Ehrlichstett 2006/2007

 

Die kleine Gruppe um Fred war geschrumpft. Viele der Getreuen waren wieder in den Westen gegangen, auf zu neuen Ufern und neuen wichtigen Aufgaben aber in Wirklichkeit weg von einer ursprünglichen Lebensweise, die anstrengend war, von einem baufälligen Schloss, das die Bemühungen, es zu renovieren nie honorierte, ja noch nicht einmal zeigte, einer Aufgabe die so unermesslich, so unerfüllbar schien, dass man manchmal den Glauben daran verlieren konnte. Im Ende waren es nur noch Fred und Greta und der große Traum.

Und Fred hatte Schwierigkeiten. Er war nun der Grundeigentümer und Forderungen wurden an ihn gestellt. Er solle endlich ernsthaft anfangen zu renovieren, er solle eine Grundsicherung durchführen, wenn er weiter öffentliche Veranstaltungen anbieten wolle, sonst müsse das Gebäude für die Öffentlichkeit gesperrt werden und das Gelände gleichermaßen, denn auch hier herrschten erhebliche Gefahren. Und eine Anschlusspflicht herrsche, man solle Wasser anschließen und Abwasser und Strom sowieso und wieso es keine Müllabfuhr gebe und was man überhaupt vorhabe mit dem Ganzen und man solle sich Gedanken machen und dies gefälligst sofort, sonst werde es eng.

Die ersehnten für solch bahnbrechende Projekte leicht verfügbaren Fördermittel blieben aus, scheiterten zumeist am erforderlichen Eigenmittelanteil. Geld bekam nur, wer Geld hatte, wer keines hatte und sei die Idee auch noch so gut, bekam eben nichts. Fred grübelte und grübelte mehr, er erweiterte sein Bewusstsein auf alle verfügbaren Arten und nahm Kontakt auf mit den Geistern und Göttern, den Raben und dem Universum, er vergrübelte seine Tage und seine Nächte und fand keinen Ausweg, fand kein Geld und keinen Zugang dazu, so sehr er sich auch bemühte.

Greta hingegen ließ sich davon nicht berühren.

Sie war hier richtig und das wusste sie. So sicher, wie sie wusste, dass sie lebte und dass Windfee ihr Seelenpferd war.

Sie durchstreifte das Gelände begleitet von dem roten Pferd, dass an ihr hing und ihr folgte, wie von einem unsichtbaren Band gehalten. Sie fand alte Stätten, geheimnisvolle Steine, die halb im Boden versenkt waren und alte magische Orte bezeichneten, im Schloss zerborstene Möbel und Schatullen, mit geheimnisvollen Inhalten, magischen Gegenständen, die sich für Rituale nutzen ließen, einmal sogar ein altes Schmuckstück, ein Amulett und einige Münzen. Daneben sammelte sie Kräuter und trocknete sie, beobachtete die Vögel und deren Flug. Las daraus die Zukunft und was da kommen möge und verlor sich mehr und mehr in einer Betrachtung des Lebens die, so sagt man, ungewöhnlich war.

Papa, der seine einzige Tochter mit einer großzügigen monatlichen Apanage versah, die es ihr ermöglichte zwar ohne Sorgen, aber nicht in schwimmendem Reichtum zu überleben, Papa schrieb dringlichere und dringendere Briefe und hätte gerne, sie käme ins gelobte Bayern zurück, aber nun, da es auch Windfee gab, nein, zurück führte kein Weg. Er schickte Geld für die Reparatur des schicken BMW und für die Nachzahlung für Strom, nach einem mit Elektroöfen durchheizten Winter, er riet ihr, das Auto in einer Garage unterzustellen, damit die Witterung ihm nicht so zusetze und Greta tat dies, im großen Haus auf dem Hügel, schob sie die Karosse in das vormals als Reparaturhalle für Lokomotiven benutzte Erdgeschoss.

Greta hatte andere Sorgen.

Windfee, das Seelenpferd hatte den ersten Winter auf Schloss Ehrlichstett nicht gut überstanden.

Sie hatten ihr zwar einen Verschlag gebaut, oberhalb des Gartenhauses, in dem sich sich unterstellen konnte. Aber das Pferd war alt und schwerfuttrig, es setzte schlecht Gewicht an und tat sich mit dem Fellwechsel schwer. Sie hatte einen bösen Husten entwickelt, der bis weit in den Frühling blieb, so dass der örtliche Tierarzt, Dr. Pommer, gerufen werden musste. Er verschrieb ein Elixier, sagte, sie müsse das Tier eindecken, wenn die Nächte zu kühl wurden und sie solle sich nach einem Stall umsehen, für den nächsten Winter. Das Tier brauche mehr Wärme, einen richtigen geschlossenen Stall und auch die Gesellschaft anderer Pferde.

Greta wusste, dass dies nicht so war, kannte sie doch ihre Windfee, diese war ein Einzelgänger, so wie sie selbst auch, ihre andere Seite der Münze, ihr Partner, ihr Spiegelbild, aber sie liebte Windfee, also begab sie sich auf die Suche nach einem Platz für den nächsten Winter.

Es sollte also ein richtiger Stall sein, mit anderen Pferden und nicht so weit entfernt, denn sie brauchte ihr Pferd jeden Tag und musste es erreichen können.

Fündig wurde sie gleich in der nächsten Gegend, ein paar Orte weiter. Schmilewski, der Stallbesitzer, ein Mann in den späten Dreißigern mit raspelkurz geschnittenem Haar und einer verhuschten leisen Stimme, auf der Suche nach einer Frau, wie man sagte, aber seine Augen wichen Gretas Blick aus und sein Stall war dumpf und dunkel, aber es gebe auch Koppeln, auf die die Pferde jeden Tag kämen und es war nah und günstig und die Auswahl an Ställen war nicht eben groß und es war ja ohnehin nur für die Wintermonate, denn im Sommer sollte Windfee in jedem Falle wieder im Schloss weiden.

Fred stand inzwischen mit dem Rücken an der Wand. Entweder, er erfülle nun die Bedingungen, die das Betreiben eines Schlosses als öffentlicher Ort aufgeben oder die Behörden würden das Gelände sperren und für die Öffentlichkeit schließen.

Eines Morgens im Herbst war Fred verschwunden und er kam auch nicht wieder. Seine Sachen waren aus dem kleinen Zimmer im Gartenhaus fortgeräumt, er hatte keinen Brief hinterlassen, keine Nachricht und keine intergalaktische Botschaft, einfach fort und weg.

Greta blieb allein im Gartenhaus fast unsichtbar im unzugänglichen verwilderten hinteren Teil des Geländes, sie legte sich einen Hund und zu der bellte und knurrte, sollte sich jemand nach hier verirren, was aber niemand tat, denn es war unzugänglich und es gab keinen Grund, Frau, Pferd und Hund hier zu stören. Die Behörden beruhigten sich und kamen auch nicht mehr vorbei, das Schloss, die Ruine neben dem Gartenhaus verfiel weder in seinen Dornröschenschlaf mit den Raben als einzigen Bewohnern.

Der Herbst kam und damit der Zeitpunkt, zu dem Greta und Windfee sich trennen mussten, weil Windfee nun in Schmilewskis Stall einziehen sollte.

Greta nahm ihr Pferd an den Strick und verließ in Begleitung des Hundes das Gelände um Schoss und Gartenhaus und ging mit ihrer Gefährtin den Weg zu Schmilewski. Nach mehreren Stunden gemütlichen Spazierens erreichten sie den Hof, der sich trotz seiner Dunkelheit einladend zeigte, im herbstlichen Sonnenschein, einige Pferde strecken ihre Köpfe aus den Boxentüren und begrüßten den Neuankömmling aufgeregt wiehernd.

Schmilewski empfing Greta und Windfee, wies ihnen die Box zu, in der Windfee nun den Winter verbringen sollte. Er zeigte sich ein wenig irritiert, als Greta ihm ankündigte, sie werde die ersten Nächte bei Windfee in der Box verbringen. Er solle sich aber nicht an ihr stören, sie käme schon klar. Die erste Nacht war ein wenig unruhig, weil Schmilewski es sich nicht nehmen ließ, alle paar Stunden nach der Einquartierung zu sehen, ja sogar die Box zu betreten und anzubieten, sich eben sie zu setzen, ja zu legen, um ihr die Nachtwache angenehmer zu gestalten. Der Hund quittierte dies mit leisem warnenden Knurren, so dass Schmilewski gezwungen war, sein Angebot zurückzuziehen.

Die ersten Tage blieb Greta im Stall, sie brachte Windfee auf die Koppel, mistete die Box aus und fütterte das Pferd.

Schmilewskis anfängliches Interesse an Greta verwandelte sich allmählich in Unwillen und Ärger.

Diese Verrückte nervte ihn. Die anderen Pferdebesitzer ließen sich kaum blicken und eigentlich war ihm dies recht. Er brauchte keine, die ihn kontrollierte, ob auch jeden Tag ausgemistet wurde, ob die Pferde auf die Koppel kamen und wann und was und wieviel sie zu fressen bekamen. Gretas ständige Anwesenheit zwang ihn zu mehr und ausdauernden Tätigkeiten, als er gewohnt war und er fing an, sich zu wünschen, sie möge nun endlich ihren räudigen Köter packen und nach ihrem Schloss verschwinden. Er kam ganz gut alleine klar. Nach ein paar Tagen wanderte Greta den Weg zurück, aber nur, um sich frische Kleider anzuziehen, eine zusätzliche Decke umzuschnüren, einen weiteren Pullover und dicke Socken und alsbald wieder auf dem Hof zu erscheinen.

Nein, das gehe nun wirklich nicht mehr. Er betreibe ja her schließlich keine Pension und es sei auch überhaupt nicht gestattet, dass Menschen dauerhaft in Pferdeboxen lebten und er bekäme die Behörden auf den Hals, wenn sie sich jetzt nicht normal benehme. Der Hund ließ wieder sein tiefes grollendes Knurren hören, aber Greta packte ihren Schlafsack die Decke und die Socken und verschwand, um nun aber täglich mit dem Auto vorzufahren und Windfee zur Koppel zu bringen, ihr zusätzliches Futter zuzuteilen. Wenn das so weiterginge, dann müsse er die Boxenmiete erhöhen, sagte er. Der Winter kam früh und mit tagelangem eisigem Ostwind, Windfee hustete, schien aber in ihrer Box nicht zu frieren, Dr. Pommer kam und sah das Pferd, zuckte die Schultern und sagte, es gehe ihr den Umständen entsprechend gut, sie solle aber jeden Tag auf die Koppel und an die frische Luft, aber es sei eben ein altes Pferd und die Winter seien nie einfach für die Alten.

Der Dezember kam und überzuckerte die Welt mit einer harschen klirrenden Schneeschicht. Greta kaufte Winterreifen für den BMW und fuhr jeden Tag zu Windfee.

Schmileswski schien im Winterschlaf versunken, sie sah ihn bei ihren täglichen Besuchen nun gar nicht mehr.

Sie mistete und fütterte Windfee selber, auch wenn sie wusste, dass ihm das nicht recht war. Sie hatte den Verdacht, dass die anderen Pferde nur unregelmäßig gefüttert und versorgt wurden, aber sie sah nur ihre Windfee, Windfee brauchte ihre ganze Kraft und Zuversicht. Windfees schöne warme Augen wurden trübe im dunklen Licht der kurzen Tage und in der Dumpfheit des Stalls. Greta verbrachte täglich viele Stunden bei ihr, sprach mit ihr, und sang für sie, der Hund lag in der Box und schlug gelegentlich mit dem Schwanz und das alte Pferd, das sich sanft brummelnd freute, wenn Greta auf den Hof fuhr, schien zu lächeln.

Der Januar hielt die eisigen Temperaturen und eines Morgens sprang der BMW nicht an.

Sein Motor gab nur ein ersticktes Jaulen von sich und ließ sich nicht starten und Greta war verzweifelt. Sie musste zu Windfee. Windfee musste gefüttert werden und raus aus dem gammeligen Stall, an die frische Luft, das war wichtig und sie konnte sich nicht sicher sein, dass Schmilewski das auch tat.

Bevor sie den Reparaturdienst anrief, rief sie bei Schmilewski an, einmal, zweimal, dreimal, bis er schließlich ans Telefon ging. Mit schleppender Stimme versprach er, dass er Windfee auf die Koppel bringen würde und ja, sie bekäme natürlich ihre Extraportion, wie die gnädige Frau wünsche, setzte er sarkastisch hinzu.

Gretas Handflächen schwitzten, ihr Herz schlug bis zum Halse, sie musste zu Windfee, sie musste das verdammte Auto in Gang kriegen.

Sie schrie, sie kreischte den Mann von der Reparaturfirma an, der Hund verkroch sich winselnd unter dem Tisch, es sei ihr egal, was für Wetter sei und dass das Gelände schlecht befahrbar sein, nein, sie könne selbst nicht kommen, nein sie habe keine Zeit und ja, das Auto müsse unverzüglich repariert werden, egal was es koste, völlig egal.

Es dauerte Stunden, Stunden ratlosen Wartens und hin- und herlaufens im kleinen Gartenhaus, bis endlich der Reparaturdienst kam, eine neue Batterie, nein man habe diesen Typ nicht auf Lager, ob man improvisieren könne, hm nun ja, vielleicht, man wolle sehen. Es zog und schleppte sich und Greta wurde immer unruhiger, sie flehte und schimpfte, schrie und tobte und weinte, endlich, der Tag war schon dunkel geworden und die frühe winterliche Nacht angebrochen, der Mechaniker hatte schon Feierabend, wie er betonte, da startete der Wagen mit erstickten Keuchen und Greta fuhr zum Stall, endlich.

Der Hof war dunkel, als sie einfuhr, aber der Bewegungsmelder entflammte eine kleine gelbliche Lampe am Dach, die den Hof schwach ausleuchtete. Einige Pferdeköpfe sahen blinzelnd aus ihren Boxen, aber das vertraute Brummeln war nicht zu hören. Sie eilte zu Windfees Box, aber zu ihrem Erschrecken war die Box leer. Ein dünner Eisregen setzte ein, als sie über den Hof rannte, zum Wohnhaus Schmilewskis, das im Dunkeln lag, wo allerdings ein schwacher bläulicher Schein im oberen Stockwerk auf einen Fernseher schließen ließ. Sie lief zur Haustür, fand dort keine Klingel, polterte mit den Fäusten an das Holz, trat mit den Füßen dagegen, schrie und tobte, schrie wieder, rannte über den Hof zurück und rief und schrie keine Reaktion, nichts.

Wo war Windfee?

Der Eisregen hatte ihre Jacke durchnässt, aber sie spürte die Kälte nicht, so erregt war sie.

Der Hund war ebenso nass und wich ihr nicht von den Fersen.

Auf der Koppel?

Auf der Koppel?

Hatte er das Pferd auf der Koppel vergessen? Sie rannte, sie stolperte, sie rutschte den schmalen vereisten Weg zur Koppel. Ihre Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und als sie die Koppel erreichte, da sah sie sie.

Windfee lag auf der Seite, ein dunkler Schemen, auf der hellen Eisschicht.

Greta stolperte, rutschte zu ihrem Pferd, ihrer Seelenfreundin, sie fiel über dem großen Körper zusammen, wollte sie umschließen, sie wärmen, sie aufrichten, sie zum Leben zurückbringen. Der Eisregen schloss die beiden ein, mit stetem Sirren und der Atem des Tiers ließ rasselnd den großen Brustkorb heben und senken. Ein Schauder fuhr dann und wann durch den großen Körper und Gretas Tränen nässten das rote Fell, das nun schwarz in der Dunkelheit lag, im schmelzenden Eisregen. Von hinten traten endlich Schritte heran, Gummistiefelsohlen auf dem gefrorenen Boden. Der Hund knurrte. Schmilewski.

„Scheiße!“

„Rufen Sie Dr. Pommer!„ Sagte Greta tonlos, ohne aufzusehen, „Rufen Sie den Tierarzt und zwar sofort, sonst gnade Ihnen Gott!“

Sie hörte, wie Schmilewski auf dem Handy telefonierte und schließlich seine Schritte sich entfernen. Es dauerte nicht lange, dann kam Pommer. Er fühlte den Puls. Er nahm den Herzschlag, er beugte sich hinunter zu Greta, die auf dem Pferd lag, die ihm Wärme gab und Schutz, aber es reichte nicht, sie wusste, dass es nicht reichte, sie war zu klein, zu schwach, sie war nicht da gewesen, sie konnte ihr Pferd nicht retten. Dr. Pommer legte seinen Arm um Gretas Schulter und Gretas Tränen floßen in das feuerrote schwarze Fell, in den rasselnden Atem und in das Zittern und Zucken, des ersterbenden Körpers, der ihr Pferd war.

„Es ist besser, wir erlösen sie und ersparen ihr weiteres Leiden,“ sagte Dr. Pommer sanft. Greta nickte und wusste und weinte.

Sie lag noch, als der Körper kalt wurde, als das Leben gewichen war und Windfee auf den ewigen Weiden der anderen Dimension ein freudiges Wiehern hören ließ, die langen Beine zum Galopp streckte und einen übermütig buckelte.

Irgendwann, als der Morgen bereits graute, ein grauer farbloser Tag im Januar, stand sie auf, der nasse Hund folgte ihr und auf der Koppel zurück blieb eine schwarze, kalte Form. Windfee war nicht mehr.

Und den Hof Schmilewskis betrat sie nie wieder.

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Der mit dem Einstecktuch sitzt in seinem Büro und sinniert. Er sieht aus dem Fenster auf die Elbauen. Der Blick ist von atemberaubender Schönheit, die üppigen Formen der grünen Bäume in ursprünglicher Vegetabilität vor der Kulisse des träge dahinfließenden blauen Wassers und der Prachtbauten auf der anderen Uferseite. Das ist es, was ihm gefällt. Der ganze Osten gefällt ihm eigentlich, dieses ruhige, menschenleere, entspannte. Wenn er einen Wunsch hätte äußern dürfen, als über sein Leben bestimmt wurde, dann hätte er sich gewünscht, ein ruhiges beschauliche Leben führen zu dürfen. Dies ließ sich so weit gut an. Er hatte sich nach der Wende auf einen wichtigen, aber mit wenig Tagesgeschäft und Anstrengungen verbunden Posten in der Regierung versetzen lassen, was gefeiert worden war, da er sich bereit erklärt hatte, in diesen eintönigen Osten zu gehen, er hatte ein geordnetes Ressort von seinem Vorgänger übernommen und ließ sich in Abständen mit unspektakulären und sachlich korrekten Äußerungen zitieren.

So weit, so gut.

Wenn nur sein Vater nicht wäre. Sein alter Herr war im Westen nie so richtig sesshaft geworden. Die Familie hatte die Geschicke von Ehrlichstett seit Menschengedenken bestimmt. Nicht nur sein Vater, nein, auch sein Großvater und dessen Großvater und wiederum dessen und so weiter und so fort bis ins Mittelalter. Immer dieselbe Familie am immer demselben Ort. Nie ein bedeutendes Adelsgeschlecht aber ein überaus sesshaftes und ausdauerndes. Umso schlimmer für seinen Vater, dass er als erster den Familiensitz, das Schloss hatte verlassen müssen. Das Schloss, das ohnehin fast dem Tagebau zum Opfer gefallen wäre, wenn nicht die Wende gekommen wäre.

Der mit dem Einstecktuch seufzt.

Was für Anstrengungen waren dann losgebrochen. Sein Vater hatte keine Ruhe gegeben. Das Schloss und die Ländereien, am besten auch die baufällige Kirche alles musste wieder her und die Ehre, ja die sollte auch wiederhergestellt werden und das Ansehen der Familie in der Region. Ganz wichtig!

Der mit dem Einstecktuch fährt sich mit der Hand durch der schüttere Haar und stützt schwer den Kopf auf, bei dieser Erinnerung,

Natürlich war ein Antrag auf Rückübereignung gestellt worden. Negativ beschieden. Die Familie war von den sowjetischen Alliierten enteignet worden und diese Enteignung wurde im Einigungsvertrag anerkannt. Also erst mal keine Rückübereignung, keine Entschädigung, keine Aufbauhilfe!

Dann war sein Vater auf die schlaue Idee gekommen, sich als Widerstandskämpfer zu gerieren; sie kannten eine Familie, die auf diese Art erfolgreich ihre Ländereien trotz Enteignung zurückbekommen hatte. Also wurde schnell eine Geschichte kolportiert, sein Vater sei in der Widerstandsgruppe um Stauffenberg gewesen und hätte wichtige Informationen am entscheidenden Tag übermittelt, die das letztlich gescheiterte Attentat auf Hitler überhaupt erst ermöglicht hätten. Tragisch nur, dass sich leicht beweisen ließ, dass sein Vater zwar im Kreise der Adligen um Hitler gewesen war, allerdings sicherlich nicht im Widerstand und nach ersten vollmundigen Presseklärungen musste er darauf dringen, das Thema lieber schnell wieder unter den Tisch fallen zu lassen, um größeren Schaden zu verhindern.

Eine Rückübereignung wurde auf Grund dessen natürlich wieder abgewiesen.

Dann stand es zum Verkauf, das Schloss, für einen Euro. Da war er hingefahren mit dem Vater, der entsetzt gewesen war, über den Zustand des zwar bescheidenen, aber doch eleganten Adelssitzes, der immer von der Familie gehegt und gepflegt worden war und der unzerstört nach dem Krieg verlassen worden war.

Eine Ruine, eine hinfällige, graue ungepflegte Ruine, der schöne Schlosspark eine Müllhalde, das Schloss baufällig, fast schon tot, eine Leiche, eine Leiche der Familientradition und des Familiennamens.

Er hatte den strengen, starken Vater trösten müssen, abends im Hotel seine Hand gehalten und seine Tränen getrocknet. Zum ersten Mal in seinem vierzigjährigen Leben war er der Starke gewesen, der Bestimmter, ja Vater, wir kriegen das wieder, das Schloss darf nicht sterben. Das wäre gleichbedeutend, mit dem Tode der Familie, ja Vater, ich werde alles dransetzen, dass wir das Schloss erhalten können und dass die Familie dort eines Tages wieder einziehen kann.

Gut gebrüllt Löwe, doch wie bewerkstelligen?

Das Schloss war ein Millionengrab. Ein Kauf wäre finanzieller Selbstmord. Niemand in der Familie hatte eine solches Vermögen, um diese marode Immobilie auch nur in Ansätzen renovieren zu können. Da mussten andere Konzepte her. Es musste ein Verein her oder eine Stiftung. Etwas gemeinnütziges mit Anspruch auf Förderung und dann erst mal das Ganze wieder aufbauen und dann erst – gemach, gemach, Vater – wieder in die Familie zurückführen. So einfach war das nicht, man musste das sorgfältig vorbereiten und durchführen, denn von der Familie sollte weiterer Schaden abgewandt werden aber dem Vater lief die Zeit davon. Er sah die Schwierigkeit aber man musste sorgsam vorgehen, man durfte nichts überstürzen. Schon einmal war die Familie nahe dran gewesen ihren Ruf völlig zu ruinieren, mit dieser albernen Widerstandsgeschichte, das war zu durchsichtig gewesen, das durfte nicht noch einmal passieren. Und das war nicht einfach.

Er seufzt erneut schwer auf.

Er will diese Aufgabe nicht, aber er hat es dem Vater versprochen.

Dem Vater der älter wird und älter, dessen Zeit davonläuft, abläuft und der nur noch einen Wunsch hat im Leben.

Auf dem Schoss, auf seinem Schloss zu sterben und in der Familiengruft beigesetzt zu werden.

Grömlitz Frühsommer 2014

 

Von: Mir <corinne.haalswor@net.com>

Betreff: im sttress…

An: H.v.HÜLSTORFF<HvH@internett.de>

Lieber Hugo,

hier nur ganz schnell und in der Kürze: Wie wäre es mit einem Termin am Mittwoch, da könnte ich alle unter einen Hut bringen und nach Ehrlichstett kommen. Ich bin leiedr komplett im Stress, da wir die Ausstellungskonzeption für die Ausstellung in Halle noch erstellen müssen und diese Woche auch noch Katalogdrucklegung für diese Ausstellung ist und planmäßig alles schiefgeht 🙂

+ die größte Tipperin vor dem Herrn bin ich auch nicht, da meine Finger meinen gedanken nicht folgen können + ich dann immer so viel Tipppfehler mache 😦 was ich einfach verabscheue (Tppfehler, meine ich)

Wegen unserer Projektideen habe ich aber schon lange mit Flexi van Bingen, die Sie ja auch kennen tellefoniert, sie kennt Gott und die welt und hat einige Ideen hinsichtlich Förderung eines solchen umfassenden Projektes und kann uns da bestimmt weiterhelfen. Ich hoffe, dass ich auch sie in der nächsten Zeit mal nach Ehrlichstett bekomme, damit sie sich einen Eindruck verschaffen kann.

Auf jeden Fall und unbedingt müssen wir uns Gedanken über eine Heizung machen. Ein weiteres Wohnen in unbeheizten alten Gemäuern wird mich und die Meinen wahrscheinlich das Leben kosten und ich hege starke Zweifel, dass die Schneiders da mitziehen. Wenn wir zusätzlich ein Kinderresort einrichten wollen, müssen wir auch in jedem Falle über eine Beheizung des gesamten Schlosses nachdenken. Ich habe mich über die Jahre ein wenig mit alternativen Heizlösungen beschäftigt und lege Ihnen die hier gesammelten Kontakte und Adressen in den Anhang. Hoffentlich OK? Am interessantesten finde ich natürlich Anlagen, die mit der Verwertung von Pferdemist arbeiten. Aus Pferdemist Energie zu erzeugen ist ein wundervolles Konzept, auch unser Tino hat sich schon daran versucht und eine Presse konstruiert, die aus Pferdemist Heizbriketts erstellt – einfach genial!! Da würde ich auch unheimlich gerne weiterarbeiten und weiterentwickeln, das wäre ein wirklich sinnvolles Anliegen 🙂
Eine solche Anlage kann sicher auch gefördert werden. Viellicht muss man erst einmal eine Stückchenlösung finden in der man klein anfängt und erst einmal den oberen Teil des Schlosses beheizt und dann, darauf aufbauend, das ganze Schloss? Welche Förderungen haben Sie bereits erhalten? Das wäre interessant zu wissen. Wir sind als gemeinnütziger Verein auch förderberechtigt und könnten für solche abgegrenzten Maßnahmen Förderanträge stellen.

Dies also hier auf die Schnelle und bis hoffentlich Mittwoch, mit wilden Plänen und Ideen,

Ihre

CH

 

 

 

Von: HvH@internett.de

Betreff: Re: im sttress…

An: Mich <corinne.haalswor@net.com>

Liebe, verehrte Corinne,

vielen Dank für Ihr umfangreiches, inhaltsreiches Mail. Leider habe ich nicht alles verstanden, vielleicht können wir am Mittwoch das Mail noch einmal durchsprechen. Ich habe die Bewohnerin des großen Hauses am Hügel, Greta Berger-Schaaf, von Ihrem Besuch und Besichtigung informiert, sie war zähneknirschend einverstanden.

Mein Internetempfang ist hier ein bisschen störanfällig, so dass mir nur übrig bleibt, Ihnen zu versichern, das Sie die Vorbereitungen für die Ausstellung bravourös, wie gehabt, bewältigen werden.

Ihnen bis Mittwoch eine gute Zeit,

Ihr ergebener Hugo v.H.

Ehrlichstett 2005

In den Osten!! Greta Berger-Schaaf war aufgeregt.

Greta war in allem ein bisschen spät dran. Künstler und Intellektuelle waren gleich nach der Wende in den Osten gegangen und hatten dort für ein Spottgeld großartige und völlig verrottete Immobilien gekauft, hatten sie entweder renoviert oder leidlich renoviert oder gar nicht renoviert und die ersten waren inzwischen wieder hier, nach dem Abenteuer Ost, ohne Geld, ohne Sachkenntnis, was das Renovieren denkmalgeschützter Immobilien angeht, aber mit viel Idealismus und Träumen von der Erbauung einer besseren Welt, dort im Osten, wo alle weggehen und alles menschenleer ist, wie eine Stunde Null, eine Landschaft, wie eine neue Welt, Weltverbesserungsland vor der eigenen Haustür.

Und Greta war Hippie und sie war stolz darauf. Hippie mit allem drum und dran, ausgeflippte Klamotten, Blumen im Haar, freie Liebe, freies Leben, und Drogen. Sie hatte in München Wirtschaft studiert und abgeschlossen, brav ein paar Jahre in Papas Betrieb in Niederbayern gearbeitet und starb nun vor Langeweile. Also hatte sie angefangen, sich mit alternativen Lebens-, Denkens- und Glaubensformen zu beschäftigen. Alsbald bekam der Herrgottswinkel in der Stube Gesellschaft von Buddha, Räucherkerzen und Gebetsfähnchen und sie führte heftige und engagierte Diskussionen über das Sichtbare und Unsichtbare mit jedem, der daran teilhaben wollte und auch mit denen, die es eher nicht wollten. Ihre Sicht auf die Welt hatte sich verändert. Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die der menschliche Geist nicht zu erfassen vermag und diese Erkenntnis führte sie zu Theorien und Forschungen, die weit abseits der anerkannten Wissenschaft lagen und die sie faszinierten. In parawissenschaftlichen Büchern und Schriften fand sie Adressen und Anschriften, mit deren Urhebern sie nun eifrig schriftlich kommunizierte, jeden Tag brachte der Postbote neue dicke Umschläge, oft bunt bebildert, bahnbrechende Erkenntnisse ankündigend, oft in Englisch und aus Übersee.

Es fanden sich auch Kontakte zu Gruppen die diesseits den großen Teiches sich mit dem Übersinnlichen beschäftigten und so lernte sie Fred kennen, kennen und lieben, genauer gesagt und Fred träumte von der großen Freiheit. Der ganz großen Freiheit ohne Regeln, ohne Zwänge, ohne vorgeschriebene Gestaltung des individuellen Lebens und dessen Entfaltung.

Fred folgten einige und Greta schloss sich ihnen an.

Zuerst bedeutete dies nur regelmäßige Fahrten mit dem schnittigen BMW ihres Vaters nach München, nun aber wollte Fred eine Immobilie im Osten kaufen, ein Schloss sogar und dort seine Vorstellungen von Freiheit im Schutze des Universums verwirklichen. Sie waren dort gewesen und Greta hatte die Vibrationen des Ortes gespürt, hier, und nur hier sei der Platz, an dem das Universum sich dem Kundigen öffne, hatte Fred verkündet. Und Greta hatte es gespürt, am eigenen Leibe gespürt, wie eine Macht. Eine Menge Raben hatten sich versammelt, als Fred seine Erweckung erlebte und die Botschaft des Universums empfing und da diese Vögel unbestechliche Boten und Deuter waren, hatten sie dem ganzen Plan nur eine krönende Bestätigung verliehen.

Gesagt, getan: Fred kauft also das Schloss für einen Euro, eine baufällige Ruine, zur Hälfte zusammengebrochen, zur Hälfte vandalisiert und abgebrannt, überwuchert, baufällig, in einem Dschungel aus Dickicht und Unkraut. Ein paar Getreue finden sich, man investiert in ein paar Wohnwagen, die bunt bemalt werden, damit an der Individualität ihrer Besitzer kein Zweifel bleibt und Greta gelingt es tatsächlich, ihrem trauernden und besorgten Vater den BMW aus denn Rippen zu leiern und so ist sie es, die Fred mir dem Kapitalistenfahrzeug als Flaggschiff in den wilden, ungezähmten Osten chauffieren darf, wo die Edelkarosse im Unkraut geparkt wird, während die fröhliche Horde das Schloss erobert.

Das Schloss ist wirklich in einem schrecklichen Zustand. Nach dem Krieg waren hier Flüchtlingsfamilien untergebracht worden, die sich die großzügigen Räume zurechtgeschnitten, abgeteilt und unterteilt hatten, wie sie es eben brauchten. Bis zu 80 Menschen hatten wohl in Hochzeiten hier gelebt, gegessen, getrunken, und andere Verrichtungen ausgeübt. Das ganze Schloss war durchbohrt mit Rohren und Leitungen verschiedenster Art, Rohre, die mit der Zeit undicht geworden waren und die Wände mit feuchtem Schwamm versehen hatten und wild gelegte Kabel, die bisweilen brannten und schmorten und hässliche Brandflecken auf den Tapeten hinterlassen hatten. In jedem Zimmer stand ein kleiner Holzofen, dessen Ausgänge und Rohre beliebig in die Wände gebohrt worden waren. Der letzte Bewohner war Ende der 80er Jahre ausgezogen und danach hatten Jugendliche das Schloss für ihre Zusammenkünfte genutzt, getrunken, geraucht. Feuer angemacht. Wenn sie nicht erwischt und vertrieben worden waren, hatten sich diese Feuer manchmal ausgebreitet und ganze Gebäudeteile schwarz verfärbt und angefressen, wie hungrige Tiere. Im geborstenen Dach hausten die Raben, eine Unzahl davon, die das Schloss Tag und Nacht mit ihrem Gekrächz bedachten. Die Raben kannten keinerlei Zurückhaltung, waren sie doch nun schon lange Zeit die einzigen Herren auf diesem Schloss. Sie waren sonderbar zutraulich und flogen oft in großen Gruppen zu dem Lagerfeuern von Freds Gruppe, ließen sich bei den Hippies nieder, aus der Hand füttern und bedankten sich mit zutraulichem Schnarren.

Greta liebte die Raben. Sie fing an, sich mit ihnen zu unterhalten, auf ihren Streifzügen durch das verwilderte Gelände, und sie war sich sicher, die Tiere verstanden jedes Wort. Seid meine Augen, sagte sie ihnen, seid meine Augen und fliegt über die Welt und sagt mir, was ihr seht.

So entdeckte sie ein weiteres Haus im hin hinteren Teil des Geländes, das gut in Schuss war und bewohnbar aussah. Sie erkundigte sich und siehe da, das Gartenhaus war tatsächlich bis vor kurzem noch bewohnt gewesen und stand zum Verkauf, für eine ansehnliche, aber nicht unaufbringbare Summe. Greta wusste, dass sie hier bleiben wollte, dass sie hier eine Aufgabe hatte und im Gegensatz zu Fred und dem Kern der Gruppe, hatte sie Betriebswirtschaft studiert und wusste um die grundsätzlichhen Notwendigkeiten des Überlebens. Auch im Winter. Also sandte sie eine Nachricht an Papa, der das Geld zur Verfügung stellte und brachte das kleine Gartenhaus in ihren Besitz, keinen Tag zu spät, denn ein grausiger Winter mit Massen von Schnee und Eis und unmenschlichen Temperaturen weit unter dem Nullpunkt, hätte die kleine Gruppe sonst ums Leben gebracht.

Das kommende Jahr brachte neue Pläne und Ideen, wie nun das Schloss renoviert werden sollte, mit der Hilfe der Götter und des Universums. Eine ursprüngliche, urtümliche Lebensart ohne Energie von außen, im Einklang mit der Natur, wie im Mittelalter sollte nun hier einkehren und dafür Werbung und Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden – Greta! – und Fremde, Anwohner, andere Weltverbesserer sollten daran teilnehmen dürften, gegen Gebühr natürlich und damit sollte dann das Schloss aufgebaut werden. So weit der Plan. Der Plan ließ sich gut an und das Interesse war immens. Allerdings mehr das Interesse der Umwohnenden, die sich das sonderbare bunte Völkchen, das nun im Schloss lebte genauer ansahen und ab und an auch auf ein Bier am Lagerfeuer mit sitzenblieben. Große Erträge wurden damit nicht erwirtschaftet, aber nette Abende, interessante Kontakte mit Ureinwohnern und Geschichten über das Schloss und seine Historie wurden kolportiert und ausgetauscht. Die Raben saßen stets kopfnickend und beifällig dabei und freuten sich, dass nun ein Leben war, im verwilderten Schlosspark.

Und eines Tages kam das Pferd dazu.

Ein wundervoller Sommertag, Greta war in dem kleinen Wäldchen hinter dem Gartenhaus auf der Suche nach Himbeeren, da kam ihr aus dem Dorf ein Mann entgegen und an einem Strick führte er ein feuerrotes Pferd. Greta riss die Augen auf, vor Begeisterung und ließ in ihrer Aufregung den Korb für die Himbeeren im Gestrüpp liegen und lief dem Mann und dem Pferd entgegen. Ein wundervolles Pferd, rot, wie die Flammen, mit einem edlen kleinen Kopf und zarten, langen Beinen. Aus der Nähe sah man, dass das Tier nicht mehr jung war und ungepflegt, die feuerrote Mähne, die wie eine Lohe hätte wehen müssen, struppig, die Knochen an den Hüften stachen vor und die Hufe waren lang und ausgebrochen. Aber die Augen blickten klar und aufmerksam und als Greta den Mann erreicht hatte, der das Tier vor ihr zum Halten brachte, senkte die Stute vertrauensvoll ihre weichen Nüstern in Gretas ausgestreckte Hand und blies ihren sanften Atemhauch über die empfindlich Handfläche.

Um Greta war es geschehen. Die Feuerrote musste ihre werden, die Götter hatten es bestimmt und so sollte es geschehen, am besten gleich. Daher fügte es sich gut, dass der Alte, der das Pferd gebracht hatte, es loszuwerden wünschte. Er hatte die Stute vor Urzeiten für seine Tochter erworben und nun sei diese aus dem Haus, in den Westen und er habe das Tier im Garten und die Nachbarn und sie wisse ja, wie das sei und er habe schon versucht, sie zu verkaufen, aber keiner wolle sie haben, sie sei ja nicht geritten, man habe wohl mal versucht, sie zu fahren, aber das sei ewig her und es habe ohnehin nicht so geklappt, nun sei auch noch die Kutsche kaputt, sonst hätte er ja die mit drangegeben, nun ja, sie wisse schon, also, und ob sie das Pferd wolle, vielleicht erst einmal zum Unterstellen, sie habe ja so viel Platz, ach, sie würde sie auch übernehmen wollen? Ja das sei ja großartig, natürlich, das sei kein Problem, der Preis wäre gering, es sei zwar ein edles Tier, das sehe man ja, aber für sie würde er den Preis gering halten, er wolle ja auch, dass es dem Tier gutginge und dass die Stute Greta möge, das wäre ja ersichtlich.

Papa, mehr und mehr kopfschüttelnd, wurde erneut informiert und eine Summe wechselte den Besitzer und die Feuerrote zog ein, im Schloss und bei den Raben. Die Raben liebten die Rote. Vom ersten Tag an, wichen sie ihr nicht vor der Seite und wo auch immer man in dem weitläufigen Gelände auf das Pferd traf, wurde es begleitet von einer Schar Vögel, die sich auf sonderbare Art auszutauschen schienen, mit der fremden Spezies.

Greta kaufte Bürsten und Hufkratzer und pflegte und bürstete das Pferd.

Sie kämmte das rote Langhaar, bis es wie eine seidige Fahne über dem Hals der Stute lag und wenn ein Windstoß die rote Mähne anhob und damit spielte, dann wurde die alte Stute ihrem Namen gerecht:

Windfee.

Von: Mir <corinne.haalswor@net.com>

Betreff: Schloss Erlichstett

An: H.v.HÜLSTORFF<HvH@internett.de>

Lieber Hugo,

vielen Dank noch einmal für den wundervollen Abend in Schloss Schkopau und das großartige Essen. Das Schlossrestaurant war wirklich ein guter Tipp und die Küche hervorragend, ich habe es sehr, sehr genossen und auch unsere anregenden Gespräche. Ich freue mich sehr, dass wir auf so vielen Ebenen einer Meinung sind und dass ich in Ihnen einen echten Kunstfreund und -förderer gefunden habe. Die Götter meinen es gut mit mir, dass sie mir Sie geschickt haben 🙂

Dieser Tage rede ich mit den Freunden, von denen ich Ihnen erzählt habe und dann würden wir gerne gemeinsam nach Schloss Ehrlichstett kommen. Wie großartig, dass es bei Ihnen sogar Platz für uns alle gäbe und auch für den Verein, der an Engagement und Weltverbesserungsgedankentum kaum zu übertreffen ist, was allerdings bisher in Grömlitz mangels Gelegenheit noch nicht ausreichend freigesetzt werden konnte. Dem sehen wir jedoch in Ehrlichstett möglicherweise sehr hoffnungsvoll entgegen. 🙂
Wie schön, dass Sie sich auch hier gerne engagieren wollen. Sie haben schon recht – wem nützt so ein Schloss und der ganze Aufwand des Renovierens, wenn sich nicht Menschen finden, die es würdigen, genießen und nutzen und einen Konzeption aus kultureller Nutzung des Schlosses mit hoher und volkstümlicherer Kunst, Kultur, Musik und Literatur und Reiten, Sport und Naturgenuss im Schlosspark ist völlig stimmig, sehr interessant und sicher ein erfolgversprechendes Rezept.

Ich freue mich schon auf weitere anregende Planungen, Gespräche, auch darauf, dass Sie meine Freunde und Mitstreiter kennenlernen, die Sie sicherlich ebenso, wie mich mögen werden.

Ich freue mich und bin gespannt auf die Zukunft und alles, was da kommen möge.

Wegen des Termins melde ich mich mit verschiedenen Vorschlägen, wenn ich mit den Schneiders gesprochen habe.

In diesem Sinne, völlig begeistert und mit lieben Grüßen

Ihre

CH

 

 

 

Von: HvH@internett.de

Betreff: Re: Schloss Erlichstett

An: Mich <corinne.haalswor@net.com>

Liebe CH,

vielen Dank für Ihre Mail. Auch ich habe unseren Abend sehr genossen und freue mich auf weitere dieser Art.

An Wohnmöglichkeiten hat Schloss Erhlichstett wirklich eine Menge zu bieten. Wir können die Schneiders im Gartenhaus unterbringen, aber auch im Schloss bestehen im ersten Stock noch Möglichkeiten. Es gibt auch noch ein großes beinahe vollständig leerstehendes Haus auf dem Hügel oberhalb des Schlosses mit viel Ausbaumöglichkeiten, hier können 5 Wohnungen, davon 4 noch zu bauen, entstehen. Ich kann auch noch ein leerstehendes Haus in unmittelbarer Nachbarschaft erwerben, dass ursprünglich zum Ensemble des Schlosses gehörte. Ich habe es einst für 25.000,- (zu viel) angeboten bekommen. Darin sind vier weitere Wohnungen denkbar.

Ich würde aber jetzt erst einmal abwarten, bis sie mit den Schneiders hier waren und alles besichtigt haben und dann mit Ihnen allen über die Variante Ehrlichstett sprechen. Das Schloss hat allerdings seinen Charme und vor allem die relative Großzügigkeit und Abgeschiedenheit, die mich auch begeistert hat, als ich das erste Mal in Ehrlichstett war (es war ja alles andere entsetzlich!).

So, nun noch einen kurzen Bericht über meine Abenteuer, sollte es von Interesse sein: Im Grunde bin ich ab sofort und für diese und die nächste Woche sehr erleichtert, da ich erfolgreich vom Finanzamt zurückkehrte und eine Stundung meiner noch ausstehenden Steuerschulden in Höhe von weit über 100.000,- € erreichte. Ich habe tatsächlich das Herz und Gemüt des harten Finanzamtsbeamten erweicht und ausgeführt, dass sonst unsere Bemühungen um die Rettung und kulturelle Nutzung des Schlosses in Ehrlichstett null und nichtig wären. Nun, zumindest habe ich die Stundung erreicht und eine Entschuldigung für die außergewöhnliche Behandlung meiner Person.

Ich sage Ihnen, manchmal kann einem das Ganze zu viel werden. Ich hoffe doch sehr, dass wir einige dieser Leiden werden teilen können, wenn Sie in Ehrlichstett ansässig werden und einen gut Teil davon sich durch Ihre Besiedlung völlig vermeiden lässt.

Ihr ergebener Hugo v.H.

Grömlitz Frühsommer 2014

 

Tamara sitzt auf den Stufen von Libertas Haus und weint. Heftige Schluchzer pressen ihr die Luft aus den Lungen und schütteln ihren Körper. Ihre Mutter ist nicht da, mit diesem komischen Grafen zum essen weg und Tamara hat versprochen, den Stall zu machen. Sie hat den Hengst hereingeholt, Corinne möchte kein Risiko mehr eingehen, die unbewachten Zeiten mit den Stuten auf der Koppel sind für Sandmann vorbei. Und die vier Ponys dürfen die Nacht nicht draußen bleiben, weil sie sich unter den Zäunen durchmachen und dann ganz Grömlitz in Angst und Schrecken versetzen.

Sie hat die Tiere gefüttert und getränkt und sich dann nur kurz auf die durchgetretenen, von der Sonne noch warmen Steinstiegen gesetzt, um dann reinzugehen, sich etwas zu essen zu machen, vielleicht ein bisschen fern zu sehen, und plötzlich hat sie dieses Weinen angefallen und schüttelt sie nun durch, aus dem Nichts, die ganze Verzweiflung und Not in diesem Moment der Ruhe. Und nun findet sie nicht mehr zurück aus der ganzen Trauer und der Angst, vor dem was kommen kann, kommen wird, wie alles wird oder vielleicht doch nicht. Sie haben den Prozess verloren, sie haben Libertas Haus verloren, obwohl sie eigentlich geglaubt haben, dass es mal ihnen gehören wird, sie haben jetzt eigentlich keine Heimat mehr, kein Zuhause, keinen Stall für die Pferde. Wieso ist ihre Mutter so ruhig, Tamara hat Angst mit ihr zu reden, Angst sie anzustecken, mit ihrer Angst und dann sitzen sie beide da und heulen sich die Augen aus dem Kopf. Widerwillig muss sie lächeln, bei dem Gedanken daran, sie und Mum auf den Stiegen vor Libertas Haus, am Heulen.
Plötzlich zuckt sie zusammen. Das Hoftor hat sich quetschend geöffnet und irgendjemand nähert sich auf dem Steinweg vor dem Haus.

Wer kann das sein? Fragt sie sich, es hat sich keiner angemeldet, Anne, vielleicht, aber als sie das Kribbeln zwischen den Schulterblättern spürt und ihr Atem hektisch wird, weiß sie, wer es sein muss.

„Alles OK?“ Devon setzt sich langsam neben sie und legt einen Arm um ihre Schultern.

„Nein,“ sagt sie, schluckt die letzten Tränen herunter. Sie spürt seine Nähe und das ist so angenehm, dass sie gefährlich nahe dran ist, sich zurücksinken zu lassen, in seine Umarmung und ihn machen zu lassen.

„Ich will nicht, dass es dir schlecht geht,“ sagt er leise an ihrem Ohr.

„Warum?“ Sie macht sich steif und versucht, sich ihm zu entziehen.
„Es macht mir Schmerzen, wenn es dir nicht gut geht,“ antwortet er.

Tamara senkt den Blick und hört für einen Moment auf, sich zu wehren. Nur seine eine Hand liegt auf ihrem Körper und sie nimmt sie mit allen Sinnen wahr. Die Berührung und das Wohlbefinden lullt sie ein, sie schließt sie Augen und lässt sich zurücksinken.

„Hast du die Träume wieder?“

Erschrocken macht sie die Augen auf und starrt ihn an.

„Nein, du?

„Nein auch nicht.“
„Ich denke, wir kriegen die nicht wieder. Die Rabenfrau hat gesagt, ich soll lernen. Ich tue das, ich lerne. Oder?“

„Keine Ahnung. Lernst du?“

„Klar, Stromschläge und so.“
„Und kommst du voran?“
„Na ja, ich weiß nicht so recht. Es ist immer noch so, dass ich mich aufregen muss, damit es funktioniert. Aber vielleicht reicht das ja? Das Problem ist, dass es nicht gerade wimmelt vor übersinnlichen Leuten und ich niemanden habe, den ich fragen kann. Und Stromschlaglehrer gibt es auch nicht gerade wie Sand am Meer!“

Sie macht sich frei und steht auf. Er erhebt sich ebenfalls, sie stehen voreinander, Tamara zwei Stufen höher, auf Augenhöhe.

„Was hast du vor?“

„Ich geh jetzt rein.“

„Ok, ich komm mit. Ich sorge für dich.“
„Quatsch!“ instinktiv wehrt sie sich, „ich komm schon klar.“
„Sah aber eben nicht so aus und deine Mutter ist auch nicht da, oder?“
„Ne, bei som Essen.“
„Also dann bleibe ich, bis sie wiederkommt. Ich lasse dich nicht alleine.“ Er sieht sie fest an und seine Augen haben ein tiefes, verlässliches Grau und lassen keinen Widerspruch zu.

„Na gut,“ seufzend zieht Tamara die Haustür auf und geht die Holztreppe hoch. Sie macht die Tür zu ihrem Zimmer auf und lässt sich auf ihr Bett sinken. Sie ist müde, unendlich müde, die starken Gefühle haben sie ausgelaugt, das Weinen lässt sie wie hohl zurück. Sie lässt sich nach hinten sinken.

„Kann ich…“ Devon schluckt, “kann ich…“ er spricht nicht weiter. Sie macht die Augen auf und sieht ihn fragend an. „Kann ich dich einfach nur in den Arm nehmen? Mehr will ich gar nicht.“ Ihre Kehle schnürt sich zu und sie bringt keinen Ton heraus. Sie will, dass er bleibt, sie will nicht, dass er geht. Sie will nicht alleine sein. Sie nickt.

Er geht um das Bett herum, auf ihre andere Seite und setzt sich neben sie. Tamara schließt die Augen. Sie spürt, wie die Matratze sich senkt als er sich neben sie legt. Er rückt näher heran und streckt einen Arm aus. Mit geschlossenen Augen findet sie die Kuhle zwischen seiner Schulter und seinem Hals.

„Ich bin gerne dein Kopfkissen,“ sagt er sanft, „auch wenn du mich vollsabberst“
„Ich sabbere nicht,“ sagt sie vorwurfsvoll. Er lächelt und legt einen Arm um ihren Hüfte. „Entspann dich, war nur nen Scherz“

Sie spürt seine Lippen auf ihrem Haar, sanft, und endlich sanft fast nur ein Hauch. „Entspann dich und ruh dich aus. Schlaf ein bisschen! Wenn du aufwachst, ist deine Mutter wieder hier und ich bin fort.“

Sie spürt sein Herz schlagen, im gleichen Rhythmus, wie ihr eigenes. Ihr Atem nimmt seinen Rhythmus auf und wird schwerer und tiefer.

Sie schläft ein, tief und traumlos, den besten und heilsamsten Schlaf seit Wochen.

Ehrlichstett 1985

 

Abel Naurocks war elf Jahre alt und noch niemals glücklich gewesen.

Das wusste er so genau, weil er es jetzt war.

Zum ersten Mal, glücklich.

Der Sommer 1985 war für den schmächtigen Jungen der Sommer seines Lebens. Die goldene Fülle öffnete sich, wie ein einladendes Abenteuer, zum ersten Mal in seinem kurzen Leben begrüßte er jeden neuen Tag ungeduldig, sprang aus dem Bett, frühstückte hastig in der Küche und rannte hinaus und traf seinen Freund.

Er hatte einen Freund.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Freund. Einen richtigen Freund, mit dem man im Wald spielen konnte, auf Bäume klettern, ein Baumhaus bauen, mit den Fahrrädern über die abgeernteten Felder fahren, die Sommerluft, den Staub und den milden Duft des Korns riechen, lachend, vor den großen Mähdreschern davon preschen, durch die Ruine vom Schloss kriechen, und dort Gespenster suchen und nur Fledermäuse finden. Am Abend gemeinsam auf der alten baufälligen Mauer vor dem Haus sitzen, die Beine baumeln lassen und die schier endlosen Tage voller Licht und deren Verglühen genießen.

Als einziger Sohn der Pfarrers hatte Abel es nie leicht gehabt. Ein selbstbewussteres Kind hätte dem vielleicht offener entgegnen können, der Sonderrolle, die er in der Schule einzunehmen gezwungen war, die Ausgrenzung, die er in der Straße erfuhr, in der sie lebten. Er war nicht bei den Thälmann-Pionieren, in der Kirche waren nur ein paar alte Leute und Spinner, die ohnehin nichts zu sagen hatten. Wäre er älter gewesen, dann hätte er dort vielleicht Freunde gefunden unter den wenigen Jugendlichen, die diese Sonderrolle aktiv annahmen, die sich als Dissidenten verstanden, die in der Gruppe Halt und Kraft fanden und unter dem geschützten Dach der Kirche gemeinsam von einer besseren Welt träumten. Aber Abel fiel überall raus – zu klein, zu schüchtern, zu jung und dann diese elitären Westklamotten. Tante Eveline und Onkel Werner, der Bruder seiner Mutter hatten sich rechtzeitig in den Westen abgesetzt und dort Fuß gefasst. Der Kontakt unter den Geschwistern war eng geblieben und so schickten sie regelmäßig Pakete mit unschätzbaren Kostbarkeiten, so sie die Empfänger erreichten. Sie wollten Abel eine Freude machen, mit diesen Jeans, mit diesen Sweatshirts, aber er war zu schüchtern, diese Freude genießen zu können. Er wollte nicht auffallen in der Schule und er wollte nicht den Neid der anderen erregen. Wenn die Welt einen Schafherde war, dann wollte er ein Schaf sein, in der Herde und mitblöken, wenn alle blökten, er war nicht zum Revoluzzer geboren und wollte keiner werden. Der Status seiner Eltern und diese Klamotten zwangen ihn in eine Rolle der Verteidigung, die er nicht ausfüllen konnte, die ihn überforderte und die ihn einsam machte.

Seine Eltern waren hierbei keine Hilfe. Auch sie in eine Außenseiterrolle gedrängt, als Pfarrer und Gemeindearbeiterin, die sie aber voll und ganz annahmen. Und die ihnen keine Zeit für Weiteres ließ. Auch keine Zeit für ihren einsamen, ängstlichen Sohn.

Sein Vater war sehr engagiert. Er hielt in der maroden Kirche von Ehrlichstett flammende Gottesdienste ab für praktisch niemanden und seine Mutter unterstützte ihn nach Kräften. Sie waren bekannt und von wenigen bewundert, aber sie wurden auch überwacht und kontrolliert. Hiermit war Abel aufgewachsen, die ständige Kontrolle, das ständige Wissen darüber, beobachtet zu werden, immer etwas falsch zu machen, denn das Richtige verbot schon der Lebenswandel seiner Eltern. Und so war die Geschichte mit der Hose nur ein weiterer Stein auf dem Wege seiner Demütigungen, die ihn immer kleiner und immer schwächer zu machen schienen.

Sein Zimmer schien der einzig sichere Ort und das wollte er nicht mehr verlassen. Im Bett, die Decke über den Kopf in dämmriger Dunkelheit den Tag verbringen „ich bin krank,“ zur Mutter am Morgen, wenn er zur Schule soll oder „es geht mit nicht gut“ oder „ich bin zu müde.“ Seine zarte, blasse Erscheinung gab dem recht und so durfte er ein ums andere Mal zu Hause bleiben, Schonung erlangen vor dem harten Leben draußen und den Gefährdungen, denen er nicht gewachsen war.

Und nun war das Wunder geschehen!

Das Wunder aller Wunder:

Es waren Sommerferien. Alle waren fort, auf Arbeitseinsatz, Ferienlager, mit der Familie in Urlaub und die Straße war leer, die Gärten ruhig und still in der Sommerhitze. Abel war auf der Wiese hinter dem Haus und kickte lustlos einen bunten Kleinkinderball, den er zwischen den Johannisbeersträuchern gefunden hatte, vor sich her.

Plötzlich: „HE!“ Eine Stimme. „Schieß her!“

Zwischen den niederen Heckensträuchern lugte das Gesicht des Nachbarjungen hervor, Ausgerechnet der, der Sohn des Verletzers, wie Abel für sich den Nachbarn nannte, der bei der StaSi war, was jeder wusste und vor dem jeder Angst hatte, selbst sein Vater, der doch sonst vor nichts Angst hatte, aber Abel spürte das und seit der Geschichte mit der Hose noch mehr. Er solle ihm einfach aus dem Weg gehen, hatten die Eltern geraten und er hatte das gerne und nach Kräften getan, dem Verletzer aus dem Weg gehen. Und nun hier, sein Sohn.

Er kannte die Nachbarjungs von Sehen, manchmal spielten sie im Garten oder auf der Straße, stets mit anderen Kindern. Thomas, der Große war der Wortführer, ein grober kräftiger Junge, groß für sein Alter mit starken Muskeln und sich seiner Macht unter den Kindern bewusst. Seine Stimme hatte Gewicht, er war einer, der sagte, was getan wurde und wann und wie. Und Gabriel, sein kleiner Bruder, so ganz anders, zart, fast feenhaft, mit mädchenhaften Zügen, ein wunderschöner Knabe, wie aus einem Gemälde in den dicken Kunstbänden seiner Mutter. Er trug die Haare länger, goldene Locken, die sein ebenmäßiges Gesicht umspielten, er war von einer solchen Schönheit, dass man immer nur den Wunsch hatte, ihn anzusehen. Dieser Gabriel, der Sohn der Verletzers, einer von den Auserwählten, einer von den Kindern, die die Macht und das Sagen hatten, stand nun auf der anderen Seite der kleinen Hecke und sprach ihn an.

Abel zog unwillkürlich den Kopf ein, als wollte er ungesehen verschwinden. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Normalerweise ging er nicht in den Garten. Hätte er gewusst, dass die Jungen draußen waren, dann wäre er drinnen geblieben und hätte in seinem Buch weitergelesen. Er blickte sich verstohlen um, um zu sehen, wo der große Bruder war. Das konnte doch nur ein Trick sein, ihn reinzulegen und ihm etwas anzutun, damit nachher wieder alle lachen konnten und ihren Spaß hatten. Er ließ den Ball liegen und bewegte sich langsam mit gesenktem Blick auf den Hintereingang des Hauses zu. Vielleicht schaffte er es noch rechtzeitig rein, bevor die anderen auftauchten.

„HE!“ Gabriel winkte und versuchte seine Aufmerksamkeit zu erregen. „Du da!“

Mit einem eleganten Satz war er über die kleine Hecke gesprungen und kam nun auf ihn zu – wohl oder übel musste Abel stehenbleiben, wenn er nicht völlig das Gesicht verlieren wollte. Wegrennen oder stehenbleiben. Mutig drehte er sich um und wartete, bis Gabriel ihn erreicht hatte. Er hielt den Blick gesenkt, sah die Füße des Jungen und die Schuhe, traute sich nicht, ihm ins Gesicht zu sehen, wartete einfach, was nun kam.

„He, wassn los mit dir? Hast du mich nicht gehört?“
Stumm schüttelte Abel den Kopf, hielt den Blick weiter gesenkt und hoffte dass er nun bald gehen könnte, nach oben zu seinem Buch.

„Mensch, ist keiner da, alle im Sommercamp. Schweinslangweilig. Wollen wir was machen?“

Tonlos schüttelte Abel den Kopf.

„Häh?“

Nein, lieber nicht. Er wollte lieber nicht, da kam nichts Gutes bei raus, im Ende lachten sie doch wieder alle. Und vielleicht war das ohnehin nur ein Trick und die anderen kamen dann um die Hausecke und lachten sich kaputt über einen, der glaubte, das so einer wie Gabriel mit ihm spielen würde Wie absolut komisch und lachhaft!

„Warum nicht? Stimmt mit dir was nicht?“
Abel schüttelte wieder den Kopf.

„Kann ich jetzt gehen?“ Flüsterte er.

„Klar,“ enttäuscht trat Gabriel einen Schritt zurück. „Klar, warum nicht. Ist doch klar!“

Sein Ton war verwirrt, irgendwie verblüfft und ließ Abel aufhorchen. Entweder der war der perfekte Schauspieler oder die anderen waren wirklich nicht da.

Gabriel wandte sich langsam ab und ging wieder auf die Hecke zu. Vorsichtig hob Abel den Blick und sah ihm nach. Der schmale Rücken, die noch kindhaften nackten Beine in den kurzen abgeschnittenen Hosen, die durchgetretenen Turnschuhe.

Und dann tat er das Mutigste, das er jemals getan hatte.

Das Mutigste in seinem ganzen Leben.

„He,“ rief er. Seine Stimme krächzte ein bisschen vor lauter Aufregung.

„Warte mal!“

Und dann ging er auf Gabriel zu.

Grömlitz Frühsommer 2014

Von: Mir <corinne.haalswor@net.com>

Betreff: Katastrophenbericht

An: H.v.HÜLSTORFF<HvH@internett.de>

Lieber Hugo von Hülstorff,

nun ist es geschehen. Der Prozess war und ist vorüber und ich brauche das Urteil nicht abzuwarten, um zu wissen, dass wir verloren haben. 😦

Der Richter hat mich dreimal gefragt „Warum haben Sie einen solchen Vertrag unterschrieben?“ und dabei so sorgenvoll die Stirn gerunzelt, als wolle er mich am liebsten in die nächste Klappse einweisen lassen.

Der Gegenanwalt saß die ganze Zeit unbewegt da und hat gelangweilt in den Akten geblättert. Auf Rückfragen des Richters hat er sich entschuldigt und gesagt, die Aktenlage sei ja wohl klar, so dass er sich gar nicht umfänglich informiert habe und nun gar keinen Auskunft jenseits bereits gestellten Anträge geben könne. Gerade, dass er nicht auch noch gelangweilt gegähnt hat.

Der Richter hat dann zweifelsfrei durchblicken lassen, dass wir aus Libertas Haus werden ausziehen müssen, weil es nach Ablauf des Vertrages keine Rechtsgrundlage für ein weiteres Bewohnen gebe und, was ich ja bereits wusste, ein Vorkaufsrecht notariell hätte beglaubigt werden müssen, um verbindlich zu sein. Er hat aber auch durchblicken lassen, dass er, wegen der großen Investitionen, die ich getätigt habe und die in keinerlei Verhältnis zum Wert der Immobilie und zum Wert des Mietvertrages stehen, eine gewissen Frist zur Räumung erhalten werde. Diese dürfte großzügig ausfallen, was den Gegenanwalt zu kurzfristigem Aufwachen veranlasst hat, aber das Gesamtergebnis ist klar: Auszug muss sein!

Morgen muss es nicht sein aber langfristig auf jeden Fall. Da ich nicht weiter investieren sollte, denn dann sollte ich mich wirklich einweisen lassen, ist es nun sinnvoll an einen Umzug vor dem nächsten Winter zu denken, wenn mir meine und die Gesundheit meiner Tochter lieb ist.

Und nun kommen Sie und Ihr großzügiger Vorschlag ins Gespräch.

Ich würde gerne zeitnah, wenn es Ihre Terminplanung erlaubt, einen Gesprächstermin anberaumen, bei dem wir uns konstruktiv über eine mögliche, von Ihnen ja bereist angebotene Nutzung von Schloss Ehrlichstett unterhalten, in dem wir unsere gegenseitigen Vorstellungen, Bedingungen und Wünsche abgleichen und gucken, ob und wie wir hier eventuell zusammenkommen. Sie haben sicher Verständnis dafür, das ich nicht noch einmal wie ein Schulmädchen vor einem mitleidigen Richter sitzen möchte und mir eine solche Frage stellen lassen möchte. Deshalb würde ich in diese Falle ganz, ganz, ganz sicher gehen wollen, dass sich die gegenseitige Vorstellungen auch decken und dass wir dieselben Ideen und Vorstellungen verwirklichen wollen.
Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden und freue mich auf eine Antwort, respektive auf einen Terminvorschlag, gerne bald,

Ihre

Corinne Haalswor

Von: HvH@internett.de

Betreff: Re: Katastrophenbericht

An: Mich <corinne.haalswor@net.com>

Liebe Corinne,

nächsten Montag, 19 Uhr, Schlosshotel Schkopau, Restaurant „Le Château“, ich lade Sie ein, ich hole Sie ab?

Ihr

Hugo

Grömlitz Frühsommer 2014

 

Corinne sitzt auf der Koppel unter einem Baum und sieht den Pferden zu. Hier im Naturschutzgebiet ist nichts zu hören als die Geräusche der Pferde, deren Kauen, Schnauben, das seidige Sirren der Schweife, wenn sie nach Fliegen schlagen, überspielt von den vielfältigen Gesängen der Vögel, eine unglaubliche Vielfalt, eine Kakofonie, die die einzelnen Töne verschwimmen lässt zu einem irrsinnigen Lied von Lebensfreude, Liebe, Wachsen und Blühen. Der Frühling hat seine ganze Kraft entfaltet und zeigt sich von seiner allerschönsten Seite, bevor die Natur sich zurückzieht in die glutvolle Hitze des Sommers und sich deckt und duckt unter der unbeugsamen Kraft der Sonne. Corinne liebt diese Zeit, sie lebt diesen Ort, die Stille, die Natur, die Einsamkeit, vielleicht und vor allem, weil sie weiß, dass es endlich ist.

Ihre Zeit in Libertas Haus läuft ab.

Alle Zeichen stehen auf Abschied.

Sie weiß, dies wird ihr letztes ungeheuerliches, gewaltiges, blühendes Frühjahr sein, die letzten Fohlen, die hier geboren werden, so wie die kleine schwarze Stute Eisstern, die mit langen schlaksigen Beinen neben ihrer Mutter herläuft, ab und an der im Gras sitzenden Menschenfrau einen neugierigen Blick zuwirft.

Ein sonderbares Tier, die Kleine, nicht besonders schön mit eher ungelenken Bewegungen. Wie ihre Geschwister, aber vom edlem spanischen Blut und wird die schöne graue Farbe ihrer Mutter annehmen, wenn sie älter ist. Corinne will sie behalten, sie soll nicht verkauft werden sondern als Zuchtstute bleiben.

Die Weinmüllers haben in Halle eine neue Wohnung gefunden. Sie haben den Vertrag schon unterschrieben und räumen und sortieren, bringen jeden Tag andere Dinge, die Corinne vielleicht brauchen kann und häufen eine ungeheure Menge Sperrmüll vor dem Wehne -Hof an.

Ein Leben entrümpeln, ein Leben, das immer an diesem einen Ort stattgefunden hat, was für eine Aufgabe! Corinne spürt die Trauer und den Schmerz der Beiden. Aber auch die Aufregung und den Mut, der mit jedem Tag stärker wird und ungeduldiger, diesen für sie schließlich unfreundlich gewordenen Ort zu verlassen.

In ein paar Wochen ist der Prozess, der, wie Zimmermann befürchtet, nicht zu gewinnen ist. Und dann, wenn es so kommt, der Aufbruch.

Aufbruch in eine Zukunft, die ungewiss ist.

Wo sollen sie hingehen? Zurück nach Bayern? Dann doch ins Ausland? Mit den ganzen Pferden, ein schier hoffnungsloses Unterfangen. Hier bleiben? Das Angebot dieses „Grafen“ annehmen und nach Ehrlichstett?
Irgendetwas in ihre Kopf weigert sich, konstruktiv über diese Frage nachzudenken.

Sie will nicht fort hier. Sie liebt diese Gegend. Sie ist noch nicht so weit, zu gehen. Sie fühlt sich Libertas Haus auf eine unerklärliche Art verbunden und sie liebt diese Landschaft. Dieses Land, das rau ist und doch lieblich, das wild, ist, vernachlässigt und sich selbst überlassen, aber doch freundlich und angenehm, uralte Kulturlandschaft. Vor hier sieht sie die Ruinen von Pretice, einem Dorf aus der Vorzeit, menschliche Spuren in all der Wildnis, die ihr Spiel spielt, mit der vergänglichen menschlichen Geschichte.

Früher, erzählen die Weinmüllers sind die Leute hierher zum Picknick gekommen, am Sonntag mit der ganzen Familie. Gegessen getrunken, die Kinder hatten einen Ball mit und haben laut und wild gespielt, die Alten saßen zusammen auf Decken und Kissen und haben von vergangenen Zeiten erzählt. Vom „Pastergesicht“ dem kantigen Felsen auf dem einmal die Thingstätte von Pretice war und später eine Kirche, predigt ein Pfarrer donnernd vom Untergang der Welt. Hinter dem Wäldchen liegt der Galgenstein, auf dem die Räuber von Grömlitz gehenkt wurden, die Unschuldige auf der Landstraße nach Brätwitz aufgelauert haben und unermessliche Schätze erbeutet haben, die sie mit der goldhaarigen Wirtin vom Gasthaus auf der Klippe versoffen haben. Tief hinten im Dickicht liegt eine verborgene Quelle, aus den Felsen sprudelt klares kaltes Wasser, das oft im Sommer schon den Durst gelöscht hat und zu der die Jungfrauen schweigend für das Osterwasser gekommen waren, früher.

Heute kommt niemand mehr hierher.

Die Grömlitzer sind alt und der Weg hierunter beschwerlich. Die Familien fortgezogen, die Asche der Räuber lang verstreut, der Untergang der Welt fiel aus, Osterwasser holen ist ein vergessener Brauch und die Natur hat sich zurückgeholt und verborgen, was nicht offen ersichtlich ist. Alles ist überwachsen und vergessen, erst die Pferde haben wieder Zugang geschaffen durch die Wildnis.

Sie, Corinne wollte ein Teil werden, ein Teil der Natur, aber auch ein Teil des Werdens und Vergehens, aber sie ist ein Fremdkörper geblieben. Ein Fremdkörper in dieser Landschaft, die keine Menschen braucht und ein Fremdkörper in diesem Dorf, das ihr mit Angst und Misstrauen begegnet und die Veränderungen fürchtet, die sie mitbringen könnte.

Ist dies ein Ort, an dem die Zeit stehen bleibt?

Nein, denkt sie, noch nie hat sie das Werden und Vergehen von Zeit so gespürt, wie in der Ursprünglichkeit von Grömlitz. Wahrscheinlich liegt in all dem die Fremde, die sie ausstrahlt. Das Sehen von Außen, das Bewundern, das Freuen, das Lieben, Nichts ist ihr hier alltäglich geworden, alles eine Herausforderung, etwas Neues, sie war nicht lang genug hier, um Alltäglichkeit zu empfinden, Gewöhnung, Langeweile.

Seufzend steht sie auf und streckt sich. Sie wird sehen.

Sie werden alle sehen, wie es weitergeht.

Und weitergehen, das tut es immer.