Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 44

 

Zuerst hören sie die Sirene, als sie so langsam durch die dunklen Straßen laufen. Dann sehen sie es. Die Feuerwehrautos, auf der Hauptstraße, das blaue Flackern der Warnleuchten, und dann den hellen Schein. Den hellen Schein, der ganz Ehrlichstett in eine leuchtende Glocke verwandelt, ein fast sakrales Spektakel, das den Nachthimmel in goldene Funken hüllt. Es brennt. Es brennt im Schloss.

„Wo ist Corinne?“ Tammis Stimme ist schrill. Voller Angst. Die Bilder ihres Traums, die Flammen, ihre Mutter in Not, sie drängen sich in ihr Bewusstsein, nehmen ihr den Atem, jagen ihr Herz vor Angst.

„WO IST CORINNE?“ Sie schreit die Frage in die golden erleuchtete Nachtluft und rennt los. Sie jagt auf das Schloss zu. Als sie den Hof betritt, wirft die Kraft, das Licht und die Hitze der Flammen sie fast zurück. Sie kneift die Augen zusammen.

Der ganze Nordflügel, das Atelier, ihre Wohnräume, das Dach, alles steht in Flammen. Zwei große Feuerwehrwagen stehen vor dem Gebäude und richten den Strahl ihrer Schläuche fast hilflos in das brüllende Flammenmeer.

Wo ist ihre Mutter?

Tränen schießen ihr in die Augen, als sie fast blind, weiterläuft.

„Halt, bleiben Sie stehen!“
Sie ignoriert den Feuerwehrmann, der versucht sie zurückzuhalten, sie läuft auf die Haupttreppe zu.

Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Schloss betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, sie hat Angst, eisige Angst, die sie zwingen möchte, umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen. Sie nimmt allen Mut zusammen und öffnet die Tür – dahinter lodert das glühende Flammenmeer, Flammen schlagen brüllend hoch, fressen sich durch das brüchige, trockene Holz des Treppenhauses, der Boden strahlt eine übermenschliche Hitze aus, die sie zurückwirft. Ihre Mutter, ihre Mutter ist dort oben irgendwo, sie weiß es. Und sie weiß, dass sie sie retten muss. Sie muss da rein, in die Flammen, die sie verbrennen werden, die sie verglüht haben werden, bevor sie das brennende Treppenhaus erreicht haben wird.

Sie strafft den Rücken und geht weiter.

Die Hitze ist unmenschlich, übermenschlich und sie hat Hund nicht mehr. Hund, den kleinen Schutzgeist, dessen Kraft sie brauchte um das Feuer im Wohnwagen zu entfachen, um Kylie zu stoppen und Henry zu befreien.

Du bist die Macht, du hast die Macht, sagt etwas in ihrem Kopf, die Stimme von ….Hund.

Kann ein Hund reden?

Die Stimme des Meisters?

Und sie weiß, dass sie es kann, dass sie das Feuer bannen kann, dass sie die Kraft hat und die Macht. Sie schickt eine Feuerkugel die Stiegen hinauf, ein Feuer, das das Feuer bekämpft, ihr den Weg freibrennt, Feuer gegen Feuer, Macht gegen Macht, Kraft gegen Kraft.

Und sie spürt die Hitze nicht, als sie die Treppe emporläuft, als sie weiter hinauf geht, an der Wohnung vorbei, auf den Dachboden. Das Dach, freigebrannt, der leuchtende Himmel über ihr, die Nacht, die Finsternis.

Dort ist es. Das Ungeheuer, das Monster, seine gebleckten Zähne funkeln im Licht der brüllenden Flammen aus seinem Rachen, sein Atem ein schaler Hauch, der stinkt und modert.

Ihre Angst kehrt zurück, mit aller Macht. Die Flammen, die Hitze, die ihre Haut verkohlt, die Schmerzen, die unirdisch, überirdisch sind, sie weiß, sie wird sterben. Sie weiß es.

Dort ist noch jemand, etwas, mitten in den Flammen, ein Mensch auf einem Pferd, das kann nicht sein, sie reißt die Augen auf, trübe, versengt, wie blind der Blick, er bewegt sich, verdammt, ein lebendiger Mensch, ein lebendes Tier vor dem klaren Himmel, schwarz wie die Nacht und leuchtend, wie das Flammenmeer.

„Tamara….“ ruft die Stimme aus den Flammen.

Der Mann steht in den Flammen und seine hellen Augen, seine hellen, alten Augen leuchten. Sein Blick sucht den ihren. Sie geht ihm langsam entgegen.

Ihre Angst wird kleiner und kleiner, bedeutungslos, verschwindend. Und mit ihr das Monster.

Durch die Flammen geht sie, sie spürt, wie die sie berühren, fast streicheln, sie kommt näher, der Mann lächelt und streckt ihr vom Pferd herab die Hand entgegen. Ihn umstrahlt ein blaues Licht, ein blaues kühles Licht, der Schein des Rabensteins, ein sanftes Glühen, das sie einhüllt, kühlt, beschützt. Sie lässt es zu, lässt es in sich ein, das blaue Licht, das Alles und das Nichts. Das blaue Licht lässt das Monster, das auf ihren Fersen ist, erlöschen, es wird blass, wie ein altes Bild, verbleicht, verglimmt in den Schatten des blauen Scheins.

Sie sieht ihn an, den Meister auf dem Rappen und die Welt erlischt, die Zeit bleibt stehen und sie spürt das Nichts. Das Alles und das Nichts, das Ende und den Neubeginn, bevor ihre Sinne verlöschen und ihr Körper leblos auf die verbrannten Bohlen sinkt.

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Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 29

 

Ein rotgoldener Schein leuchtet so hell, dass er trotz der dicken Decken und der Verdunkelung in Gretas Wohnzimmer zu sehen ist.

Langsam richtet sie sich auf. Wie aus einem Traum erwacht, aus einem tiefen Schlaf, ein Schlaf der erholsam war und sie geheilt hat. Sie steht auf und streicht die zerdrückte Kleidung glatt. Sie geht zum Fenster und schiebt die Verdunklung beiseite. Ungeduldig zieht sie an der Decke, bis sie zu Boden fällt.

Der gleißende Feuerschein dringt als helles Strahlen in ihr Zimmer und überzuckert alles mit goldenem Schein. Hastig reißt sie die Decken von den übrigen Fenstern und steht so im Schein der Flammen, im Schein der goldenen reinigenden Flammen.

Dann strafft sie sich und geht zum Telefon.

Sie wählt die Notrufnummer, lächelnd, und langsam

„Ich bin die Wächterin,“ sagt sie mit fester Stimme. Sie gibt die Adresse durch und ihren Namen, und sie meldet ein Feuer. Ein Feuer im Schloss.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 25

 

Zu dritt verlassen sie die Halle. Jakob hat Henry auf dem Arm. Der Kopf des Kleinen liegt auf seiner Schulter, die Locken kleben ihm verschwitzt an der Stirn die Augen geschlossen. Henry ist totenbleich.

Plötzlich bleibt Jakob stehen.

„Verdammt wo ist Hund? Wir haben Hund da drin vergessen!“

Tamara sieht ihn an und schüttelt den Kopf.

Plötzlich kommt Bewegung in Henry und er hebt den Kopf. „Henry!“ Tamara ist bei ihm, streicht ihm die verschwitzen Haare aus der Stirn und streichelt seine rundliche Kinderwange.

„Unn, „ sagt er. Seine Stimme ist rau und klingt alt und brüchig, „UNN“

Und ein kleines Flämmchen erscheint zwischen den Rissen im Beton vor der Halle, verschwindet gleich wieder.

„Unn,“ Henry lächelt und schließt die Augen. Erschöpft, müde, aber am Leben. Bereit, zum Weiterleben.

Langsam gehen sie weiter.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 23

 

Harald Bonsayh versucht Luft zu holen aber irgendwie bekommt er nicht genügend Sauerstoff. Sein Knie oder das was mal sein Knie gewesen ist lässt ihn vor Schmerz fast ohnmächtig werden. Er hört einen Schlag und malt sich aus, wie die Flammen, getrieben von chemischem Brandbeschleuniger durch das Schloss jagen und jeden auf ihrem Weg verschlingen.

Er spürt die Hitze der verschiedenen Brandherde, hört das Knacken und Krachen.

Er wartet.

Er könnte längst tot sein. Dann hätte er diese Schmerzen nicht mehr ertragen müssen. Er hätte sich einfach in seine Bestandteile aufgelöst. Statt dessen sitzt er hier fest und kotzt fast vor Schmerzen. Er wartet auf eine Erlösung, die ihm verwehrt bleibt. Die Hitze um ihn herum steigert sich ins Unerträgliche. Fluchend zieht er sich hoch und versucht aufzustehen, sein zerschmettertes Knie knickt aber augenblicklich wieder ein. Vor Schmerz winselnd wälzt er sich auf dem Boden. Ein brennender Schmerz leckt an seinem Fuß. Er dreht sich entsetzt um und sieht seinen Schuh in Flammen stehen. Schreiend schlägt er darauf ein, dann zerrt er ihn vom Fuß und schleudert ihn weg. Seine Hände brennen, sein Fuß brennt.

Rasend vor Wut und zu allem entschlossen schleppt er sich weiter, bis dahin, wo die Flammen bereits durch das verbrannte Dach in den Nachthimmel schlagen.

Er sieht sie.

Er hört sie.

Diese Schweine, diese blöden Schweine. Sie würden überleben! Trotz seiner umfassenden Planungen würden sie überleben und er würde verbrennen. Er hasst sie, er hasst sie alle.

Die Flammen holen ihn ein und er schreit auf.

Es tut so weh, es tut überall weh. Es ist schlimmer, als alles, was er sich vorstellen kann, es…

…und da ist er.

Die Flammen teilen sich und da ist er.

Er sieht in seine Augen.

Seine Hand neigt sich, reicht zu ihm hinunter, ihm der sich schreiend am Boden wälzt. Seine Hand ist kühl.

Er sieht ihn an.

Er lächelt. Seine goldenen Locken leuchten im Feuerschein, sie sind wieder lang, wie früher, bevor er sie abgeschnitten hat, sich verunstaltet hat, er sieht wieder aus wie früher, als…

…als sie sich sich liebten.

Als er sein Ein und Alles war.

Als er sein Engel war.

Und Harald Bonsayh schließt die verbrannten Lider über den verdampften leeren Augenhöhlen und steht auf.

Er nimmt die kühle Hand und geht mit einem Seufzer mit, mit Gabriel, der zuletzt noch gekommen ist, um ihn zu holen.

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 12

 

Das Feuer zersplittert und füllt den ganzen Wohnwagen. Es fügt sich wieder zusammen und rast auf das Fenster zu. Das Zerbersten der Scheibe ist ein Schock, der Knall dröhnt in der ganzen Halle wieder. In exakt diesem Augenblick entsteht ein neuer Feuerball vor Tamara, als ob das ganze Licht in Wohnwagen in diesen einen Ort gesaugt würde und diese Konzentration verursacht ein noch viel lauteres Geräusch, einen Knall, wie von einer Explosion, der den anderen fast das Trommelfell zerreißt und den Spiegel über dem Waschtisch zum Zerspringen bringt.

Jakobs Gehirn hätte zehn Jahre lang grübeln können, was zum Teufel er da gerade beobachtet. Es ist ähnlich, wie bei diesen Computerspielen, wenn man in den paranormalen Teil des Spiels eintaucht. Einmal den Schalter umgelegt und die normalen Regeln wandern in die Tonne, man betritt ein Paralelluniversum, in dem Leute einfach vor den eigenen Augen verschwinden und Vampire in den Schatten leben und man von bleichen Männern statt von echten Menschen gejagt wird. Dies ist natürlich ein Rollenspiel, das man an ausschalten kann – in dieser Situation hingegen gibt es keinen Pausenknopf.

Kylie wird von dem Energieausbruch nach hinten geschleudert und knallt im selben Moment auf die Koje, als Devon, bleich, zittrig und schweißbedeckt, versucht, sich zu erheben. Er krümmt sich zur Seite und Kylie knallt mit einem dumpfen Aufprall an die blecherne Wand neben ihm, offenbar bewusstlos.

Henry ist mit Klebeband an einen Stuhl gefesselt, der vor einem kleinen Schreibtisch steht, wie in einem Klebebandkäfig, er hat den Kopf gedreht und seine Augen sehen sie schreckgeweitet an. Glücklicherweise hört er nichts, denkt Jakob verwirrt. Komisch, dass man es mal gut findet, dass Henry nichts hört.

„Los jetzt! Hol Henry!“ Tamara Stimme ist atemlos, aber laut, sie sieht Jakob durchdringend an, wobei ihre Augen aber noch immer den Feuerball zu bannen scheinen, der in der Mitte des Raumes ausharrt, wie ein artiges Hundchen.