Grömlitz Sommer 2013

Es ist der Tag von Tamaras Konfirmation. Der Feier war großes Vorbereiten vorausgegangen. Kochen kann Corinne nicht selbst, also wurde der Freund eines Freundes von Mandy und Gerhard, der einen kleinen Partyservice führt, gebeten, für die Verköstigung zu sorgen. Die Feier sollte im Hof sein, ein Buffet aufgebaut werden und die Feier bis in die Nacht am Feuer gehen. Zuvor war jedoch Kirche und Gottesdienst, nicht in der Dorfkirche von Grömlitz sondern im nächstgrößeren Ort, wohin Tamara mit der Ponykutsche zu fahren wünschte. Gesagt getan, die Kutsche wurde ausgerüstet und man machte sich auf zur großen Kirche nach Ettin, über die Landstraße, Tamara im schicken Kostüm, die Kutsche blumengeschmückt.- das hatte sich als eine gute Idee erwiesen, denn der ungewöhnliche Auftritt und das niedliche kleine Pony riefen Lachen und Freude hervor und erreichten bei den Gästen so etwas wie Festtagsstimmung, die im Vorfeld nicht so recht hatte aufkommen wollen. Dietmars Tod hing noch immer wie eine dunkle Wolke über den Freunden und Corinne war noch immer tief betroffen von dem Ausbruch von Hass und Ablehnung die der Beerdigung gefolgt war. Es war, als ob hier ein Damm gebrochen war und all das Verschwiegene, Unterdrückte sich plötzlich Bahn brach und einmal offenkundig geworden, sich nicht mehr zurückdrängen ließ. Sie ging nicht mehr zu den Einkaufswagen, selbst für kleinere Besorgungen fuhr sie nun in die größere Stadt. Das war an sich nicht so schlimm, aber dass Hass und Ablehnung sich wie ein Lauffeuer ausbreiteten und den ganzen Ort entzündeten, dass es auch ihre Freunde betraf, vor allem die Weinmüllers, das war schlimm. Erika und Florine wurden plötzlich auch gemieden, auch zuvor nicht so ganz in den Ort integriert waren sie doch in ihrer Außenseiterposition akzeptiert und in Ruhe gelassen worden, nun aber nahm man ihre Freundschaft zum Anlass auch die beiden auszugrenzen und mit tiefem Schwiegen zu begrüßen, wenn sie sich irgendwo zeigten. Maik Gummel schöpfte neue Kraft und fing erneut an, sie bei ihrem Vermieter anzuschwärzen, sie der übelsten Vergehen zu beschuldigen, so dass alsbald vom Anwalt des Vermieters ein Schreiben ankam, mit der Drohung den Vertrag zu kündigen. Erikas blasses Gesicht war spitz geworden und die Augen lagen tief in den Höhlen, Florines laute fröhliche Stentorstimme war ruhiger und leiser geworden, ihr Gang gedrückt und schleppend. Auch wenn sie nicht darüber sprachen, so war den Freunden klar, wie sehr sie unter der Situation litten und Corinne fühlte sich schuldig, da sie der Auslöser dafür gewesen war.

Nun aber sollte die Konfirmationsfeier dfen Anlass für eine fröhliche Sommerfeier bieten und die Freunde zusammenführen, auch wenn einige von ihnen dem kirchlichen Anlass wenig Bedeutung beimaßen, so konnte man sich doch darauf einigen Tamara zu feiern, ihr Erwachsenwerden ebenso, wie ihre Jugend und eine Hoffnung in Kommendes zu setzen. Tamara hatte gefragt ob sie einen Freund einladen durfte, was natürlich erlaubt wurde und Anne ihre Freundin würde auch da sein. Der Tag versprach herrlich zu werden, die Sonne schient, wie seit Wochen schon ungebrochen und es war wundervoll warm. Im Hof hatten sie große Schirme aufgestellt unter denen sich alle zum Kaffee trafen,

bevor man in die Kirche aufbrach. Die geschmückte Ponykutsche stand bereit und im Ponytrab ging es nach Ettin. Pony Jimi wurde vor der Kirche auf einer Grünfläche angepflockt, wo er geduldig grasend wartete. Nach dem feierlichen Gottesdienst in der großen Kirche, den Pfarrer Meiner würdevoll leitete, fuhr die Gesellschaft mit Kutsche und Autos zurück nach Grömlitz. Hier machte man sich nun über das alsbald hergerichtete Buffet her, nicht nur die geladenen Gäste, sondern, zu Corinnes Verwundern und Freude auch einige Leute aus dem Dorf. Grottenthals, die Großeltern des von ihr als Rapunzel gemalten Mädchen Ada, ebenso wie ein junges Paar, das das oben am Hang gelegene baufällige Herrenhaus gekauft hatte, kamen spontan auf ein Glas Sekt und eine Gratulation vorbei und einige Gruß- und Glückwunschkarten fanden sich im Briefkasten, so der Brauch, wenn eine Jugendweihe gefeiert wird, wurde Corinne erklärt. „Vielleicht wird das ja alles doch wieder,“ denkt Corinne und freut sich „sicher sind das nur ein paar einzelne, die uns so ablehnen, wie überall wird es den meisten egal sein und einige andere finden uns eben auch gut und freuen sich, das wir hier sind“

Jakob, der Freund, den Tamara eingeladen hat und Anne nehmen bis nach dem Essen an der der Feier teil, verabschieden sich dann aber für einen Spaziergang zum Sportplatz. Als sie nach einiger Zeit zurückkehren ist Tamara deutlich erhitzt und sieht aufgeregt und glücklich aus. Jakob hat verstohlen ihre Hand in der seinen und beide zeigen ein verträumt strahlendes Lächeln. „Na da“, denkt Corinne, als sie die beiden über die Flammen der am Abend unvermeidlich angezündeten Feuertonne hin betrachtet, „vielleicht, vielleicht wird ja doch noch alles gut. Wenn Tamara glücklich ist, dann ist das ja vielleicht nicht der schlechteste Anfang.“

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Grömlitz Sommer 2013

 

Corinne muss noch Brot holen. Sie muss ich beeilen, sie hat die Einkaufswagen schon vor geraumer Zeit am Fenster vorbeifahren hören. Nicht, dass die dann weg sind und sie noch ins Auto steigen muss und in die nächste Stadt fahren muss, wegen eines Laibes Brot.

Sie schnappt sich ihren Einkaufsbeutel und die Geldbörse und eilt die Stufen hinunter. Sie hat nur ein Hemd an und eine Shorts. Strickjacke braucht sie keine und die Schläppchen tun es auch. Es ist Sommer, die Sonne brennt seit Tagen ununterbrochen und eine unglaubliche Hitze liegt schon morgens über dem Land. So hart und heftig wie der Winter war, so heiß und glutvoll ist hier wohl der Sommer, denkt sie sich und würde am liebsten pfeifen oder singen. So mag sie diese Wärme und die Helligkeit.

An den Einkaufswagen steht eine Reihe Frauen. Leider nicht die Weinmüllers oder Frau Herder oder sonst jemand, den sie näher kennt. Als sie näher kommt, drehen sich einige um, wenden sich jedoch schnell ab. Die Rücken der Frauen verschließen sich, wie ein Mauer als, sie bei den Wagen anlagt und ihr fröhlicher Gruß prall unbeantwortet dagegen.
„Das ist die Hexe, wegen der Dietmar gestorben ist,“ hört sie plötzlich getuschelt , aber so laut, dass sie es verstehen muss.

„Ja, sie hat ihn ins Grab gebracht, eindeutig!“ Eine zweite.

„Ja, und wie sie wieder aussieht!“ Die erste.

„Die läuft immer so rum, so halbnackt, sie hat sich auch schon geprügelt auf der Straße, Gerlinde hats gesehen, ohne Unterwäsche, hat man deutlich gesehen!“

Eine dritte in erregtem Ton. „Ja, einfach widerlich! Braucht eigentlich keiner, solche, hier. Macht die Männer ganz verrückt und da muss man sich nicht wundern, wenn dann so etwas passiert, wie mit Dietmar“
Die Stimmen werden immer lauter, böser, gemeiner. Corinne weiß nicht, was sie tun soll, entgegnen, schweigen, sich rechtfertigen, laut schreien, gehen? Die Rücken sind ihr urverwandt zugedreht und schließen sie aus und je länger sie nicht reagiert, desto lauter und unverhohlener werden die Stimmen. Corinne erkennt die Wortführerinnen, drei unverheiratete Frauen in ihren 50ern und 60ern, die neben Dietmar wohnen und ihn mit Aufmerksamkeiten überhäuft haben, hier einen Kuchen gebacken, hier eine selbstgemachte Marmelade, selbst eingelegtes Gemüse und oft, sehr oft ein prüfender Blick über den Gartenzaun, wenn Corinne zu Gast war. Sie und die Freunde hatten die drei Damen ein bisschen spöttisch die „Wachgänse“ genannt wegen ihrer lauten und gackernden Art. Nun hatten die Wachgänse wohl eine neue Beschäftigung gefunden und die war weit weniger erfreulich als Marmeladen und sauer eingelegtes Gemüse.

Corinne strafft den Rücken und hebt den Kopf. Auf jeden Fall nicht anmerken lassen, dass einen das verletzt, denkt sie und überlegt, wie sie die Frauen zum Schweigen bringen kann, wie reagieren, ohne sich die Verletztheit anmerken zu lassen und ohne selber zu verletzen. Wir leiden doch alle, denkt wir leiden doch alle unter diesem untragbaren Verlust. Sollten wir den Verlust nicht teilen und uns dadurch trösten,? Nicht uns gegenseitig verletzen?

„Und meine Mutter hat sie auch noch angezeigt und vor Gericht gezerrt!“ Klingt nun eine helle klare Stimme laut vernehmlich von hinten.

Alle drehen sich um

Vor dem Garten der Baggers steht Kylie.

Das erbeerfarbene Haar in seidigen Wellen über die Schultern fallend, ein kurzes weichanliegendes weißes Kleid, darunter eine halblange rosefarbene Hose, zarte weiße Ballerinaschuhe, ihre grünen Augen ein einzige unschuldiges Leuchten in dem klaren Gesicht, einem Engel gleich, die gesamte Erscheinung.

„Kylie!“ Entfährt es Corinne erschrocken! „Das ist doch gar nicht deine Mutter!“

„Lassen Sie doch das Kind in Ruhe!“ gellen nun die Wachgänse wie aus einem Mund

“ Ist ja widerlich! Kann sich nicht an ihresgleichen halten, nein, muss auch noch auf Schutzlose losgehen und die arme Frau verklagen, die sonst nichts hat. Und die versucht, den Kindern eine gute Mutter zu sein. Das ist ja wohl unglaublich! Sie sollten sich schämen!“

Corinne ist fassungslos. Die arme Frau? Die für die Kinder sorgt, wie eine Mutter? Deren eigene Kinder im Heim leben? Die morgens schon betrunken ist? Die von Corinne nun Schmerzensgeld haben will wegen einer uneigennützigen Hilfeleistung?
„Das,…“stammelt sie „Das stimmt doch alles gar nicht! Das ist doch gar nicht richtig!“
Sie will zu einer Erklärung ansetzen, aber die Frauen haben sich bereits wieder abgewandt und drehen ihr die Rücken zu.

„Gehen Sie einfach!“ murmelt eine. „Lassen sie uns hier einfach in Ruhe!“

„Keiner hat sie hierhergeholt, also gehen sie dahin, woher Sie gekommen sind!“

Langsam dreht Corinne sich um und geht. Sie spürt, wie ihr die Tränen die Kehle hinaufsteigen. Tränen der Hilflosigkeit, der Unfassbarkeit. Das hat sie nicht gewollt. Sie wollte hier keinen verletzen, keinem Angst machen, keinem etwas wegnehmen. Sie wollte eine heile Welt, eine bessere Welt.

Mit schweren Schritten geht sie auf Libertas Haus zu.

Als sie an Kylie vorbeigeht triff sie deren Blick. In ihren grünen Augen steht ein Lächeln.

Ein winziges, triumphierendes Lächeln.

Und das ist gar nicht engelsgleich.

Grömlitz Sommer 2013

Langsam geht Tamara auf die grüne Holztür von Libertas Haus zu. Raben hocken im Geäst der Linde und krächzen ihr tonloses Lied, einmal Krächzen, zweimal Krächzen dreimal, die Farben scheinen aus der Luft gesogen, jede Bewegung schwierig und zäh. Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Haus betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, etwas ist andres, sie ahnt, dass sich etwas verändert hat, sie weiß nicht, was kommen wird und sie hat Angst, Eisige Angst, die sie zwingen möchte umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen. Sie nimmt allen Mut zusammen und öffnet die Tür – dahinter lodert ein glühendes Flammenmeer, Flammen schlagen brüllend hoch, – warum hat sie das Geräusch von außen nicht gehört? – fressen sich durch das brüchige, trockene Holz des Treppenhauses, der Boden mit den Mayolikakacheln strahlt eine übermenschliche Hitze aus, die sie zurückwirft. Ihre Mutter, ihre Mutter ist dort oben irgendwo, sie weiß es. Und sie weiß, dass sie sie retten muss. Sie muss darein, in die Flammen, die sie verbrennen werden, die sie verglüht haben werden, bevor sie das brennende Treppenhaus erreicht haben wird. Aber da, verdammt, was ist das?? Tamara kneift die Augen zusammen.

Draußen glüht der Sommer ungebrochen, aber Tamara läuft in ihrem Zimmer herum, wie ein Zombie. Sie spürt ein Stechen in der Brust und ein Stechen in den Augen von Tränen, die den Weg nach draußen nicht schaffen. Sie liegt auf dem Bett und betrachtet die Risse und Flecken in der Zimmerdecke. Sie ist müde, todmüde, aber sie kann nicht schlafen. Der Schlafmangel, der Schmerz, die Unsicherheit liegen ihr im Magen, wie ein schwerer Knoten.

Dietmars Beerdigung, dann Devon und Jakob. Sie rollt herum und vergräbt ihren Kopf im Kissen. Wie hatte das alles so verworren werden können. Warum bekam sie diese Träume nicht in den Griff? Und wann hatte sich ihr Leben in ein solches Sience-Fiction-Chaos verwandelt?

„Alles in Ordnung, Kleine?“ Sie öffnet die Augen, ihre Mutter steht in der Tür und blickt besorgt hinein.

„Ja, bin nur müde! Und nenn mich nicht „Kleine“!“

„Du bist meine Kleine! Meine kleine Große?“ Corinne kommt herein und setzt sich auf die Bettkante. Mit einer kühlen Hand berührt sie Tamaras Stirn. Es ist wie früher, als sie noch ein Kind war.

„Mum?“
„Ja, mein Schatz?“

Tamara weiß nicht einmal, was sie sagen will, alles ist so kompliziert und irgendwie unerklärlich. Sie schüttelt den Kopf.

„Ich wollte nur sagen, dass ich dich lieb habe.“

Lächelnd beugt Corinne sich über sie und küsst ihre Stirn „Ich dich auch.“ Sie steht auf, bleibt aber noch einmal in der Tür stehen: „Und das bei der Beerdigung, das war toll von dir. Richtig großartig. Mutig und großartig. Ich danke dir dafür.“

Nachdem Corinne die Tür hinter sich geschlossen hat, zwingt Tamara sich, aufzustehen. Sie wird sich etwas zu trinken holen und dann rausgehen . Vielleicht zu den Pferden, vielleicht an den Teich.

In der Küche hört sie am Eingang ist ein Klopfen. Sie rennt die Stufen hinunter und reisst die Tür auf.

„Das klang, als ob du direkt durch die Tür springen würdest,“ Devon hebt eine Augenbraue, der typische unwiderstehliche Devon Blick und sieht sie mit blauen Augen lächelnd an.

„Ist nur wegen der Treppe, „ stammelt sie, „die ist so..alt und so..laut“

Devon tritt ein und streift dabei ihren Arm. Die Berührung löst einen Schauder aus, wie einen elektrischen Schlag. Sie weicht zurück. Devon lehnt sich an die Wand und betrachtete sie. Das schiefe Lächeln, das sich auf seinem Gesicht zeigt, wirkt nicht so selbstgefällig, wie sonst. „Du siehst müde aus.“

Sie tritt ein wenig näher. „Ich schlafe nicht gut, zur Zeit“

„Hast du an mich gedacht?“ fragt er leise.

„Ja, auch.“

Überrascht sieht er sie an. Dann lacht er und diesmal ist es ein bezwingendes fröhliches Lachen, das sein Gesicht wie das eines kleinen Jungen leuchten lässt. “Also, da habe ich so einen ganzen Sermon vorbereitet, wie ich vorhabe, mich in deinem Kopf festzusetzen und tags deine Gedanken und nachts deine Träume zu beherrschen. Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.“

Sie lehnt sich neben ihn an die Wand und spürt die Wärme seines Körper: „ Du und sprachlos, glaub ich nicht.“

Devon senkt den Kopf. Seine Hand berührt sanft die ihre:“ Ich schlafe auch nicht gut, zur Zeit.“

Sie rückt näher an ihn heran. Er zuckt leicht zusammen:
„Ich wollte mich entschuldigen“ sagt er und verblüfft sie erneut. Er wendet sich ihr zu und sie tastet nach seiner Hand. Ihre Finger verschränken sich. „Es tut mir leid wegen neulich auf der Party….“, flüstert er.

Jemand räuspert sich vernehmlich.

Tamara dreht sich verwundert um, Devons Augen haben sich zu kleinen grauen zornigen Schlitzen verengt. Verdammt! Jakob steht in der noch offenen Haustür, eine dunkle Silhouette vor dem hellen Hintergrund „Störe ich?“ Sarkasmus klingt in seiner Stimme.

„Ja, Jason, du störst immer,“ blafft Devon.

Tamara dreht sich um und sieht Jakob an, ihr Rücken brennt unter Devons Blick.

„Hm, ich kann ja auch wieder gehen. Ich wollte dich eigentlich zum schwimmen abholen, Tammi.“ Jakob ignoriert Devon und sieht Tamara an „Soll ich wieder gehen?“

„Ja, das wäre wohl das beste!“ fällt Devon ein „ Und lass dich am besten hier gar nicht mehr sehen. Glaub nicht, dass dich hier jemand braucht .„ Devon strafft die Schultern und streckt sich wie eine Katze.

„Alles klar, deine Meinung habe ich jetzt begriffen! Weiß allerdings nicht so recht, ob dich hier jemand braucht, Devon“

Jakob tritt über die Schwelle, schlendert lächelnd an Devon vorbei und stellt sich an Tamaras andere Seite. Devon macht kehrt und folgt ihm in dichtem Abstand. „Wüsste nicht, wo ich mehr gebraucht würde!“

Tamaras Kopf dröhnt. Wunderbar, jetzt noch einen Hahnenkampf hier. Sie wendet sich ab und geht langsam die Treppe hinauf.

„Tammi!“ Jakobs Stimme klingt besorgt.

„Verpiss dich einfach, Jonas! Ich kümmere mich schon um sie.“ zischt Devon und will Tamara die Treppe hinauf folgen.

Tamara dreht sich um. Sie kann das einfach nicht glauben. Zwei gutaussehende Typen auf ihrer Treppe, beide wollen was von ihr, von ihr, der ruhigen, strebsamen, ja, langweiligen Tammi. Was war bloß aus ihrem Leben geworden?

Wortlos sieht sie die beiden an. Jakob hat Devon am Arm gepackt, durch ihren Blick scheinen beide jedoch in ihrer Bewegung zu erstarren und sehen sie erwartungsvoll an. So Tamara, denkt sie, nun entscheide dich! Kann ich nicht, schießt es ihr durch den Kopf. DAS ist ja der Kern des Problems. Kann ich einfach nicht.

„Lasst es einfach gut sein,“ sagt sie müde. „Ich will nicht schwimmen gehen, dankte. Und ich will auch sonst nirgends hin. Mir gehts nicht gut. Ich rufe dich an, Jakob!“ Sie wendet sich ab und geht in ihr Zimmer. Laut schließt sie die Tür. Sie sinkt auf ihr Bett und vergräbt den Kopf in den Armen.

Sie hört die Haustür klappen. Puh, sie werden wohl gegangen sein. Nach ein paar Minuten setzt sie sich auf. Endlich allein. Widerwillig muss sie grinsen. Zwei Traumtypen sind hinter ihr her und sie will alleine sein, mit ihr stimmt doch auch irgendetwas nicht. Aus der Küche hört sie Geräusche. Wohl ihre Mutter, die dort etwas zubereitet.

Sie steht auf und geht hinüber.

Devon grinst ihr entgegen. Er steht vor dem Kühlschrank in der einen Hand die Colaflasche in der anderen ein Glas und lächelt hinreißend. Ihr Herz macht einen Satz.

„Was machst du da?“

„Ich wollte dir etwas zu trinken bringen. Du sahst aus, als ob du es bräuchtest.“ In aller Ruhe stellt er das Glas auf die Anrichte, gieß Cola ein und reicht es ihr.

Ungläubig sieht sie ihn an. Wortlos nimmt sie das Glas entgegen und trinkt einen tiefen Zug. Devon steht plötzlich vor ihr und stützt sich mit den Händen rechts und links vor ihr auf der Anrichte ab. Ihr läuft ein heisser Schauder über den Rücken und sie wagt nicht, sich zu bewegen. Dafür ist er zu nah. Viel zu nah.

„Ich bin Julian losgeworden, „ flüstert er in ihr Ohr.

„Verdammt Devon, er heißt Jakob!“

„Er wollte also mit dir schwimmen gehen?“ Dasselbe Flüstern.

„Das wirst du leider akzeptieren müssen,“ flüstert sie zurück.

“Ich muss gar nichts, außer ihm einen Arschtritt verpassen! Ich will nicht, dass du dich mit ihm triffst!“

„Und das hat nichts, mit der abgrundtiefen Abneigung zu tun, die ich für diesen Typen empfinde“ setzt er hinzu.

„“Oder mit Eifersucht?“

„Damit, dass du eifersüchtig bist?“

„Ich?? Eifersüchtig? Auf den Hanswurst?? Der so einen blöden Namen hat – Jack – reimt sich auf – Dreck – passt irgendwie“

Sie verdreht die Augen, doch diesen Moment nutzt er um sie an sich zu ziehen. Er schließt die Arme um ihre Taille und presst sich an sie. Wärme schießt durch ihren Körper und nimmt ihr die Luft. Ihr wird schwindlig,. Verdammt! Verdammt, warum nur hat er immer diese Wirkung auf sie?

„Ich will nicht über Jakob sprechen,“ presst sie heraus.

„Worüber willst du denn sprechen?“ Flüstern an ihrem Ohr.

„Ich will über neulich sprechen, die Party!“

„Die Party“ Devon rückt ein Stück ab und sieht sie an.

„Die Party? Weiß gar nicht, was ich da noch sagen wollte.“ Sie sieht ihn enttäuscht an.

„Weiß auch nicht. Da hast du mich irgendwie auf dem falschen Fuß erwischt. Ist doch auch egal, viel wichtiger ist doch die Sache mit Jens. Am liebsten würde ich ihn wegixen, für immer, oder zurück nach Berlin, wo er hergekrochen kam.“ Er verschränkt die muskulösen Arme und rückt von ihr ab. Schade, denkt sie.

„Was ist, wenn ich dich bitte, dich nicht mehr mit ihm zu treffen?“

Da sie nicht sofort antwortet, scheint er seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Er gibt ein Geräusch zwischen Lachen und ungläubigem Atemholen von sich und nickt dann grimmig. Ihr Herz schlägt bis zum Hals, sie kann kaum Luft holen.

„OK, du solltest dich ausruhen.“ sagt er schließlich, „Es kommen anstrenge Zeiten auf dich zu. Mit Justin.“

Und dann geht er. Sie hört seine Schritte auf der Treppe, starr, ungläubig. Sie steht da und fragt sich, was das nun wieder war. Warum immer alles so schief läuft? Warum sie nie sagt, was sie wirklich denkt? Wirklich fühlt?

Sie braucht Mut. Morgen, an einem anderen Tag, irgendwann, wird sie den Mut finden, ihm, ihnen beiden, zu sagen,was sie wirklich empfindet.

Die alte, uralte Frau liegt unbewegt. Das Licht hat gewechselt, der Sommer mit seinen Farben füllt nun das Zimmer mit sachten Grüntönen, das Fenster ist leicht geöffnet und lässt den Duft der Wärme ein.

Die blicklosen Augen der Uralten sind wie stets verschlossen, die dünne Bettdecke, die straff um den knochigen Körper gezogen ist hebt sich so unmerklich, dass man denken könnte, es wäre nun schon vorüber. Ihr Sohn, der alter Mann, sitzt wieder rechts von ihr, auf seinem Platz, dem Stuhl, den er stets neben ihr Bett zieht. Zwischen dem Licht und der Uralten. Er ist der einzige, der noch kommt, von den Vieren. Er ist der Älteste und der Treueste. Die anderen scheinen sie vergessen zu haben, vergessen, dass sie noch lebt, die Uralte, die, die alles gesehen hat.

„Mutter, du weisst doch, wir haben dein Haus dieser jungen Frau gegeben, mit den Pferden. Du hast doch Pferde immer geliebt, erinnere dich! Sie möchte das Haus kaufen. Dein Haus, Libertas Haus, in Grömlitz. Nicht Vaters großen Hof, sondern das alte Ose-Haus. Sie hat das jetzt ein Jahr und dort viel getan. Sie möchte das noch immer kaufen, aber wir haben es noch nicht zugesagt. Was sagst du? Sollen wir es ihr geben?“

Die Decke hebt und senkt sich sacht, der Atem der Uralten dringt leise zischelnd durch die papiernen Lippen. Die Augen bleiben geschlossen.

„Mutter, so sag doch, sprich mit mir! Versuch es doch! Du kannst dazu nicht schweigen. Ich weiß, wie wichtig dir das Haus immer war. Ich weiß, wir haben versprochen, es nicht zu verkaufen, niemals. Aber es ist so viel Zeit vergangen. Und die alten Dinge liegen so weit zurück! Mutter, so sag doch!“

Er lehnt sich zurück und betrachtet die weiße Wand über dem Bett. Seine Mutter hätte nicht gewollt, dass man das Zimmer dekoriert, hier Bilder aufhängt oder Dekoschnickschnack. Sie war eine strenge Frau gewesen, streng und schlicht. Und ihre Liebe hatte immer den Pferden gegolten. Die wenigen Momenten von Nähe hatte hatte er mir ihr im Pferdestall erlebt. Damals in Grömlitz, als er noch ein Kind war und hier in Ulm. Als seine Tochter Elisabeth reiten wollte, war sie mit ungebräuchlichem Eifer darauf eingegangen und hatte ihr ein Pferd aussuchen wollen. Ein ganz bestimmtes hatte es eine sollen, aus einer ganz bestimmten Zuchtlinie. Aber die Suche hatte sich als erfolglos erwiesen, es war wohl eine alte Ost-Linie gewesen und Abkömmlinge dieser Zucht gab es hinter dem eisernen Vorhang nicht und alsbald hatte Elisabeth sich dann andren Hobbys zugewandt und auch seine Mutter hatte das Interesse an der Angelegenheit und leider auch an der Enkelin verloren.

„Mutter, ich weiß dass du mich hörst! Also sprich mit mir, gib mir ein Zeichen! Ich will das nicht entscheiden. Ich will mir deinen Unwillen nicht zuziehen!

„Immer noch nicht“ fügt er fast unhörbar hinzu.

„Mutter, dir war das immer so wichtig, die ganze Zeit und nun schweigst du. Wie soll ich entscheiden?? Die Brüder sagen nichts dazu, denen ists egal, aber ich muss doch eine Entscheidung treffen.“

Er schwiegt und will sich schon abwenden. Er will gehen, Das hat ja doch keinen Sinn. Er wird das Haus überschreiben und sich die Sache vom Hals schaffen. Was soll es denn auch? Die Zeit geht einfach weiter und so eine alte Immobilie ist nur eine Belastung, muss ja auch hergerichtet werden und von den seinen hat keiner Interesse, in den Osten zurückzugehen und keiner Interesse an einem solch kostspieligen Erbe. Ist ja auch denkmalgeschützt, der ganze Kram, wer weiß, was da noch für Belastungen kommt.

Müde erhebt er sich und will den Stuhl unter den Tisch zurückschieben, da geht ein Ruck durch den alten knochigen Leib, die Mumie erhebt sich, sie erhebt den Oberkörper, die Augen öffnen sich, die Augen seiner Mutter, die er seit Jahren nicht gesehen hat, die Augen sind völlig ohne jede Farbe, als hätte das erlöschende Leben alles Blau und Grau und Grün mitgenommen, aber der weisse Blick richtet sich auf ihn, fraglos, erkennbar, hart und intensiv, Mutters Blick, so wie er immer war.

„Nein, sagt die Stimme der Mumie, und die Stimme ist überraschend voll und stark, die Stimme seiner Mutter, wie sie immer war, die Stimme, die keinen Widerspruch duldet „NEIN!“

Die Mumie lässt sich zurücksinken, leises Rascheln der Betttücher, er steht wie starr vor Entsetzen. Seine Mutter hat gesprochen, sie deren Stimme er nie wieder zu hören gehofft hatte. Sie hat gesprochen. Und ihr Wille war eindeutig!

Nein.

Grömlitz Sommer 2013

Corinne und Tamara kommen zu spät in die Kirche. Sie sind gerade am Kirchberg, als die Glocke zum Gottesdienst läutet und hasten in ein vollbesetztes Gotteshaus.

Noch nie hat Corinne die schlichte, erhabene Kirche von Grömlitz so vollgestopft gesehen, alle Plätze sind besetzt, selbst im Gang zwischen den Sitzreihen stehen Stühle, der Zugang zur Empore ist geöffnet und auch auf den Stiegen sitzen Menschen.

Tamara und sie schieben sich mit entschuldigenden Blicken an den Leuten vorbei, alle schon mal gesehen, alles Nachbarn weiter oder näher und keiner blickt auf, keiner würdigt sie eines Blickes. Oben auf der Empore finden sie in der hintersten Reihe an der Wand zwei Stehplätze. Rechts und links rücken die Menschen ab von ihnen, so dass sie einigermaßen Platz finden.

Pfarrer Meiner spricht ruhige und tröstende Worte über Dietmars plötzliches Ableben und das tiefe Loch, das er in der kleinen Kirchengemeinde hinterlassen hat, aber erst, als sich die Stimmen der Gottesdienstbesucher zu brummelndem, undeutlichem Gesang verdichten, steigen Corinne Tränen in die Augen.

Dietmar hätte jetzt voll angesetzt, erinnert sie sich, laut und falsch, und herrlich mit einer tiefen Bärenstimme, die jedoch rein war und voller Inbrunst. Und sie holt tief Luft, schiebt sie unter ihre Stimme und ihr ebenso lauter und falscher Alt erhebt sich in voller Lautstärke über des Gemurmel der Gemeinde und schwebt klagend, misstönend und irgendwie archaisch im Raum. Wie eine uralte, tiefe Totenklage. Tamara bohrt ihr den Ellbogen in die Seite, die Leute rechts und links von Corinne fangen an zu tuscheln und rücken ab, unten erheben sich Köpfe um die Quelle des lauten Missklangs zu orten. Pfarrer Meiner jedoch fährt unberirrt fort, die Sargträger Hans Kumnet, Heiko Bagger, Maik Gummel und der Bürgermeister erheben sich und stellen sich an den vier Seiten des Sarges auf. Corinne singt und singt, laut und schrill über dem Klang der Gemeinde, sie weiß, dass das nun ihre Art von Protest ist – wo wart ihr, als Dietmar noch lebte, geächtet habt ihr ihn, gemieden, ihn, dem Reinen, dem Ehrlichen, Schandtaten habt ihr ihm unterstellt, sie singt und singt, dass ihr der Hals brennt, sie kann nicht mehr aufhören, diesen letzten, diesen lauten Tribut an Dietmar zu entrichten. Der Sarg setzt sich langsam ihn Bewegung, zur geöffneten Kirchentüre hinaus, hinter Pfarrer Meiner, dem Friedhof zu. Corinne schiebt sich durch die Menge, die nun aufsteht und sich scharrend und rutschend hinter dem Sarg einordnet. Noch immer klingt das Lied, sie schiebt sich an allen vorbei, sie wird die erste sein, wie eine trauernde Witwe wird sie hinter dem Sarg gehen, noch vor den Verwandten, der Familie, die im Dorf noch nie gesehen wurde, hinter den verlogenen Sargträgern, die nun Trauer heucheln, sie war Dietmars Freundin, sie wird ihn mit ihrem Gesang auf seinem letzten Weg begleiten. Getuschel dringt an ihr Ohr „…sie war es doch, es die ihn ins Grab gebracht hat…. „ Hätte er sich doch nicht mit ihr eingelassen“ „Bevor sie kam war alles gut hier“ „Sie soll verschwinden“ „Die Hexe“ „kam nie was Gutes von Libertas Haus….“ „….Wessihexe, Hexe… „ „Hexenpack“ nun so laut, das sie es hören muss. Sie drängt sich weiter, Tamara stolpert hinter ihr her, zieht sie am Ärmel, versucht sie zurückzuhalten „Mami, bitte, lass das,“ flüstert sie drängend ihr ins Ohr „Merkst du das nicht, sie hassen dich, sie wollen das nicht!“ Unwillig schüttelt sie Tamaras Arm ab und drängt sich weiter, da, dem Bruder, dem Vetter, dem Neffen, einen Schubs mit dem Ellbogen und sie ist es nun, die direkt hinter dem Sarg geht. Den Rücken gestrafft, das böse Geraune und Gezischel hinter sich, zieht der Zug hinter Corinne und Tamara den Steinweg zum Friedhof hinauf. „Mami bitte,“ sie hört das Schluchzen in Tamaras Stimme, aber sie kann nicht. Sie kann jetzt nicht aufhören! Sie kann nicht anders. Tränen laufen ihr in stetem Rinnen die Wangen hinab, sie muss hier sein, sie geht und singt, den Blick starr auf den Sarg gerichtet, sie singt, sie hört die anderen nicht mehr, aber sie singt und weint und singt und trauert. Plötzlich spürt sie eine Berührung an ihrer Seite und da schiebt sich Tamaras Hand in die ihre und Tamara schließt zu ihr auf. Sie hört ihren Atem und dann erhebt Tamara ihre reine junge Stimme und fällt in den Gesang ein. Das alte Kirchenlied wird getragen von ihrem vollen Sopran, wie ein Engelsgesang heilt und erhebt sie Corinnes Trauer zu reinen wundervollen Tönen.

So gehen nun die beiden Frauen, die Junge und die Ältere weinend hinter dem Sarg, wie zwei Witwen nun, Freundinnen, die dem Freund die letzte Ehre erweisen.

Dahinter, die Gemeinde hat nun Abstand genommen und zischelt weiterhin böse, Corinne spürt es, wie Wellen, die an ihre Rücken branden, sie drückt Tamaras Hand und mit gleichmäßigem Schritt, ohne sich umzudrehen, folgen beide dem Sarg, die Ablehnung, den Hass im Rücken, wie eine Mauer.

Grömlitz, Sommer 2013

„Warum sollen wir hingehen, keiner geht zur Beerdigung!“ Tamara sah ihre Mutter unwillig an. Das fehlt ihr noch, ihre Mutter, die dazu neigte, jedem, ob er es hören wollte oder nicht, ihre Meinung ins Gesicht zu sagen und sie, natürlich als einzige Unterstützerin auf Dietmars Beerdigung, die alle anderen aus dem Freundeskreis boykottierten, die Weinmüllers, weil sie nie die Kirche betreten, Mandy und Gerhard, weil sie keine Lust auf Lügen und Heuchelei haben. Also Mum und sie alleine in der Löwengrube, nee, da musste doch nicht sein!.

„Dietmar kriegt das doch ohnehin nicht mehr mit und er weiß sicherlich, das du ernsthaft und wirklich um ihn trauerst.“
„Nein, ich möchte da auf jeden Fall hin! Wir gehen sonst auch in die Kirche und Dietmar war die Kirche wichtig, wichtiger als vieles andere. Ohne die Kirche hätten wir Dietmar gar nicht so gut kennengelernt, das war etwas, was wir tief gemeinsam hatten. Und ich möchte da einfach auch Flagge zeigen. Freunde von Dietmar sollten dort sein, das hätte er so gewollt.“
Tamara verzog das Gesicht.

Warum ihre Mutter es nötig hatte, diesen Dorfbewohnern, die obenhin mit ihr nichts zu tun haben wollten auch noch ihre „Flagge“ zu zeigen, verstand sie nicht. Wenigstens würde Devon nicht da sein, Devon würde nur gehen, wenn seine Eltern gegangen wären und Jakobs Onkel war kein Kirchgänger, ein Glück!

„Möchtest du eine Tasse Tee?“ fragt Corinne und macht sich am Wasserkocher zu schaffen.

„Nö, is mir zu heiß, ich nehm mir eine Cola“

„Sag mal, wie ist es denn mit dir eigentlich? Wir hatten schon lange keine Zeit mehr, mal über dich zu reden.“ Corinne sucht Tamaras Blick, während es im Wasserkocher rumpelnd anfängt zu sieden.

„Ach, dass dir das auffällt….“ brummelt Tamara ohne Begeisterung.

Eigentlich hat sie keine große Lust, mit ihrer Mutter zu reden, alles ist insgesamt ein bisschen durcheinander momentan, das mit Devon und Jakob und das mit Kylie und sie hat wenig Interesse, sich damit zu beschäftigen. Und da sind auch noch die Träume, sie hat keine Ahnung, wie sie das ihrer Mutter erklären soll und ob sie überhaupt darüber sprechen soll oder will oder ob sie nicht vielleicht gerade wahnsinnig wird und lieber nicht möchte, das jemand das mitbekommt. Anderseits wäre es schon tröstlich, sich ihrer Mutter anzuvertrauen, wie früher, Mutti macht dann schon alles wieder gut. Aber sie hat so eine Ahnung, dass es nicht funktionieren wird. Mutti wird das nicht wieder gut machen können. Das ist in diesem Traum. Sie selbst muss das wieder gut machen. Sie muss ihrer Mutter helfen und sie weiß nicht, wie sie das lösen soll. Sie glaubt nicht, das ihre Mutter das verstehen kann. Sie wird das alleine schaffen müssen.

„Lass ma stecken,“ murmelt sie. „Ich geh reiten. Bin gegen abend wieder zurück.“

Sie stellt das vom kalten Cola beschlagene Glas ab und verlässt die Küche ohne, die Tür hinter sich zu schließen. Corinne hört ihre Tritte auf der Treppe, als sie sich Tee aufgießt.

So ein Mist, irgendetwas ist, aber Tamara will nicht reden. Was soll sie machen?? Das ist ihre Schuld, weil sie sich so lange um alles andere gekümmert hat und ihr Kind aus den Augen verloren hat, Mist, Mist, Mist, wie soll sie das wieder hinbekommen.

Die Raben haben ihre Nester schon verlassen, die Brut ist groß geworden und zieht nun allein ihrer Wege. Der eine bleibt und wartet.

Hugo von Hülstorff ist bei seinem nächsten Besuch aus dem Gartenhaus ins Schloss umgesiedelt, in die ersten bewohnbaren Räume, wo auch das Richtfest stattgefunden hatte. Der Sommer gibt ihm recht, wenn draußen die Sonne brütet, herrschen drinnen angenehme Temperaturen.

Im Außenbereich wird fleißig gearbeitet. Ein-Euro-Kräfte, 10 Willige an der Zahl, werden bereitgestellt, die Außenanlagen aufzuräumen:
Das Wiederherrichten des früheren Schlossteichs ist eine ihrer Aufgaben. Zunächst muss jede Menge Gestrüpp beiseite geräumt werden, denn der Teich ist nicht nur ausgetrocknet, sondern regelrecht zugewuchert. Zudem wurde er in der Vergangenheit mit Bauschutt verfüllt, der nun wieder herausgeholt wird.
„Der Teich wird in absehbarer Zeit eine Attraktion sein, ist künftig natürlich öffentlich begehbar und lädt bestimmt zu manchem Spaziergang ein“, sieht der Schlossbesitzer das fertige Gelände schon im Geiste vor sich. Auch umfangreiche Arbeiten im Park sind bis Jahresende vorgesehen. Das Richtfesttreffen vor einem Monat war mehr als erfolgreich gewesen, der mit dem Einstecktuch hatte sich von den Renovierungsarbeiten begeistert gezeigt und weitere Gelder waren geflossen, weiteren Anzugträgern war erfolgreich die Hand geschüttelt worden. Rabena hatte mit ihrem edlen Charme die Herzen erweicht und die Geldbörsen geöffnet. Das Fest zu diesem Zeitpunkt auch Einladungen an diese bäurische hiesigen Dorfprominenz zu verschicken, hatte sich als genialer Schachzug erwiesen. Das Unternehmen Schloss erwies sich als finanziell erfolgreich, sogar mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Alle würden zufrieden sein.

Grömlitz Sommer 2013

Die Freunde sitzen beisammen, zum Freitagsfeuer. Alle sind da, selbst Tamara, die sich sonst den Jugendlichen am Teich zugesellt ist, ist bei den Erwachsenen geblieben, auch Mandy ist da, die nur noch selten am Feuer teilnimmt und Charlotte deren kleine Tochter. Dedo ist da und Karol, die nur gelegentlich dabei sind. Die Stimmung ist gedrückt, nur mühsam kommt ein Gespräch in Gang.

„Wann ist die Beerdigung,“ fragt Corinne. Tammi hat sich neben sie auf die Bank gesetzt und den Arm um sie gelegt. Corinne lehnt sich zurück an sie genießt die Wärme und den festen Halt ihrer Tochter. Es war ein solcher Schlag für alle, Dietmar aus dem Leben gerissen. Dietmar, der herrliche, der freundliche, der gute, aber auch der eigenwillige, der Eigenbrötler, der sie mit seinen Ansichten zum ungläubig schmunzeln, aber auch zum nachdenken brachte. Ein ehrlicher Mensch, denkt Corinne, ein wahrer Christ, keiner der andern schön nach dem Munde geredet hat, ein treuer ehrlicher Freund, eine reine Seele.„Nächte Woche, sagt Mandy leise. Sie schluchzt. „Wir gehen nicht hin.“

„Warum nicht?“ fragt Corinne verblüfft.

„Ich halte das nicht aus. Ich habe ihn so oft getroffen noch am Ende, als ihr alle keine Zeit hattet, wegen Sandmann und Windtänzer und sonst welchem Pferdekram“

„Mandy!“ Fährt Gerhard streng auf

„Tut mir leid,“murmelt sie, „Aber stimmt doch. Es ging ihm nicht gut und er wurde immer sonderbarer. Und ihr hattet alle nur Pferdekram im Kopf und nebenbei stirbt euer Freund.“ Gerhard holt wütend Luft,

„Lass, sagt Corinne beschwichtigend. „sie hat Recht. Also, was mich angeht, hat sie Recht. Ich habe mich nicht gekümmert. Ich hatte nur die Pferde im Kopf. Ich habe Dietmar aus den Augen verloren und , stimmt, er wurde immer sonderbarer und ich fand das anstrengend. Ich wollte mich schon damit auseinanderzusetzen, aber habe das immer verschoben,. Immer auf morgen verschoben und nun ist es zu spät.“ Corinne zieht schniefend den Atem hoch.

Mandy nickt leise „Ja, er war komisch, aber er war auch wahrhaftig, wie immer. Er hatte Visionen und Träume, sie waren ein wenig wirr und verrückt, aber sie enthielten vieles, dass auch Sinn machte. Einen Tag vor seinem Tod hat er geträumt, seine Mutter säße auf einem Ufo und würde aus dem Himmel kommen und ihn holen. Er hat gelächelt dabei und sich gefreut. Er fand das nicht schlimm. Er hat von Raben geträumt und von Libertas Fluch. Er wollte nicht mehr hierherkommen, deshalb. Er hat davon geträumt, dass Libertas Haus brennt“ Corinne spürt, wie Tamara zusammenzuckt. „Ich glaube, er fand es nicht schlimm zu sterben.“ fährt Mandy fort,“Er hatte genug von hier. Man ist nicht immer freundlich mit ihm umgesprungen, dabei war er ein Mensch ohne jede Boshaftigkeit.“ Nun schluchzt sie offen und Gerhard legt den Arm um sie.

„Ja,“ bestätigt Florine in die bedrückte Stimmung und wischt sich verstohlen die Augen, „so war er immer schon. Er war, was man „zu gut für diese Welt“ nennt. Er war dem ganzen nie gewachsen. Weder der ganzen Verstellung und Lügen zu DDR Zeiten, noch den ganzen Veränderungen durch die Wende. Er hätte in einer anderen Welt leben sollen.“

Alle schweigen wieder. Sie sitzen noch lange am Feuer und hängen ihren Gedanken nach. Mandy denkt über die Raben nach, die auch sie quälen, aber irgendwie nicht wirklich sind. Tamara drängt die Angst vor dem Feuer zurück, dem Feuer in Libertas Haus, Corinne quält sich in Selbstvorwürfen und Zweifeln.

Langsam fallen die Flammen über den knisternden Scheiten zusammen und die rote Glut wirft einen weichen Schein über die Gesichter. Die Trauer ist namenlos und schwer. Sie haben einen der Ihren verloren und sie wissen nicht, wie sie mit dem Verlust umgehen sollen. Corinne schmiegt sich an ihre Tochter, Tamara denkt sie, ich will nicht den gleichen Fehler noch einmal machen. Wann haben wir das letzte Mal miteinander gesprochen, wirklich gesprochen? Weiß ich, wie es ihr geht? Sie sieht so blass aus, sie hat Ringe unter den Augen und sie ist so oft nicht da. Ich weiß nichts von ihr und das ist nicht gut. Ich möchte nicht sie auch noch verlieren.

Grömlitz Sommer 2013

Die Kirchglocke läutet. Weit klingt der hohle Schall über die Felder und den Wald. Corinne ist zu Fuß unterwegs, sie geht die Weiden ab, Windtänzer und seine Mutter sind wieder draußen im Naturschutzgebiet, der Kleine tobt mit seinen Brüdern und keine Lahmheit ist zu erkennen. Eine Wunderheilung! So sieht es auch Dr. Schuster, der den Zustand des Hufes verblüfft betrachtet hat und den Koppelgang abgesegnet hat.

Die Glocke läutet in einzelnen Schlägen, ausdauernd. Die Totenglocke, Corinne läuft ein Schauder über den Rücken. Wer wohl gestorben ist? In Grömlitz leben, wie überall auf dem Land viele alte Leute und jedesmal wird die Totenglocke von Frau Herder, der Witwe des alten Küsters geläutet. Corinne sieht streicht Hannah noch einmal über den Rücken, sie fühlt eine plötzliche Unruhe. Das Läuten hört nicht auf, bricht nicht ab, es scheint sich endlos hinzuziehen, als ob es sie rufen würde. Sie geht den Hügel hinauf und nähert sich Grömlitz von der rückwärtigen Seite, so dass sie durch das ganze Dorf laufen muss, um zu Libertas Haus zu gelangen.

Das Läuten ist nun abgebrochen, als sie das Dorf erreicht. Die buckelige löcherige Natursteinstraße ist wie ausgestorben, als sie ins Dorf hinuntergeht, aber das ist nichts besonderes. In Grömlitz spielt sich das Leben nicht auf der Straße ab, allenfalls die Jugendlichen lassen sich gegen Abend am Teich blicken, ansonsten ist der Ort üblicherweise wie ausgestorben. Als sie den Hügel hinunterkommt, sieht sie gerade Frau Herder mühselig den steilen Kirchberg hinabsteigen. Schnell läuft sie ihr entgegnen. Außer Atem kommt sie bei ihr an, als sie eben auf die Straße biegen will,

„Hallo, Frau Herder,“ keucht sie, „wer, …..wer ist denn gestorben?“
Die Frau, eine schwere vierschrötige Gestalt, die eher ruppig als freundlich oder gewinnend ihren Dienst in der Kirche tut, wendet ihr das Gesicht zu. Corinne fährt zurück, ihr Gesicht ist tränenüberströmt.

„Kindchen,“ schluchzt sie, Corinne ist versucht, die Arme um sie zu schließen, aber sie wagt es nicht, fürchtet sie die Zurückweisung der strengen und sonst so selbstbeherrschten Frau. „Kindchen, Dietmar ist es.“ Frau Herder holt Luft.

Corinne schwankt plötzlich, fühlt, wie ihr schwindlig wird.

Nein, denkt sie nein, das ist ein Irrtum, das kann nicht sein.

Er war doch noch…. wann …gestern….vorgestern…wann hat sie ihn gesehen? …

Verdammt, das ist ewig her, es kann aber nicht Dietmar sein, das geht nicht, er ist oben auf dem Hügel in seinem komischen vollgeräumten Haus mit seinen Hühnern in der Küche. „Nein, „ flüstert sie.

Die Ältere schüttelt den Kopf und nun ist sie es, die Corinne, mitten in Grömlitz, am hellen Tage in die Arme nimmt und ihren Kopf auf ihre Schulter legt. „Nein, flüstert Corinne erneut, „das muss ein Irrtum sein“.