Die Männer treffen sich im Pfarrhaus. Der Kleinere ist schon da. Er trägt einen Anzug mit Fliege, ein Einstecktuch, burgunderfarben, irgendwie zu fein für den Anlass, der große Dürre geht auf ihn zu und reicht ihm die Hand. Der Kleinere lacht: „Sie sind schon ein richtiger Ossi, so ist das richtig, kein Kopfnicken oder unverbindliches Hallo, nein, immer hingehen, die Hand geben. Schon die Kinder machen das hier.“

Der Hagere geht auf die Bemerkung nicht ein. „Gehen wir rüber, ich will wenigstens sehen, worauf ich mich einlasse.“ Sein abgezehrtes Gesicht wirkt angespannt, aber seine Miene zeigt keine Regung.

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Grömlitz Spätsommer 2012

„Ich schaffe das, ich bin cool, ich kann das“ Tamara hasst es, mit fremden Leuten zu telefonieren, aber noch mehr hasst sie es bei Fremden vor der Tür zu stehen und nicht zu wissen, was sie in den nächsten Minuten erwartet.

Schwere Fußtritte nähern sich de Tür von innen, dann schwingt sie auf und Tamara starrt auf eine gut bemuskelte breite Brust. Eine nackte Brust. Ihr Blick senkt sich und ihr Atem…stockt. Die Jeans hingen tief und lassen eine dünne Linie Haar sehen, die vom Nabel aus unter dem Bund verschwindet.

Sein Körper ist perfekt geformt. Perfekt, absolut griffig. Nicht die Art von Körper, die man bei einem 17jährigen erwartet. Denn das war das Alter, auf den sie den Jungen, der vor ihr steht schätzt. Endlich hebt sie den Blick und bemerkt üppige Wimpern, die ihre Schatten auf seinen hohen Wangenknochen werfen und die Farbe seiner Augen verbergen, als er sie von eben herab betrachtet. Sie will wissen, welche Farbe seine Augen haben…

„Kann ich dir helfen“, volle Lippen kräuseln sich unwillig. Seine Stimme ist tief und fest. Eine Stimme, die davon ausgeht, dass ihr Menschen zuhören und gehorchen. Seine Wimpern heben sich und lassen Augen sehen, die so blau sind, dass sie nicht echt sein können.

„Hallo??“ sagt er und stützt einen Arm an den Türstock. „kannst du sprechen??“

Sie holt tief Atem und tritt einen Schritt zurück. Sie spürt, wie die Röte in ihrer Wangen schießt. Sie findet ihre Stimme wieder. “Entschuldige. Ich frage mich… also, bin ich hier richtig, bei Schneider. Also ich, deine Mutter…“

„Ja??“ er lächelt amüsiert.

Ihre Verlegenheit weicht einem beginnenden Gefühl von Ärger: „Also, deine Mutter, wenn ihr die Schneiders seid, hat eine Tasche vergessen, bei meiner Mutter und ich sollte sie abgeben.“

Er lehnt sein Hüfte an den Türstock und kreuzt die Arme übe der Brust. Belustigung spielt in seinem Blick.

Sie holt tief Atem. Wenn dieser Typ sie so arrogant auflaufen lässt…Ihre Stimme nimmt den Ton an, den ihre Mutter hatte, wenn sie als Kind mit scharfen Sachen gespielt hat: „Also, es gibt da eine Tasche, die deine Mutter bei uns am Hof vergessen hat. Die soll ich zurückgeben. Mandy Schneider ist das deine Mutter?“

Seine beiden Augenbrauen heben sich zum Haarabsatz, als ob er sich fragte, wie sie so doof sein könnte und nun sah sie dass Vergnügen in seinen Augen. Er macht sich über sie lustig. Für einen Moment kann sie ihn nur anstarren. Er ist wahrscheinlich der heißeste Junge, den sie jemals gesehen hat, aber er war ein völliger Idiot. „Also, ich wollte nur die Tasche zurückgeben. Aber offensichtlich ist das nicht der richtige Moment.“

Seine Lippen kräuseln sich: „Jeder Moment ist ein schlechter Moment, wenn Du an der Tür klopfst, Kleine“

„Kleine??“

Die dunkle Augenbraue hebt sich wieder. Sie fängt an, diese Braue zu hassen.

„“Ich in nicht klein, ich bin fast 16“

„Tatsache? Du siehst aus, wie 12. Ne, meinetwegen 13, aber meine Schwester hat eine Puppe, die sieht aus, wie du. Alles Riesenaugen und hohlbirnig.“

Ich erinnere ihn an eine Puppe. Eine hohlbirnige Puppe. Heiße Wut steigt in ihr auf. „Wow – tut mir leid, dass ich dich belästigt habe. Ich werde bestimmt nicht noch mal kommen. Gib das deiner Mutter“ Sie stellt eine Stofftasche auf die oberste Stiege und wendet sich zum Gehen, bevor sie dem Wunsch nachgibt, ihm eine zu kleben.

„Hey!“

Sie bleibt stehen, aber widersteht dem Bedürfnis, sich umzudrehen „Was??“

„Mandy Schneider ist meine Mutter“

„Na dann ist ja gut!“ „Trottel“, murmelt sie und will weitergehen.

„Das ist nicht die wirklich feine Art, Kleine!“

Tamara dreht sich wütend um “Hör auf, mich so zu nennen!“

„Besser, als jemanden Trottel zu nennen, oder? Das war jedenfalls ein anregender Besuch, hoffe du kommst mal wieder!“

Okay, das wars „Stimmt, du hast recht. Das war nicht in Ordnung, dich Trottel zu nennen. Weil das einfach zu nett für dich ist, Du bist ein echtes Arschloch!“

„Hm, Arschloch, wie reizend“

Wütend wendet sie sich ab und läuft den Weg hinunter. Sein Lachen folgt ihr bis auf die Straße.

Grömlitz Spätsommer 2012

„HALLO!!! HALLO???“, die laute, etwas schrille Stimme einer Frau tönte über den Hof. Corinne eilte auf ihren „Ausguck“, die Terrasse und blickte nach unten. Unten stand eine reizende, blonde Frau, in ihren frühen Vierzigern, naturblondes üppiges Haar, klein, etwas mollig mit sonnenschneinartigem Lächeln sah sie zu Corinne nach oben, erfreut jemanden zu sehen. Halb hinter ihrem Rücken verbarg sich ein etwa 10jähriges Mädchen, das bewusst unbeteiligt auf den Boden sah.

„HALLO!!“ gellte fröhlich die Stimme der Frau nach oben „Ich bin Mandy, wir wollen reiten lernen“ ergänzte sie etwas schrill und atemlos.

„Klar,“ stammelte Corinne etwas überrumpelt, „Moment, ich komme gleich runter“.

Schnell schloss sie beim Heruntergehen die Ateliertür, in dem sie gerade gearbeitet hatte und lief die Treppe hinab. Mandy hatte inzwischen das Haus betreten und kam ihr im Foyer entgegen.

„Au weia, da ist aber noch viel zu tun,“ sagte sie kopfschüttelnd.

„Ja, antwortete Corinne verteidigend“ das wird schon noch, Wir haben ja gerade erst angefangen. Was kann ich für Sie tun?

„Also meine Tochter – Charlotte!! – widerwillig hob das Mädchen seinen Blick vom Boden „also Charlotte möchte UNBEDIGT Reiten lernen. Schon immer, Schatz, nicht wahr? Also geht das hier, ich meine können die Kinder hier reiten. Sie hat da ganze Zimmer voll Pferdebilder, nicht wahr Charlotte, also Reiten das wäre es einfach!! Und wenn das jetzt im Ort ist, das wäre doch ideal. Wir wohnen nämlich dort oben, nur ein paar Straßen entfernt im Neubaugebiet. Und ich würde vielleicht auch… eventuell, reiten, fände ich gut, mein Vater hatte ein Pferd, aber da durften wir nicht reiten, das war ein bisschen schwierig, aber hier geht das?“

Glücklicherweise – sie holte mal Luft, dachte Corinne belustigt. Ob ich jetzt etwas sagen sollte, oder geht der Wortschwall weiter? Aber Mandy sah sie erwartungsvoll an, Charlottes Blick hatte sich wieder am Boden festgesogen.

„Äh, ja klar warum nicht. Wir haben hier schon einige brave Pferde, eigentlich wollte ich das erst alles ein bisschen aufbauen, aber warum nicht. Wie wollen wir es machen?“
“Also beim Aufbauen kann ich helfen. Ich suche ohnehin ein bisschen Beschäftigung, also ich kann eine Menge machen, vielleicht sollten wir einen Verein gründen, dann kommen noch mehr Leute und können helfen + ich kann auch noch Leute ansprechen, ich wohne schon ewig in der Gegend, ich kenne viel Leute, das wäre doch eine Idee, dann sind Sie hier nicht mehr alleine, mit dem Ganzen“ Sie wies mit ihrem Arm ausholend um sich.

Puh, Corinne holte tief Luft, bei so viel überschäumendem Einsatzwillen. Sie musste lächeln, aber warum nicht. Die Frau hatte etwas bezwingend fröhliches, warum nicht. Lass uns einen Verein gründen – klar!! Heile-Welt-Verein, warum nicht. Ich habe auch wenig Lust, hier allein mit Tino weiterzuwursteln, das ist wahrhaftig schwierig genug.

Lächelnd reichte sie Mandy die Hand „Ja, sagte sie, machen wir!! Und das Reiten lernt ihr auch noch dabei!!“

Grömlitz Sommer 2012

„Tammi!“ zischt Corinne und stößt ihre Tochter mit dem Ellbogen an, weil diese erneut in haltloses unterdrücktes Kichern ausgebrochen war. Das Chorgestühle der alten Kirche ist nur gering gefüllt, zwei uralte Frauen in der ersten Reihe, eine robuste Dame, die energisch die Kirchenglocke läutet, die an einem Seilzug vom Turm hinunterhängt, hinter Corinne Dietmar und daneben der Bürgermeister von Grömlitz, der, kaum im Sitz zusammengesunken, wohl laut schnarchend im Gottesdienst verlorenen Nachtschlaf nachzuholen pflegt. Ursache für Tamaras ungestümes Kichern ist der Organist, der offensichtlich hundertjährig, mit einem ausladenden Hörgerät ausgestattet an einer zuvor aufgerichteten elektrischen Orgel sitzt und unter lautem Pfeiffen dieser die unmöglichsten und falschesten Töne entlockt, durchdrungen von ataktischen Pausen und schrillem Misstönen. Die gespielten Lieder scheint jedoch die spärliche Gemeinde zu erkennen, und geführt von Dietmars vollem wohltönenden Bass und dem Zirpen der Omis aus der ersten Reihe, ergibt sich mit dem Orgelklang eine fast irrsinnige Kakophonie, durch gelegentlich vom einem jähen Schnarchlaut unterbrochen wird. Pfarrer Meiner jedoch, der etwas zu spät in die Kirche hetzt, hat er doch einen umfangreichen Sprengel zu betreuen, erweist sich tatsächlich als die angekündigte positive Überraschung, ebenso, wie die Kirche von Grömlitz.

Der imposante Bau aus dem späten 19, Jahrhundert ist von schlichter gerader Backsteinarchitektur, schnörkellos und von einmaliger Schönheit, ausgestattet mit inzwischen verblichenen Fresken von Karl Völker, die Corinne hingabevoll bewunderte. Ich werde sie restaurieren lassen, nimmt sie sich vor – oder es selber machen. Die schlichte gerade Linienführung und die gedeckten gebrochenen Farben dieses Malers sind eine echte Entdeckung und viel zu schade um hier in Vergessenheit zu geraten. Doch die Kirche teilt das Schicksal vieler Kirchen in der ehemaligen DDR. Einst Schmuckstück und Herzeigeobjekte des protestantischen Norden, waren sie in der religionsabgewandten Zeit des Sozialismus anderweitig, oft bewusst respektlos als Viehställe oder Lagerhallen benutzt worden, sämtliches Brauchbare, Metalle und Holz war entfernt worden und entkernt zeigten sie nun oft nur noch Bruchteile ihrer einstmaligen Schönheit. Die evangelische Kirche schien nach den politischen Wende wenig Geld und Interesse zu haben, in diese verwahrlosten Bauten investieren zu wollen und so oblag es nur engagierten Einzelnen, wie hier den drei Damen aus Grömlitz und Dietmar, schon zu Sozialismuszeiten aufrechte Christen, wie Corinne erfährt, oft gegen den Strom, und mit Restriktionen, mit viel Eigenarbeit und einem enormen Zeitaufwand, das Gotteshaus zu pflegen.

Pfarrer Meiner begrüßt Corinne und Tamara herzlich, Corinne nutzt die Gelegenheit Tamara gleich als Konfirmandin vorzustellen und das weitere Vorgehen zu besprechen. Seine Predigt erwies sich as echte Überraschung, trotz der zahlenmäßig kleinen Gemeinde und dem ausdauernden Schnarchen des Bürgermeisters, der übrigens pünktlich zum Ausgangsläuten erwachte und lächelnd den Sonntag begrüßte, spricht Meiner warmherzig, klug und sehr anregend, Corinne freute sich, hier einen engagierten und intelligenten Christen zu treffen, pflegte sie doch selbst ihre Glaubenszugehörigkeit eher passiv, genauso genommen, war es nur ihrer Faulheit zu verdanken, dass sie noch nicht aus der Kirche ausgetreten war.

Eine Anzahl Raben streicht laut krächzend über den einen hinweg. Unmutig schüttelt er sein Gefieder und beobachtete die Neuankömmlinge. Ihr Gekrächze übertönt alle anderen Geräusche dieses stillen Herbstmorgens. In unregelmäßigen Kreisen fliegt die Gruppe über ihn hinweg, scheint ihn dabei aber nicht zu beachten. Mit schief gelegtem Kopf beäugt er sie aufmerksam.

Grömlitz Sommer 2012

„TINOOOOO“! Corinnes Ruf gellt über den Hof, nachdem sie die knarrende Terrassentür aufgerissen hatte, dass die wackeligen Scheiben klirren und auf den Balkon gestürmt war. Tino ist ein Relikt aus Baustellentagen, ein Mitarbeiter der Baufirma, der sich von Corinnes Plänen hatte begeistern lassen und als Helfer und gute Seele am Hof geblieben war. Er hatte alles schon gesehen und ließ sich durch keine wie auch immer geartete Katastrophe aus der Ruhe bringen, wusste alles, in der DDR aufgewachsen mit Ofenheizung, Wasser und WC auf dem Hof und Mangelwirtschaft war er unschätzbar wertvoll, konnte aus nichts alles machen, wusste immer einen Ausweg und verzweifelte nie an den Tücken des alten Hauses und der improvisierten Lebensweise auf der Baustelle.
“Tino!!! Das Wasser geht schon wieder nicht!!“

Das dritte Mal in dieser Woche war die Pumpe verstopft, das eisenhaltige Wasser setzte einen feinen Film aus Gestein und oxidiertem Metall auf den Ansaugstutzen der Pumpe und die gesamte Wasserversorgung in Stall und Haus versiegten. Geduldig lächelnd kommt Tino aus dem oberen Stutenstall und öffnet den Deckel des Brunnens. „Ich mach schon, wird schon wieder,“ ruft er nach oben.

„Ich werde noch wahnsinnig. Ständig das mit dem Wasser und das Internet geht auch noch immer nicht! Das Handy ist wie tot, ich kann keinen erreichen und bin selbst schon wie gestorben hier“ fluchend tritt Corinne den Rückzug an und kanne sich gerade noch beherrschen, die baufällige Tür hinter sich zuzuknallen – bloß nicht, so müsste sie auch noch die Scheiben reparieren!

Da es ihr über die zwei Monate, die sie nun schon in Libertas Haus wohnte, nicht gelungen ist, tragfähiges Internet in die strukturschwache Region zu bekommen, hat sie zwar einen teuren Vertrag samt allen Zusagen abgeschlossen, dabei aber übersehen, dass der Vertrag auch zum Tragen kommt, wenn die Leistung nicht angeboten werden kann, was sie nicht konnte, da das winzige Dorf weder über Kabelnetz verfügte noch über eine störungsfreie Funkverbindung. So hatte sie sich zähneknirschend einen weiteren portablen Internetzugang zugelegt und hat tatsächlich im Dorf, auf dem höchsten Punkt am Sportlerheim oberhalb des Sportplatzes einen Ort gefunden an dem eine störanfällige langsame Verbindung zustande kommt. So läuft sie nun täglich bei Wind und Wetter dorthin, bearbeitet Mails, Bankverkehr und versuchte in spärlicher Verbindung mit der Welt zu bleiben.

„Kaffee?“

Corinne zuckt zusammen. So vertieft ist sie in eine Ausstellungskritik von diesem R. aus München gewesen, dass sie nicht gehört hat, wie sich ein großer, bärtiger Mann in speckigen Arbeitshosen und einem groben Wollpullover genähert hat und sie freundlich anspricht. In der Hand hatte er einen Korb in dem sie zwei Tassen eine Thermoskanne und etwas Eingepacktes erkennen kann.

„Ah, nein, oder ja, warum nicht“. Mühsam lächelt sie den Fremden an, noch immer vertieft in ihre Überlegungen zur Kritik des R, der wahrscheinllich einfach nur zu dumm zum Kunstverstehen war.

„Ich seh dich jeden Tag da sitzen, da dachte ich, du hast sicher Hunger oder Durst. Ich bin Dietmar, ich wohne dort.“ Er zeigt auf den gegenüberliegenden Hang, wo hinter üppigem Obstbewuchs die Rückfront eines Hauses aus den 50er Jahren zu erkennen ist.

„Schön, toll, danke.“ stammelt Corinne,“ ich bin Corinne, ich wohne in Libertas Haus.“
“Ich weiß, „er lächelt, “das ist kein Geheimnis. In diesem Ort ist seit Menschengedenken nichts geschehen und jetzt eine Wessikünstlerin aus dem goldenen München mit Pferden – verrückt. Das versteht niemand hier – hier wollen nur alle weg und keiner kommt zurück, schon gar nicht aus München.“

„Und du?“ Interessiert mustert Corinne den Mann, der sich nun umständlich neben sie gesetzt hatte und anfängt, seinen Korb auszupacken. Er mochte in seinen 50ern sein, die Kleidung abgetragen und rissig, sein wuchernder Bart ungeschnitten, macht aber keinen verwahrlosten Eindruck sondern eher den eines, dem das alles nicht so wichtig ist. Lebt allein, denkt sie, keine Frau, die da mal aufpasst und für Ordnung sorgt.

„Gehst du in die Kirche?“ antwortet er mit einer Gegenfrage. “Die Wessis sind doch alle christlich, getauft.“

„ÖH, je, nein – eigentlich nicht. Aber ja, getauft bin ich. Aber ich gehe nicht so oft in die Kirche, oder bin ich nicht. Weihnachten schon. Und meine Tochter soll noch konfirmiert werden, da müssen wir dann auch. Wird die Kirche betrieben, hier in Grömlitz?“

Ein fast verklärtes Lächeln spielt über das Gesicht des Mannes: „Oh ja. Wir haben jeden zweiten Sonntag Gottesdienst. Komm vorbei – es ist wundervoll. Pfarrer Meiner ist ein kluger Mann und seine Predigten sind immer sehr heilsam.“

Au weia, denkt Corinne, ein Frömmler aus der ehemaligen atheistischen DDR, na dann. In Bayern war sie ja durchaus einen intensiven Umgang mit Religion, speziell Katholizismus gewohnt, aber hier hat sie das weniger erwartet. Aber warum nicht – sie würde sich das ansehen. Das imposante Gotteshaus von Grömlitz zeugt vom ehemaligen Reichtum des kleinen Ortes, an dem sämtliche Großbauern der Gegend sich angesiedelt hatten und versucht hatten sich mit der Größe ihrer Gutshöfe gegenseitig zu übertrumpfen. Warum also nicht.

Grömlitz Sommer 2012

DIE PFERDE KOMMEN!!!! Aufgeregt läuft Tammi dem großen weißen Transporter entgegen, der die Dorfstraße entlangrumpelte, gefolgt von einem kleinen schnittigen Sportwagen, dessen wegen der Bodenunebenheiten verzweifelte Fahrerin Tammi resigniert zuwinkt.

„Flexi!!!“ lachend läuft nun auch Corinne die Dorfstraße entlang und begleitet den Zug winkend um die Ecke des letzten Hauses herum, hinter den Schelle-Hof , in dem Erika, Florine und Maik hausen, auf eine offene Wiese. Die Fahrzeuge sind noch nicht ganz ausgeschaltet, da hat sich schon das halbe Dorf versammelt und beobachtet gebannt, wie die Ladeklappe am Transporter geöffnet wird und nach und nach vier wunderschöne Stuten auf die Wiese geführt werden, wo sie sich aufgeregt tänzelnd umsehen.

„Mein Gott, sie sind noch großartiger, als sie auf den Fotos aussahen, Flexi, du bist ein Genie!!“

Alexandra van Bingen, genannt Flexi, faltet bemüht umständlich ihre langen elegant beschuhten Beine aus dem Sportwagen und stakt auf Corinne zu.

„Corinne, ich glaube es nicht. Das ist das verdammte Ende der Welt – was willst Du hier??? Ich fasse es nicht. Sieh mein Auto an – diese Straßen sind nur für Traktoren geeignet! Corinne, das kann nicht dein Ernst sein. Was um Gottes willen willst Du hier?“

Neben allem Übertriebenen schwingt echte Sorge in Flexis Stimme mit.

„Pferde züchten. Flexi, einen Traum leben, eine heile Welt schaffen, keine Ahnung, aber irgendetwas Gutes“

Überschwänglich umarmt Corinne die Freundin, deren Gesicht echter Zweifel anzumerken ist.

Die Dorfbewohner haben sich inzwischen zu Grüppchen zusammengeschoben und beäugten misstrauisch die Pferde. Tammi hat sich schon eine der Stuten geschnappt und läßt sie am Wiesenrand auf und ab traben. Ehrfürchtig weichen die Menschen dem schnaubenden Pferd. Man sieht Respekt in ihren Augen, aber auch Angst.

Die Pferde sind elegante Stuten, alle gescheckt und hatten eine Besonderheit, alle hatten üppigen, seidigen Behang an den Beinen. Ungewöhnliche Tiere und von außergewöhnlicher Schönheit.

„Felxi, du bist echt ein Genie!! Du hast sie alle bekommen! Das ist großartig!“
“Ja großartig wohl, aber du willst nicht wissen, was ich gezahlt habe. Und warte erst, bis der Hengst kommt. Und bis du den Preis hörst!

„Das ist mir vollkommen egal. Der Preis spielt keine Rolle. Das sind die schönsten Pferde der Welt und du wirst sehen, wenn wir die Rasse erst hier etabliert haben, dann werden wir die Fohlen wie irr verkaufen und verdienen uns eine goldenen Nase! Und wenn nicht, auch nicht so schlimm – dann haben wir eben hier Schönheit pur, jeden Tag frei Haus zum Ansehen!!

„Corinne, du spinnst“ Kopfschüttelnde mustert Flexi die Beobachter, das anliegende halb verfallene Stallgebäude und die struppige Wiese „Und Schönheit pur, das wirst du als Ausgleich hier allerdings brauchen!“

Drum Horses, eine edle Pferderasse aus dem englischen Königshaus, wunderschöne großrahmige elegante Schecken, so genannte Prunkpferde, will Corinne züchten. Da die Rasse in Kontinentaleuropa noch kaum bekannt war, hat sie ihre Münchner Freundin Flexi, selbst begeisterte Reiterin nach England geschickt, mit der Aufgabe vier Stuten zu kaufen die zum bereits ausgewählten Hengst Sandmann passen und mit denen eine Zucht begonnen werden kann. Die Gute hatte sich auf den Weg gemacht und während Corinne für die Renovierung gesorgt, die Behausungen für die Tiere vorbereitet und weitere Wiesen und Brachflächen als Weide angepachtet hatte, war es ihr gelungen vier der begehrten Tiere zu ergattern und den Transport nach Deutschland zu organisieren. Jetzt jedoch ist sie fassungslos über die Bedingungen, in denen ihre Freundin zu wohnen und arbeiten gedachte.

Sie hatten die Stuten auf die vorbereitete Weide gebracht, eine wunderbar wilde Fläche, lange brachliegend, mit Buschwerk, einem kleinen Wald, durchzogen von einem Bachlauf und sitzen nun in Libertas Haus, im inzwischen renovierten Wohnzimmer.

Corinne hat das Obergeschoss des Gutshauses entkernen lassen und große offene Räume geschaffen, die noch von den Balken des Fachwerks durchzogen sind. Die alten Schiffsboden- dielen hatte sie abschleifen und roh liegen lassen und von den Wänden nur die Schichten über Schichten von Tapeten entfernen lassen, worunter sich eine unregelmäßige Schicht alter Seidentapete freilegen ließ, die sie hatte fixieren lassen. Der Gesamteindruck war umwerfend, historisch, alt, aber ungeheuer kreativ.

Der übrige Teil des Hauses jedoch war unrenoviert geblieben. Corinnes ungebrochener Optimismus ließ es sie kaum eingestehen, aber das Geld war knapp geworden. Ein halbes Jahr Renovierung, sie selbst vor Ort, Ausstellungen abgesagt, da sie keinen Zugriff auf ihre eingelagerten Bilder hatte, kein Atelier, um zu arbeiten. Die Renovierung, bei der sich jeden Tag neue Probleme ergeben hatten, war teurer geworden, als veranschlagt und ihr Kontostand ließ durchblicken, dass auch ihre Ersparnisse endlich waren.

Also war das steile baufällige Treppenhaus geblieben, die Tür zum Balkon durchlässig, die Fixierungen zerbrochen, das Erdgeschoß offen, seiner alten Türen entkernt, die in grauer Vorzeit verheizt worden waren und versehen mit Schichten um Schichten verschiedenster Auslegware, Teppichen, Tapeten und Kacheln, alter Toiletten und Waschbecken.

„Corinne, das überlebst du nicht“
Flexi runzelt die Stirn und stellte ihre Teetasse ab.

„Wieso nicht, das ist so, wie ich das will. Das ist das ganz einfach leben, so möchte ich das haben. Alles auf Null zurücksetzen und sich neu erfinden, was soll daran verkehrt sein?“
“Du hast nur vergessen, dass du im Norden Europas lebst und dass es hier ein halbes Jahr Winter gibt.“ Besorgt mustert Flexi die dekorativen gusseisernen Öfen, sie in der Ecke eines jeden Zimmers standen.

„Ach, Quatsch! Die Öfen werden es schon warm machen. Ich habe mich erkundigt, hier gibt es keinen nennenswerten Winter, ich bin nicht mehr in Bayern, schon vergessen? Hier gibt es vier Tage Schnee und den Rest des Winters ungemütliche 5 über Null“

„Na, wenn du meinst. Du kannst immer zu mir nach München kommen, wenn du mal in die Zivilisation willst!! Denk dran. Das ist auch – die Leute hier. Da wirst du niemals Anschluss finden. Das ist eine so ganz andere Mentalität. Du wirst hier völlig vereinsamen und das IST das verdammte Ende der Welt. Corinne, lass es lieber, ich mache mir echt Sorgen, das wird nie was!“
“Unsinn, das ist ein Riesenabenteuer. Ich habe mich zu Tode gelangweilt in München und das hier, das ist alles etwas ganz anderes. Auch die Leute – klar die sind anders, aber die hatten auch eine ganz anderen Geschichte als, wir. Ich werde darüber arbeiten, ich mache ein Projekt daraus, das wird absolut genial. „ Corinnes Augen leuchten vor Begeisterung.

„Hoffen wir, dass du das schaffst, in dieser Ruine hier mit den ganzen Pferden und dem komischen Volk hier. Ich kanns nur hoffen“ Besorgt mustert Flexi die Freundin.

Grömlitz Sommer 2012

„Das wird doch nie etwas“

Konrad Kumnet,, der ehemalige Verwalter von Liberats Haus, nun seines Jobs ledig hat die Alten des Dorfs auf dem Hof versammelt und kommentiert die Bemühungen eines nun schon ziemlich verschmutzt aussehenden jungen Mannes im weißen Unterhemd, einen schmalen Bohrer in der granitharten Porphyrfelsen zu zwingen.

Der Mann wirft Corinne einen Blick über die pfeifende und stöhnende Maschine zu. Verdammt, er versucht mit mir zu flirten. Lachend wirft Corinne ihr Haar nach hinten. Endlich mal eine menschliche Regung in diesem Kaff.

Die Alten hatten sich versammelt, als sich wie von selbst das Gerücht verbreitete, dass Corinne für die Versorgung von Ställen und Haus einen Brunnen bohren lassen wollte. Als erstes erscheint Kumnet, selbstgerecht und wichtig – noch nie hätte es hier einen Brunnen gegeben. Die Oses , denen der Hof früher gehört hatte, eine der reichsten Familien der ganzen Gegend, alle hätten zum Brunnen unten im Dorf gehen müssen. Keinem wäre es gelungen durch den Porphyr einen Brunnen zu grabe – alle hätten es versucht. In keinem der großen alten Höfe gäbe es einen Brunnen, das wäre gar nicht möglich. Wäre noch nie möglich gewesen. Auch heute nicht. Hämisch versammeln sich die Alten auf der Baustelle und kommentieren die Bemühungen des Brunnenbauers. Corinne hat einen Spezialisten holen müssen, einen Fanatiker mit einer Spezialmaschine, doch auch ihm scheinen Zweifel zu kommen, ob sein Gerät den harten Stein bezwingen konnte. „Der Brunnen den ich nicht bohren kann, den gibt es nicht,“ hatte er noch getönt, doch nun sieht es vielleicht anders aus. Seit den frühen Morgenstunden müht sich die Maschine, bereits mehrere Bohrspitzen hatten ausgewechselt werden müssen und die Flüche des Brunnenbauers, zunächst unterdrückt werden immer lauter. Das Grinsen der Alten, die nun schon seit Stunden ausharren, immer breiter. Geschichten werden erzählt, Bestätigungen dessen, dass manches sich niemals ändert und das auch gut so war und man das auch gar nicht will, dass sich überhaupt irgend etwas ändert.

Und dann plötzlich – erst ein dicker brauner Brei, dann eine Brühe und dann „Gefäße her, schnell, Wannen Eimer, schnell, das Wasser kommt!!

Das Wasser kommt, braunes eisenhaltiges Wasser mit starkem Schwefelgeruch, das immer klarer wird, je mehr fließt. Und es fließt, viel Wasser, Ströme von Wasser, durch eine Pumpe zu Tage gefördert. Das Wasser ist da! Libertas Haus hat einen Brunnen!! Langsam ziehen sich die Alten zurück. Einer nach dem anderen, stumm und ohne weitere Kommentare. Corinne lacht laut und freut sich – na da seht ihr, es gibt nichts, was wir nicht schaffen. Das Wasser ist da!! Wo vorher nie eins war – ihr Kleingeister!

Beobachtend legt der Rabe seinen Kopf schief. Von hier oben sehen die Menschen winzig aus und die Tiere, wie Spielzeug. Er ist allein, immer allein, das ist nicht ideal für einen Raben. Raben sollten zu zweit sein und einen Partner haben, mit dem sie ihr Leben teilen. Er schickt drei raue Krächzer nach unten, doch die Lebenden dort scheinen ihn nicht zu beachten.