Ehrlichstett, Januar 2017

 

Cindy fühlt sich leer.

Komisch.

Sie haben gewonnen. Sie sollten jubeln und singen und ein Fest veranstalten, sie, die Stiftung, das Schloss, der Graf, Rabena und Schmilewski.

Doch komischerweise ist keinem danach zu Mute.

Komisch.

Langsam geht sie durch den Hof auf die Haustür zu.

Dieser Hof ist noch immer schäbig, denkt sie. Noch immer alt und man müsste mal renovieren und alles ein wenig heller machen, die dunklen Winterabende zeigen die ganze Schäbigkeit noch deutlicher. Seitdem Schmilewski die Rationen für die Pferde zusammengestrichen hat und abends nicht mehr füttert, sind drei weitere Einsteller gegangen und sie haben nun nur noch vier Pferde am Hof. Ach, denkt sie, nicht schlimm. Wenn der Verein jetzt das Schloss verlässt und sie die dortigen Anlagen übernehmen, dann kommen die schon wieder, die Einsteller. Vielleicht kann man den Einstellern die dort sind, auch ein Angebot machen. Dann können die bei ihnen bleiben, es ändert sich für die nichts und die sind wahrscheinlich sogar noch dankbar.

Trotzdem komisch, denkt sie, als sie schwer einen Schritt vor den nächsten setzt. Trotzdem komisch.

Sie sollte voller Tatendrang sein, und es anpacken. Das ist, was sie gut kann, organisieren, planen, den Umzug, die Übernahme des Stalles am Schloss, die Veranstaltungen, die sie dann dort machen werden, aber, sie fühlt sich sonderbar kraftlos. Sonderbar matt.

Langsam tastet sie nach dem Schloss der Haustür. Sie muss ein bisschen suchen, denn im trüben Licht findet sie es nicht sofort. Ihre Finger sind klamm und kalt und das Schloss schließt schlecht.

Ein Baby, denkt sie plötzlich. Vielleicht wäre das die Lösung.

Aber mit Schmilewski?
Eigentlich hat ihr das immer gefallen, die vielen Kinder am Schloss, die da zum Verein kommen. Aber so eine Ahnung sagt ihr, dass da so nicht weitergehen kann. Der Graf wird das nicht wollen und der mit dem Einstecktuch auch nicht. Unwillkürlich schüttelt sie den Kopf, der möchte da seine Ruhe. „Wenn einen Reitbetrieb, dann klein und gediegen und vornehm und nicht so ein Remmidemmi“, hört sie ihn förmlich in ihrem Kopf.

Schade denkt sie als sie endlich die Haustüre aufbekommen hat und ihre Schuhe im Flur abstreift.
Dünnes blaues Licht fließt aus der angelehnten Wohnzimmertür. Schmilewski ist also da.

Sie hängt ihren Mantel an den Haken der Garderobe und tappt auf Socken ins Wohnzimmer. Dicke überheizte Luft löst hier die Kälte im Flur ab, für einem Moment hält sie vor Überdruss den Atem an. Unaufgeräumt, wie immer. Schäbig, mit einem Wort: schäbig.

Schmilewski sitzt auf dem Sofa, in fleckigen Jogginghosen, eine Socke hat ein Loch, sein Pullover ist nicht mehr sauber. Er sieht sich Bilder auf dem Laptop an, irgendwelche Kinder, eine kleine Blonde, sonnengebräunte glatte nackte Haut, das lange Haar, das sie umhüllt, das ist doch…

Ungläubig kommt sie näher.

„Was sind das für Bilder?“ Fragt sie.

„Hat mir der Bonsayh geschickt, schön oder? Sind so Kinderaufnahmen, ist Kunst.“

„Wie – Kunst?“

„Na, ja sieht man doch. Sind so Kunstbilder von Kindern, Kunst eben.“

Ungläubig schüttelt sie den Kopf.

„Du siehst dir Kinder an, ich meine solche Bilder, das..,“ sie sucht nach Worten;“ das ist doch illegal.“
Überrascht sieht er auf: „Ne, das ist doch nicht illegal. Das ist Kunst, sag ich doch. Kostet auch bisschen was, aber der Bonsayh hat da immer neue. Die kann man da kaufen, ist völlig legal Und ist doch schön, oder?“
Er hebt den Kopf und sieht sie an.

Unwillkürlich weicht sie zurück.

Sein Grinsen, dieses Schmierige, diese ganze Atmosphäre, dieses Wohnzimmer, diese Bilder und Schmilewski, Schmilewski, sie tritt noch einen Schritt zurück. Die heiße, schwüle Luft in diesem Raum nimmt ihr den Atem.

Sie kann… sie will nicht….

Langsam weicht sie zur Zimmertür zurück.

Eben hat sie noch von einem Kind geträumt. Einem Baby.

Plötzlich schüttelt ein Ekel sie. Sie wollte ein Baby von Schmilewski, hier ein Kind großziehen und plötzlich wird ihr ihre Illusion bewusst, alles, die Hoffnungslosigkeit ihrer Träume. Die Hoffnungslosigkeit aller Zukunft, alles bewusst.

„Schmilewski,“ sagt sie tonlos.“ das ist illegal. Du solltest dir das nicht kaufen. Nicht haben, nicht ansehen. Das ist gefährlich, das…“
Sie bricht ab.

Er hat sich wieder dem Bildschirm zugewandt: „Ach Quatsch, mach dich mal nicht so wichtig. Das ist eine sichre Quelle und die kommt aus der Stiftung. Und du wolltest das doch unbedingt. Dass sich da mitmache. Also sei jetzt ruhig mit diesem Unsinn. Wer sollte sich schon daran stören?“

„Ich weiß nicht. Ich bin sicher, dass das illegal ist. Überall kriecht die Kripo rum seit diesem Autounfall bei dem Heile Welt Verein, ich weiß nicht, ob das so sicher ist, da jetzt mit solchen Bildern. Und dieser sonderbare Ermittler, der neuerdings ums Schloss herumschleicht, immer im Anzug der Typ, keiner weiß, was der will. Das macht mir Angst…“ wieder bricht sie ab. „Schmilewski, bitte,“ Ihre Stimme ist leise geworden, blass und leise.

Aber er hört nicht mehr zu. Er ignoriert sie, als sie den Rum verlässt und die Tür leise hinter sich schließt.
Leise die Treppe hinaufgeht ins Schlafzimmer. Sich aufs Bett legt und nur noch weinen kann. Raue heftige Schluchzer sie erschüttern, sie nicht mehr atmen lassen, ihre Brust fast zersprengen.
Sie haben gewonnen, sie haben gewonnen und sie will nun ihre Träume verwirklichen.

Jetzt endlich, endlich, wird sie ihre Träume verwirklichen.

Der Tag wird kommen.

Der Tag ist da.

Jetzt.

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Ehrlichstett, Januar 2017

 

Sie laufen alle rum, wie gelähmt. Sie machen Dienst nach Vorschrift aber keiner weiß irgendwie, was nun. Der verlorene Prozess, der Unfall. Desi ist wieder da, schweigend, bleich, sie kann nicht mehr schlafen, sagt sie. Die Kripo kommt und vernimmt sie, untersucht das Autowrack wieder und wieder, die Reifen, die Schrauben. Dann die Kinder.

Seitdem der Klapsmann Linda mit dem Auto vom Hof gejagt hat, müssen sie die Kinder begleiten, von ihm fernhalten, bewachen. Wenn etwas passiert, nicht auszudenken!

Und der Traum – hurra, denkt Tamara, der Traum ist auch wieder da. Libertas Haus brennt wieder jede Nacht in ihrem Traum die Raben krächzen und sie sucht ihre Mutter, die sie in den Trümmern weiß. Trotz der Kälte wacht sie schweißgebadet auf, liegt dann ruhelos, dunkle Ringe des Schlafmangels zeichnen sich unter ihren Augen ab.

Auch Mandy hat diese dunklen Ringe, aber sie streitet ab, auch wieder den Traum zu haben. Tamara glaubt ihr nicht. Mandy strahlt eine hysterische Freude aus, Devon ist wieder da, er wohnt wieder zu Hause, ab und an jedenfalls. Manchmal kommt er mit zum Schloss, aber auch er sieht schlecht aus, nicht mehr diese massive, erotische Männlichkeit, mager, blass, fahrig, ob auch er den Traum hat? Diese dunklen Augenringe hat er jedenfalls, und wie ausgemergelt, ist er, das kann auch der dicke Parka nicht verbergen, den er nun ständig trägt. Er ist, wie abwesend oft und manchmal starrt er Tamara an, dass es ihr Angst macht. Wie Renfeld, denkt sie schaudernd. Der irre Renfeld taucht ständig dort auf, wo man ihn am wenigsten vermutet und stets in ihrer Nähe. Sein blasser Blick ist unstet und wirr und manchmal äußert er brabbelnde Worte. Man sieh ihn im Wald umherschleichen, hinter dem Schloss, den Boden absuchen und brabbeln. Er ist einfach völlig übergeschnappt, das denken alle, passt irgendwie ins Bild, sind sie doch alle nicht mehr zurechnungsfähig.

Keiner weiß mehr, wie es weitergeht und selbst Gerhard, der sonst immer die Devise aufgab, geplant und geordnet hat, scheint orientierungslos.

Wir sind schon ein eigenartiger Haufen, denkt Tamara müde. Was jetzt, HEILE WWELT, was jetzt?

Stehen wir morgen auf der Straße, mit allen Pferden und keinem Plan, wohin?

Ein Typ ist aufgetaucht, im dunklen Anzug, mit Aktentasche und Datenordnern. Irgendein Ermittler, keiner weiß, woher der kommt, und was der will. Er hat alle befragt und aufgeschrieben, aufgeschrieben und aufgeschrieben. Sie hat einen Blick in eine seiner Mappen geworfen, Fotos drin vom Bauschutt im Teich und im Park und irgendwelche Baupläne, Berechnungen. Wegen der Fördergelder für das Schloss will er wissen, ob sie da etwas sagen können. Nein, schütteln sie müde die Köpfe. Nur ihre eigenen Fördergelder und Spenden, die haben sie ordentlich verwaltet, zu ordentlich und alle in den Prozess gesteckt, den verlorenen.

Trübe stützt Tamara den Kopf auf den Stiel der Mistgabel. Nebenan in der Box hört sie ein Pferd rascheln, im trockenen Stroh. Es ist Eisstern, eine der Zuchtstuten. Sie erwartete ein Fohlen für den Frühling. Pferd müsste man sein, denkt sie. Dann wäre alles einfacher.
Sie fühlt sich allein.

Zu allem Übel.

Jakob kommt nicht so oft, im Moment. Es ist kalt, auch im Schloss, zu kalt um mit Henry lange zu bleiben. Wenn er da ist, machen sie kurze Ausflüge mit dem Kleinen und einem Pony, aber sie reden nicht viel. Auch hier scheint eine Lähmung eingekehrt denkt sie. Nur keine Konflikte mehr, nur auch hier keine Klärung, kein Konflikt.

Sie sind, müde, kriegsmüde, konfliktmüde. Geschlagene Truppe. Tragisch, denkt sie, tragisch.

Gerhard und Corinne, die müssen es machen, denkt sie.

Die müssen einen Plan haben, eine Idee, wie es weitergeht.

Oder ein Wunder.

Das wäre auch nicht schlecht.

Gähnend schaufelt sie eine Fuhre Mist auf die Schubkarre.

Ehrlichstett, 1856

 


Von den Tagen in E… ließe sich nun Mancherlei erzählen.
Wie oft wir späterhin in jenem dunklen Walde waren, im Schlosse lebten, was die gewaltigen Mauern erzählen, der Blick von oben herab – ein tiefsinnig Gedicht webt sich davon zusammen, und wollte ich nun verrathen, was ich im Abendschatten an dem Burgfenster sahe, wie drauf im Traume die Gestalt des jugendlichen Meisters auf dem Rosse mir erschien, was sie mir entdeckte, wie sie, zu ewigem Jammer verdammt, noch umherirrt, die Grabplatte durch den gierigen Pfaffen zerbrochen, die ewige, christliche Ruhe gestört, sein verwildert Gemüth zu sänftigen, wollte ich das mit Farben, wie nur die Geisterwelt sie hat, hier malen – ich würde Bände füllen und das Unerhörte nicht wiedergeben, wie ich es empfing. Stehn mag es hier gleichwohl, daß eines Abends, an welchem die glänzende Gegenwart ein schattiges Dunkel auf die alte Mauern warf, das Schloss in wunderliche Rauchnebel hüllte, daß ich dem Meister damals in Angesicht sahe. Er saß auf seinem Rosse, dem umwogenen Schwarzen. Ein Pilgermantel hing ihm über die Schultern, etwas, wie eine Mönchskutte bedeckte Haar und Kopf, nichts als die brennenden Augen waren kenntlich. Gab schon diese eine Nacht zu solchen Spukereien Anlaß, so öffnete folgenden Tages die Erleuchtung des ganzen Thales allen luftigen Wassergeistern von selbst den Zugang. Denn, so geht die Mär, wenn man einen Zauberer finde, den Nachfahren des Meistern und dieser den Riss schließe, dann würde Frieden sein und die Seele des Gepeinigten zur Ruhe finden. Und wie sich der berauscht Umherwandelnde suchend und spähend, umherwendet, zurückwendet, den dunkeln Gang durch die finsteren Baumgestalten suchend, begleitet stets vom rauen Krächzen der gefiederten schwarzen Wächter, da blitzt silbern zwischen überhangenden Baumzweigen, ein Feuer herüber. An dem Feuer sitzt ein ehrbares Bauernpaar; dunkle Baumriesen lassen die Gestalten nur dämmernd unterscheiden, wunderlich nehmen sich die knorrigen Stämme in abenteuerlicher Verschlingung und Verkürzung hinter ihnen aus. Wie schwarz und ungeheuer die Gestalten im Gegenschein der Flamme erscheinen! Tatsächlich glitzerten bläuliche Lichter! Der Luftzug des Feuers rauscht in den Tannen, weiße Rauchwolken kreisen hinauf. Hier die Mährchenwelt in´s Leben tretend, und über dem allen die ewigen Sterne in einzelnen grüßenden Blitzen. Hier muss es sein. Hier muss es sein, der Ort des vergessenen Grabes, des Rabensteins und der ewig in Sehnsucht suchenden, hehren Gestalt.
Ehe ich von E… scheide muß ich noch einmal die außerordenthlichen Geschehnisse in einen festen Blick zusammenfassen. Es ist dem Unkundigen nicht immer leicht, sich in eine ganz fremde Art und Weise sogleich zu finden. Wenig durch Neigung und Lebensbeziehungen auf den Geist der Neuzeit gerichtet, vermag ich hier das Alte und Vergessene als Lebendig und Vorhanden begreifen! Mir kommt alles hier vor, wie eine Reise in eine Zeit vor der Vergangenheit, in magischen schwelgend, dem Unglaublichen sich anvertrauend. Empfindet man nun hier Angst vor den Alten Geistern, die sich selbst dem Fremden zeigen? Oder lebt man damit wie mit den Zyklen der Natur, dem ewigen Gedeihen und Vergehen? Werden hier die Guten ihrer Belohnung, die Schlechten ihrer Strafe zugeführt, dies in einem alten vorchristlichen Sinne, aus einer Zeit in der die Geister und Nymphen die Gesetze der Natur austrugen?

Wenn auch mit poetisch übersteigerter Untermalung, ist doch dieser Reisebericht das wichtigste Zeitzeugnis des 19th Jahrhunderts, im Bezug auf unseren Ort und die Legende des Meisters von Ehrlichstett.
Im krassen Gegensatz zur magisch-verklärten Legende, der Gestalt des Meisters und dem Rabenstein sowie dem uralten, in der Natur festgeschriebenen Gleichzeitigkeitsbegriff, scheint der frühe industrielle Aufschwung und die beginnende Neuzeit das dichtende Paar zu befremden, ja sogar Zukunftsängste geweckt zu haben.

München, Januar 2017

 

Ein Brief, mit der Post, altmodisch, ein Kuvert, eine Briefmarke, an die Münchner Adresse geschickt.

Meine geliebte Rabena,

da Du nicht mehr nach Ehrlichstett kommst, habe ich mich entschieden, Dir diesen Brief zu schreiben. Ich schreibe diesen Brief aus Liebe und tiefer Dankbarkeit. Ich schreibe Dir, weil Du meine Rettung, meine Liebe, mein Leben bist, ich aber das Deine zerstören werde.

Ich glaube, Liebe ist mehr als nur ein Zustand. Nicht nur ein Gefühl oder Worte die man sagt. Es ist das, was man tut. Wenn man eine Frau liebt, liebt man sie jeden Tag, nicht nur manchmal und in guten Zeiten sondern immer. Und man tut etwas für sie. Ich liebe dich, Rabena. Ich tue etwas. Für dich.

Ich bin ins Leben zurückgekehrt und nehme eine Aufgabe wahr, die ich mir selbst gestellt habe. Diese Aufgabe ist jedoch das Ende Deiner Welt und Deine Rettung zugleich, wie ich hoffe.

Ich werde den, der Dich besitzt, der Dich nutzt, bekämpfen, wie einst die Ritter die Drachen bekämpften, die die Prinzessinnen in ihrer Gewalt hielten. All seine Verbrechen, all die Schandtaten, all die Vergehen, all die Lügen, die Betrügereien, die großen und die kleinen, alles, was Dein Drache begangenen hat, werde ich aufdecken. Das Suchen, das Beobachten, das Recherchieren, das ist meine Stärke. Über die Zeit meines Lebens, war ich der Beobachter, der Dunkle, der im Schatten stand und gesehen hat, gewusst hat aber nicht gehandelt hat. Du hast mir die Kraft gegeben, aus dem Dunkel ins Licht zu treten und zu handeln und ich mir damit den Auftrag, diese Kraft zu nutzen.

Mag sein, dass Du mich am Ende, wenn Deine Welt in Scherben liegt und wenn Du frei bist, frei von Lügen und Betrug, dass Du mich zurückweisen wirst, dass Du das Dir so Geschenkte eben anderes nutzen willst oder dass Du sogar weiter zu ihm hälst, dass Du ihn im Gefängnis besuchst, dass Du weiter für ihn lügst und ihm hilfst. Aber dann wird es Deine freie Entscheidung sein und mein Risiko.

Aber vorher will ich Dir die Möglichkeit zur Entscheidung geben. Die Möglichkeit eine Entscheidung zu treffen.

Das ist mein Geschenk an Dich, meine Rabena, die Du mir mein Leben geschenkt hast, die Du mir die Hoffnung gezeigt hast und die Liebe.

Und ich hoffe, Rabena, meine Liebe, mein Leben, ich hoffe, dass wenn der Tag kommt, an dem alles in Scherben liegt aber auch alles offen aufgedeckt ist, alles klar und ersichtlich vor Dir und vor allen liegt, wenn der Tag kommt, an dem die Gerechtigkeit siegt, wenn der Tag kommt, an dem er die Rechnung bezahlen muss, die Rechnung für Gemeinheit, Berechnung, Gier, Lüge und Betrug, ich hoffe, dass Du Dich dann für mich entscheiden wirst.

In Frieden und Freiheit, meine Liebste.

Ich weiß, ich bin schwach, mein Wunsch selbstsüchtig aber wenn meine Aufgabe erfüllt ist, dann hoffe ich, dass unser Leben beginnt.

Ich liebe Dich und ich werde Dir Freiheit schenken, wie Du sie mir geschenkt hast.

Dein Abel.

Ehrlichstett, 1856

 

Der wohl erste erhaltene Reisebericht über Schloss Ehrlichstett aus dem Buch: „Reiseerinnerungen von Heinrich Jakob De la Recherche und Constance de la Recherche.“.
In selbigen berichten der Dichter und seine Frau über eine Reise, welche sie von ihrem Herrschaftssitz bei Berlin über Domstadt nach Dresden und Karlsbad führte. Auf dem Rückweg war ein Besuch bei Heinrichs Freund und ehem. Kampfgefährten, dem auf Ehrlichstett lebenden Schlossherrn geplant. Betrachtet man die im Vergleich zum Gesamtbuch umfangreichen, und poetisch ausgeschmückten Texte über den Besuch hier, so muss die Stippvisite das schreibende Ehepaar außerordentlich beeindruckt haben. Im entsprechenden Text heißt es:

Zu den Freunden in E… wollten wir, da waren wir schon am Vorabende erwartet. Keiner von uns kannte den Ort und seine Lage anders, als aus Bildern. Allerlei Legenden ranken wohl um den Ort, die Burg, das Schloss und den umwobenen Meister von E…, der seit Jahrhunderten auf seinem Ross in den Wäldern sein Unwesen triebe und dort ruhelos, da seine Grabruhe, sein Grabmal, der berühmte Rabenstein von solchen gestört wurde, die Schändigen verfolge. In unsichrer, gespannter Erwartung fuhren wir nach Domstadt durch den dunklen Wald, der Weg windet sich mannigfach. Plötzlich stoßen beide Postillione in die Hörner, wir kommen einen kleinen Abhang hinunter, durch ein grünes Laubthor, mitten in ein märchenhaftes Traumbild hinein. Hunderte, es scheint mehr noch, Raben durchschneiden die Luft mit ihren Schwingen, der Rabenstein, hier muss es sein. Ein Grauen überfällt uns, denn von den alten Legenden wurde uns berichtet. Der Meister, so heißt es, der Meister von E…, sei hier begraben worden in Alter Zeit. Auf seinem und seines Rosses Grab sei eine schwere Sandsteinplatte gesenkt worden, verziert mit magischen, heidnisch vorchristlichen Zeichen, einem Halbkreis, einer Rune, der Rabenstein. Da aber die Dorfbewohner mit ihrer einfachen Gesinnung und ihrem leichten Glauben hier Gaben niederzulegen pflegten und zu dem Orte gar pilgerten, dem wundersame Kräfte nachgesagt wurden, hat einst ein Paffe die Praktiken zu unterbinden gewusst, indem er einen schweren Stein auf die verzierte Grabplatte schaffen ließ. Als der Stein dorthin geschafft worden war und auf die Sandsteinplatte gesenkt wurde, glitt er den Helfern aus den Händen und zerbrach die Platte. Seitdem so heißt es, sei die Ruhe des Meisters gestört und in dunklen Neumondnächten sehe man einen bläulichen Schein aus dem Grabe treten und durch die Wälder streifen. Der Meister, so heisst es, suche Gerechtigkeit und verfolge selbst in ihren Träumen, die die schändlich handeln, die ungerecht sind, selbstsüchtig und habgierig, die die Wahrheit verdrehen und verbiegen und rücksichtslos ihren Vortheil suchen. Der Rabenstein selbst jedoch, sei über die Jahrhunderte zugewuchert und zugewachsen. Der genaue Orth sei unbekannt, aber die Raben, die hier in großer Zahl nisten, bewachten ihn seitdem.

Solcherart sind wir nun des nächtens unterwegs im dunklen Walde. Wo sind wir denn? Rufen alle. Niemand antwortet. Das geheimnißvolle Schweigen macht die unsichern Empfindungen noch wankender. Wäre es möglich? Giebt es so etwas? Hegen die räthselhaften Bäume, die Dunkelheit des Waldes wirklich noch Wesen, die im inneren Einverständniß mit der Natur Zauberkünste üben? Und sind wir auf unbegreifliche Weise in solche Zauber hineingerathen? Schüchtern blickten wir umher. Es scheint wirklich, ein bläulicher Schein liegt über dem Wege und ein sanftes Säuseln umschließt die Luft um uns. Von beiden Seiten schließen hohe Bäume den schmalen Weg ein, Rechts dem Einfahrenden hebt sich endlich das wohlerhaltene Schloss. Dunkler Epheu umrankt Fels und Gemäuer, riesige Schwarztannen wölben ihre Aeste unterhalb in einander.
Alles sonst war umher still und lautlos. Kein lebendes Wesen ließ sich sehen. Jetzt kamen wir durch ein Thor, der Wagen fährt in den Hof.
Wir waren wirklich in E…

Ehrlichstett, Dezember 2016

 

Er sitzt im Wohnwagen vor dem PC. Es ist kalt; kalt und dunkel, verdammt! Er sollte mal die Heizung anmachen und das Licht. Es ist klammfeucht, ein ekliges Winterwetter, noch kein Frost aber so eine durchdringende Feuchtigkeit.

Unwillkürlich zieht er die Schultern hoch, ist dann aber schnell wieder vom Geschehen auf dem Bildschirm abgelenkt.

Er sichtet die Dateien. Die Dateien von der Kamera aus dem Schloss.
Endlich, der Graf hat endlich seinen Vorschlag akzeptiert und Kameras anbringen lassen. Das Gelände wird nun überwacht, alles drauf, auch im Dunkeln, 24 Stunden, diese Haalswor, die Schlampe, jede Bewegung, wo sie geht und steht und dieser Schneider, der Sack, in seinem dicken Auto kurvt da auf dem Gelände rum, als obs sein eigenes wäre.

Und die Kinder, die Reitmädchen. Selbst bei der Kälte, laufen da in den engen Hosen rum, die langen schlanken Beine und alles so langhaarige Mädchen die glatten langen Haare, die wie Fahnen hinter ihnen herwehen, sich um ihre Bewegungen schmiegen, wie tanzend. Die Kamera zeichnet selbst den Glanz auf, den das blasse Tageslicht auf diese Haare malt, denkt er sich, wehende glänzende Fahnen.

Es ist schon wie verhext, denkt er, als er so die Bilder ansieht. Nur hübsche Mädchen, eine hübscher, als die andere, das geht doch nicht mit rechten Dingen zu. Das sollte einem doch zum Denken geben, diese Mädchen da, eine hübscher, als die andere und die Haalswor und ihre Bilder. Das kann doch kein Zufall sein. Er hat das schon so oft angezeigt, Behörden, Staatsanwaltschaft, Polizei, und er macht es nochmal. Und nochmal und nochmal. Weiß, wie das geht. Irgendwann muss da einer reagieren.

Auch diesen Blog, den die Haalswor schreibt, den hat er angezeigt.

Er kichert in sich hinein.

Der Graf weiß nichts davon, der mit dem Einstecktuch auch nicht. Aber er hat die Anzeige auch in deren Namen geschrieben, dass sie in der Geschichte vorkommen ist doch sonnenklar. Da muss man doch die Rechte wahren, das geht doch so nicht. Diese Scheißkünstler, die können sich nicht alles herausnehmen. Früher da war man da drastischer, da hatten die nichts zu melden, solche Schmierfinken. Da gabs das nicht so, dass man bedeutende Leute, Prominente, da so verunglimpft. Da war schnell Schluss mit lustig.

Er kichert. Das war verboten und zu Recht. Alles, das geht nicht. Bedeutende Personen, die müssen doch geschützt werden.

Er sieht vor sich, wie der mit dem Einstecktuch seine Hand schüttelt, den blassen vornehmen Blick auf ihn gerichtet und ihm dankt. Tiefe Bewegung in der leisen, vornehmen Stimme: „Bonsayh,“ wird er sagen, „Sie sind ein guter Mann. Sie haben uns einen großen Dienst erwiesen. Sie haben uns von diesem Gesindel befreit und unsere Ehre wiederhergestellt“

Er lächelt, wie ein Retter, denkt er, wie der Landsknecht, der er ist, der Diener der guten Sache.

Der ewigen, gerechten und guten Sache und dafür steht das Schloss mit seinen ewigen Mauern.

Hohes, irres Gelächter hallt durch die kalte klamme Dunkelheit.

In seinem Sinnieren hat er das Ende der Filmaufzeichnungen verpasst und der Monitor glimmt nun schwarz vor ihm

Da sieht ihn einer an.

Vor sich sieht er einen lächerlichen kaputten Menschen mit den wilden Augen eines Irren. Noch mehr Gelächter brodelt aus dem weit geöffneten Mund des Mannes.

„Der Teufel hat mich dazu gebracht. Der Teufel hat mich dazu gebracht!“ Die Stimme des Irren ist hoch und klirrend, die Worte brechen und stürzen aus dem Mund, wie Bruchsteine eines einstürzenden Hauses.

Die verlorene Seele lacht wieder. Es klingt, wie Klaviertasten, die von einer schweren Hand wahllos gedrückt werden, eine Abfolge schriller dissonanter Töne.

Halle/Saale, November 2016

Langsam richtet Gerhard den Blick auf.

„Das ist doch jetzt nicht wahr, oder?“ Er kann die Worte nur mit Mühe sprechen. Es ist als ob er keine Luft mehr bekommt. Keinen Atem hat, seine Stimme zu tragen. Ihm ist schwindelig, kaum noch sieht er Zimmermanns blassen Blick, dessen helle, klare Augen.

„Doch,“ Zimmermanns Stimme ist leise, tonlos, ohne Melodie. „Ich wollte es Ihnen persönlich sagen. Deshalb habe ich es nicht geschickt. Ich hatte Angst, Sie…“

Er bricht ab.

Es gibt nichts mehr zu sagen.

Es ist so völlig, völlig unverständlich.

„Ich…“ fängt er wieder an, “…in den langen Jahren meiner Tätigkeit, ich…. es tut mir leid!“

Zwischen ihnen liegt ein schmaler Stapel Papiere.

Das Urteil.

Ein kurzer, fast höhnischer Text.

Die Vorlage des Vereins, ein Witz. Falsche Zitate des Schriftsatzes, höhnisch ausgeschlachtet, kleine nette Ponyfreunde, das Vereinsziel verlacht, verspottet, der Vertrag, an den der dumme Verein sich gehalten hat, für ungültig erklärt. Mit einem Streich, einfach ungültig. Das Papier nicht wert, auf dem er steht. Der Verein verurteilt, das Gelände sofort zu räumen, seine Renovierungen zurückzulassen, die ganze Arbeit, der Ausbau des Stalls, umsonst, illegal. Mit einem Wort. Mit einem Wort eines Richters. Verloren. Alles verloren.

Ein Name taucht auf und verschwindet wieder, in diesem Urteil, der eines hohen Regierungsmitliedes. Keiner weiß, wo dieser Name herkommt. Aber er steht dort. Im Urteil, hohnlachend, zeigt all die Machtlosigkeit auf, die der Verein hat.

Keine Revision zugelassen. Das Urteil ist also nicht anfechtbar.

Ist das das Ende?

„Es ist unfassbar.“ Zimmermanns Stimme ist noch leiser, wie ein Rascheln. “Dieses Urteil bricht jede Art von Rechtsfrieden. Es ist im höchsten Maße ungerecht.“

Gerhard springt unvermutet auf. Durchmisst den Raum mit großen Schritten. Stößt an den Schreibtisch, ein Aktenordner knallt zu Boden.
„Ich bitte Sie jedoch, jetzt einen kühlen Kopf zu bewahren. Es wäre töricht….ihm genau diese Art von Regelverletzung folgen zu lassen.“

„Vorsicht ist der Vetter der Feigheit!“ Gerhards Stimme ist laut und wütend.

Die Sekretärin streckt den Kopf zur Tür herein, zieht sich aber schnell auf einen Wink Zimmermanns zurück.

„Ich sage, wenn so etwas möglich ist, wenn so eine Art Allmacht, wenn so eine Art Regelverstoß möglich ist, dann hätten wir schon viel eher einschreiten müssen. Dann war unsere stillschweigend duldende Haltung von Anfang an der gröbste Unfug. Dann…“

Gerhard bricht ab.

In der folgenden Stille merkt er, wie erschöpft er ist. Sie haben verloren. Trotz aller Bemühungen trotz alledem. Sie haben verloren und es besteht wenig Hoffnung für eine Änderung, ein Revidieren dieser Entscheidung.

„Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen,“

Langsam geht Gerhard zur Tür: „Es war natürlich immer eine Denkmöglichkeit,“ sagt er, das kalte Metall der Türklinke in der Hand,“es war immer möglich, zum Teil, ein bisschen, einen Teil zu verlieren. Einbußen in Kauf nehmen zu müssen. Womit ich nicht gerechnet habe, ist mit so einem Urteil. So einem verlogenen, ungerechten Urteil. So einer unglaublichen Willkür, die einen – machtlos – zurücklässt.“

Ohne eine Antwort abzuwarten geht er langsam aus dem Raum, schließt leise die Tür hinter sich. Im Flur riecht es schwach nach Kaffee. Er fühlt sich, als wäre er aus der Galaxie geschleudert worden, als schwebe er den Flur hinunter, schwerelos, im freien Fall, richtungslos.

Es bestand immer die Möglichkeit, dass sie verlieren. Dass alles in die Brüche geht. Dass sie den Machenschaften ihrer Gegner nichts mehr entgegenzusetzen hätten und diese Feinde waren solche, die einen geschwächten Zustand bewusst ausnutzen würden.

Allerdings war er sich des Sieges immer sicher gewesen. Sie waren die Guten, sie hatten alles richtig gemacht, sich an alle Absprachen gehalten, immer versucht, im Gespräch zu bleiben, immer tolerant, immer still, immer gefügig, immer freundlich, immer neutral. Selbst die letzten Ausschreitungen, der Angriff auf Linda, die Videoüberwachung, die erneuten Drohungen Beschimpfungen, der Unfall, das manipulierte Fahrzeug, all das, selbst all das hatte ihnen noch Recht gegeben, Recht gegeben, gut zu sein, gut zu bleiben.

Und jetzt sieht er überall nur Niederlage.

Er ringt nach Atem, den er nicht braucht und dessen Mangel ihn in Panik versetzt.

Er begreift, dass er sich selbst belogen hat

Von Anfang an hatte er geglaubt, es ginge ihm in diesem Streit um die Rettung des Vereins – obwohl das natürlich der Antrieb war, gab es noch eine andere Wahrheit, die sich unter dieser Absicht verbarg.

Es war sein Zuhause.

Das Gartenhaus, der Stall, das Gelände, die Wiesen, die sie dem Müll abgetrotzt hatten, die Ruine, aus der sie einen lichten freundlichen Stall gemacht hatten, mit großen hellen Boxen und Laufställen, das warme Wiehern der Pferde am frühen Morgen, wenn er zur Arbeit fährt, das Singen der Vögel in den Bäumen am Waldrand, die Katzenbabys, deren Spielen sie im Frühling zusehen, am Abend wenn die Arbeit getan ist, die Kinder das Gelände verlassen haben deren lautes Lachen und Spielen den ganzen Tag geprägt hat.

Das ist sein Leben geworden und er empfindet Liebe für all das, bis hin zum ungespülten Geschirr auf dem Tisch im Gartenhaus, bis hin zu den Pferdehaaren auf seiner Alltagskleidung. Und Angst, Angst vor dem Verlust.

Vielleicht hat er viel zu lange seine Tage unbekümmert verbracht, und für selbstverständlich gehalten, dass sie dort bleiben, dass alles so bleibt, wie er sich das wünscht. Weil sie die Guten sind, weil sie keinem schaden,weil sie alles richtig machen?

Unendlichkeit führt zur Anmaßung, denkt er. Vergänglichkeit ist der einzige Weg um zu schätzen, was einem geschenkt wurde.

Und jetzt? Denkt er. Und jetzt?

Wie soll ich das jetzt retten?
Wie kann man das noch retten, wenn jegliche Aussicht auf Gerechtigkeit verschwunden ist?

Wo kann der Weg jetzt langgehen?

Wie kann man noch den Glauben vermitteln?
Den Glauben an das Gute, das Richtige?

Um das es sich zu kämpfen lohnt?

Er weiß, dass er die Lösung finden muss, dass er den Weg wählt.

Denn die anderen, die denen er dieses Gerichtsurteil nun präsentieren, erklären muss, die werden seinem Plan folgen.

Traumsequenz 2

Sie spielten den ganzen Tag lang, und am Abend gingen sie auf den Riesen zu, um sich von ihm zu verabschieden.
„Aber wo ist denn euer kleiner Spielgefährte, der Junge, den ich auf den Baum gesetzt habe?“, fragte der Riese. Den kleinen Jungen liebte er nämlich am meisten, weil dieser ihn geküsst hatte.
„Das wissen wir nicht“, antworteten die Kinder, „er ist fortgegangen“.
„Ihr müsst ihm sagen, dass er morgen unbedingt wiederkommen soll“, sagte der Riese. Aber die Kinder entgegneten, dass sie nicht wüssten, wo er wohne, und dass sie ihn auch niemals zuvor gesehen hätten. Daraufhin wurde der Riese sehr traurig.
Jeden Nachmittag, wenn die Schule zu Ende war, kamen die Kinder und spielten mit dem Riesen. Aber den kleinen Jungen, den der Riese besonders liebte, sah man nie mehr. Der Riese war sehr freundlich zu all den Kindern, und dennoch blieb in ihm die Sehnsucht nach seinem ersten kleinen Freund; immer wieder sprach er von dem Jungen. „Wie gerne würde ich ihn wiedersehen“, pflegte der Riese dann zu sagen.

Jahre vergingen und der Riese wurde ganz alt und schwach. Er konnte nicht mehr im Garten spielen, und so saß er in einem riesigen Lehnstuhl, sah den Kindern beim Spielen zu und erfreute sich an seinem Garten. „Ich habe zwar viele herrliche Blumen, aber die Kinder sind die schönsten von allen“, sagte er zu sich selbst.

An einem Wintermorgen schaute er, während er sich anzog, aus dem Fenster. Jetzt hasste er den Winter nicht mehr, denn er wusste, dass dies nur die Zeit des schlafenden Frühlings und der sich ausruhenden Blumen war. Plötzlich rieb er sich verwundert die Augen – und schaute und schaute. Es war in der Tat ein wundervoller Anblick. In der entlegensten Ecke des Gartens war ein Baum über und über mit herrlichen weißen Blüten bedeckt. Seine Zweige waren vergoldet und silberne Früchte hingen von ihnen herab. Und unter dem Baum stand der kleine Junge, den der Riese so sehr in sein Herz geschlossen hatte.
Hocherfreut rannte der Riese nach unten und hinaus in den Garten. Er hastete über die Wiese und näherte sich dem Kind. Und als er ganz nah herangekommen war, wurde sein Gesicht rot vor Zorn, und er fragte: „Wer hat es gewagt, dich zu verletzen?“ Auf den Handflächen des Kindes waren nämlich die Male von zwei Nägeln zu erkennen, und die Male von zwei Nägeln waren auch an seinen kleinen Füßen.
„Wer hat es gewagt, dich zu verletzen?“, schrie der Riese noch einmal, „sag es mir, damit ich mein mächtiges Schwert ziehen und ihn erschlagen kann“.
„Nein!“, antwortete das Kind, „denn dies sind die Wunden der Liebe“. „Wer bist du?“, fragte der Riese; eine seltsame Ehrfurcht überkam ihn und er kniete vor dem kleinen Jungen nieder.
Daraufhin lächelte das Kind den Riesen an und sagte zu ihm. „Du hast mich einst in deinem Garten spielen lassen, heute sollst du mit mir in meinen Garten kommen – in das Paradies eingehen“.
Und als die Kinder an diesem Nachmittag in den Garten gelaufen kamen, fanden sie den Riesen tot auf – er lag unter dem Baum und war über und über mit weißen Blüten bedeckt.

Ehrlichstett, November 2016

 

Stimmen, sie hört Stimmen, irgendwie verschwommen, irgendwie ineinander verdreht. Sie will die Augen öffnen, aber es geht nicht. Sie kriegt die Augen nicht auf.

Kurzfristig spannt sich ihr Atem an, Panik! Sie versucht die Lider aufzureißen und durch einen schmalen Spalt dringt helles Licht ein.

„Sie wacht auf!“

Eine Stimme. Dieter. Tränen in seiner Stimme. Sie hört das.

Was ist geschehen?

Sie spürt eine Berührung an ihrer linken Hand. Das ist nicht Dieters große Pranke, eine Frau. Eine weitere Stimme. Corinne.

„Desi, hörst du mich? Bist du wach?“
Was ist geschehen?

Sie erinnert sich nicht.

Sie erinnert sich und erinnert sich nicht.

Wieder Dieters Schluchzen. So ein Riese von einem Mann und so nah am Wasser gebaut!

Sie versucht zu lächeln, sie will nach seiner Hand greifen, ihn trösten, aber sie kriegt die Augen nicht auf. Immer noch nicht.

Langsam kehrt die Erinnerung zurück.

Ein Unfall. Sie hatten einen Unfall. Dieter und sie. Das Fahrzeug hat sich überschlagen, sie hat die Kontrolle verloren, sie sind in den Graben gefahren. Dieter! Was ist mit Dieter?
Sie reißt die Augen auf und das blendende Licht treibt ihr die Tränen in die Augen – verschwommen sieht sie Dieters Gesicht, das sich über sie beugt.


„Dieter! Geht es dir gut? Ist alles OK mit dir?“

„Desi!“


Der Riese lehnt sich nach vorne und nimmt sie unbeholfen in die Arme. „Gott sei Dank. Desi!“ Seine Tränen nässen die Schulter des Krankenhausnachthemdes, das sie notdürftig einhüllt.

Was ist geschehen?


„Desi!“ Corinnes Stimme.

Energisch versucht Desi, Dieter von sich zu schieben.

Es geht ihr gut.

Was ist geschehen, warum ist sie im Krankenhaus?

Eben waren sie noch auf der Landstraße. Sie saßen in diesem Autowrack, der Motor stotternd zum Erliegen gekommen, Rauch aus der Motorhaube. Sie hat Dieter angesehen. Und dann……. nichts mehr. Filmriss!

„Was ist passiert?“ Ihre Stimme leise, fragend.

Dieter kann vor lauter Schluchzen nicht reden. Corinne streicht ihr mit kühler Hand über die Stirn.

„Desi, ihr hatte einen Unfall.“


Desi nickt, ja sie weiß, aber dann?


„Du bist ohnmächtig geworden.. Dieter hat als erstes Gerhard angerufen und dann einen Krankenwagen. Du bist im Krankenhaus.“


„Was ist mit mir?“ Leise.

„“Glücklicherweise wohl nichts organisches, abgesehen von ein paar Prellungen, Quetschungen und einem Schleudertrauma. Aber deine Psyche hat wohl das Ganze nicht verkraftet und dein Bewusstsein hat sich verabschiedet.“
Corinne senkt den Kopf und blickt auf die makellos weiße Bettdecke.

„Son Scheiß“ Desi versucht, sich aufzurichten.

Dieters Gewicht auf ihrer Brust und ein Druck von Corinne gegen ihre Schulter schieben sie in die Kissen zurück.

„Desi, bleib liegen! Damit ist nicht zu spaßen. Die werden dich erst einmal hier behalten!“

„Nichts werden die!“Desi fährt auf, „ich muss an den Hof, jemand muss die Arbeit machen! Die Pferde!
„Desi!“ Corinnes Stimme wird noch leiser.“ Die Polizei war da und hat das Auto untersucht. Die Kriminalpolizei!“

Sie macht eine Pause: “Der Unfall war kein Zufall.“

Noch eine Pause.

„Jemand hat die Reifen gelöst, Beide Reifen auf der linken Seite und die Reifen am Hänger waren losgeschraubt. Der Unfall war….“ sie schluckt…“beabsichtigt“.

Desi reißt die Augen auf und sieht Corinne fassungslos an.

„Corinne! Ich…“

„Corinne! Wir…? Was…?“

Corinne senkt den Kopf..

„Ja ich weiß, wir sind fassungslos, Desi. Jetzt weiß keiner mehr weiter, ehrlich nicht.“

Ihre Stimme wird ein Gemurmel.

Dieter hat sich aufgerichtet und streicht sich die Haare zurück.

„Wir gehen, Corinne Ich nehme Desi mit und wir gehen. Ich habe Angst dass sie Desi töten – das geht nicht mehr, ehrlich.“
„Quatsch!“ Desi kann sich nun endlich aufrichten. „Wir laufen nicht weg vor denen. Machen wir nicht!“

„Doch,“ Corinne sieht Desi an. „Auch Gerhard und ich wir haben darüber gesprochen. Wir können keinen mehr schützen. Wir gehen. Alle“


Eine überraschte Pause entsteht. Die Geräusche des Krankenhauses dringen ins Zimmer und füllen die beklommene Stille.

„Wir suchen einen neuen Standort.“ Corinnes Stimme ist tonlos, resigniert. „Wir haben schon darüber nachgedacht, als der Klapsmann versucht hat, die kleine Linda mit dem Auto anzufahren. Und dann immer dieser Renfeld, der hinter Tammi herschleicht und sie nicht aus den Augen lässt. Mag sein, dass wir diesen Bonsayh gebannt haben, mit dem Staatsanwalt, aber dieses, das jetzt ist noch viel schlimmer. Das geht nicht mehr. Die schrecken vor Nichts zurück und das wird für alle lebensgefährlich.“


„Aber,“ Desi holt tief Luft, „wir können doch nicht vor denen weglaufen. Das gibt denen doch Recht! Gerade jetzt, wenn die zu solchen Methoden greifen! Das sind doch Verbrechen! Das ist doch strafbar! Da muss doch einer etwas machen!“

„Nein. Desi, wir geben denen ja kein Recht. Aber wir müssen da weg. Das ist die Sache nicht wert, das da noch einer umgebracht wird! Wir geben nicht auf, wir werden uns weiter rechtlich und legal gegen die wehren. Aber wir können hier keinen in Gefahr bringen. Uns selbst nicht, die Kinder nicht. Und auch die Tiere nicht.“
„Und wir können keinen schützen, wenn wir dort bleiben. Da ist alles offen, da haben die immer Zugriff, Tag und Nacht, auf uns alle. Lindas Eltern haben eine Strafanzeige gemacht. Gegen den Klapsmann, vielleicht bringt das schon etwas. Da ist er einfach zu weit gegangen und es gibt zu viele Zeugen. Und auch der Unfall wird verfolgt. Die Kripo nimmt das sehr ernst und das geht zum Staatsanwalt, aber erst mal müssen wir an uns denken. An uns, die Kinder und die Tiere.“


Eine weitere Pause entsteht.


Tränen der Wut steigen Desi in die Augen.

„Ich hasse diese widerlichen Typen. Worum geht das hier eigentlich? Ums Rechthaben und nur ums Rechthaben! Wir haben denen nie etwas getan, im Gegenteil! Seinen Scheißstall haben wir ihm aufgebaut, diesem Klapsmann und seine Müllkippe aufgeräumt. An diesen blöden Vertrag haben wir uns immer gehalten, wie die dämlichen Schäfchen! Und jetzt sollen wir weg! Und weil wir nicht sofort tun, was der gnädige Herr will, dann werden wir eben umgebracht! Corinne, das darf doch gar nicht wahr sein! Oder? Sag mir, dass das echt nicht wahr ist!? Ich habe noch nie jemanden so gehasst, ehrlich!“ Sie schlägt hilflos mit der Faust in die Bettdecke.

„Ich weiß, Desi,“ sagt Corinne „mir geht es genauso. Aber..“


„Ja, ich weiß, ich sehe das ein, dass wir uns schützen müssen. Aber, Corinne, wir werden nicht aufgeben, versprich mir, dass die damit nicht durchkommen! Dass wir dafür sorgen, dass diese ganze Schweinerei, diese Betrügereien, diese Verbrechen, dass alles aufgedeckt wird, versprich mir das.. denn sonst…“

„…sonst war das alles irgendwie umsonst.“ Ein raues Schluchzen dringt ihr die Kehle hoch.

„Ja, Desi, das werden wir,“ sagt Corinne mit fester Stimme. „Wir werden nicht zulassen, dass die mit diesen Methoden Recht bekommen, denn das wäre tiefstes, tiefstes Unrecht und dafür ist HEILE WELT nicht angetreten.. Und…“

„…wir werden es schaffen. Du wirst sehen. Mit ganz legalen Methoden. Rechtlich, mit unseren Anwälten. Und mit der Presse, der Öffentlichkeit. Dank des ganzen Hype um mein verbotenes Bild, habe ich verwirrenderweise in letzter Zeit gut verkauft. Also ist auch Geld da, um sich zu wehren.

Und im Ende stolpern die über ihre eigenen Verbrechen, ihre Lügen. Im Ende brauchen wir da wahrscheinlich gar nicht viel zu machen.

Ich glaube einfach daran, dass das Böse sich im Ende immer selbst zerstört, weil ihm nichts, aber so gar nichts innewohnt, das mit Leben zu tun hat.“

Eine weitere Pause entsteht, während der Dieter Desi ansieht, Corinne und dann wieder Desi:“ Wir schaffen das, oder?“ Fragt er dann mit leiser Stimme.

„Ja,“ Corinne nickt und auch Desi hebt den Kopf,“ Ja, wir schaffen das. Das ist sicher!“