greta ihr gegeben hatte, hat sich schwarz verfärbt. Die goldene Kupferfarbe ist verschwunden und der Ring hat sich mit einem dumpfen glanzlosen Schwarzton überzogen und hängt nun düster und schwer in Tammis Halsbeuge.

„Vielleicht ist das oxidiert, oder so, hat sich verfärbt durch die Sonne oder das Seewasser oder was weiß ich,“ versucht sich Tammi an einer Erklärung. „Ich habe in Chemie nicht so aufgepasst, keine Ahnung, ob Kupfer sich verfärbt und wenn ja unter welchen Bedingungen. Aber ich weiß, sieht übel aus.“

„Mann,“ Kylie zieht die Hand zurück, als hätte sich sich verbrannt, „das sieht echt übel aus. Ich würde ihn abnehmen. Das sieht doch scheiße aus, so.“

Tammi zuckt die Schultern. „Weiß nicht, ich rede erst mal mit Greta. Und vielleicht geht die Verfärbung ja auch wieder zurück.“

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Seufzend streckt der Dunkle sich im Stroh aus. Der Schwarze beschnüffelt seine Beine und lässt sich die Stirnlocke streicheln. Der Stall ist die Zuflucht des Dunklen. Er tut seine Pflicht, er überwacht den Verletzer und er spürt, wie sich etwas verändert. Die Luft um den Verletzer ist aufgeladen mit Angst und Unsicherheit. Der Verletzer ist unruhig und gereizt. Seine Angst vor der Kindfrau lähmt ihn. Er spürt kein Begehren mehr zu ihr, er möchte fort von ihr, aber er weiß nicht, wohin. Der Dunkle ahnt seine Furcht vor der Alten, die in der Kindfrau ist und die Macht hat, die nicht vorstellbar ist. Der Verletzer will nicht mit der Alten, mit der Weisen sein, die stark ist, er will mit Schwachen sein, denen er Angst zufügen kann und Schmerzen. Doch er weiß nicht, wohin. Der Weg zurück in sein Heim ist ihm versperrt und die Kindfrau weicht nicht. Sie liegt auf ihrer Koje und beobachtet ihn. Manchmal gibt sie ihm Anweisungen, manchmal lesen sie gemeinsam Texte, die im Internet erscheinen und sie formulieren Antworten oder schreiben gemeinsam Anzeigen. Das sind die besten Momente, die Momente in der die Angst des Verletzers verschwindet und sie sich einig sind, über Formulierungen feilen, diskutieren, sogar gemeinsam lachen und sich freuen, an ihrer Bosheit. Die schlechten Momente sind die, wenn die Kindfrau auf der Koje liegt und den Verletzer beobachtet. Wenn sie nicht spricht, sondern nur sieht. Dann ist die Angst wieder da und die Unruhe. Oft geht der Verletzer dann, steigt in sein Auto und fährt los. Wenn er wiederkommt ist die Kindfrau eingeschlafen und der Verletzer hat sich beruhigt. Seine Spannung ist verflogen und auch er legt sich schlafen. Das ist der Zeitpunkt, wenn der Dunkel gehen kann und seine Pflicht erfüllt ist. Für diesen Tag, für diese Nacht. Er tut seine Pflicht, er überwacht den Verletzer, aber danach ist er im Stall, danach ist beim Schwarzen und manchmal entlockt der Freund ihm Töne, Worte, ungewohnt und fremd, ein Zeichen der Liebe zu dem Pferd, die Ausdruck sucht. Eine sonderbare, einfache kleine Melodie hat sich in seinem Kopf eingeschlichen und wenn er sie summt, mit seiner tiefen, brüchigen Stimme, dann schnauft der Schwarze vor Behagen und bläst mit seinen Nüstern warmen Atem in sein Gesicht.

Manchmal schläft er ein und das beunruhigt ihn. Seine Wachsamkeit lässt mach, er entspannt sich zu sehr. Die Leute sind aufgeregt, es ist Fohlzeit und die bunte Stute, die so krank war, hat die Trächtigkeit weiter fortgeführt und ist nun bald dran mit Fohlen. Er spürt die Angst der Flammenhaarigen und der Anderen, dass ein verkrüppeltes Fohlen zur Welt kommt, aber die Stute ist ganz gelassen und bereitet sich ruhig auf die Geburt vor. Hört doch auf die Pferde, möchte er ihnen sagen und ihnen die Furcht nehmen, die sie unruhig macht, aber natürlich hören sie ihn nicht. Sie kennen ihn nicht, sie sehen ihn nicht und so soll es sein.

Vor Einbruch der Dämmerung, wenn die Nachtigall schwiegt und die Morgensänger ihr Lied anstimmen, wird er verschwunden sein, durch den Wald hinauf zum Wohnheim, dort sein Zimmer betreten, die Jalousien und das Fenster schließen und sich auf dem Feldbett niederlegen. Den Tag verschlafen, das Licht verschlafen, um bei Einbruch der Nacht erneut seinen Dienst zu tun, seinen Dienst am Verletzer.

Ehrlichstett, April 2015

Es ist, wie verhext, nichts läuft. Jetzt hätte er sie!! Aber dieser Dummkopf von einem Grafen beißt nicht an. Die Presse über die Haalswor ist verheerend, ein Fest könnte man daraus machen. Ein Fest macht er daraus. Ein Schlachtfest, er schlachtet sie, genüsslich in seiner Internetgruppe.

Ein Grinsen stiehlt sich auf Harald Bonsayhs Züge, ein zufriedenes Grinsen, in all dem Ärger. Das hat er gut hingekriegt. Diesen Artikel in der HIER, den hat er kommentiert und da, da springen die Leute drauf an. Kindesmissbrauch, das ist es, das geht jeden an. Und wenn das schon in der Zeitung steht, da ist doch eine Verurteilung nicht mehr weit. Wer da noch sein Kind hinschickt zu diesem Verein, den sollte man gleich auch mit anzeigen. Das ist das Ende von dem Verein und das Ende von dieser Künstlerin. Sein Grinsen vertieft sich. Hätte sie sich mal nicht mit ihm angelegt. Hätte er ihr gleich sagen können, dieser Schlampe. Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen, er, Bonsayh ist eine Hausnummer, mit der man rechnen muss.

Seine Züge verdüstern sich, als er an eine Szene denkt, die sich vergangene Woche auf dem Schlossgelände abgespielt hat. Er ist da ja nun öfters unterwegs, alles dokumentieren und Material sammeln. Kann von großem Nutzen sein, vor allem, wenn es wirklich vor Gericht geht. Und da kann er den Grafen unterstützen, da kann er Fotomaterial en Masse vorlegen, wie die dort alles verwüsten und alles zerstören, mit ihren Pferden. Und seit der Zeitungsartikel draußen war, hat er natürlich auch verstärkt die Kinder fotografiert. Die Haalswor und die Kinder. Er hat ein paar gute Verstecke gefunden das Gelände ist ja rundherum einsichtig und man kriegt da schön etwas zusammen. Hier, die Haalswor, wie sie einem Kind in den Sattel hilft, wie sie es anfasst, eindeutig! Hier, wie sie den Schenkel gerade rückt, und wo ist ihre Hand, auf dem Oberschenkel des kleinen blonden Mädchens. Na, das ist doch ein dolles Foto! Und wie das Kind zu ihr aufsieht, dieses entrückte Lächeln, da stimmt doch etwas nicht Wie Heldenanbetung! Grauenhaft! Was machen die da mit den Kindern, wenn keiner hinsieht?

Jedenfalls, er in seinem Versteck hinter einen breiten Ulme und die Kamera auf Anschlag, da kommt von hinten dieser Schneider des Wegs. Er hat den nicht kommen hören, hat sich angeschlichen, der Typ. Ekelhalfter Typ, ekelhaft, kommt da so heimlich von hinten und versucht einem etwas anzuhängen. Fragt, was er da will, sagt, er solle aufhören, die Kinder zu fotografieren. Er, Bonsayh natürlich, auf hundertachtzig. Was glaubt der, wer er ist? Und er war auf dem Schlossgelände, ist doch wohl öffentlich, was will der Typ? Der lächelt nur freundlich und bittet ihn, zu gehen. Er ärgert sich noch jetzt, über diese Ratte.

Wenn doch der Graf auf sein Angebot eingegangen wäre! Wenn er doch jetzt hier cool eine Vollmacht hätte vorzeigen können, wenn doch für diesen Typen ein Hausverbot bestanden hätte. Aber so, da steht er da, hat keine richtigen Argumente und es steht in der Luft, dass er, Bonsayh da etwas Illegales tut.

„Bitte hören Sie auf, die Kinder zu fotografieren!“

Er sieht rot, wenn er sich daran erinnert.

„Und als nächstes“, hat er erwidert, „behaupten Sie wohl noch, ich würde die Kinder anfassen!“ Wie ihre saubere Kinderschänder-Reitlehrerein, hätte er beinahe hinzugefügt.

Der Schneider hat nur die Schultern gezuckt und gesagt, das könne er nicht beurteilen, aber er solle nun gehen und mit dem Fotografieren aufhören!

Er muss diesem Grafen noch mal schreiben, so kann das nicht weitergehen. Die können sich da nicht so aufführen, dieses Vereinspack, der Graf muss ihm etwas in die Hand geben, eine Legitimierung. Sonst kann er ihn nicht mehr unterstützen. Das muss ihm klar sein. Das wird ihm zu heiß. Er braucht etwas Offizielles, das muss sein.

Ein Fenster poppt auf, ein neuer Kommentar in seiner Internetgruppe. Seine Züge glätten sich, ein übler Hasskommentar, darüber, wie man mit Kinderschändern, wie dieser Haalswor umgehen sollte. Und das Beste, die Kommentatorin ist Polizistin. Er kennt die.

Wunderbar, so kann es weitergehen. Er ist auf dem richtigen Wege, jetzt muss nur noch der Graf auf Linie gebracht werden und dann kann die Sache laufen.

Ade, du dämliche Künstlerin und den Vereinsobergeneral, diesen Herrn „Fotografieren-Sie-die-Kinder-nicht“, den kannst du gleich mit einpacken.

Und noch etwas, wenn ich, Harald Bonsayh mit dir fertig bin, dann bist du niemand mehr , nirgendwo und niemand, dann ist dein Ruf geschädigt, dein Leben vernichtet, niemand wird dir mehr glauben, niemand dir mehr vertrauen.

Denn – irgendetwas bleibt immer hängen, je übler die Gerüchte, je bösartiger, je hartnäckiger, je häufiger, je mehr Lügen, je absurder, desto besser – wo Rauch ist, da ist auch Feuer.

Harald Bonsayh grinst zufrieden.

München, April 2015

 

 

 

Hugo von Hülstorff runzelt die Stirn, als er seine Mails liest.

Ein Schreiben aus der Domstadt, ein weiterer dringender Aufruf, die Behörden zu nutzen und den Bürgermeister einzuschalten. Alles Parteigenossen. Der mit dem Einstecktuch hat offensichtlich seine Beziehungen spielen lassen und die Ämter und den Bürgermeister auf ihre Seite gebracht. Dem Scheiben hing eine Akte an, die er ihm, Hülstorff, weitergeleitet hat, eine Dienstaufsichtsbeschwerde von der Haalswor. Keine Ahnung ob das erlaubt ist, solche Daten einfach weiterzuschicken, aber das muss ihn ja nicht kümmern. Die Haalswor hat tatsächlich die Stirn, die Kohl vom Umweltamt beim Landrat anzuzeigen, wegen des Termins am Schloss, bei dem sie versucht haben, die Haalswor als Anzeigenerstarttein in der Akte zu führen. Die hat keine Chance, das ist alles zu gut vorbereitet und zu gut durchgesprochen. Die Strategie ist klar und jeder tut das seine, um die Sache durchzuziehen und zu bereinigen.

Und trotzdem macht die Frau in einer Tour Ärger. Es war ein Fehler, sie herzuholen, das weiß er jetzt auch. Klar, er wird die schon wieder los, wenn die Kohl erst anfängt und den Pferdebetrieb mal genauer untersuchen, das wird schon. Das dürfte eine Leichtes sein, das alles zu verbieten und – zack, sind die Geister, die er rief, wieder verschwunden und alle sind glücklich. Die stehen doch erst am Anfang und improvisieren noch bei vielem, da ist einiges dabei, was nicht dem Buchstaben des Gesetzes entspricht und die liebe Frau Kohl hat ihm schon klargemacht, das gerade die Umweltgesetze so geschrieben sind, dass man alles hineinpacken kann und die Auslegung so weit fassen kann, dass man auch alles damit verbieten kann. Wäre nicht der erste Betrieb, den man damit dichtgemacht hat.

Hülstorff schmunzelt. Und sein Bauschuttdesaster, das hat er auch elegant gelöst. Abfuhrbelege, er schmunzelt. Eingedeckt hat er die auf dem Amt mit Abfuhrbelegen, für Bauschutt, der gar nicht abgefahren wurde. Und damit war Ruhe. Die sind froh, wenn sie die Zettel haben und damit alles zu den Akten packen können. Keiner hat ein Interesse, das noch mal und noch mal aufzurühren. Nein, da kann die Haalswor sich abstrampeln und nerven, das wird nichts. Abfuhrbelege, denkt er, da kannst du nicht gegen an! Nicht schlecht, alter Mann, denkt er stolz, nicht schlecht! Er ist immer noch einer, mit dem man rechnen muss.

Und den Rest Bauschutt, der noch rumliegt und den man leider nicht verleugnen kann, den hat er dem Verein auch noch elegant untergeschoben. In zweierlei Hinsicht. Einerseits hat er behauptet, der Bauschutt wären Altlasten und er habe nur die Absicht gehabt, das alles zu beräumen und andererseits ist es wunderbar gelungen, den Eindruck zu erzeugen, dass der Verein das gesamte Gelände verwüstet hat. Dazu kommen jetzt noch die Rodungen, mit denen er den Verein beauftragt hat, und die dieser brav ausgeführt hat: Die Bäume und Schösslinge sollten weg, ein Schlosspark sollte wieder entstehen, wo Brache war und Müllkippe und der Verein sollte das bewirken, so war es vereinbart. Nun aber passt es ganz gut, die deswegen anzuzeigen und sich als großer Waldschützer zu gerieren. Der böse, böse Verein macht den ganzen Wald kaputt und, er, Hülstorff ist Tag und Nacht beschäftigt, Schloss und Wald vor den wilden Vandalen zu beschützen. Und die Kohl zieht da mit. Die hat er sicher auf seiner Seite. Er grinst wieder. Die alte Charme-Masche, das wirkt doch noch immer. Bestimmte Damen in mittleren Jahren sind einfach hilflos, wenn er die Charme-Maschinerie auspackt.

Dieses Schreiben hingegen ist ärgerlich. Hoffentlich zieht der Landrat die Kohl jetzt nicht ab, wo doch gerade alles so gut lief. Liest sich einfach nicht gut, das Schreiben, auch wenn der mit dem Einstecktuch ihm klar gemacht hat, dass ohnehin eingestellt wird und weiter nichts passieren wird. Aber die Kohl kann sich vielleicht nicht halten, das wäre einfach blöd. Mit der kommt er gut hin und das hat Potential, mit dem Umweltamt, da ist noch Luft drin und da kann man vielleicht auch noch ganz andere Sachen stemmen und ermöglichen, wenn die Kohl mitzieht. Er runzelt wieder die Stirn, ärgerlich, einfach ärgerlich, diese Haalswor muss weg, soviel ist klar:

 

Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Frau Kohl

Mitarbeiterin des Umweltamtes

Sehr geehrter Herr Landrat,

gegen Ihre oben genannten Bedienstete, Frau Kohl, erhebe ich hiermit

Dienstaufsichtsbeschwerde.

Ihre Bedienstete ist in der Umweltbehörde tätig. Sie ist zuständig für die Durchführung und Überwachung der Ordnungsverfügung wegen Ablagern von Bauschutt und Asbest auf dem Schlossgelände und im Schlossteich in Ehrlichstett.

Ihrer Mitarbeiterin ist vorzuwerfen, dass sie in diesem Zusammenhang

  • wider besseres Wissen falsche Angaben über die Unterzeichnerin gemacht hat,
  • die Unterzeichnerin zur Erstattung einer Anzeige und zur Aussage bezüglich eines Sachverhalt genötigt hat,
  • personenbezogene Daten der Unterzeichnerin an Dritte weitergegeben hat,
  • gegen die Unterzeichnerin und den in obiger Angelegenheit von ihr vertretenden Verein HEILE WELT e.V. Drohungen ausgesprochen hat.

Im Einzelnen:

Zum Konflikt zwischen dem Verein HEILE WELT e.V., der als Pächter einen Reitbetrieb auf dem Gelände des Schlosses betreibt und Herrn Hugo von Hülstorff, als Eigentümer von Schloss Ehrlichstett kam es im Sommer 2014, als dieser asbesthaltige Baumaterialien auf dem vom Verein gepachteten Gelände entsorgen ließ. Große Mengen Wellasbestabfälle aus der Dachabdeckung/Entsorgung zweier Garagen wurden von Hülstorff im Schlosspark unter einer dünnen Schicht Erde auf einer Fläche vergraben, dies auf Flächen, die dem Verein HEILE WELT e.V. verpachtet wurden. Nicht nur, da überwiegend Kinder in ihrer Freizeit das Angebot des Vereins nutzen, haben dessen Mitglieder auf einer sofortigen Wiederherstellung und Beräumung des zuvor mit Mitteln des Vereins bereinigten Schlossparkgeländes bestanden.

Im Zuge wurde das Gelände durch verschiedene MitarbeiterInnen des Umweltamtes begangen. Die Unterzeichnerin stand ihren Mitarbeitern als Zeugin zur Verfügung und beantwortete sämtliche gestellte Fragen vor Ort nach bestem Wissen. Die Termine waren weder angekündigt, noch vorher abgesprochen, die Unterzeichnerin war jeweils zufällig vor Ort, da sie auf dem Gelände lebt und arbeitet. Die Unterzeichnerin, ebenso, wie weitere Personen stellten den ermittelnden Behördemitarbeitern per Mail Fotos über die Schutt- und Asbestablagerstellen auf dem Gelände zur Verfügung. Über den weiteren Verlauf der Maßnahmen wurde weder die Unterzeichnerin, noch der Verein informiert.

Die Unterzeichnerin ebenso, wie der Verein haben keine Anzeige bei der Umweltbehörde gestellt, da sie versuchte über Gespräche eine friedliche und legale Regelung der Angelegenheit zu finden.

Frau Kohl berichtete Vertretern des Vereins auf Rückfragen, dass die Räumarbeiten am Teich abgeschlossen seien. Die Verwunderung der Unterzeichnerin gegenüber der Tatsache, dass der Teich aus dem kein Bauschutt entfernt, sondern nur umgeschichtet wurde, als beräumt galt, dies mit dem Verweis darauf, dass es hier filmisches Dokumentationsmaterial gebe, quittierte Frau Knopf mit der Entgegnung, dass man hieran nicht interessiert sei und dass man behördlicherseits den Pferdehaltungsbetrieb und dessen Misthaufen genauer untersuche würde, wenn die Unterzeichnerin sich hier insistent zeige und die Behörde in ihrer Arbeit behindere.

Herr von Hülstorff hatte inzwischen die gesamte Angelegenheit, vor allem die Tatsache der angeblichen Anzeigenerstattung gegen ihn durch den Verein, der Presse weitergegeben und dies wurde unter einem Fokus veröffentlicht, der den Verein zur Stellungnahme zwingt. Frau Kohl riet der Unterzeicherin dringend ab diesbezüglich die Öffentlichkeit zu informieren. Nachdem die Unterzeichnerin aber insistierte von Frau Kohl oder einer Pressebeauftragen eine Stellungnahme zu erhalten, wiederholte Frau Kohl, der Betrieb werde nun gründlich umwelttechnisch geprüft, womit der Unterzeichnerin und dem Verein die Haltung von Pferden und die Ablagerung von Mist verboten würde. Sie riet der Unterzeichnerin auch dringend von Anrufen bei der Behörde abzusehen.

Die Unterzeichnerin führte ein Gespräch mit Frau Sabrina Schultz, einem weiteren Mitglied des Vereins, die ebenfalls ein Telefonat mit Frau Kohl geführt hatte. Frau Schultz informierte Sie, dass Frau Kohl ihr gegenüber dieselbe Drohung wiederholt habe, den Reitbetrieb des Vereins stillzulegen, ihr auch mitgeteilt habe, es lägen umfangreiche Ermittlungen wegen Umweltvergehen gegen die Unterzeichnerin bei der Naturschutzbehörde vor. Hier existiere eine „dicke Akte“. Bei dieser Akte handelt es sich tatsächlich um die Evaluation eines erfolgreichen Beweidungsprojektes, das die Unterzeichnerin im Vorfeld in Zusammenarbeit mit der Behörde durchgeführt hat.

Frau Kohl versuchte auch bei Frau Schultz den Namen des Urhebers der Fotos zur Asbestablagerstelle zu erfragen.

Halle/Saale April 2015

 

 

Sie sind zum Pizzaessen verabredet, Tamara und Jakob. Tamara hat sich gefreut. Normalerweise hängen sie in Ehrlichstett rum, auf dem Reiterhof, am See, jetzt, wo das Wetter besser wird. Pizzaessen, war Jakobs Idee gewesen und Tamara war begeistert gewesen. Mal was anderes, ein richtiges Date, mal rauskommen, sich ein bisschen anhübschen und in der Stadt rumbummeln.

Und nun saßen sie hier, in dem kleinen italienischen Lokal am Markt und der einzige, der gute Laune verbreitet ist der Kellner, der hemmungslos mit Tamara flirtet und ihr Tonnen sinnloser Komplimente macht, die sich zum Lachen bringen.

Die Stimmung zwischen ihr und Jakob ist seltsam angespannt. Insgeheim gibt sie Devon die Schuld daran. Sie gibt sich Mühe, ein Gespräch in Gang zu halten, aber Jakob zum reden zu bringen ist gerade wie der Versuch, Steine zu schmelzen, sinnlos und kraftaufreibend. Sie erzählt alles mögliche vom Hof, von den Fohlen, die nun hoffentlich bald geboren werden und dem verrückten Grafen und seinen sonderbaren Eskapaden, um das das Gespräch am Laufen zu halten, während er auf dem Handy Nachrichten schreibt. Oder ein Spiel macht, das Gerät gibt leise Piepslaute von sich. Irgendwann hört sie auf zu reden und konzentriert sich darauf, die Salamischeiben auf ihrer Pizza hin und her zu schieben.

Als sie die zweiten Cola ausgetrunken haben, hält sie es nicht mehr aus:
„Bist du fertig?“

„Gleich“

Das ist schon das zweite „gleich“. Sie lehnt ich zurück und beachtetet das grauenhafte Bild, gegenüber an der Wand. Die Olivenbäume und den terrakottafarbenen Hintergrund mit den angedeuteten Ruinen im Sonnenuntergang kennt sie jetzt schon auswendig Sie könnte es wahrscheinlich mit geschlossenen Augen nachmalen. Sie versucht es noch einmal:
„Ich würde jetzt gerne gehen!“

Seine braunen Augen verdunkeln sich genervt, als er sie endlich ansieht: „ Ich dachte, es würde dir Spaß machen, mal rauszukommen.“

„Klar aber wir sitzen hier nur rum und reden nicht mal miteinander, während du auf deinem Handy irgendwelche sinnlosen Spielchen machst. Das macht nicht besonders viel Spaß!“

Er legt das Handy ab, stützt das Kinn in die Hand und sieht sie an:“ Worüber würdest du denn gerne reden?“
Das macht sie noch wütender: „Seit über einer Stunde versuche ich es mit allen möglichen Themen.“

„Und, was machen wir nächstes Wochenende?“ Fragt er in betont bemühtem Tonfall.

Sie atmet tief durch und versucht sich zu beherrschen:“Klar, lass mich überlegen. was machen wir wohl: Ich gebe Reistunden und helfe meiner Mutter auf dem Hof und vielleicht gehen wir am Abend an den See, wenn keine Gäste mehr da sind. Vielleicht hat auch der Graf mal wieder ein paar Eskapaden im Sinn und dann wird es richtig lustig!“

„Der Graf? Na klar, der ist ja immer für eine Überraschung gut.“

„Ja, vor allem jetzt, wo der Pachtvertrag wohl doch gekündigt ist und kein Mensch weiß, wie es weitergeht. Er…“

Jakobs Telefon, das vor ihm auf dem Tisch liegt, vibriert und er schaut sofort aufs Display. Verärgert starrt sie wieder auf dass grauenhafte Bild. Sonnenuntergang in der Toskana, einfach wundervoll!

„Sollen wir gehen?“ Fragt er.

Na endlich. Sie greift nach ihrer Jacke, die über der Stuhllehne hängt, steht auf und geht auf die Treppe zu , ohne auf ihn zu warten. Soll er doch die Rechnung bezahlen! Geschieht ihm recht. Sie steigt die Stufen hinauf und öffnet die Tür nach draußen. Der Frühlingsabend ist bereits dämmrig und auf dem Platz schlendern Menschen hin und her, die Straßenbahnen knirschen und klingeln, wenn Passanten die Schienen kreuzen. Sie bleibt vor der Tür des Lokals stehen und betrachtet die abendliche Szenen. So friedlich! Die Leute wirken alle so friedlich und glücklch. Glücklich, dass Frühling ist, dass man draußen herumschlendern kann, Hand in Hand, den Straßenmusikern lauschen, ein Eis essen. Was eigentlich läuft bei ihr verkehrt? Warum kann sie nicht einmal das irgendwie richtig hinkriegen. Warum funktioniert das irgendwie nicht, mit Jakob und ihr?

Endlich kommt Jakob heraus:“ Danke fürs Warten,“ sagt er mürrisch.

Sie verdreht die Augen und schweigt, während sie langsam zur Straßenbahn vorgehen. Er bleibt schon wieder stehen und fingert nach dem Handy in seiner Hosentasche. Er sieht auf das Display und fängt erneut an, irgendwelche Nachrichten zu tippen.

„Ich fahr allein nach Hause,“ sagt sie und geht auf die Straßenbahn zu.

„Tammi, warte!“. Er hastet hinter ihr her, das Handy noch immer in der Hand.

„Ne, lass mal. Ich fahr heim und wir sehen uns morgen. Oder am Wochenende. Kannst dich ja melden!“ Und sie lässt ihn stehen. Und danke für das alptraumhafte Date fügt sie in Gedanken hinzu, als sie die Straßenbahn besteigt. Zischend schließen sich die Türen hinter ihr. Sie sucht sich einen Sitzplatz und sieht aus dem Fenster. Jakob steht noch immer da und tippt in sein Handy. Wundervoll, einfach wundervoll, so viel Interesse an ihrer Person hätte sie gar nicht erwartet, denkt sie sarkastisch.

Die Bahn setzt sich knarrend in Bewegung und sie schluckt mühsam die heraufsteigenden Tränen der Enttäuschung herunter.

Von: H.v.HÜLSTORFF<HvH@internett.de>

Betreff: dem Vorstand des Vereins

An: heile welt e.v.<heile.welt.ev@commu.de

 

 

Sehr geehrter Herr Schneider, sehr geehrte Vereinsmitglieder, liebe Corinne,

 

Sie haben Sie mir den Widerspruch zur Kündigung des landwirtschaftlichen  Pachtvertrages zugesandt. Ich hatte gehofft, dass die Kündigung ohne Inanspruchnahme der Gerichte einvernehmlich von statten gehen könnte.

Sie irren außerdem, denn die  Feststellung der Rechtskräftigkeit bzw. Wertung der Gründe zur außerordentlichen Gründen obliegt nicht Ihnen sondern dem Gericht, wenn dieses von uns zwecks  Räumung des Geländes in Anspruch genommen werden muss.

Die Vorfälle um

–        die Ponyfeier mit von Ihnen geplanten Feuer im Schloss ohne Genehmigung  bzw. Information des Schlossbesitzers ,

–        die  nicht vereinbarte Parkplatznutzung  durch Ihre Reitgäste, die Weigerung, die Reitgäste auf den Zugang über den Feldweg hinzuweisen,  bzw. die wiederholte Besitzstörung durch Begehen, Befahren und Bereiten des Schlossgeländes,

–        die wiederholten Anzeigen gegen den Schlossbesitzers mit erblichem Schaden für diesen und die gesamte Reputation des Schlosses

machen uns eine Rücknahme der Kündigung unmöglich. Ich bitte daher, alle weiteren Investitionen ab dem Kündigungsdatum  zu unterlassen und sich auf die Findung einer neuen Pachtfläche bzw. auf die Räumung des Geländes zu konzentrieren.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Hugo von Hülstorff, Schloss Ehrlichstett

 

Ehrlichstett, April 2015

 

Protokoll

Vom: 16.04.2015

Um: ca 17:00h bis ca 17:20h

Anwesend:

Herr Hugo von Hülstorff

Frau Kohl, Umweltamt

Corinne Haalswor (Protokollführer)

Ich war gerade auf dem Reitplatz, Schloss Ehrlichstett, das gepachtete Gelände des HEILE WELT e.V. und longierte ein Pferd, das im Anschluss für das Voltigiertraining des HEILE WELT e.V. gebraucht wurde. Herrn Hugo von Hülstorff und Frau Kohl sah ich bereits am Schlossteich entlang kommen, den Reitplatz passieren, die Koppeln des Vereins inspizieren, die gerade für eine Rekultivierung nach der Winterauslaufphase geschlossen sind, aufgedüngt werden und anschließend nachgesäht werden müssen. Beide gingen den Weg zum Misthaufen, der gerade sukzessive von einem Landwirt abgetragen und auf dem Acker als Dünger verteilt wird, kamen den Weg wieder hinunter und auf den Reitplatz.

Frau Kohl sprach mich an und stellte sich vor, mit Verweis darauf, dass ich bereits in der vergangenen Woche mit ihr telefoniert habe. Ob ich sie und Herrn Hugo von Hülstorff zur Müllablagerhalde am anderen Ende des Schlossteichs begleiten könnte, um dort vor Ort den Fortlauf der Räumungsarbeiten, nach deren Verlauf ich mich telefonisch erkundigt hatte, zu besprechen. Ich verneinte. Ich gab an, den Anruf als Vertreterin des Vereins getätigt zu haben, da dieser Pächter der verunreinigten Flächen ist und ein berechtigtes Interesse habe, vom Fortlauf der Beräumung zu wissen.

Kohl: Kommen Sie doch eben mit, das dauert nur 10 Minuten

Ich: Ich kann jetzt hier nicht weg, ich habe hier das Pferd und es ist niemand da, der es übernehmen kann. Außerdem werde ich bei solchen Terminen lieber von einer zweiten Person aus dem Verein begleitet.

Kohl: Aber Sie haben doch die Anzeige gemacht und wir wollen besprechen, wie wir nun weiter verfahren sollen.

Ich. Ich habe keine Anzeige gemacht, ich stand lediglich als Zeugin zur Verfügung.

Kohl: Aber Sie haben doch gestern schon wieder angerufen und mit Herrn Gammelhieb gesprochen.

Ich: Ja, ich habe angerufen und mit Herrn Gammelhieb wegen einer anderen Angelegenheit gesprochen.

Kohl: Aber Sie haben doch die Fotos gemacht.

Ich: Ja, ich habe Fotos gemacht und gesendet, aber auch andere Personen.

Kohl: Aber Sie haben doch die Fotos von der Asbestablagerstätte gemacht.

Ich: Nein, die habe ich nicht gemacht.

Hülstorff: Wer hat die gemacht??

Ich: Das sage ich an dieser Stelle nicht.

Kohl öffnet eine Mappe und zeigt die entsprechenden Fotos vor: Aber die haben Sie doch geschickt.

Ich: Nein, die habe ich auch nicht geschickt, weder gemacht, noch geschickt. Sie wissen, wer die geschickt hat, das steht in Ihrer Akte.

Hülstorff. Wer hat die geschickt?

Ich. Das sage ich hier nicht

Kohl: Aber Sie haben doch die Anzeige erstattet und nun muss ich von Amts wegen ermitteln, wo genau das Asbest liegt und das auch alles entfernt wird. Sie wissen doch, wo alles liegt und ob bereits alles entfernt wurde.
Ich: Ich habe keine Anzeige erstattet und auch diese Fotos nicht gemacht. Da bereits Drohungen von Herrn von Hülstorff ausgesprochen wurden, werde ich hier nicht sagen, wer die Fotos gemacht hat. Ich weiß nicht genau, wo die Lagerstätten des Asbest sind, aber ich kann bestätigen, dass Herr von Hülstorff dort an dieser Stelle keinen Asbest entsorgt hat, sondern nur Dreck drüber geschoben hat. Also gehe ich davon aus, dass dort noch alles beräumt werden muss. Ich war auch im Sommer dabei, als Herr von Hülstorff den Asbest dort verklappt hat, aber ich weiß nicht mehr genau, wo das alles liegt.

Hülstorff: Wir haben das da oben auf die Wiese getan, da haben Sie mich doch angerufen.

Ich: Ja, das stimmt. Ich habe mir die Ablagerung auf der Wiese verbeten und im Anschluss daran haben Sie das Asbest kleingeschlagen und mehrere Fuhren mit der Treckerschaufel dort hinübergefahren. Ich habe da noch mit Ihnen gesprochen und Sie auf die Gesundheitsgefahr hingewiesen und auch darauf, dass ein Vergraben von Asbest ebenfalls nicht gestattet ist, aber Sie ließen nicht mit sich reden.

Kohl: Herr von Hülstorff ist sehr kooperativ und hat bereits eine große Menge Asbest entsorgt. Es geht jetzt noch um die Restbestände. Wir werden sonst Schürfungen machen müssen, um zu sehen, wo dort noch Asbest liegt. Sie haben doch die Anzeige gemacht, also müssen Sie doch wissen, was Sie angezeigt haben. Ich muss von Amts wegen handeln und muss ausschließen, dass es sich um Gefahr in Verzug handelt. Es handelt sich nach der Entsorgung hier jetzt nicht mehr um Gefahr in Verzug, deshalb hat eine Entsorgung der Restbestände Zeit. Wenn es dort überhaupt noch Asbest gibt. Auf den Fotos sieht das aus, wie Fußbodenbelag.

Hülstorff: Ja, das ist Fußbodenbelag.

Kohl: Dann ist keine Gefahr in Verzug und wir müssen jetzt nicht handeln. Sind sie damit einverstanden? Ich muss das wissen, da Sie doch die Anzeige machen.

Ich: Ich habe keine Anzeige gemacht.

Kohl: Aber wir haben doch vergangene Woche telefoniert.

Ich: Ich habe als Vertreterin des Vereins angerufen, das hätte jeder von uns sein können. Und der Verein als Pächter des Geländes hat sehr wohl ein begründetes Interesse, dass das Gelände beräumt wird.

Kohl: Das Gelände ist Landschaftsschutzgebiet und da ist Pferdehaltung ohnehin nicht gestattet.

Ich: Wir haben das aber als Pferdeweide gepachtet. Und auch im Landschaftsschutzgebiet ist Pferdehaltung sehr wohl erlaubt. Unsere Pferde haben als Landschaftsschützer sogar bereits ein Naturschutzgebiet europäischen Ranges erfolgreich freigehalten. Unterlagen und Evaluationen hierzu finden Sie bei der Oberen Naturschutzbehörde.

Kohl: Da wird sich die Behörde drum kümmern, da kommt noch eine Prüfung und Sie werden das dann erfahren.

Jetzt lassen wir das Gelände erst mal abtrocknen und in vier Wochen machen wir dann die Schürfung.

Hülstorff: Fünf Wochen, dann bin ich wieder da.

Kohl: In fünf Wochen, wir werden Sie dann informieren.

Ich: Bitte, gerne. Der Verein wird gerne an diesem Termin teilnehmen. Und bitte adressieren Sie mich nicht persönlich, sondern als Vertreterin des Vereins.

Hülstorff: Aber man kann doch sagen, dass Frau Haalswor jetzt hier eine Anzeige gemacht hat.

Kohl: Nun ja.

Hülstorff: Aber mit den Fotos und dem Ganzen, das ist doch eine Anzeige, Frau Haalswor hat doch eine Anzeige gemacht, so kann man das doch sagen.

Kohl, zu mir: Ich nehme Sie jetzt namentlich ins Protokoll auf, als Anzeigenerstatterin.

Ich: Ich habe keine Anzeige erstattet.

Kohl: Aber ich muss Sie namentlich ins Protokoll aufnehmen.

Ich: Ja das ist in Ordnung, Sie können mich namentlich nennen, als Zeugin.

Hülstorff: Jetzt ist es amtlich, Haalswor hat die Anzeige gemacht. Jetzt haben Sie es bestätigt- -zu mir: Sie werde ich schon noch los.

Kohl: Ich nehme Sie namentlich ins Protokoll auf.

Ich: Ja, machen Sie das.

Ich habe versucht, nach bester Erinnerung das Gespräch aufzuzeichnen. Der zeitliche Abstand zwischen Aufzeichnung und tatsächlichem Gespräch beträgt etwa zwei Stunden. Direkt nach dem Gespräch habe ich mit Herrn Schneider telefoniert und ihn informiert Herr von Hülstorff schrieb inzwischen an Mitglieder des Vereins eine Mail, in der er erneut formuliert, Frau Kohl habe bestätigt, dass ich eine Anzeige gegen ihn beim Umweltamt erstattet habe und nimmt dies als einen Kündigungsgrund des Pachtvertrages mit dem Verein HEILE WELT e.V..

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Ehrlichstett/Halle(Saale) Kunst oder Kindesmissbrauch?

Was darf die Kunst? Und wann darf Kunst verboten werden?

VON R.H.

 

Der Fall: Verklagt wird in Sachsen-Anhalt die Künstlerin Corinne Haalswor für die Darstellung einer Jugendlichen im Rahmen ihres umstrittenen Bilderzyclus „Märchenbilder“

Der Bilderzyclus befasst sich mit den Märchen der Gebrüder Grimm als Anhalts- und Ausgangspunkt, drastische und verstörende Arbeiten der präzise, eindringlich figurativ arbeitenden Künstlerin, die bei ihrer ersten und bislang einzige Präsentation in Halle/Saale für einige Furore sorgten.

Es muss nun ein Gericht entscheiden, ob hier das Individualrecht am eigenen Bild mit der Freiheit der Kunst kollidiert.

Was darf die Kunst, was soll die Kunst, was muss die Kunst vielleicht sogar??

Auf der Homepage der Künstlerin, auf der eine Darstellung des Bildes laut Klage ebenfalls verboten werden soll, findet sich kein Text oder Interpretation, in der die Autorin dieser Arbeiten den Schluss zulässt oder anregt, es handle sich um Bilder, die Missbrauch oder Misshandlung darstellen. Die Homepage ist in dem Zustand in dem die klagenden Eltern sie gesehen haben, als sie die Genehmigung gaben, dass ihr Kind im Zusammenhang mit diesem Zyklus „Märchenbilder“ gemalt würde, offensichtlich gab es also damals keine Bedenken gegen diese Bilderreihe.
Erst durch die Ausstellung 2013, hier durch Interpretationen in der Presse, habe man sich von der Ausstellung distanziert, erst dadurch entstand der Eindruck, dieses Bild behandele das Thema Kindesmissbrauch, so die Kläger.
Was heißt dies also konkret: Als Künstler muss man alle Deutungsarten vorhersehen und ist in vollem Umfang dafür verantwortlich, es können also jegliche Arbeiten, auf denen jemand wiedererkennbar zu sehen ist, verboten werden, weil ein Dritter denken könnte, dieses Bild behandle vielleicht das Thema Missbrauch, Mord, Krieg, Ausländerfeindlichkeit…etc pp.
Eine solchen Praxis, würde im Namen des Schutzes der Persönlichkeitsrechte Tür und Tor öffnen, Kunst wahllos zu verbieten.

Bei jedem anderen Prozess dieser Art muss man dem „Täter“, also dem Verletzer dieser Persönlichkeitsrechte nachweisen können, dass hier eine bewusste oder gewollte Verletzung vorlag und bei Kunst soll das nun einfach so möglich sein, weil irgendein Dritter, Vierter, Fünfter, wer weiß wann, in Monaten, Jahren, Jahrzehnten sich eine bestimmte Deutung erlaubt? In letzter Konsequenz erfordert dies vielleicht ein komplettes Überarbeiten der (neueren?) Kunstgeschichte und zudem wäre einem allerschönsten Denunziantentum hiermit Tür und Tor geöffnet. Für figurativ arbeitende Künstler, wie Haalswor käme dies einem Berufsverbot gleich.
Deutschland hat einen beispielhaft liberalen Umgang mit Kunst aus den Erfahrungen des dritten Reiches im Grundgesetz verankert. Gerade auch nach den Erfahrungen der jüngeren DDR Geschichte täte Deutschland gut daran, an solchen Errungenschaften festzuhalten.

Wenn eine solche Klage vor Gericht Recht bekommt, würde das einen Teil der Welt, wie wir sie aus den Erfahrungen unserer Eltern/Großeltern überliefert bekommen haben, grundlegend verändern.

 

 

 

Ehrlichstett, April 2015

 

 

 

Ein dicker, brauner Umschlag, vorne wichtige Stempel drauf und Unterschriften, adressiert an Corinne. Eine Klage. Wie in Libertas Haus, ein Klage gegen Corinne. Sie öffnet den Umschlag mit fieberhaften Bewegungen und überfliegt den Inhalt. Sie holt tief Luft und setzt sich. Zeitgleich klingelt das Telefon. Im wirklichen Leben ist das manchmal, wie im Film oder im Film, wie im wirklichen Leben.

Eine Klage, ein Anruf, die Presse, eine Stellungsnahme. „Frau Haalswor, was sagen Sie dazu, dass Ihre Bilder verboten werden sollen. Wie werden Sie der Klage entgegnen?“

Jetzt schnell sein, eine Meinung haben, wer bin ich jetzt, ein verbotener Künstler, geht das überhaupt? Wir sind doch nicht mehr bei den Nazis. Kann an Bilder einfach so verbieten? Die Nazis, die haben Bilder verboten. Damals ging das einfach. Und in der DDR, da ging das auch. Aber hat sich da nicht die Verfassung geändert? Sind Bilder nicht geschützt?
Corinne schießen die Gedanken durch den Kopf, wie aufgescheuchte Hühner, der Reporter am Telefon, quatscht und quatscht und fragt und quatscht wieder und verwirrt sie noch mehr.

Was wurde ihr als junger Studentin beigebracht, Kunst stets sehr ernsthaft zu betreiben, mit gründlichen Gedanken, einem tiefen Anliegen, sorgfältigem Vorgehen und dem steten Überprüfen der Relevanz der Kunstwerke in ihrer Zeit? Bei alle dem ganzen alltäglichen Umgang mit Kunst doch stets auch eine große Ehrfurcht vor Kunst. Und das kann man einfach so verbieten? Einfach so vernichten?

Sie muss mit Zimmermann reden. Sie braucht eine fachkundige Meinung. Wie soll das jetzt weitergehen?

Sie versucht den Reporter abzuwimmeln, aber der lässt nicht nach. Sie bittet am nächsten Tag um ein Gespräch, wenn sie mit dem Anwalt gesprochen hat, aber er will ja nur eine kurze Stellungsnahme, das geht doch eben, na klar, bitte, also wie? Dann doch.

 

Endlich beendet sie das Gespräch und wählt sofort die Nummer von Zimmermann. Ob sie kommen kann, sofort, ja, kein Problem. Sie soll ins Auto springen und rüberfahren.

Den Reporter hat sie da schon wieder vergessen.

Ihre Bilder sollen verboten werden. Verwirrend!! Dass das überhaupt geht. Sehr verwirrend.