Ehrlichstett, Februar 2016

 

Sehr geehrte Frau Haalswor,

 

ziemlich amüsiert musste ich heute Ihren Blogbeitrag meine Person und die Person meiner Frau betreffend lesen. Ich weiß zwar nicht wie Sie auf so manche hirnrissige Idee kommen aber es amüsiert mich doch immer wieder. Ich kann nur sagen, weiter so, Sie belustigen mich und retten so manchen Tag. Was ich allerdings nicht mehr belustigend finde ist Ihre permanente Anspielung auf irgendwelche Kinderpädophilie im Zusammenhang mit meiner Person sowie die Anspielungen auf irgendwelche Fotos in meinem Computer diesen Tatumstand betreffend. Da Sie in einem alten Blogbeitrag Ihrerseits eindeutig diesen Zusammenhang hergestellt hatten ist jetzt für meinen Bekannten- Freundes- und Arbeitskreis ein Bezug zu mir in Zusammenhang mit Pädophilie herzustellen. Dies ist für mich im höchsten Maße ehrenrührig und ich werde einen weiteren Blogbeitrag Ihrerseits, der wieder diese unterschwelligen Vorwürfe erhebt, nicht mehr dulden und entsprechende Schritte einleiten, Sie beginnen ein Grenze zu überschreiten und das werde ich nicht tolerieren, nicht alles lässt sich mit Künstlerischer Freiheit begründen. Ihr Dummschwatz über meine angebliche Vergangenheit als Stasiobrist, Ihr geschmackloser Dummschwatz über meine körperlichen Unzulänglichkeiten, Ihr Dummschwatz über meine familiären Verhältnisse – all das geht mir nicht am Allerwertesten vorbei, es ist wie gesagt nur Dummschwatz und taugt nur zum amüsieren.

 

Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt Zimmermann,

 

bitte machen Sie Ihrer Mandantin die Folgen ihres Tuns klar. Wie gesagt, was bislang geschrieben wurde ist Geschichte, ein neuerlicher Artikel mit dem genannten Inhalt hat Folgen und nicht nur juristisch.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Harald Bonsayh

 

P.S.: Weisen Sie doch bitte mal Ihren Herrn Schneider darauf hin dass meine Anzeige gegen ihn seine abfälligen Bemerkungen betreffend noch immer läuft und alles was diesbezüglich weiter erhoben wird gegen ihn verwendet wird, ich weiß nicht wie er das alles verkraften will.

 

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Ehrlichstett, Februar 2016

 

Er: Was ist da los bei euch?

Sie: Weiß nicht. Sie sollten doch eigentlich zufrieden sein. Es geschieht alles, wie Sie es wollten, der Verein löst sich auf, alle sind mit allen zerstritten, sie streiten sich ums Geld, um die Pferde, um alles, wie Sie wollten

Er schnaubt unwillig: Das meine ich nicht. Woher weiß die Haalswor von dieser Geschichte mit Gabriel?

Sie sieht ihn fragend an. Zieht die Augenbrauen hoch: Welcher Gabriel? Welche Geschichte?

Er gibt einen unwilligen Grunzlaut von sich und steht verärgert auf.

Sie sind bei ihr, in ihrer lächerlichen kleinen Wohnung, mit lauter Kram und Nippes, nicht bewegen kann man sich hier, nicht atmen!

Wütend läuft er in dem kleinen Raum auf und ab. Sein Atem ist laut geworden: Verdammt! In ihrem Scheißblog. Dieser Mist, den die Tochter da immer liest, im Netz? Woher weiß sie das alles?

Sie: Keine Ahnung, ich lese das nicht.

Er, mit übelwollendem Grinsen: Solltest du vielleicht. Kommst du auch drin vor!

Sie: Kann nicht so schlimm sein. Ich habe kein Problem mit der Haalswor.

  • Noch nicht – setzt sie leiser hinzu.

Allerdings!

Er setzt sich wieder, ihr gegenüber. Stützt die Ellbogen auf den kleinen Tisch, der zwischen ihnen steht. Sieht sie intensiv an: Solltest du mal lieber lesen, diesen Mist. Was, wenn noch was durchsickert? Von so gewissen Leuten, die bescheissen und betrügen? Armen, alten Leuten die Kohle aus der Tasche ziehen. Leider VORBESTRAFT sind. Das ist das Ende deiner Karriere. Ist nicht verkehrt, wenn man gute Beziehungen zur Polizei unterhält. Da erfährt man so allerhand.

Und das ist doch nicht, was du willst, oder??

Das wäre doch blöd, wenn da was durchsickert, oder??

Dann ist Schluss mit dir und deiner Karriere, als Sauberfrau, schade eigentlich, oder?

Sie ist bleich geworden. Senkt den Blick. Sagt nichts.

Sein zufriedenes Grinsen verstärkt sich.

Sie: Ist doch inzwischen ohnehin egal.oder? Ihr habt sie. Ihr habt den ganzen Verein am Wickel, das Projekt ist tot. Die kommen nicht mehr hoch. Das ist doch, was Sie wollten.

Er fährt auf: Ja, allerdings! Aber die soll die Finger aus meinem Privatleben lassen, die Schlampe mit ihrem stümperhaften Geschreibsel, Sorge dafür!

Sie, sieht auf: Ich glaube nicht, dass ich das kann, wie soll das gehen?

Er: Keine Ahnung, verdammt! Lass dir etwas einfallen! Die ruiniert meine Reputation, verdammt!

Sie: Ich weiß nicht. Dazu kann ich nichts sagen. Sie haben doch da diesen Text an die Stallwand angeschlagen, der stellt doch die Haalswor als Lügnerin bloß. Reicht das nicht?

Er grinst: Ja, das stimmt allerdings. Weiß nicht ob das reicht. Ich habe den angehängt an die Unterschriftenliste, die wir im Sommer gesammelt haben, als die auch ihren Mist gemacht haben, da mit dieser Unterschriftensammlung. Immerhin 60 Leute haben bei uns unterschrieben.

Sie, leise: Die haben über 500 Unterschriften gesammelt.

Er, laut: Verdammt, halt die Fresse! Ich habe die Unterschriften und den Text an den Landrat geschickt Und die? Was machen die mit ihren Unterschritten? Nichts, sage ich dir. Ihre Wand tapezieren, das können sie damit machen. Die sind, tot, das siehst du ganz richtig. Richtig tot. Und wir kommen alle zu ihrer Beerdigung, das wird ein Fest!

Sie: Klar, ist in Ordnung, dann sind wir ja quitt, oder?

Er: Ja fast, bald brauche ich dich nicht mehr. Eine Sache noch: Der Oberberg, der muss weg. Der Graf hat schon versucht, den zu überzeugen, sich da rauszuhalten. Aber der Mann ist dümmer, als gut für ihn ist. Sorge dafür, dass der verschwindet. Dass der die nicht mehr unterstützt. Dass der sich dem Grafen zuwendet. Das wäre gut.

Sie, seufzt: Wie soll ich das machen?

Er: Keine Ahnung, jetzt nerv mich nicht. Lass dir etwas einfallen!

Sie, zuckt die Schultern: Ist denn der Oberberg so wichtig? Wenn die sich auflösen, dann hat der doch nichts mehr, wo er sich engagieren kann. Und was soll er denn dann da machen? Alleine den Stall betreiben?

Er, schweigt kurz: Vielleicht hast du Recht. Vielleicht sollte man das sich selbst überlassen. Der Graf hat irgendwie einen Narren an dem gefressen, er will irgendwie, dass der bei ihm mitmacht und das Schloss unterstützt.

Schweigt wieder.

Setzt erneut an: Vielleicht hast du Recht. Vielleicht ergibt sich das einfach von selbst. Wenn die abhauen und der Oberberg sieht, dass er aufs falsche Pferd gesetzt hat. – lacht wegen seiner Wortwahl – Und wenn der Landrat auf unserer Seite steht. Dann wird auch der Oberberg sehen, wo der Hase langläuft. Oder das Pferd, vielmehr – lacht wieder – Der Bürgermeister und der Kirchenrat, das reicht dem Herrn ja offenkundig nicht. Nein, da muss es schon der Landrat sein.

Sie, steht auf: Also, wars das jetzt?

Er: Vorläufig. Mach alles wie besprochen. Und wenn der Verein sich auflöst, dann bist du vom Haken. – Er grinst – Und dann mach keine Dummheiten mehr. Dass dich nicht noch einmal einer erwischt. – Sein Grinsen vertieft sich.

Ehrlichstett, Februar 2016

 

Kylie schießt den Korken einer Sektflasche in die Halle und kreischt hysterisch, als Schaum auf ihren rosa Anorak tropft.

Sie sind in so einer abgewrackten Halle. Autos werden hier repariert, überall liegen Teile herum, Werkzeug und es stinkt nach Motoröl und anderem mechanischem Zeug. Mitten in dem ganzen Chaos steht ein Wohnwagen herum. Er ist angeschlossen, an ein Starkstromkabel angeschlossen, das quer durch die Halle verläuft.

Und sie wollen Party machen. Kylie ist hier, Devon, Kai, Tom und zwei andere Jungs, die Tamara nicht kennt und Lisa, eine Freundin von Kylie.

Sie haben Tammi überredet mitzukommen, sind mit Kais Auto hierher gefahren, haben sich auf dem Weg mit Alkoholika eingedeckt. Das Auto haben sie in die Halle gefahren, in der es nur unwesentlich wärmer als draußen ist. Die Autotüren sind offen und aus der Anlage und den Bassboxen dringt dröhnend Musik. Sie flegeln auf einer fleckigen Garnitur zerschlissener Polstermöbel und haben gute Stimmung. Kylie zumindest.

Sie setzt sich neben Tamara auf die Lehne eines Polstersessels und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Sie reicht ihr die Sektflasche, während sie schon die zweite öffnet.

Tamara nimmt einen großen Schluck. Kylie nippt mehrmals an der anderen Flasche und streicht durch Tammis Haare, die sie zu einem komplizierten französischen Zopf geflochten hat.

„Schön hast du sie gemacht,“ flüstert sie in ihr Ohr um sich durch den Lärm verständlich zu machen.

Tammi grinst:“Ja, ich weiß, wie mein Pferd!“
Und: „Ich glaub, ich bleib nicht so lange. Kannst du Kai fragen, ob er mich heimfährt?“

„Nö,“ Kylie reicht ihr wieder die Flasche. „Was ist mit euch beiden los?“ Fragt sie? Sie deute mit dem Kinn auf Devon, der mit Tom beim Auto steht.

„Nix, wieso?“ Tamara merkt dass sie mit ihrer lakonischen Antwort Kylies Neugier angefacht hat.

„Hat er nicht letztes Wochenende bei dir geschlafen?“


„Wollte er,“ Tamara nimmt noch einen Schluck und hält sich die kühle Sektflasche an die Stirn. Eine Weile dröhnen nur die Bässe: B
aby, sweet baby you’re the one. Die Liedzeile kommt ihr total blödsinnig vor.

Sie merkt, wie der Alkohol wirkt und Vergangenheit und Zukunft verschwimmen. Eigentlich möchte sie über nichts reden, was länger als eine Minute zurückliegt.

„Aber du kennst Devon,“ sagt sie schließlich „heute hier, morgen dort. Seine Zusagen sind nicht sonderlich verlässlich.“

Sie fühlt sich schwerelos. Die Musik dröhnt ihr im Kopf und erfüllt sie ganz. Der Moment gibt ihr ungeahnte Leichtigkeit. Es zählt nur das, was jetzt hier und heute ist.

Sie kann plötzlich nicht mehr sitzen bleiben.

Sie nimmt noch einen tiefen Schluck aus der Flasche und steht dann auf.

Sie fängt an zu tanzen, Musik kann so befreien, sie spürt, wie die Bässe sie ganz durchdringen. Sie bewegt sich ganz von selbst im Takt, sie streicht sich mit der Hand durch die Haare und über den Körper, sie spürt sich ganz und die Musik in sich. Der Sekt aus der Flasche, die sie noch in der anderen Hand hat, spritzt bei ihren Bewegungen über sie, ergießt sich schäumend über ihre Kleidung, aber sie spürt das nicht. Sie spürt nicht, dass die Jungs mit ihrem Gespräch innehalten, dass sie sie gebannt anstarren. „Geile Sau…“ flüstert Tom und lässt beinahe sein Bier fallen.

Plötzlich ist Kylie neben Tamara und sie reibt ihren Körper wie eine Schlange an ihr. Sie ist an ihr, überall und formt sich um sie und drängt sich an sie.

Auf einmal ist ihr schwindelig.

Sie hört Kylies kehliges Lachen neben ihrem Ohr, nah, leise. Kylie nimmt ihr die Flasche aus der Hand, trinkt. Der Sekt läuft ihr aus dem Mundwinkel, über ihr Gesicht. Sie lässt die Flasche fallen, die mit einem hörbaren Klirren auf dem schmutzigen Boden aufkommt und ihren restlichen Inhalt als schäumende Lache ergießt. Kylie nimmt sie bei der Hand und wirft sie lachend auf das zersessene Sofa. Sie lässt sich neben sie fallen und drückt sie kreischend in die schmutzigen Kissen. Sie liegt auf ihr, an ihr, neben ihr.

Dann eine Hand, die sie hochzerrt.

Devons Gesicht.

Wütend.

„Hört auf mit dem Scheiß!“ Devon reißt sie hoch.

Erschrocken sieht sie in sein Gesicht, verzerrt, wütend und …..noch etwas….ängstlich?

Sie versteht das nicht.

Warum?
Sie will doch nur feiern, auch dabei sein, hier sein, vergessen, Spaß haben?

Sie reißt sich von Devons eisernem Griff los. Auf ihrem Handgelenk sind die Abrücke seiner Finger für einen Moment weiß, auf der Haut zu sehen.

Kylies Lachen folgt ihr, als sie aus der Halle rennt.

Sie will nur noch weg. Fort von Devon und seiner Wut und seiner Angst, fort von Kylie, von der Musik,von allem. Sie wirft die Hallentür auf, das sie scheppernd an die Leichtmetallwand kracht.

Sie läuft raus, auf die Straße.

Die kalte Luft ist wie ein Schock. Ein ernüchternder Schock.

Sie läuft die Straße hinunter..

Sie hört die Schritte, die ihr folgen.

Ehrlichstett, Januar 2016

 

Bellender trockener Husten begleitet Rudolph Renfeld, als er langsam über den Hof auf das Schloss zuschlurft. Er nimmt nun immer den vorderen Eingang, Da hinten rein will er nicht mehr. Der hintere Eingang, die Holztür, das erinnert ihn an den Traum. Dieser immer wiederkehrende Traum bringt ihn um den Verstand.

Unwillkürlich zieht er die Schultern hoch.

Immer muss er im Traum die Stufen hinauf, durch die Holztür, alles sträubt sich in ihm, da ist das Grauen dahinter, das weiß er schon, aber er muss da durch, im Traum und dann die brüllenden Flammen dahinter, die Hitze und er wacht auf, Gott-Sei-Dank, schweißgebadet. An Schafen ist dann nicht mehr zu denken und er verbringt die Nacht ruhelos, schlaflos.

Das bringt ihn noch um, ein weiterer Husten schüttelt seinen mageren Körper.

Er hat sich Dieter geschnappt, den großen Langen von den Reitersleuten, mit dem kann er noch reden. Mirko auch, aber der lacht nur, der ist der einzige, der das hier noch komisch findet. Und Dieter hat ihm zugehört, vielleicht. Sie sollen gehen, hat er ihm eindringlich gesagt, sie sollen ihre Viecher packen und gehen. Und vom Meister hat er berichtet. Das es einfach nicht mehr geht, dass er zu stark wird und dass sie alle sterben, wenn nicht etwas geschieht.

Dieter ist ganz bleich geworden.

Dass sie gehen sollen, hat er wiederholt, fortgehen und das schnell. Das es sonst schlimm wird.

Jede Nacht werden nun wieder die Zäune aufgemacht, meistens die von den Ponys und die Viecher rennen dann in der Gegend rum. Die Haalswor muss nachts raus und sie einfangen. Die anderen Pferde sind drin, aber er muss kein Hellseher ein um zu wissen, dass auch die Zäune der Koppeln immer aufgeschnitten werden. Der andere, der Dunkle, der immer rumschleicht in der Nacht bei den Pferden, der hat sie im Sommer noch geflickt, so dass nichts geschehen konnte aber der ist auch verschwunden. Schon lange hat er den nicht mehr gesehen.

Die haben die Polizei geholt, die vom Verein, aber die zucken nur die Schultern. Die sind da machtlos, bei sowas. Mit einem Suchhund wollen sie kommen, wenn sich das häuft, da kann er nur lachen, was soll der Hund wohl finden? Gegen diese Kräfte sind Hunde wirkungslos.

Renfeld zittert und beschleunigt seinen Schritt. Er lächelt wider Willen, als er an das Gespräch denkt, er hat ihm schon Angst gemacht, dem Langen, richtig Angst.

Wie alles war, schon immer in diesem Schloss und dass sie keine Chance haben.

Es steht nicht zu besten mit diesem Verein, das weiß er schon. Immer Streit und Krieg dahinten in dem Gartenhaus. Und seitdem dieser Bonsayh so ein Pamphlet an die Stallwand angeschlagen hat…wie Luther an diese Kirche, der hat wirklich einen Sinn für Humor, der Typ, jedenfalls ein Geschreibsel über die Haalswor, so eine Art offener Brief und alle haben es gelesen das weiß er. Das hat schon Folgen so etwas. Geht nicht mehr gegen den Verein jetzt, sondern gegen die Haalswor. Das ist vielleicht der richtige Weg Wenn die weg ist, dann gehen die anderen auch, das versteht er schon. Und ihm, ihm íst die schon lange unheimlich. Mit der stimmt doch gar nichts. Reitet da auf den Hengsten rum, den Riesenviechern ohne Sattel im Galopp, muss das sein? Muss denn so eine sich hier rumtreiben?
Und das wenn doch Ruhe sein soll? Ruhe und Frieden im Schloss.


Ein erneuter bellender Husten schüttelt ihn, als er langsam die Steinstufen hinaufgeht. Er wünscht, er hätte das nicht gemacht mit dem Asbest zerkloppen, im Sommer Er wünscht er hätte dem Grafen die Stirn geboten und sich geweigert. Was wenn er nun krank geworden ist? Was, wenn er sich vom dem Dreckszeug was weggeholt hat?

Langsam keucht er die Stiegen hinauf. Ein Schauder durchfährt ihn. Dieser Traum, dieser Dreckstraum. Er kann sich gegen die Erinnerung nicht wehren.
Hustend betritt er das Schloss.

Es ist eisig kalt und die Luft riecht abgestanden. Wie der Tod, denkt er, wie der Tod, der kommen muss.

Ein erneuter Schauder durchfährt ihn.

Ehrlichstett, Januar 2016

 

Ein feuchter milder Winter, ohne Frost, mit Bayern nicht zu vergleichen, denkt Rabena von Hülstorff, die sich mit Hugo auf dem Weg zur HILFE e.V. befindet, „Politik machen“, wie Hugo sagt. Trotzdem friert sie hier immer mehr als in München, absurd, denkt sie.

Sie sind zu Fuß gegangen, der Weg ist ja nicht weit aber weit genug, dass die feuchte Kälte ihr durch Mark und Bein dringt.

Hugo möchte reden, mit Leander Oberberg, reden über sein unsinniges Engagement für den HEILE WELT Verein und von der RICHTIGEN Sache überzeugen, der des Schlosses und nebenbei noch einen Teller von Leanders Eintopf abstauben, oder zwei, je nachdem. Schweigend tappt Rabena hinter Hugo her, mit gesenktem Kopf über den vollgeräumten Hof der HILFE, gemeinsam betreten sie den Aufenthaltsraum, der in eine Küche überleitet, wo Leander hinter einer Durchreiche seinen Eintopf zubereitet, der köstlich duftet. Der Raum wird von einem riesigen, gußeisernen Ofen beheizt und wäre behaglich, würde nicht auf einem Stuhl ein völlig betrunkener Mann lagern, dessen mühsame Bemühungen, seinen Körper im Gleichgewichtig zu halten, Rabena irritieren. Zwei weitere Männer, einer mit wild wucherndem Vollbart, sitzen an einem Tisch und unterhalten sich leise mit vornübergebeugten Köpfen. Sie sehen nicht auf, als Hugo und Rabena den Raum betreten. Anonymität und Desinteresse, das ist es , was die Leute hier wollen, denkt Rabena. Das ist kein mütterliches Heim für gestrandete Seelen, das ist die raue Wirklichkeit. Die raue Wirklichkeit, verziert mit einem Dach über dem Kopf und einer warmen Mahlzeit, wenn die Welt dich ausgespuckt und vergessen hat.

Leander Oberberg durchbricht ihre Gedanken, als er mit dröhnendem Lachen erfreut hinter seiner Durchreiche auftaucht und auf Hugo und sie zueilt.

„Welch Glanz in unserer Hütte, der Herr Graf und die Frau Gräfin!“ Er schüttelt erst Rabena und dann Hugo die Hand und deutet mit einer Geste auf einen freien Tisch, fordert sie auf, sich zu setzen. Hugo kommt dem gerne nach und Rabena setzt sich auf die Kante des Stuhls neben ihm.

Das magere, bleiche Gesicht eines jungen Mannes taucht in der Durchreiche auf, als Leander ruft: „He, Timmi, bring mal zwei Teller und eine Schüssel von dem Eintopf, mein Freund, der Graf hat sicher Hunger und kann eine gute Suppe vertragen.“ Hugo grinst beifällig und schlürft alsbald gierig aus dem vor ihm stehenden Teller. Rabena kann sich nicht so recht entschließen, ebenfalls zuzulangen. Kann sie sich sicher sein, dass sie hier niemand etwas wegnimmt? Ist sie überhaupt berechtigt, hier etwas zu nehmen?

Leander Oberberg, der ihre Gedanken zu erraten scheint, nickt ihr lächelnd zu: „Nehmen Sie nur Frau Gräfin, nehme Sie nur! Es ist genügend da von allem und wir bekommen das Essen von Spendern. Das sind betuchte Privatleute, die uns unterstützen, anonyme Spender, die Sachen einfach vor die Tür stellen und auch Geschäfte und Firmen, die uns ganz offiziell etwas zukommen lassen. Hier ist kein Mangel, also zumindest nicht an Essen. An andren Dingen schon.“ Sie isst zögernd einen Löffel Eintopf und sieht ihn an, in der Hoffnung, er möge weiterreden. Wozu er sich nicht zweimal bitten lässt: Während sie schweigend essen, erzählt er von seiner Arbeit, der harten oft fruchtlosen Sorge für die Männer und wenigen Frauen die hier leben. Die in ihren Leben oft nichts anderes haben, als die Sucht, der sie ausgeliefert sind die Sucht, gegen die sie manchmal kämpfen und die Kämpfe, die sie oft verlieren. Und die Kämpfe, die er auszustehen hat, in der Fürsorge für die Gefallenen, die Vergessenen der Welt. Die ihre Zimmer kaputtschlagen, die das Mobiliar zertrümmern, die Fenster einschlagen, die krank in ihren Zimmern liegen, sinnlos betrunken und auch schon mal tot. Die dort sterben und dann von ihm, Oberberg, gefunden werden müssen .Gefunden und beerdigt. Die Reden, die er an Gräbern spricht, die nur er besucht.

Rabena legt den Löffel in den leer gegessen Teller zurück und fühlt sich schlecht. Sie fühlt sich schlecht, weil sie und Hugo diesen Mann instrumentalisieren wollen, weil sie ihn gewinnen wollen für eine Sache bei der sie sich nicht sicher ist, dass es die richtige ist. Weil sie ihn eigentlich, eigentlich davon überzeugen wollen, etwas zu tun, das gegen seine Überzeugung ist.

Sie steht auf und streicht ihren Mantel gerade. „Ich möchte eben an die frische Luft,“ sagt sie leise. Sie möchte nicht, sie möchte nicht dabei sein, wenn Hugo hier für seine Sache spricht. Sie wird draußen warten, sie wird sich raushalten und draußen warten. Hugo hat den Kopf noch über seinen zweiten Teller Eintopf gesenkt und Oberberg lächelt sie freundlich von unten an: „Gerne, immer machen Sie. Gehen Sie an die frische Luft. Aber ich frage mich, ob Sie mir nicht einen Gefallen tun wollen.“ Sein Lächeln vertieft sich: „Ich habe da einen Bewohner, der Hilfe braucht und ich glaube nicht, dass ich der richtige bin, an dieser Stelle.“ Rabena zuckt zurück und schüttelt heftig den Kopf , nein, ganz bestimmt nicht, sie wird sich nicht um menschliches Treibgut kümmern, nein, bei allem Respekt aber das ist zu viel verlangt!

Oberberg scheint wieder ihre Gedanken zu lesen, denn er sagt: „Nein, nicht, was Sie denken, das würde ich nie von Ihnen verlangen. Sie sind eine Gräfin! Der Bewohner, den ich meine ist kein Säufer oder Drogi. Ich glaube, er ist krank. Er hält sehr auf sich und wünscht keinen Kontakt mit den anderen, ich stelle ihm das Essen vor die Tür, er wünscht das so. Aber das Essen ist seit Tagen unberührt, das Zimmer ist von innen verschlossen und er reagiert nicht. Ich hoffe, dass er vielleicht auf weibliche Ansprache reagiert. Wenn das auch nicht klappt, dann muss ich das Zimmer aufbrechen lassen.“ Er neigt voller Bedenken den Kopf.

Rabena sieht Hugo an, in der Hoffnung von ihm Bestätigung oder Ablehnung zu erfahren , aber der widmet sich hingegeben seinem Eintopf.

„Na gut,“ sagt sie leise.

Oberberg erhebt sich, ohne Hugo zu beachten und führt sie durch den hinteren Ausgang des Raumes, eine Stiege hinauf, einen dunklen Flur nach hinten bis an die letzte Tür, vor der er stehen bleibt.

„Hier!“ Sagt er, während er laut an die Tür klopft.

Von drinnen kommt kein Lebenszeichen.

Er klopft erneut:

“He, Naurocks! Besuch für Sie!“ brüllt er. „Eine Dame!“

Von drinnen klingt ein leises Rascheln.

Rabena legt das Ohr an die Tür.

Oberberg grinst. „Wusste ich es doch,“ flüstert er, „Damen wirken immer.“

Er klopft erneut, „Naurocks, aufmachen, Besuch!“

“Sagen Sie mal etwas!“ zu Rabena.

„Herr Naurocks, hier ist von Hülstorff, brauchen Sie Hilfe?“ Ruft Rabena.

Von drinnen erneut das Rascheln, dann langsame schlurfende Schritte, hinter der Tür.

Und bevor sich die Tür zögernd öffnet, bevor sie in seine Augen sieht, die trübe sind und vom Fieber verqollen, bevor sie seine bleiche Haut sieht, die mühsame Haltung, die Holztür, an der er sich festklammert, die ihn vorm Umsinken bewahrt, vor alle dem, weiß sie es:


ER ist es.


Es durchfährt sie wie ein Blitz, Hitze in ihr Gesicht, Schwindel, wie ein heißer Schauder und sie hat Recht:

Er ist es und er sieht ihr entgegen, sein Blick verschleiert, die Wangen ausgezehrt vom Fieber, aber so voller Liebe, so voll der reinen Freude, dass es ihr wie ein brennender Pfeil ins Herz schießt.

Ehrlichstett, Januar 2016

 

Es ist kalt eisig, feucht, immer noch kein Schnee in Sicht, aber die feuchte Kälte dringt einem überall hin. Tamara ist richtig froh über das Ausmisten, das hält in Bewegung, das hält warm. Ihr Zimmer im Schloss ist nicht zu heizen, durch die alten undichten Fenster dringt all die Wärme, die die wenigen Heizkörper mühselig abstrahlen schneller nach draußen, als sie den Raum erhitzen kann. Jetzt solche Winter, wie in Libertas Haus, denkt sie, mit minus 20 Grad und wir erfrieren in diesem Gammelschloss.

Mit den Stiefeln schiebt sie ein paar welke Blätter vor sich her, die klumpig in der Einfahrt liegen, als sie Kylie draußen vorbeigehen sieht, in Rosa, unverkennbar. Offensichtlich ist sie auf dem Weg vom Heim zur Bushaltestelle, der geht am Schoss vorbei. Ein Stich durchfährt Tamara, früher, denkt sie, wäre Kylie kurz auf dem Hof reingeschneit und hätte hallo gesagt. Es ist sicher wegen der Kälte, korrigiert sie sich schnell, da will keiner mal eben anhalten und Small Talk machen.

„He, Kylie!“ ruft sie.

Der Blick der Freundin hebt sich aus dem aufgestellten Kragen und Kylie hält langsam an.

Eine Schar Raben umgibt sie, die mit ihren dicken gebogenen Schnäbeln geschäftig im welken Laub graben.

Gezielt tritt Kylie nach einem Vogel, der vorwitzig auf sie zuhopst, als sie auf Tamara zugeht. Der Rabe springt ungeschickt beiseite und schlägt mit einem protestierenden Krächzlaut mit den Flügeln.

„Mann das werden auch immer mehr,“ mault Kylie, „bald könnt ihr euch Rabenschloss nennen.“

„Ja, stimmt irgendwie, fällt mir gar nicht mehr so auf. Habe mich schon an die Raben gewöhnt. Aber es sind immer mehr, wenn der Klapsmann da ist, wenn er weg ist, dann sind es weniger, oder manchmal gar keine.“

„Komisch“, Kylie runzelt die Stirn,“ Komische Viecher. Und hässlich noch dazu.“ Sie macht noch einen Ausfallschritt auf die Vögel zu und drei tun ihr den Gefallen erneut hektisch krächzend aufzufliegen, um sich aber gleich darauf wieder an der gleichen Stelle niederzulassen und die Mädchen mit schief gelegtem Kopf zu beobachten.

„Weiß nicht, ich find die nicht so schlimm. Wie geht’s dir?“

„Alles gut, voll der Stress und du? Bist du über Jakob weg, also gut jetzt?“

„Hm, weiß nicht. Läuft ganz gut mit Devon,“ Tamara macht ein Pause senkt den Kopf, sieht auf den feuchten Boden. „Weiß auch nicht, ist komische Stimmung hier, Weltuntergang und so, alle sind depri und …ach, keine Ahnung!“

Sie bricht ab und sieht Kylie an.

Die zieht den Kopf wie frierend zwischen die Schultern. Der Kagen ihrer rosa Jacke verhüllt ihren Mund und ihre Stimme klingt gedämpft:“
Weltuntergangsstimmung? Na ja, Menschen trennen sich eben. Das Leben geht weiter.“

„Weiß nicht.“ Tamara schüttelt den Kopf. „manchmal weiß ich gar nicht, ob ich noch so viel erleben möchte. Manchmal denke ich, dass ich alles Schöne schon erlebt habe und da nicht mehr so viel kommen kann. Und dann denke ich, dass wenn ich noch mehr erlebe, das auch bedeutet, dass ich viele unschöne schlimme Dinge noch erleben muss. Und vor den richtig schlimmen Sachen vor den dunklen Seiten des Lebens habe ich eine Scheißangst!“

Kylie erinnert sie an Jakob, denkt sie, so ein kritischer Blick, als sie sie so ansieht, die Augen über dem Jackenkragen.

„Ich habe zum Beispiel überhaupt keine Lust, Menschen an den Tod zu verlieren. Davor habe ich eine Scheißangst, das kannst du mir glauben.“ Einer der Raben ist noch näher gehüpft und sieht sie mit schräg gelegtem Kopf an, so als würde er zuhören, denkt Tamara. Kylie sagt kein Wort, runzelt nur die Stirn.

„Okay, ich will Kinder, das ist etwas Schönes, das habe ich noch nicht erlebt aber, das würde ich gerne. Aber manchmal denke ich auch: Ich will gar keine Kinder, weil es dann noch mehr Menschen gibt, die ich verlieren könnte. Ich glaube, ich hätte wirklich eine Scheißangst, meine Kinder zu verlieren, wenn ich welche hätte.“

Zu ihrem Erschrecken merkt Tammi, dass ihr die Tränen in die Augen steigen. Was ist nur mit mir los, denkt sie, Weltuntergangsstimmung. Kylie sieht sie weiter wortlos an, als das Schweigen unterbrochen wird, weil aus Kylies Tasche gedämpft der Klingelton ihres Handys läutet.

Sie fummelt das Gerät aus der Tasche sieht kurz darauf und drückt das Gespräch weg.

„Äh; ich…“ beginnt sie.

„Sorry…“ beide haben angefangen zu sprechen.

Die Mädchen lachen.

„Mach du!“
„Ne, keine Ahnung,“ Tammi schüttelt den Kopf, „ich habe Sprechdurchfall, würde Leander sagen, keine Ahnung, was los ist, liegt sicher an dem Ganzen hier, die sind alle so drauf, hier geht eben gerade die Welt unter, der Klapsmann und diese Bonsayh Gruppe, mit ihren ganze Lügen über meine Mutter, wie sie Kinder missbraucht und alle betrügt, die machen und ganz schön das Leben schwer.“


„Ja, ich muss dann auch.“ Kylie, übergangslos, nach einem weiteren Blick auf das inzwischen wieder vibrierende Handy. „Ich..“


„Ne, klar, ist ja auch kalt hier. Ich denk, wir sehen uns!“

„Klar“ Kylie wendet sich fast erleichtert ab. Beim Rausgehen tritt sie noch mal nach dem Raben. Der fliegt diesmal auf und krächzend über ihre Köpfe.

Klingt fast, wie ein Lachen, denkt Tamara, als sie ihm nachsieht und ein plötzlicher Stich der Einsamkeit durchfährt sie.

Ehrlichstett, Januar 2016

Sie sitzen im Vereinsheim zusammen, Mandy, Gerhard, Doreen und Corinne. Es ist spät geworden. Es ist kalt. Die Vereinsmitglieder und Einteller sind schon gegangen. Die Stimmung ist trüb, wenn nicht gar verzweifelt, das können nun auch Corinne und Gerhard nicht mehr übersehen.

„Die werden das doch wohl nicht etwa schaffen,“ Corinne lässt den Kopf auf die aufgestützten Arme sinken.

Mandy schnaubt, “ja, da seid ihr nicht ganz schuldlos dran. Ihr mit eurer Verschleierungspolitik. Keiner weiß doch mehr, was läuft und wann was ansteht. Wie ist die Sache mit der Klage? Wie ist die Sache mit den Ämtern? Wie werden die eingenommen Gelder verwendet? Die Fördergelder? Die Zahlungen der Vereinsmitglieder? Und die Einstellgebühren?
Und…“
Sie steht auf und macht ihrem Unmut in hektischem Hin- und Herlaufen Luft:
„Da ist auch noch das Private! Die ganze Gerüchte. Ich kann schon gar nicht mehr über den Hof laufen. Das ist echt zum Kotzen. Jeder schaut mich mitleidig an. Gerhard hat angeblich was mit Corinne. Gerhard hat was mit Doreen,“ sie schaut die Blondine giftig an,“oder mit beiden oder was weiß ich. – Also mir reicht es gestrichen! Wir sollten überlegen, ob wir uns nicht was anderes suchen. Etwas Kleineres vielleicht, etwas privater. Etwas ruhiger.“

„Ach Mandy,“ resigniert hebt Corinne den Kopf: „Klar sollten wir, aber, erstens mit welchem Geld? Ich habe mir schon einen Plan gemacht, auch wegen der Mitglieder: So wie ich die Steuerabrechnung fertig habe, lege ich die vor. Ich mache die öffentlich, jeder kann das dann einsehen. Dann könnt ihr alle sehen, wo die eingenommenen Gelder bleiben. Und das nichts übrigbleibt. Alles, was wir einnehmen müssen wir für den Unterhalt der Pferde wieder ausgeben. Und es trägt sich knapp. Wenn Bonsayh und Konsorten nicht alle Mühen unternommen hätten, uns hier die Leute abzuwerben mit Lügen und Gerüchten und wenn die Zeitung mal irgendwann wenigstens neutral berichtet hätte, dann würde sich das gut selber tragen.

Alle Fördergelder sind zweckgebunden und dürfen nicht anders verwendet werden, als vorher vereinbart. Und der Verein hat haufenweise Rechtsanwaltskosten zu tragen.

„Und neuerdings auch noch Strafen und Gebühren für unsre Freunde vom Amt,“ fällt Gerhard ein: „Das Umweltamt möchte gerne 6000 Euro von uns haben für geleistete Dienste.“


Mandy holt hörbar Luft vor Schreck, auch Corinne und Doreen sehen Gerhard fassungslos an.

„Seit wann das denn?“ Fragt Corinne schließlich.

„War gestern in der Post,“ Gerhard antwortet mit einem resignativen Lächeln, „sie haben alle Termine und Tätigkeiten zusammengelegt und eine Gesamtrechnung erstellt für behördliches Handeln und dann gleich eine Strafandrohung hinterhergeschickt, weil wir da ja nicht gezahlt haben und wenn wir das jetzt auch nicht zahlen, dann können wir gleich noch einmal mit einer Rechnung von 4000 Euro rechnen.“

„Sind die irre?“ Corinne kann es nicht fassen.

„Keine Ahnung. Wir müssen es Zimmermann geben, zur Prüfung und dann in Widerspruch gehen, anders können wir das nicht lösen.“

„Verflixte Scheiße!“ Corinne springt auf und pfeffert wütend eines der Reitstundenbücher durch den Raum. Das Buch prallt mit einem lauten Knall von der Wand ab. „Das ist doch echt zum Abkotzen verdammt! Da müht man sich ab und strampelt und versucht alles, was geht, und immer wieder, immer wieder kommt was Neues und man steht wieder am Anfang und kann versuchen, wie man das hinkiegt. Verflixte blöde Oberscheiße!“

Mandy lässt sich auf einen Stuhl sinken und Corinne starrt trübsinnig in die Dunkelheit vor dem Fenster. Im Schloss ist ein Licht angegangen. In Tammis Zimmer. Ach, denkt sie fahrig, Tammi ist nach Hause gekommen. Sie war an der Uni, hat sich wegen eines Studienplatzes erkundigt. Jura, denkt sie, wie könnte es anders sein. Das ist so, wie sie das Ganze verarbeitet. Verflixter, verdammter Mist!

Corinne senkt den Kopf an die kühle Scheibe.

„Ich weiß nicht,“ sagt Mandy leise von hinten.“ ich kann nicht glauben, dass das gut ausgeht, Ehrlich nicht. Was, wenn wir verlieren?“ Sie wird noch leiser: „Ich habe auch Angst, dass wir mit Privatvermögen drinhängen. Dass wir alles verlieren und dann alle wirklich vor dem Nichts stehen. Ich will hier wieder raus und ehrlich gesagt, ich will auch raus aus dem Ganzen auch aus meiner Familie, aus meiner Ehe,“ sie hebt den Blick und sieht Gerhard an, „ich weiß nicht, was ich noch glauben soll, wem ich noch vertrauen kann. Ich habe das Gefühl, ich habe alles schon verloren, meinen Sohn schon lange, noch bevor das hier anfing, meinen Mann gerade, sei es an andere Frauen, sei es an diesen Verein und mich nun auch.“
„Die Träume, diese irren Träume haben wieder angefangen. Ich glaube, ich kann nicht mehr.“

Alle sehen sie an und alle schweigen.

Es ist ein Tiefpunkt ein absoluter Tiefpunkt. Geht es noch tiefer? Gibt es noch Hoffnung? Oder ist alles hier zu Ende? Hier und jetzt?

Schutz und Schild für Ehrlichstett

Verfasser: Harald Bonsayh

Harald Bonsayh na, nu isses amtlich. Nachdem sich nun auch Zeugen gefunden haben, die die ganze Sauerei aufdecken und bestätigen können, dass dieser saubere Verein auch schon früher nur belogen und betrogen hat, steht jetz der Gerichtsvollzieher bereit, den Laden auszuräumen. LETZTE WARNUNG an die Vereinsmitglieder die Deppen die die ganze Rechnung bezahlen müssen. Ein Stall ist schon ausfindig gemacht wo eure Pferde hinkommen und wenn ihr nicht schnelle reagiert dann sind se weg. Und die Rechnung die müsst ihr so oder so zahlen. Die Schulden die der saubere Schneider mit seiner Haalswor hinterlässt und die Einstellkosten für eure Pferde und den Gerichtsvollzieher.

Aber zum Thema: Dass der Verein nur von der Haalswor ausgenommen wurde das dürfte nun inzwischen jedem Deppen klar sein. Das aber der Schneider auch den Steuerzahler ausnimmt – die Leistung hat es in sich. Der Mietvertrag für das Vereinsheim ist illegal, Miete wird keine bezahlt und Fördermittel haben die auch noch bekommen. Der Schneider hat nen festen Job und verdient ne Schweinekohle plus Pensionsanspruch. Die Miete vom Vereinsheim zahlt der Steuerzahler das Wassergeld und den Strom und die Miete für die Wohnung der Haalswor der arme von Hülstorff und das Pferdehobby bezahlen die dusseligen Mitglieder des Reitvereins .

Also, man kann ja gegen die sagen was man will, aber die haben es drauf sich hinter Nebelkerzen ein schönes Leben einzurichten.

WACHT ENDLICH AUF!

Euer Sponsor hat es schon getan der Staatsanwalt steht in den Schuhen das ganze zu verbieten und der Gerichtsvollzieher will auch sein Geld.

Cindy_Reitermaus Das ist ja ein starkes Stück. Andere Vereine müssen ihr Zeug verkaufen, weil sie es nicht mehr halten können und die HEILE WELT kriegt Förderung für ein Vereinsheim, das es gar nicht gibt.

Den Sargnagel zieht keiner mehr.

Steuerhinterziehung.

Veruntreuung von Fördermitteln.

Harald Bonsayh na wir sind doch hier auf nem guten Weg. Und Leute wie wir können früh aufstehen und erhobenen Hauptes in den Spiegel schauen. Und früher oder später wird solchen Menschen immer das Handwerk gelegt.

Cindy_Reitermaus Was ich nicht begreife, jeder kleine Verein oder private der Förderung bekommt muss Kostennachweise erbringen für was das Fördergeld genommen wurde. Frage mich, wie die das hinbekommen haben.

Harald Bonsayh Cindy_Reitermaus, ist die Frage dein Ernst?

Cindy_Reitermaus ja, tschuldigung mein fehler….Dummdreist musst halt sein.

Harald Bonsayh Lass deine privaten Rechnungen auf HEILE WELT ausstellen, ggf noch einen Mietvertrag „erfinden“ – thats it. Wollen wir wetten dass die Haalswor das Vereinsheim an HEILE WELT vermietet?

Cindy_Reitermaus Das wäre doch mal ne idee, einfach nen paar Träume und Wünsche erfüllen und denen die Rechnung schicken 😀 machen die ja nicht anders

Harald Bonsayh Was sagt Bruce immer bei „Stirb langsam“

Cindy_Reitermaus Stirb langsam

Harald Bonsayh Die Lunte brennt ja quasi schon. Ist glaub ich auch zu spät zum Löschen.

Cindy_Reitermaus Weiß doch wie du es gemeint hast 😉

Neustadt/Ehrlichstett Januar 2016

 

Tamara sitzt an der Bushaltestelle, auf einer Bank in der letzten dünnen Januarsonne und versucht zu lesen, während sie auf den Bus nach Ehrlichstett wartet. Es ist kalt und ihre Hände sind schon völlig eingefroren, trotz der Handschuhe, die sie trägt. Sie ist in Halle gewesen, war an einer Infoveranstaltung für die Uni, irgendetwas muss passieren, mit ihrem Leben, das ganze Chaos um sie herum, in Ehrlichstett, sie ist immer froh, wenn sie mal rauskommt und mal an etwas anderes denken kann.
Sie zieht die Schultern hoch und versucht sich noch weiter in ihre Jacke zu verkriechen, als plötzlich mit quietschenden Reifen ein Auto um die Ecke zum Busbahnhof biegt, verbotenerweise in die Busgasse einbiegt und peinlicherweise direkt vor ihr hält. Die Beifahrerscheibe wird heruntergefahren und Devons Gesicht erscheint über dem Glas.

Mann Tammi wusst ich’s doch, Komm steig ein!“

Verwirrt steht sie langsam auf und sieht ins Innere des Autos.

Hinter dem Steuer sitzt Tom, breit grinsend: „Komm schon, ich fahr dich nach Hause. Frierst dir hier sonst den Arsch weg.“

Devon ist inzwischen ausgestiegen und öffnet ihr einladend die hintere Tür.

Steif lässt sie sich auf die Poster gleiten, während Devon sich nach ihr auf den hinteren Sitz schiebt und die Tür zuzieht.

Mit kreischenden Reifen startet Tom das Fahrzeug und rast durch die Busschleife und verlässt unter den wütenden Blicken der anderen Wartenden den Busbahnhof.

Auf der Straße drosselt er das Tempo und fädelt sich in den Verkehr ein. Er greift neben sich und nimmt vom Beifahrersitz eine angebrochene Falsche Sekt, die er nach hinten reicht.

Hier, trink, macht dich warm. Schweinekälte da draußen.“ Ihre Blicke treffen sich im Rückspiegel.

Devon, der Tamara den Arm um die Schultern gelegt hat grinst, greift nach der Flasche entgegen, nimmt selbst einen tiefen Schluck und reicht sie ihr dann weiter.

Wie gebannt nimmt Tamara die Flasche von ihm und setzt den kalten Flaschenhals an die Lippen. Das Prickeln brennt erst im Hals, wärmt sie aber und erhitzt sie, so dass sie schnell einen weiteren Schluck nimmt. Beinahe augenblicklich setzt die Wirkung ein und ein sanfter Schwindel ergreift sie. Sie war den ganzen Tag unterwegs, sie hat noch nichts gegessen, ihr war kalt, wie durch einen Nebel sieht sie nun Devons Augen, der sie plötzlich an sich reißt und begierig küsst.

Tom pfeift vorne leise und sagt vorwurfsvoll:
„Mann, könnt ihr nicht bis zu Hause warten? Ich kann hier den Chauffeur spielen und ihr macht dahinten rum!“

Devon löst sich von Tamara und sagt: „Dann schieb an Junge. Ich kann nicht warten, also gib Gas!“

Mit anspielungsreichem Grinsen zeigt Tom einen Finger nach hinten und beschleunigt folgsam das Fahrzeug.

Endlich biegen sie auf die Straße nach Ehrlichstett ein und lassen bald die ersten Häuser des Ortes hinter sich. Bis sie in den Schlosshof einbiegen hat Devon bereits seine warmen Hände unter Tamaras Jacke und Pullover vergraben und ihre weiche Haut gefunden.

Ihre Blicke verschränken sich ineinander, als das Fahrzeug abrupt im Schlosshof zum Halten kommt und Tom sich umdreht: „Raus mit euch, aber zackig!“

Devon sieht sie mit einer Direktheit an, die ihr den Atem verschlägt. Sie könnte jetzt alleine austeigen, ihm sagen, dass sie keine Zeit hat,… mit weichen Knien öffnet sie die Autotür, fühlt sich wie in Trance, gebannt von seinem Blick. Als auch er aussteigt, nimmt er ihre Hand.

Ihre Finger schließen sich um seine.

Als seine Finger ihren Händedruck erwiderten, seine Handfläche der ihren entgegenkommt, durchläuft sie eine Welle der Freude, der Erregung – ihre Hand scheint in seiner zu pulsieren – ob er wohl merkte, wie flatterig ihr in der Magengrube ist?
Schnell greift er ins Auto und nimmt die Sektflasche. Er nimmt einen tiefen Schluck und reicht ihr die Flasche, aus der sie im Losgehen so begierig trinkt, dass der Sekt ihr den Hals herunterrinnt. Er lacht ein tiefes raues Lachen und beugt sich über sie. Er saugt die Tropfen an ihrem Hals ab, dass sie anfängt zu zittern – sie kommt ihm entgegen, schmiegt sich an ihn, sie spürt seine Erregung. Sie sehen aus den Augenwinkeln, wie Tom das Auto langsam vom Hof rollen lässt, hören, wie er in der Einfahrt noch einmal kurz hupt und dann auf die Straße fährt. Nun sind sie alleine auf dem Parkplatz in der kalten, frühem Winternacht.

Der Arm, den er um sie gelegt hat, sie spürt ihn im Rücken. Ihre Linke schlüpft unter seiner Achsel durch, sie spürte seine Wirbelsäule, seine Rückenmuskeln, seine Hüfte unter ihrer Handfläche, zieht ihn noch näher an sich heran. Sie schwankt ein wenig, ihr Kopf dreht sich aber es interessiert sie nicht. Das Begehren lodert auf, als seine Lippen ihre Oberlippe berühren – süß von vergossenen Sekt.
Langsam wie miteinander verwachsen gehen sie auf das Schloss zu, langsam, kichernd, schwankend die steilen, engen Treppen hoch, es ist dunkel, sie haben Glück, es ist keiner da Klirrend schlägt die halbleere Flasche an die Wand im Treppenhaus, erneut Kichern. Dann, zitternd, die Tür geöffnet. Es ist kalt im Schloss, kalt in der Wohnung, eisig, die Heizung ist mit Holz es hätte angefeuert werden müssen, wenn nicht dauernd geheizt wird, dann kühlt alles sofort aus. Es ist ihnen egal.

Als er die Tür ihres Zimmers schließt – seine Hand immer noch um ihre Hüfte – kommt ihr kurz der Gedanke, wo wohl ihre Mutter ist, was wohl los ist, dass keiner da ist. Ob alle im Gartenhaus sind? Oder wo?

Er zieht sie an sich, seine Hände sind an ihren Schulterblättern, streichen ihre Wirbelsäule entlang, seine Finger in ihrem Haar, in ihrem Nacken, seine Hände an ihren Wangen, wieder seine Lippen auf ihren, wieder seine Zungenspitze auf ihrer Oberlippe, dann in ihrem Mundwinkel, ihre Unterlippe gefangen zwischen seinen Zähnen. Sie drängt sich an ihn, ihre Hände sind in seinem Nacken verschränkt, ihre Oberschenkel dicht an seinen, ihr Brustkorb hebt und senkt sich im gleichen Atemrhythmus wie seiner, ihr Bauch presste sich gegen ihn…

Eine Welle der Hitze schießt durch sie, als sein Mund sich in ihre Halsgrube presst, er den Reißverschluss ihrer Jacke sucht und aufzieht, seine Hand in die Jacke, an ihrem Rücken entlang und dann unter ihren Pullover gleitet.

Aufstöhnend drängt sie sich ihm entgegen, das ist, was sie will, darum hat sie Jakob verlassen, davon hat sie geräumt, Abenteuer, Leidenschaft, sich vergessen, sich verlieren, alles außenrum vergessen, das ganze Chaos, das ganze andere Leben. Als sie auf das Bett sinken, nimmt sie noch einen tiefen, prickelnden Schluck Sekt, bevor sie die Flasche aus der Hand gleiten lässt, die neben dem Bett umfällt und sich schaumig und sprudelnd auf dem Holzboden ergießt.