Nachtrag 1

 

Die Spuren der Familie sind nicht vergessen

Neue Ostdeutsche Zeitung vom 20.06.2017

Überparteilich & unabhängig

 

 

HISTORIE Schloss Ehrlichstett gehörte vom Mittelalter an bis zur Enteignung 1945 einer Familie. Welche Verbindung es noch heute gibt.

VON DETLEF DROBBEL

Ehrlichstett / NOZ – Selten ist eine Familiengeschichte so eng verknüpft mit einem Gebäude. Schloss Ehrlichstett befand sich immer schon, bis zur Enteignung 1945 in den Händen ein und derselben Familie. Zufall oder Schicksal: Der heutige Senior eben dieses Familienverbandes ist nun Vorsitzender einer Stiftung, in die das Schloss überführt wurde. Also ist der neue der alte Schlossbesitzer?

Sein Großvater, der letzte Besitzer vor der Enteignung, habe bereits davon geträumt, eines Tages ungehindert in seine alte Heimat zurückzukehren. Ein Traum, den sein Sohn weiterlebte. Ein Traum aber auch, den die Gerichte jäh platzen ließen. Statt der Rückgabe gab es nur eine Entschädigung.

Doch die Familie zog sich nicht zurück, auch als in den Jahren das Schloss mehrfach den Besitzer wechselte, bis der Adlige Hugo von Hülstorff das Schloss schließlich erwarb und die Ruine zu neuem Leben erweckte. Der ehemalige Eigentümer, der zugleich auch hohes Regierungsmitglied ist, wirkt nun aktiv an den Geschicken seines Stammsitzes mit. Es gibt große Zukunftspläne. Die Sanierung vor allem nach dem fatalen Brand zu Beginn diesen Jahres soll fortgesetzt werden. Die Erinnerung an den verstorbenen Vater des neuen Schlossbesitzers soll endlich hier einen bleibenden Ort finden. Ebenso, wie die Geschichte der Familie, die nicht vergangen ist und nicht vergessen werden darf. Der neue Schlossbesitzer will sich einbringen mit Ideen zur Sanierung und Erhaltung und dabei an Traditionen anknüpfen.

 

 

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Kennt Ihr das auch? Manche Geschichten hat man so lieb gewonnen, dass man sich gar nicht davon trennen kann.

Solche Schmöcker, wenn sie zu Ende sind und dort die schrecklichen vier Buchstaben stehen und man weiß, dass man sein Leben jetzt ohne die liebgewonnen Helden oder bösen Schurken aus der Geschichte weiter führen muss, man möchte das Buch nehmen und schütteln und hoffen, dass noch ein Geschichtchen rausfällt und das alles irgendwie weitergeht.

Tut es vielleicht auch.

Manchmal.

 

Manchmal entwickeln Geschichten eine solches Eigenleben, dass sie einfach weitergehen müssen.

Wäre ja sonst auch zu ungerechnet, oder?

 

 

 

 

Ehrlichstett, 2017, 17 Uhr 52

 

„Bleiben Sie zurück jetzt, verdammt!“

Der Feuerwehrmann hält Jakob am Arm fest. Jakob hat Henry einem weiteren Feuerwehrmann in die Hand gedrückt und will ihr nach – Tammi, Tammi ist in den Flammen verschwunden! Sie ist ins Schloss gegangen, auf der Suche nach Corinne, er muss…

„Meine Freundin,“ brüllt er den Mann an, der eisern seinen Arm umklammert hält, „Meine Freundin ist da drin, ich muss sie rausholen.“


„Ich weiß,“ brüllt der Mann gegen das Tosen der Flammen an. „Ich habe es gesehen aber Sie können ihr nicht helfen, verdammt, verstehen Sie doch. Für sie gibt es keine Rettung. Und sie müssen an das Kind denken!“
Jakob holt aus und will mit der freien Hand dem Mann einen Kinnhaken versetzen, sich losreißen, hinter Tammi her ins brennende Schloss.

Ein weiterer Feuerwehrmann eilt herbei und hilft, den Rasenden festzuhalten.

„So beruhigen Sie sich doch! Sie können da nichts tun!“


Während die Helfer sich noch um Jakob bemühen und mit ganzer Kraft versuchen, ihn vom Brandherd wegzuzerren, ist ein anderer der Aufmerksamkeit aller entgangen. Und erst ist in letzter Minute, bevor die Flammen seine Figur verschlucken sehen sie erschrocken eine weitere Gestalt im brennenden Schloss verschwinden. Ein gebeugter alter Mann, gehüllt in einen fleckigen Parka schlurft mit unbeirrbarem Schritt die Stiegen hinauf und wird mit lähmender Langsamkeit von den Flammen verschluckt.

„Renfeld!“ Brüllt Jakob „ es ist der irre Renfeld. Der ist jetzt auch im Schloss!“
Mit ganzer Kraft versucht er erneut, sich dem Griff der Feuerwehrleute zu entreißen.

Die Männer fluchen.

„Sperrt den Brandherd ab!“ Brüllt einer. „Bevor uns hier noch einer in die Flammen rennt!“


„Hier spinnt offensichtlich jeder, verflixte Scheiße!“ Flucht einer, während sie Jakob nun zu dritt hinter die Wagen zerren.

Immer mehr Schaulustige hat der Flammenschein inzwischen angelockt und Leute laufen auf dem Parkplatz zusammen. Vom Südflügel aus ist es der Feuerwehr inzwischen gelungen, die Flammen unter Kontrolle zu bekommen und der helle Schein gibt erste rauchige Ruinen frei. Die Menschen unterhalten sich gedämpft, fassungslos. Sie machen Fotos.

Mit aufheulendem Motor fährt ein Fahrzeug der lokalen Fernsehanstalt auf den Hof, die Leute geben ihm murmelnd Raum. Zwei weitere Helfer haben inzwischen mit Absperrband die Wiese vor dem Schloss und den Durchgang abgeriegelt.

Auch von Norden her gelingt es nun langsam den Brand zu löschen, der Eingang zum Schloss jedoch steht noch in hellen Flammen, als ein Raunen durch die Menge der Beobachter geht.

„Ein Wunder,“ wird erst die lokale, später die überregionale Presse titeln. „Ein unerklärliches Naturwunder.“

Ein alter Mann in einem fleckigen Parka, mit wirrem Blick verlässt das Schloss.

Als er die steilen Stiegen heruntergeht sieht man auf seinen Armen den leblosen Körper eines schlanken Mädchen, deren lange schwarze Haare schleifen hinter ihr her, wie ein schlaffer Rabenflügel.

Beobachtet von der schweigenden, wie erstarrten Menge wird er den Körper der jungen Frau auf die abgesperrte Wiese vor dem Schloss legen.

Die körnigen Handyvideoaufnahmen beginnen schon in derselben Nacht um die Welt zu gehen, Bilder, die den Alten zeigen, wie er niederkniet, neben dem leblosen Körper und seine Stirn zu Boden beugt. „Meister,“ hört man ihn murmeln, „Meister, mein Meister!“ Und die Stirn mehrfach zu Boden beugt. Und die Leblose richtet sich plötzlich auf, und, die Menge kann es bezeugen, und die Videoaufnahmen zeigen es schwach, ein blaues Leuchten geht aus, von der Gestalt, als sie ein schmales Band abnimmt, von ihrem Hals, sich vorneigt zu den Knienden und ihm das Band um den Hals legt in einer wortlosen altertümlichen Geste tiefer Dankbarkeit. Ein schmaler Ring leuchtet kupfern auf und für einen winzigen Moment lang überstrahlt seine Helligkeit die Leuchtkraft der erlöschenden Flammen.

Ein seliges Lächeln überzieht die Züge des Alten, der nie wieder, weder der Presse gegenüber, noch anderen, ein Wort zu der Sache sagen wird.

Auch das trug dazu bei, das Ganze später als Fake News, als einen großen gerissenen Trick abzutun. Später, Tage nachdem die Videos im Netz die Welt umeilt hatten.

Hier kommt nun Bewegung in die Helfer, sie eilen unter dem Absperrband durch, auf die beiden Personen zu, ein Arzt, mit einem Notarztkoffer, einer Trage, für die junge Frau. Tamara wird hochgehoben und auf die Trage gelegt. Sie ist totenbleich und hat die Augen geschlossen, wie Schneewittchen, denkt Jakob, als sie sie an ihm vorübertragen, als er ihre Hand ergreift, die kühl ist und trocken, erstaunlich, denkt er. Erstaunlich.

Denn weder sie, noch der alte Renfeld haben Verletzungen, Verbrennungen.

Ein schlechter Scherz, wird es später im Internet heißen, ein übler Witz mit einer schrecklichen Katastrophe, wird es heißen. Denn in der ausgebrannte Ruine des Schlosses finden die Helfer später die verkohlte Leiche eines Mannes, der noch später als ein ortsansässiger Anwohner identifiziert wird. Wie und warum der Mann sich zur Unglückszeit im Schloss aufgehalten hat, kann nicht ermittelt werden.

Den dunklen Mann mit den hellen alten Augen, der auf einem schwarzen Pferd den Unglücksort verließ, den hat aber nun wirklich nur Greta gesehen. Glücklicherweise, denn zu welchen Spekulationen hätte nun dies wieder Anlass gegeben.

Für Greta hingegen war es deutlich, als er am Fenster ihres Hauses vorbeiritt und sie kann schwören, dass er, als er ihren Blick durch die Scheibe suchte, das Wort „Wächterin!“ geäußert hätte, zusammen mit einer ehrerbietigen Geste der Hochachtung.

Ach ja, und Corinne, die ist auch irgendwann gekommen. Von ihrer Veranstaltung in Halle. Und dann direkt ins Krankenhaus gefahren. Zu ihrer unverletzten Tochter und Jakob. Und Henry.

Alle glücklicherweise unversehrt.

Ja, und die Raben.

Die kamen dann auch wieder.

Am nächsten Tag.

Als die Geschichte sich auf Null neu anfing zu schrieben.

Denn das wollten sie nicht verpassen.