Ehrlichstett, August 2016

 

Er will seine Welt zurück. Er will zurück in die Welt, in der er das Sagen hat, in der die Kleene Angst vor ihm hat und ihn respektiert, in der er Corinnes Angst im Flattern ihres Herzschlages in ihrer Kehle spürt, in der der Graf ihn achtet und die Zukunft des Schlosses in seine Hände legt, in der er die Zukunft hat, Zugriff auf eine Zukunft, die tut, was er will.

Er weiß nicht, wann alles begonnen hat, so schief zu laufen, wann ihm alles aus den Händen geglitten ist: Mit dieser unfassbaren Strafandrohung des Staatsanwaltes? Mit seinen Anzeigen, auf die niemand mehr reagiert? Mit dem Mitgliederschwund in der Bürgerinitiative? Mit dem Verbot seiner Internetgruppe? Mit Cindy, die irgendwann angefangen hat, ihr eigenes Ding zu machen und ihren Schmilewski in eine Position gebracht hat, an die er nicht rankommt.

Einzig Doreen, die dreht plötzlich auf. Die schiebt wohl Frust, weil sie mit dem Pferd nicht zurecht kommt, das sie bei der Künstlerin gekauft hat. Und, er muss zugeben, das Tierchen sah schon mal besser aus. Selbst er als Laie sieht das, im Vergleich zu den Pferden des Vereins, Doreens Pferd irgendwie struppig aussieht, und schmutzig und so ein dicker Hängebauch, seit es an dem anderen Stall steht. Hm, er weiß nicht.

Aber Doreen entwickelt Eigeninitiative, das ist gut. Sie schreibt da unter einem Pseudonym bissige Kommentare zu den Filmchen, die die Tochter ins Internet stellt. Ist zwar insgesamt noch viel zu zahm, ging noch mehr, aber immerhin. Sie schickt ihm ihre Postings weiter und erwartet dafür ein Tätscheln, eine Belobigung, wie ein kleines Hündchen. Er lächelt. Man muss sich wohl schon über kleine Unterstützung freuen.

Er ist nicht zufrieden.
Er weiß, dass er zurück ins Spiel muss.

Prüfend mustert er seine Züge in dem kleinen Spiegel des Waschtisches im Wohnwagen. Verlebt, er sieht fertig aus. Seine Augen liegen tief in den Höhlen. Er war noch nie gutsaussehend, da macht er sich keine Illusionen, aber er war doch präsent, da, vorhanden, wahrgenommen. Er fühlt sich nicht gesund. Was ist geschehen? Und wie kann er das ändern?

Er muss, er muss zurück ins Spiel, zurück an die Macht, anders geht es nicht.

Und das geht am Besten…?

Er grübelt. Er hat noch einen Trumpf im Ärmel. Seine Gruppe, die Bürgerinitiative, wenn auch geschrumpft, es gibt sie noch. Und der Drobbel, wenn auch zurückhaltender, er schreibt noch für die Zeitung. Und wenn er initiativ wird, wenn er eine Vorlage bietet, wenn er eine neue Initiative startet. Für das Gute? Für das Wahre? Zur Rettung des Schlosses. Und er als Retter des Ganzen? Nein, nichts wie dieser Mist mit der Petition, die ja völlig nach hinten losging. Plötzlich wollte keiner mehr etwas davon wissen, plötzlich hatte das niemand mehr unterschrieben, niemand gewollt, pah… er schnaubt verächtlich.

Nein. Etwas anderes. Etwas positives, etwas HEILE WELT mäßiges. Das kann er auch.

Als Retter, als Heiland. Er, er ganz allein.

Er sieht sich an im trüben Licht des Spiegels und sein Augen beginnen zu leuchten. Er hat da eine Idee. Es kommt ihm da eine Idee.

Etwas Schönes, etwas fast Poetisches, für die gute Sache!!

Etwas Verbindendes und er im Mittelpunkt. Er, der die Volksstimmung herumreißt und ein goldenes Licht aufs Schloss wirft, er der im Licht der Öffentlichkeit die Gute Sache vorantreibt, vertritt und präsentiert.

Gleich straffen sich seine Wangen und er spürt, wie neue Energie ihn durchdringt. Er ist noch nicht am Ende. No Sir! Er ist noch dabei. Und er hat eine Idee, wie man alles retten kann!

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Ehrlichstett, August 2016

 

Der Sommer holt noch mal richtig aus, läuft zu Hochform auf, während aber schon die ersten Blätter in der bewegungslosen Luft sanft von den Bäumen sinken und sich zu trockenem staubigem Laub am Boden zermahlen.

Alles scheint sich zusammenzuziehen, zu konzentrieren, denkt Tamara, auch sie selbst. Es ist, als wäre sie über Nacht gereift, erwachsen geworden. Nicht nur dass sie, durch die Trennung nun auch von Devon, zur Ruhe gekommen ist, auch ihre Gabe, ihre sonderbare mediale Begabung, sie hat ihren Frieden damit geschlossen, ja, sie erkennt sich, wie sie ist und versucht nicht weiter, es zu leugnen oder dagegen anzukämpfen.

Es ist, als ob die Verantwortung, die sie übernommen hat, weil sie ja nun für den kleinen schwarzen Hund sorgt, sich auch auf ihr eigenes Leben erstreckt.

Der kleine Hund war ihr vom Strand aus nachgelaufen, ein kaum erkennbarer Schemen in der Nacht, bis auf das Schlossgelände. Sie hörte das Schaben der kleinen Krallen auf den Steinen vor dem Schlosstor, als sie versucht war, ihm die Tür vor der kleinen schwarzen Nase zuzumachen und ihn auszusperren, ihn seinem Schicksal zu überlassen. Aber als sie sich in der Tür umwendet sieht sie ihn vor sich sitzen, geduldig, mit einem freundlichen Blick in den alten hellen Augen, bereit, jede ihrer Entscheidungen zu akzeptieren, außer der, sie zu verlassen.

„Na, gut,“ brummt sie, „ich hoffe nur, du bist stubenrein.“ Und der Kleine tappelt mit ihr die Stiegen hinauf und in ihr Zimmer, rollt sich vor ihrem Bett zu eine drahtigen Kugel zusammen und schläft dort ruhig und traumlos, die ganze Nacht.

Sie nennt ihn „Hund“ bewusst, keine Bindung, bewusst kein eigener Name, aber Hund spottet dieser passiven Ablehnung, denn er liebt seinen neuen Namen und folgt begeistert auf die kleinsten Äußerungen von ihr an seine Adresse.

Corinne nimmt den Einzug des neuen Mitbewohners, gelassen, unbeteiligt, wie auch sonst alles. Es scheint, als ob das Verbot ihres Bildes, der Kampf, den sie verbissen um ihre Anerkennung führt, nun alles überdeckt. Seit dem Überfall konzentriert sie sich ausschließlich darauf, als ob sie hier einen Weg sieht, sich die Realität wieder anzueignen. Und die Realität scheint zu schwanken unter ihren Füßen, in ihrem Kopf. Was ist wahr, was ist richtig? Ihre eigene Wahrnehmung? Ist sie überfallen worden oder ist es dann kein Überfall, wenn ja kein Schaden entstanden ist, wie die Polizei deutet? Ist sie vom Bagger bedroht worden oder ist es dann kein Angriff, wenn kein Schaden entstanden ist? Haben sie das Gelände gepachtet oder ist es dann keine Pacht, wenn der Klapsmann sich nicht an einen Vertrag erinnern kann? Was stimmt, was ist wahr, was ist richtig? Und vor allem die Frage, ist sie noch eine Künstlerin, wenn eines ihrer Bilder „im Namen des Volkes“ verboten wurde, oder nicht? Oder ist es vielleicht wirklich „nicht so schlimm“ und sie solle einfach weiter machen, andere Bilder malen, die können ja nicht alle verbieten.

Und wenn doch?

Arme Corinne.

Sie kämpft und ringt, und ihr Kampf ist einsam und verbissen. Auch wenn dieser grauenhafte Bonsayh-Typ nun gebannt zu sein scheint. Die Internethetze und die Drohbotschaften von diesem Typen haben aufgehört, seitdem sie unterrichtet wurden, dass der Staatsanwalt ihn mit Strafbefehl belegt. Für alle, vor allem für die Vereinsmitglieder, für Desi und Dieter und die anderen, ist es eine Erleichterung und viel von der Unsicherheit fällt ab und man macht sich mit neuem Mut an den Kampf um Recht und Gerechtigkeit. Dazu kommt, dass sie kurz und knapp einen Prozess gewinnen, in dem der Klapsmann versucht hat, ihnen das Betreiben eines Zeltlagers für die Kinder verbieten zu lassen. Auch das bestärkt sie. Dazu rückt auch das Prozessdatum, der „große“ Prozess, immer näher und Zimmermann und Gerhard sind hoffnungsvoll, dass sich nun bald ein Ende der ganzen Streitereien erreichen lässt.

Mit einem blubbernden Geräusch meldet sich das Handy, das neben Tamara auf dem Sofa liegt. Auf dem Display ein Name, er ihr ein Stöhnen entlockt. Hund sieht sie mit schief gelegtem Kopf neugierig an, so dass sie auflacht, weil er so komisch aussieht.

„Nein, du Dummchen, du nicht. Es ist nur….gerade freu ich mich, dass Ruhe einkehrt und sich alles entspannt und da…“ sie schnauft genervt…“geht es wieder los. Manche Leute geben einfach nie auf.“
Seufzend legt sie das Gerät neben sich, beschließt die Nachricht zu ignorieren.

Blubber, – neue Nachricht, blubber, blubber, blubber.

  • Ich habe Besuch. Interessiert dich vielleicht.

blubber

  • Der Besuch will dich gerne sehen.

blubber

  • Er ist richtig groß geworden.

blubber

Ein Foto.

Ein Kleinkind, niedliche Pausbäckchen, blonde Locken und unbeschreibliche große graue staunende Augen.

Henry!

Blubber:

  • Meine Schwester ist in Reha, das dauert und Henry ist so lange bei uns.
  • Dürfen wir dich besuchen kommen?
  • Er vermisst dich.
  • Nicht nur er.
  • Ehrlich gesagt.

„Ach Hund,“ sagt Tammi mit einem Seufzen. Ein Seufzen hinter dem sich schon ein Lächeln eingenistet hat:

  • Ihr könnt ja mal herkommen. Aber nur wegen Henry. Dem gefallen bestimmt die Pferde und mein neuer Kumpel, den mag er sicher auch.

Und ein Foto von Hund, mit schiefgelegtem Kopf und diesen komischen stripseligen Ohren.

Tammi lächelt.

Ehrlichstett August 2016

 

Sie sind noch immer in Ehrlichstett. Hugo arbeitet sich ab an Versuchen, Renfeld wieder ins Schloss zu holen. Rabena versteht das. Und sie versteht es nicht. Klar, Hugo braucht den Renfeld, er ist der einzige, der für praktisch nichts das Schloss aus dem Nichts aufgebaut hat. Seine Energie hält diese Wände zusammen, seine absurde Treue zu diesem Gemäuer. Und Hugo weiß das. Und Hugo nimmt keine Rücksicht. Was er braucht, das braucht er und das nimmt er sich, sie weiß das.

Die Tage sind heiß und drückend. Die kurze erfrischende Regenpause ist einer zweiten Welle subtropischer Hitze gewichen. Rabena bleibt im Schloss, das nun angenehm kühl ist, das feuchte kühle staubige Grau der Räume hilft ihr beim Nachdenken, beim zur Ruhe kommen. Was eigentlich bedeutet, dass sie nicht nachdenkt und Zeit hat, sich nicht mit Hugos Forderungen auseinanderzusetzen.

In den weichen warmen Sommernächten hat sie ihre Treffen mit Abel wieder aufgenommen.

Das Öffnen der Koppelzäune hat aufgehört, wahrscheinlich ist die erfolgreiche Anzeige gegen diesen Bonsayh dafür der Auslöser, sodass Abel und sie eigenartig untätig auf der nächtlichen Koppel sind und dem dem schwarzen Hengst zusehen, zu dem Abel eine so eine sonderbare Bindung aufgebaut hat. Zumeist lehnt Abel an einem Baum und sie an Abel, die warme Nacht umschließt sie wie ein Mantel und umhüllt sie mit Wärme und Zärtlichkeit und Stille.

Stille.

Die Stille die sie genießt. Tagsüber die Stille im grauen Schloss, nachts die Stille in der mitternachtsblauen Dunkelheit.

Stille, das ist Ruhe und Nähe. Stille, das ist die Abwesenheit von Worten, denkt sie. Stille ist auch die Abwesenheit von Lügen. Die Stille, die sie mit Abel teilt, ist die Ehrlichkeit, die Aufrichtigkeit, die Worte und deren Gebrauch verhindern.

Um so erschrockener ist sie, als sie ihn sprechen hört.

Sie kommt den Hügel hinauf, auf die Koppel und sieht ihn am Hals des Schwarzen lehnen. Er steht mit dem Rücken zu ihr und sie hört seine Worte: „Schwarzer, schöner Schwarzer.“ Und sie sieht seine Hände die den Hals des Hengstes auf und ab streichen. Seine Stimme ist rau und tief – angenehm. Ein Schauder läuft ihr über den Rücken. Sie hat immer gewusst, dass er sprechen kann. Immer, irgendwie. Aber, dass er es tut? Das erschreckt sie. Es ist, als ob die Lüge nun offenkundig wird, als ob die Lüge einzieht auch in diesen Teil ihres Lebens, als ob sie vor nichts Halt macht, als ob sie sich hineinstiehlt in ihre Liebe zu Abel, in die Reinheit und…in die Stille.

Sie dreht sich um und flieht.

Ein Knacken, ein Knistern, ein Zweig der unter ihren Tritten zerbricht, sein Ruf „Rabena!“ halblaut, halb leise. Seine Stimme, voller Sehnsucht, voller Angst, sie zu verlieren.

Sie will seine Stimme nicht. Sie will nur die Sprache der Körper und der Berührungen, sie will Stille, sie will ihn nicht.

Außer Atem kommt sie im Schloss an.

Hugo fängt sie hinter der Tür ab. Seine Augen sind hell, glitzern.

„Wo kommst du her?“

Sie kann ihn nur ansehen. Sie kann nichts sagen. Sie wird nie mehr sprechen, nicht sprechen nicht lügen, kein Meineid, keine Zeugenaussage vor Gericht, nicht mehr reden, nie mehr.

Sie hört seinen zischenden Atem: „Los, sag es, Rabena!“ Er zerrt an ihrem Arm um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Er zerrt so hart, dass sie Angst hat, er könnte ihr den Arm auskugeln.

Sie ist gefangen mit ihm in diesem Schloss mit seinen undurchdringlichen Wänden. Sie sollten keine Gefahr hereinlassen, wie hätte sie wissen können, dass sich die Gefahr die ganze Zeit mit ihr im Schloss aufhielt?
Die Angst macht sie leicht, als würde ihr Körper an den Rändern unscharf.

„Setz dich, Rabena!“ Sie fühlt sich auf einen Stuhl gedrückt.

„Ich frage ich noch einmal, was ist los?“

Wer ist dieser Mann? Ihr Mann? Wer ist Abel? Ihr Geliebter? Wer ist sie? Wo enden alle Lügen? Sie sieht Hugo an und denkt, er wäre zu allem fähig. Natürlich war er es.

Nur das Schweigen schützt vor der Lüge.

Folgendes wird passieren:

Rabena wird bleiben. Hier. Sitzen. Bleiben. Vor. Ihm.

Bis sie ihm glaubt. Er wird seine Geschichte wiederholen. Sie wird sie wiederholen. Die Wiederholung wird sie immer mehr dran glauben lassen. Eine Zeugenaussage vor Gericht. Das ist einfach. Wie wird er wissen, wann sie ihm glaubt?
Das ist leicht.

Er weiß alles.

Tu einfach was er sagt und alles ist in Ordnung. Eine Zeugenaussage.

Einfach. Okay?

Okay.

Ehrlichstett, August 2016

Am 21.08.2016 um 19:33 schrieb Hugo von Hülstorff:

 

 

Guten Abend,

Ich habe leider ein Thema, das mir peinlich ist, anzuschneiden.

Bei der Hochzeit Bonsayh, am Samstag den 25.6., wurden jeweils größere Hundekotmengen in der unmittelbaren Nähe der Festräume gefunden, an Stellen, an denen das Brautpaar und die Hochzeitsgäste vorbeikommen mussten.

Der Hundekot war im Stiegenaufgang zu den geschmückten Festräumen, direkt an den Wandleisten platziert, sodass er vorher nicht geortet werden konnte. Ein Hund war an beiden Tagen von den Gästen nicht mitgebracht worden. Ich vermute die absichtliche Platzierung von jemanden, der unsere Vermarktung des Schlosses für Hochzeiten erheblich stören wollte. Die Exkremente habe ich aufgehoben, sodass Sie gerne eine Überprüfung vornehmen könnten.

Über die Katzen, die die Essensvorräte in der Küche plündern, auf die Teppichen sch…. Und sich übergeben, und auf den Pölstern liegen, ärgern wir uns natürlich auch, aber hoffen, dass dies einmal ein Ende finden wird. Wir haben die Teppiche weitgehend entfernt und versuchen die Türen zu schließen bzw. die Pölster zu verräumen. Aber ein angenehmer Zustand ist das nicht, da insbesondere unsere zahlreicher werdenden Gäste damit nicht zurechtkommen.

Es wäre mir sehr gelegen, dass sich die Sache mit dem Hundekot kurzfristig  aufklärt, da ich fürchte, dass sich unser Ruf als traumhafte Hochzeitslokation bald in den Ruf einer stinkenden Hochzeitslokation wandeln könnte, wenn wir damit nun bei jedem Hochzeitsfest rechnen müssen. Da es sich bei der letzten Hochzeit um die Hochzeit des Sohnes von Herrn Bonsayh drehte, ist die Sache noch prekärer.

Mit freundlichem Gruß,

Hugo von Hülstorff

Lieber Hugo,

leider kann ich zur Aufklärung anbei geschilderten Sachverhalts wenig beitragen.

Da der mir persönlich unbekannte Herr Harald Bonsayh eine für mich unerklärliche Aversion gegen meine Person hegt, habe ich, um zu deeskalieren, am Donnerstag den 23.06.2016 vor der Hochzeit, zu Beginn der ersten Vorbereitungen das Schloss verlassen und bin erst am darauffolgenden Montag den 27.06.2016 in meine Wohnung zurückgekehrt. Wir hatten das Schloss, ebenso, wie das Schlossarreal, während dieser Zeit kontinuierlich, auch nachts verlassen.

Diese Maßnahme erschien mir geraten, da Herr Bonsayh an verschiedener Stelle auch Drohungen gegen meine Person ausgesprochen hatte und zu befürchten war, dass sich solcherlei Vorstellungen unter Alkoholeinfluss, wie bei einer Feier gegeben, verschärfen. Inzwischen wurde Herr Harald Bonsayh von der Staatsanwaltschaft wegen dieses Tatbestandes zur Unterlassung mit Androhung eines Strafbefehls und Zahlung einer Geldsumme an eine gemeinnützige Organisation verurteilt. Ich hoffe sehr, dass dies angeraten erscheinen lässt, in der Zukunft solcherlei Vorfälle zu verhindern und auch die Notwendigkeit derartiger Ausweichmaßnahmen.

Mit herzlichem Gruße und Dank

Corinne H.

Ehrlichstett, Sommer 1942

 

Der Briefträger brachte eine längliche Schachtel ins Schloss, ein behördliches Paket.

Tara nahm das Paket an und bedankte sich.

Der Absender war amtlich blau gestempelt.

Inspektion der Sicherheitspolizei

Kreisstadt, den 2.August 1942

………….L…IIIV – 69 / 42

Bitte in der Antwort vorstehendes Geschäftszeichen und Datum angeben

Betrifft: Rücksendung persönlicher Gegenstände

Anlagen

Zu der oben genanten Angelegenheit erlauben wir uns, Sie hiermit vom Ableben des zuletzt bei Ihnen beschäftigen Herrn Andres Kranizsic in Kenntnis zu setzen.

Herr Kranizsic ist in oben genannter Einrichtung einem unbestimmten Kreislaufleiden erlegen. Die Bestattung fand am 27. Juli 1942 auf dem Friedhof der Kreisstadt statt.

Herr Kranizsic wurde im Mai diesen Jahres erkennungsdienstlich erfasst und angeklagt wegen

  • des Verdachts der staatsfeindlichen Betätigungen
  • des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer verbotenen staatsfeindlichen Vereinigung
  • des Vergehens nach dem Heimtückegesetz
  • des Widerstandes gegen die Staatsorgane

Über die Beschlagnahme und die Einziehung der Vermögensstücke und Vermögenswerte (so vorhanden) wird in den nächsten Wochen befunden. Bis dahin sind alle Rechte und Ansprüche Dritter an diesen Vermögensstücken und Vermögenswerten unrechtens.

Zu unserer Entlastung schicken wir Ihnen die anfallenden persönlichen Wertsachen des Herrn Kranizsic zurück.

Es handelt sich hierbei um:

  • 1 Geldbörse (leer)
  • 1 Armbanduhr (defekt)
  • 1 Feuerzeug (defekt)
  • 1 Arbeitshemd, blau
  • 1 Arbeitshose (blau)
  • 2 Arbeitsschuhe (defekt)

Abschrift

B/MA/G

Verw.Rat

Unterschrift

Tara ließ sich auf die Stufen vor dem Schloss sinken. Andres Habseligkeiten lagen auf ihrem Schoß. Die Sommersonne brannte unbarmherzig auf sie nieder. Auf Andres Sachen. Auf seine Hinterlassenschaft. Der kleine struppige Hund saß neben ihr und betrachtete sie mit seinen müden alten Augen.

Das kleine Flämmchen, das erneut vor ihr zwischen den Steinen aufflammte, ließ sie diesmal brennen, bis es von alleine erlosch.

Ehrlichstett, August 2016

 

„Nein, so geht das nicht! Es war vereinbart, dass wir die Miete für die Räume nicht bezahlen müssen. Und die Entsorgung, welche Entsorgung? Wir haben alles aufgeräumt. Und wie war das mit der Entlohnung? Für meine Dienste? Das war doch…“

Hugo von Hülstorff unterbricht Harald Bonsayh mit einem unwilligen Schnauben. Sie sind im Salon, dem Grafenzimmer im ersten Stock des Schlosses und Bonsayh hat hektische rote Flecken auf den Wangen. Er zieht hörbar den Atem ein, als er unterbrochen wird.

„Mein Freund…,“ Hülstorffs Stimme ist geduldig: „Natürlich sind wir, also die Stiftung, Ihnen dankbar für das was Sie für uns getan haben, aber das war doch ganz allein Ihre Initiative oder? Dass war doch nicht von uns beauftragt, oder? Sie erinnern sich sicher. Natürlich begrüßen wir, dass Sie die Bürger aufgerüttelt haben und über die uns angetanen Ungerechtigkeiten informiert haben, aber Sie sind doch insgesamt etwas über das Ziel hinausgeschossen oder? Und von einer Entlohnung, mein Lieber…“ die Stimme wird noch einen Ton samtiger, die gräflichen Augenbrauen hochgezogen “ …von einer Entlohnung war doch nie die Rede.“
Von Hülstorff geht ein paar Schritte, schüttelt den Kopf, milde lächelnd „Ihr Ostdeutschen, das ist doch immer das selbe. Ihr habt nicht verstanden, dass die Zeiten sich geändert haben. Wir haben da keine StaSi mehr, schon begriffen? Und um einen Lohn zu verlangen muss man vorher Verträge abgeschlossen habe, Verhandlungen geführt haben, etwas Schriftliches. Gibt es etwas Schriftliches, haben wir irgendeine Vereinbarung?“
Die gräflichen Augen, die verwundert hochgezogenen Augenbrauen, sehen Bonsayh fragend an.

Dieser schiebt den Finger zwischen den Hemdkragen und den Hals. Er schwitzt. Er kriegt auch irgendwie schwer Luft, das kommt ihm so …überheizt vor in diesem Zimmer…

„Aber ich…aber wir… aber ich dachte, ….für das Schloss. Das war doch nicht für mich, das habe ich doch für das Schloss getan und für Sie, für dich, Hugo. Für dich. Als du in Not warst.“

„Harald, mein Lieber, hier liegt doch, glaube ich, ein Missverständnis vor. Du wirst mir doch jetzt nicht etwa erzählen wollen, dass ich dich beauftragt habe, Straftaten zu begehen, die nun….“ er weist auf einen Bogen mit amtlichem Stempel, der auf der Kante des zierlichen Schreibtisches liegt, „…die nun den Staatsanwalt auf den Plan rufen.“


„Aber…“ verdammte Hitze, verdammt, warum ist es bloß so heiß in diesem Raum…“ aber ich habe das doch nicht für mich getan. Das war doch Ihre Idee, Deine Idee, wegen dem Schloss und…“ Seine Stimme ist weinerlich. Bonsayh ärgert sich über sich selbst, er sollte stark sein, fordernd und nun heult er hier rum, verdammter Mist, er ….

„Hugo, verdammt! Das ist die Androhung eines Strafbefehls gegen mich. Da ist eine Strafe zu zahlen. Wegen Verleumdung! Verstehst du das nicht?“ Er sieht feine Spucketröpfchen auf das abgeschabte Parkett fliegen. Hugo tritt einen Schritt zurück und betrachtet ihn, wie man ein kleines, ekeliges Insekt ansieht, voller Abscheu, voller Unverständnis.

„Hugo, ich,“ Bonsayhs Stimme bricht und dieser weinerliche Ton kommt wieder zum Vorschein. Er spürt, wie seine Augen feucht werden, „Hugo. Ich, ich bin noch nie belangt worden. Noch nie in meinem Leben. Ich habe die Leute ans Messer geliefert, ich war der, der das Sagen hatte, der die Maßstäbe gesetzt hat, der bestimmt hat, wer…

Ich will das hier nicht! Ich wollte doch nur das Beste! Da war doch die gute Sache, ich wollte doch die gute Sache unterstützen und jetzt der Staatsanwalt, Strafbefehl, Geldstrafe, gegen mich, ich habe das doch alles für dich getan, fürs Schloss, für euch, für das Gute, ich wollte, doch, mit meinen Kenntnissen und meinen Fähigkeiten….“ das unterdrückte Schluchzen lässt die Worte fast unverständlich ineinander fließen: „Ich wollte doch….fürsschloss…“

„Aber…“ wieder die sanfte Stimme, „ ich habe doch gar kein Schloss, mein Lieber. Das Schloss gehört einer Stiftung. Und da sind viele drin. Der Schmilewski und Bürgermeister Schmohl, um nur einige zu nennen. Und die haben dich alle beauftragt, da irgendwelche Straftaten einzurühren?“ Mitleidiger Blick, zweifelndes Kopfschütteln. „Nein, mein Lieber. Und die Strafe, die zahlst du mal schön selber. Da brauche ich den Stiftungsrat gar nicht zu befragen, da will niemand etwas mit zu tun haben, das sage ich dir schon jetzt und hier und dafür wird sicher auch kein Geld freigegeben. Am Besten zahlen und die Füße stillhalten.“

Er geht einen Schritt auf Bonsayh zu und legt ihm tröstend die Hand auf die Schulter, „und um den Rest kümmere ich mich. Da können wir schon noch etwas machen mit den Kosten für die Hochzeit. Da können wir ein bisschen im Preis heruntergehen, wegen dieser Verunreinigungen durch den Hundekot, da geht sicher ein Nachlass. Und der verweste Katzenkopf auf der Hochzeitstorte, Bonsayh, Bonsahy, Sie haben wirklich Pech, mein Lieber. Oder Feinde, die Ihnen übelwollen. Tja mein Lieber.“
Er rückt ein bisschen ab, nimmt die Hand zurück und wischt sie sich mit einer fast unbewussten Geste am Hosenbein ab.

„Und was die Teilhabe an der Stiftung angeht, Sie kennen ja die finanziellen Bedingungen. Sie überweisen einfach auf mein Konto, die Zahlen sind Ihnen ja bekannt. Aber über einen Posten, da müssen Sie abwarten, über einen Posten können wir bislang nicht reden. Da ist alles vergeben und das kann ich bei aller Sympathie,“ väterliches Lächeln, “ ja auch nicht selbst entscheiden. Da muss der Beirat tagen. Das ist doch wohl klar. Und Sie entschuldigen mich nun, ich habe einen Begehung mit Interessenten für eine Hochzeitsfeier in unserem Traumschloss.“ Professionelles Lächeln und er wendet sich zur Tür.

„Ach, mein Lieber, und noch etwas: Die Schlüssel, wenn Sie die Schlüssel bitte da lassen. Legen Sie sie einfach auf den Tisch dort. Danke.“
Noch ein Lächeln und fort ist er.

Harald Bonsayh presst die Finger zwischen Kragen und Haut, etwas reisst und endlich, er bekommt besser Luft. Langsam lässt er sich auf eines der zierlichen Biedermeierstühlchen sinken, das ein empörtes Ächzen von sich gibt. Erschrocken fährt er hoch, um sich gleich darauf wieder niedersinken zu lassen. Er atmet tief ein, holt heftig Luft, ein Schniefen, ein Gurgeln, und lässt dann den Kopf auf das abgeschabte Polster der Lehne sinken.

Ehrlichstett, Frühling 1942

 

Eine Woche nach Andres‘ Abtransport hatte Tara zum ersten Mal versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen, beziehungsweise überhaupt erst einmal seinen Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Auf der Polizeiwache im Ort waren die Beamten zwar freundlich, hatten aber erstens keine Zeit und zweitens andere Sorgen.

Auf der Polizeiwache der Kreisstadt waren der Beamten zwar weniger freundlich, konnten sie aber auf die für solche Fälle seit einiger Zeit eingerichtete Dienststelle der geheimen Staatspolizei verwiesen.

Also machte sich Tara auf den Weg dorthin, einem ehemaligen GrandHotel, dessen Fenster im Erdgeschoss nun vergittert worden waren und vor dem die Hakenkreuzbanner fröhlich im Frühlingswind flatterten.

Tara betrat die Eingangshalle, wo ihr sofort ein uniformierter Portier entgegenkam: „Kann man Ihnen irgendwie behilflich sein?“

„Hoffentlich“ sagte Tara mit fester Stimme: „Mein Name ist Tara von Bohburg und ich bin auf der Suche nach einem unserer Angestellten. Er wurde unschuldig mitgenommen, verhaftet oder verschleppt.“ Sie straffte die Schultern und reckte das spitze Kinn. Der kleine Hund, der sie immer begleitete, setzte sich neben sie und sah den Portier mit seinen hellen Augen an.

„Unschuldig ist in diesem Hause sicher niemand,“ antwortete der Portier mit angestrengtem Lächeln. „Haben Sie schon eine schriftliche Eingabe gemacht?“

Tara schüttelt den Kopf.

„Ohne Eingabe keine Auskünfte“ sagte der Portier. „Und nehmen sie den Hund raus. Tiere sind hier nicht erlaubt.“

Tara wandte sah zu dem Hund hinunter und wandte zum Gehen: „Ich komme morgen wieder. Morgen, übermorgen, den Tag danach. Ich werde jeden Tag kommen, bis mir jemand sagt, wo Herr Kranizsic sich befindet, wie es ihm geht und wann er zu seinem Arbeitsplatz zurückkommt.“

Und das tat sie dann.

Jeden Tag nahm sie den Zug, dann den Bus und lief, begleitet von den eifrigen Trittchen des Terriers die Straße hinunter, zum ehemaligen GrandHotel marschierte durch die Eingangshalle und trat vor den Portier “Guten Tag, ich hätte gerne etwas über den Aufenthaltsort eines unserer Angestellten gewusst, Herrn Andres Kranizsic“

In den ersten Tage hatte der Portier sich noch unter Aufbringung seiner ganzen verbeamteten Geduldsfähigkeit bemüht zu antworten und von amtlichen Eingaben, behördlichen Anträgen, vorgefertigten Formularen und vorschriftsmäßigen Dienstwegen erzählt und sie darauf hingewiesen, dass Hunde in Behörden verboten seien.

Doch nachdem Tara zwar stets freundlich blieb aber unnachgiebig und ausdauernd an jedem neuen Tage wieder pünktlich dastand und dieselbe Frage stellte, begann seine amtliche Gleichmut zu bröckeln bis sie endgültig in sich zusammenbrach.

Und als Tara an einem weiteren Tage erneut vor ihm stand und “Guten Tag, ich hätte gerne etwas über den Aufenthaltsort eines unserer Angestellten gewusst, Herrn Andres Kranizsic“, sagte, griff er zum Hörer des schwarzen Telefons, das hinter ihm an der Wand angebracht war, wählte eine Nummer und murmelte ein paar unverständliche Worte. Einige schweigsame Sekunden lang geschah gar nichts, dann öffnete sich neben dem Telefon eine Tapetentür und ein Mann in einem schlichten Anzug kam heraus. Er schien zu lächeln als er auf Tara zuging, an sie herantrat, ihr mit einer gleichmäßigen Bewegung den Arm auf den Rücken drehte, sie durch die Eingangshalle ins Freie schob und dabei gleichzeitig dem Hund einen gezielten Fußtritt nach draußen versetzte.

Tara spürte den eisernen Griff im Rücken, sie sah den hellblauen Himmel über sich und die fröhlich flatternden Hakenkreuzstandarten. Dann gab es einen Ruck und ihr Arm war so plötzlich frei, dass sie vorwärts stolperte, auf den Boden stürzte und sich vor den Schuhen des Anzugträgers wiederfand. Sie spürte einen scharfen Schmerz auf der Oberlippe. Der kleine Hund saß leise winselnd neben ihr und sah sie mit traurigen Augen an. Sie hob den Kopf und blickte in das Gesicht des Mannes.

„Besser, die junge Dame kommt nicht mehr hierher,“ er räusperte sich,“ sonst könnte es nämlich passieren, dass Sie hier länger zu Gast sind, als Ihnen lieb ist. Haben Sie das verstanden?“ Er zog ein schneeweißes Taschentuch aus seiner Brusttasche, entfaltete es sorgfältig und reichte es ihr hinunter: „Wischen Sie sich das Blut aus dem Gesicht. Und dann gehen Sie nach Hause!“

Erst als er wieder im Gebäude verschwunden war, presste Tara sich das Taschentuch vor die schmerzende Lippe. Sofort färbte sich der Stoff mit hellem Blut.

Langsam stand Tara auf. Sie hielt sich an der Wand fest und ordnete ihren Rock. Ihr war schwindelig. Es war Angst in ihr, aber auch Wut, Ohnmacht, Angstwut.

Und plötzlich züngelte ein kleines Flämmchen vor ihr aus den Ritzen der Pflastersteine. Der Terrier sprang mit einem erschrockenen Kläffen zur Seite. Ängstlich sah sie sich um. Bevor sie das Flämmchen mit der Sohle ihres Schuhs austrat.

Ehrlichstett, August 2016

 

WUMM; WUMM; WUMM. Die Bässe wummern die Straße hinauf, als die drei Mädchen zum Strand laufen. Kylie und Lisa haben Tammi mitgenommen, Beach Party, mal wieder. Eigentlich wollte sie zuhause bleiben, ein bisschen chillen, im Netz plappern und einen Blogbeitrag schneiden. Die Sache mit ihrer Mutter und dem Überfall, allen ist nicht mehr wohl im Schloss. Eine unausgesprochene Vereinbarung – sie lassen sich nicht mehr allein, am Abend im Schloss, eigentlich. Wenn da einer rein will, da kommt doch jeder rein da ist nichts zum abschließen und wenn es nach ihr ginge….sie wäre ja schon längst ausgezogen, aber ihre Mutter…na ja, kann man nichts machen und nur rumsitzen und Trübsal blasen hilft auch nicht. Also ist sie eben mitgegangen.

Kylie und sie, sie sehen sich ja nicht mehr viel. Der blog, das Studium, dann auch das ganze Misstrauen nach dem Überfall, irgendwie hat sich das alles auseinanderentwickelt. Und sie wollte Kylie nicht vor den Kopf stoßen, wenn sie schon mal vorbeikommt, um sie abzuholen. Sie ist meine Freundin, denkt sie und ich will eine Freundin haben.

Am Strand eine Riesenmenge Leute, Dunkelheit und Flimmerlichter, Tammi überlegt schon, wann sie es schaffen wird, unauffällig zu gehen. Sie hat einfach keine Lust auf so etwas. Kylie und Lisa haben kichernd irgendetwas eingeschmissen und toben nun im Sand rum, drängeln sich schubsend zwischen die tanzenden Leute. Kylie hat Tammi noch nicht einmal etwas angeboten und Tammi fühlt sich mehr denn je fehl am Platz. Zwar zieht Kylie sie erst mit aber als das Gedränge zu eng wird, lässt Tammi sich wieder hinausschieben aus der tanzenden Menge und setzt sich an den Rand in den Sand und sieht zu.

Warum nur, warum kommt sie sich immer so daneben vor? Die anderen haben doch auch kein Problem mit ein bisschen Drogen einwerfen, bisschen gut drauf sein, einfach so feiern gehen. Sie findet so lockere Ansichten zu Drogen daneben und fürchtet sich fast davor. Man hat keine Droge im Griff auch wenn das alle glauben. Sie macht einen Menschen auch nicht positiver drauf, sie lässt es einen nur glauben. Jeder muss selber wissen was er macht aber jeder sollte sich auch darüber im klaren sein, das es Spuren hinterlässt.

Das ist die Kluft zwischen Kylie und ihr und auch zwischen Devon und ihr. Sie weiß doch nie, ob sie nun den echten Menschen neben sich hat und echte Reaktionen und Gefühle oder die Droge, die alle so locker macht und so lustig.

Mann, so ein Mist! Genervt bohrt sie ihre Füße in den Sand. Sie schafft es, hier rumzusitzen, am Rand einer Riesenparty und niemand sieht sie an, niemand nimmt sie zur Kenntnis, sie könnte genauso gut…gar nicht da sein. Seufzend steht sie auf und klopft sich den Sand vom Rock. Und das ist, was sie machen sollte. Gar nicht da sein.
Aus dem Nichts drängt sich ein Körper an sie, hieß, schwitzend, bloße Haut, Arme, die sie umschlingen.

Devon.

Sie merkt es, sie spürt es, sie riecht ihn. Bevor sie ihn erkennt und wahrnimmt. Ärgerlich stößt sie ihn von sich. Er lässt sie so plötzlich los, dass sie nach hinten taumelt und wieder in den Sand plumst.

Er dreht sich nach ihr um und lacht. Sie sieht sein Lachen. Den aufgerissenen Mund, die weißen Zähne, sie hört es nicht. Die Musik ist zu laut. Sie sitzt im Sand, sieht ihn von unten an, wie er hysterisch lacht und dann dreht er sich um und verschwindet in der tanzenden Menge. Sie sitzt noch immer im Sand und kommt sich jämmerlich vor, gedemütigt, lachhaft, lächerlich. Tränen steigen ihr die Kehle hoch und die tanzende Menge verschwimmt vor ihren Augen.

Etwas berührt ihre Hand die im Sand aufgestützt ist.

Etwas Feuchtes. Sie fährt erschrocken zusammen. Hastig dreht sie sich um. Sie sieht im Dunkel noch eine Bewegung. Etwas Kleines. Es hat offensichtlich Angst und nutzt die Stämme der Bäume hinter ihr als Versteck. Ein Tier?
Froh, von ihrem Kummer abgelenkt zu sein, steht sie auf und geht langsam auf die Stämme zu. Das kleine Tier ist dunkle, fast schwarz, es hat ein Fell, wie Stahlwolle. Ein Ohr steht, eines ist umgeklappt.

Tamara beugt sich hinunter und streckt eine Hand aus. Das Tier kommt langsam näher. Das drahtige Fell ist zerzaust und enthüllt trotz der Dunkelheit scharf hervorstechende Rippen. Ein Hund. Ein kleiner Hund, die Größe eines Terriers.

Tammi verhält sich ganz still und lässt den kleinen Hund näher schleichen. Langsam kommt das Tier heran und setzt sich schließlich vor Tammi auf die Hinterbeine und sieht sie an. Kluge Augen hat er. Helle alte müde kluge Augen.

„Ich bin nicht so der Hundetyp,“ sagt Tammi leise, „ich mag lieber Katzen.“
Offensichtlich versteht der Kleine kein deutsch denn mit einem verblüffend geschmeidigen Satz springt er Tammi auf den Schoß.

Widerwillig muss Tammi auflachen. „Du wiegst aber nicht viel…“

Vermutlich hatte er seit langem nicht gefressen. Vorsichtig legt Tammi dem Hund die Hand auf den Rücken. Nichts als Knochen. Langsam schiebt sie ihn von ihrem Schoß und steht vorsichtig auf, um ihn nicht wieder zu erschrecken.

„Tut mir leid…wie gesagt ich bin nicht so der Hundetyp“

Sie dreht sich um und geht langsam an den Bäumen entlang auf die Straße zu. Der Blick über die Schulter, zurück, ist keine gute Idee.

Der Hund sitzt noch immer unter dem Baum am Rande der lauten Party und sieht sie ihr mit seinen komischen hellen, alten Augen nach.

Ehrlichstett, Frühling 1942

 

Tara von Bohburg war doppelt benachteiligt. Eigentlich dreifach:
Sie war das, was man eine „arme Verwandte“ nennt. Die von Bohburgs waren entfernte Verwandte der Nachfahren der Vorfahren deren mit dem Einstecktuch, die seit dem Mittelalter das Schloss und den Gutshof in Ehrlichstett bewohnten und bewirtschafteten. Die Zeit und ihre Wirrungen war an dem entlegenen Flecken vorbeigegangenen oft zum Wohle des kleinen Anwesens, oft aber auch zur Betrübnis ihrer Eigentümer, stand doch hier immer der Sinn nach Höherem. Vor allem nach dem diplomatischen Dienst. Der Wunsch war bislang nicht in Erfüllung gegangen und so hatten die Nachfahren dieser Vorfahren nie so recht an Einfluss und Wirkung in Regierungskreisen erlangen können. Bis jetzt, endlich! Der Führer des tausendjährigen Deutschen Reiches, nahm alle adligen Gefolgsleute mit offenen Armen auf, zumal man sich in diesen Kreisen teilweise sehr bedeckt hielt, was die Unterstützung des braunen Regimes anging. Der Nachfahr des Vorfahrn des Herrn mit dem Einstecktuch konnte so alsbald zu bedeutender diplomatischer Verantwortung gelangen. Ja teilweise sogar bis in die engsten Kreise des erlauchten Führers vordringen und dort politisch und diplomatisch sein Wirken entfalten. Endlich!

Die von Bohburgs jedoch waren weniger vom Glück begünstigt und wohl auch weniger willens, hatte doch die Familie beschlossen, Nazideutschland zu verlassen und in die neue Welt zu emigrieren, zumal man dort bereits Verwandtschaft hatte und einem in der Heimat klargemacht worden war, dass man entweder mit den Wölfen heule oder besser verschwinde. Tara hingegen, die „arme Tara“, wie sie nur genannt wurde, hatte, neben ihres deutlich zum Ausdruck gebrachten Desinteresses an Politik, einen weiteren Grund sich der Emigration zu widersetzen: Seewind. Aber dazu später.

Die „arme Tara“ war das, was man eine „alte Jungfer“ nannte. Irgendwie hatte sie den Anschluss verpasst. Auch das war möglicherweise Seewinds Schuld. Und nun, mit ihren 32 Jahren war der Heiratszug wohl endgültig abgefahren und wurde mangels Bewerber auch nicht erneut besetzt und Tara würde wohl oder übel ein altes Mädchen werden müssen. Außerdem war sie nicht hübsch. Heutzutage wären ihre hohe schlanke Gestalt und ihre scharfen Züge einer kastilischen Infantin wohl weniger negativ zu Buche geschlagen, aber dem rundlichen, blonden Idealbild des deutschen Mädels konnte sie so gar nicht entsprechen.

Die „arme Tara“ war samt Seewind und einem hässlichen kleinen Terrier, der sie auf Schritt und Tritt begleitete, in Ehrlichstett untergekommen. Nicht ganz unerwünscht, denn die Dame des Hauses, wegen der diplomatische Pflichten des Gatten in Berlin oft allein gelassen, freute sich über die anspruchslose Gesellschafterin, auch wenn diese mehr Zeit mit ihrem Hund im Pferdestall verbrachte als im Damensalon. Auch daran wiederum war Seewind Schuld.

Seewind wäre wohl besser Sturmwind genannt worden, denn der ungestüme Schimmel reinster Trakehner Abstammung hatte seine Besitzerin, begleitet von ihrem treuen Terrier mit den absurd hellen Augen, das eine ums andere Mal zu Fuß nach Hause gehen lassen, während er schon ungeduldig vor der Stalltür wartete.

Seit ihrem ersten Pony im zarten Alter von 7 Jahren war Tara vom Pferdevirus besessen. Die Besessenheit ging tatsächlich weit über alles hinaus, was für eine Dame in der damaligen Zeit schicklich war, aber die toleranten Eltern erlaubten ihr, nicht nur mit den ständig mitgewachsenden Pferden und Ponys an gewagten Parcefour Jagden teilzunehmen, nein, die junge Tara durfte auch an, damals noch fest in männlicher und militärischer Hand, an Reit- und Springturnieren teilnehmen und es gelang ihr, bis zur Emigration der Eltern, einige Preise und Gewinne mit dem genial-begabten Seewind einzuheimsen. Der Krieg und die Emigration setzen dem sportlichen Ehrgeiz ein abruptes Ende, aber an eine Trennung von Seewind war nicht zu denken und so war Tara in Ehrlichstett eingezogen, bewohnte mit ihrem Terrier ein kleines Zimmer im zweiten Stock des Schlosses, mit Blick auf die Stallanlage in der Seewind neben den genügsamen Ponys und Pferden des Landwirtschaftsbetriebes eingezogen war.

Mit Seewind und dem Hund war für Tara alles gut und weil sie sich nicht sonderlich für Politik interessierte und weil Schloss Ehrlichstett abgeschieden lag und weil auch der Hausherr, zumeist in Berlin in wichtiger Mission, wenig Nachrichten nach Hause brachte, und weil sie in einem Alter war, in dem eine Überwachung ihrer Jungfräulichkeit nicht mehr von Nöten war, entwickelten sich zarte Bande zwischen Tara und dem Stallburschen in Ehrlichstett, Andres, einem dunklen zigeunerhaften Menschen, der ein Zimmer über dem Stall bewohnte, ohne Sattel und Trense ritt, wie der Teufel und dem nachgesagt wurde, dass er Kommunist sei. Weitgehend unbeachtet von den Schlossbewohnern und den Ehrlichstettern verbrachten Tara und Andres nur bewacht von dem hellen Blick des komischen kleinen Hundes, mehr und mehr Zeit miteinander und ihre Liebe zu den Pferden vor allem die geteilte Liebe zu dem großartigen Seewind band sie fest aneinander.

Eines Tages jedoch fuhr ein altmodischer dunkler Wagen vor den Eingang des Stalls und drei Männer in grauen Anzügen stiegen aus. Der Hund, der kläffend die unzähligen Raben im Schlosshof jagte, kam wütend angerannt und schnappte nach den Hosenbeinen des Vorangehenden. Dieser, ein frettchenhafter mit gelblichem Beamtengesicht versuchte vergebens das kläffende, knurrende Bündel mit Fußtritten zu verjagen. Schließlich, stolpernd an der Stalltür angelangt, mit schnarrendem Ton: „Herr Kranizsic, Andres Kranizsic?“

Andres, der in der Stellgasse vor Seewinds Box stand, drehte sich um. Der Magere trat ein letztes Mal nach dem Terrier, den er nun traf und der jaulend die Stallgasse hinauflief. Der Mann verharrte eine Sekunde, das Jaulen bliebt wie ein Geistergeräusch in der Luft stehen. Dann nickte der Beamte einem seiner Kollegen zu. Der kam herein, ging auf Andres zu und schlug ihm, ohne erkennbare Ausholbewegung, die Faust gegen das Ohr. Tara, die vor Schreck erstarrt in Seewinds Box war, sah, wie Blut aus Andres Ohrmuschel schoss. Sie hörte das Reißen von Stoff, als die Männer ihn packten und über den Boden zerrten.

„Andres Kranizsic, ich verhafte Sie wegen Zugehörigkeit zu einer verbotenen politischen Vereinigung und wegen staatsfeindlicher Betätigungen“, rief der Verhärmte. „Wo sind die andren Kommunistenschweine?“

Für einen Moment war es still.

Andres kauerte auf dem Boden. Einer der Männer trat ihn wuchtig in die Seite. Mit einem grunzenden Geräusch kippte Andres um, legte seine Hände vors Gesicht und zog seine Beine so eng wie möglich an den Körper. Der Magere wiederholte seine Frage und sein Kollege trat wieder zu. Ein harter Tritt mit der Schuhspitze in die Nierengegend. Andres stöhnte dumpft und krümmte sich noch enger zusammen. Tara schloss die Augen. Sie legte Seewind die Handflächen über die Nüstern. Als wollte sie verhindern, dass er ein Geräusch ausstieß, dass er auf sich aufmerksam machte.

Der Verhärmte packte nun Andres bei den Haaren und hob ihn langsam vom Boden.

„Lassen Sie ihn, das stimmt doch alles nicht!“ Tara Stimme war leise.“Hier sind keine Kommunisten. Er ist hier nur der Stallarbeiter, ich weiß das!“

„Sei still Tara,“ zischte Andres.

Der Verhärmte ließ seinen Kopf fallen, wie einen faulen Apfel. Er richtete sich auf und starrte Tara an.

„Aha, wen haben wir denn hier?“

Er machte einen Schritt auf Seewinds Box zu.

„Tara…“ Andres hatte den Kopf gehoben, sein Blick irrte einen Moment im Raum umher bis er Taras fand: „Das ist Frau von Bohburg. Sie hat nichts damit zu tun. Frau von Bohburg, bitte gehen Sie jetzt!“ Seine Stimme war flach, flüsternd.

Jetzt erst sah Tara die dünne Blutspur, die ihm übers Kinn lief. Und auf einmal sah sie auch die Verzweiflung in seinen Augen. Für einen Moment öffnete sich ein Fenster in die Zukunft und die Angst wehte zu ihr herein, namenlose grauenvolle Angst. Mit einem unterdrückten Schluchzen ließ sie sich an den breiten Hals des Schimmels fallen und schloss ihre Augen.

Die Männer hatten den Andres auf den Rücksitz des Wagens verfrachtet. Er hatte sich widerstandslos abführen lassen. Nachdem sie vom Gelände gefahren waren, die schmale leere Straße hinunter hatte ein leichter Regen eingesetzt, ein warmer Frühlingsregen.

Tara war vor den Stall gelaufen und hatte dem Wagen nachgesehen. Der Hund war aus dem Stroh wieder aufgetaucht und hatte sich winselnd neben sie gesetzt.

Bis ihre Haare in nassen Schlangen das Gesicht hinunterhingen, waren sie dort gewesen und hatten dem Wagen nachgesehen.