Grömlitz Herbst 2013

 

Diesmal kommt der Winter nicht plötzlich, schleicht sich an und überfällt die Ahnungslosen im Gewand glitzernden weißen Schnees, nein, diesmal kommt er ungeschminkt und ungetarnt in großen Schritten mit einem eisigen kalten feuchten Herbst, der ihn ankündigt und mahnt, dass es wieder so werden wird, wieder, wie im vergangenen Jahr, kalt, eisig, bedrohlich, schrecklich. Der ganze Ort scheint sich unter dieser Drohung zu ducken.

Corinne wird nach, wie vor gemieden, sie hat aufgehört zu den Einkaufswagen zu gehen, ihre Stimme scheint alle Kraft, alle Wut verloren zu haben, seit der Kündigung kann sie der feindseligen Ablehnung nichts mehr entgegensetzen. Ihre Freunde werden in diese Ablehnung mit einbezogen, am härtesten trifft es die Weinmüllers auch sie werden nun ausgegrenzt, was Corinne besonders schmerzt. Sie sieht keinen Weg, da gegenzusteuern und jeder Kontakt, den sie mit den Frauen pflegt, macht alles noch schlimmer. Sie fühlen sich beobachtet, überwacht und bei, an, oder in Libertas Haus gesehen zu werden, gleicht einer öffentlichen Brandmarkung. Gerhard lässt sich davon wenig erschüttern, hatte er doch ohnehin stets wenig Kontakte mit den Leuten im Ort, aber Mandy hat sich zurückgezogen und kommt nur noch selten zum Hof. Corinne hat ihre Besuche in dem kleinen Einfamilienhaus eingestellt, sie merkt, dass es Mandy nicht recht ist, wenn sie dort gesehen wird, hat sie doch genug Probleme damit, dass Gerhard sich nicht abhalten lässt, zu reiten, mit Charlotte Kutsche zu fahren und an und in Libertas Haus zu helfen. Böse Gerüchte entstehen praktisch unvermeidlich im Ort, Corinne hört davon, und Erika warnt sie und bittet sie in Mandys Namen, den Kontakt zu Gerhard einzuschränken, aber Corinne steckt in einer Zwangslage und kann auf Gerhard nicht verzichten. Tino, dem guten Tino musste sie kündigen, sie kann das Gehalt für den treuen Helfer nicht mehr aufbringen. Die Kosten für das alte Haus, die Pferde, der Verlust Windtänzers als Verkaufspferd, nicht erfolgte Bilderverkäufe und nun ein drohender Prozess um Libertas Haus mit enormen Anwaltskosten, all das droht sie finanziell zu ruinieren und Tino musste eingespart werden. Der Treue kommt noch einige Mal ohne Lohn dafür zu verlangen und hilft stets in Notlagen, aber der Weg von Leipzig ist für ihn zu weit und Corinne weiß, das die Familie nicht in Geld schwimmt und er die Fahrtkosten kaum aufbringen kann und so bittet sie ihn, sich nach einem anderen Job umzusehen.

Corinne befindet sich in einer Stimmung der Trauer, die seit Hannahs Tod nicht enden will. Ihre Tage, die ohnehin grau und eisig kalt sind ziehen sich zäh, schwarz und trüb vor ihr hin, wo sie hinsieht tauchen Probleme und Schwierigkeiten auf, die sie nicht beheben kann.

Der Prozess gegen die Brückners um Libertas Haus ist hoffnungslos, aber sie sieht keinen anderen Weg, als auf einen Richter zu hoffen, der ihr ein wenig Zeit schenkt, der die Gegebenheiten anerkennt und Gerechtigkeit walten lässt, weiß sie doch nicht, wohin mit den Pferden, auf die Schnelle und ohne finanziellen Spielraum. Denn, das Geld ist verbraucht, Corinnes Reserven sind am Ende, sie sieht sich dem völligen finanziellen Ruin gegenüber und verschließt davor die Augen.

Sie kann sich damit nicht beschäftigen.

Sie muss den Stall betreiben, das Tagesgeschäft. Wo das nächste Heu herkommt. Das Stroh bezahlen und den Hafer, sie denkt von Tag zu Tag, das macht es einfacher.

Libertas Haus scheint das zu spiegeln. Es sieht grau aus und unbewohnt. Sie hat aufgehört zu heizen. Es sei denn Tamara ist an den Wochenenden zu Besuch, aber Tamara kommt selten und Corinne ist froh darüber. Sie liebt ihre Tochter aber sie sieht keinen Weg, sie zu schützen, ihr Sicherheit zu geben, die Sicherheit eines Zuhauses, die finanzielle Sicherheit einer Zukunft ohne Sorgen, sich frei entfalten zu können, sie hat alles ruiniert mit ihrer Leichtsinnigkeit und ihren Träumen und die Zukunft ihres Kindes, die hat sie auch auf dem Gewissen. Sie windet sich vor Schuldgefühlen, diese Gedanken drehen und drehen sich im Kreise und nur die Eintönigkeit der Stallarbeit und das pure Überleben hindern sie daran durchzudrehen.

Morgens verlässt ihr Bett und das Haus und legt sich abends wieder hinein.

Irgendwie hat sie auch aufgehört, regelmäßig Nahrung zu sich zu nehmen, die Struktur des Tages, der Stalldienst, die viele viele Arbeit, die nun allein zu erledigen ist, geben ihr Struktur, an die sich sich mühsam hält, die sie wie ein Roboter befolgt, bloß nicht nachdenken, bloß nicht Anteil nehmen am eigenen Leben.

Erika Weinmüller kommt im Schutze der frühen Dämmerung und bringt ihr Essen, sie sieht Corinnes mageres, bleiches Gesicht zwischen den Schichten von Kleidung mit Sorge, aber sie muss auch an sich denken, auch an Florine, es ist besser den Kontakt einzuschränken und sich der eigenen Gefahren zu erwehren. Und die sind nicht wenig: Der Kumnet ist seit der Übergabe der Kündigung der große Wortführer im Dorf und verteufelt Corinne und die Ihren unablässig. Seitdem Brückners den Mietvertrag gekündigt haben und das im Dorf bekannt ist, gibt es allen das Recht, hier zu unterstützen, die Vertreibung zu beschleunigen und den rechtmäßigen Besitzern zu ihrem rechtmäßigen Recht zu verhelfen, hier will die Dorfgemeinschaft unter Kumnets Führung tätig werden und die Usurpatorin, die Mietnomadin vertreiben. Maik Gummel sieht seine Chance und macht sich dem Kumnet unentbehrlich durch dienende, speichelleckende Gefolgschaft. Hierüber bringt er seine eigenen Interessen ins Spiel, die Weinmüllers, sie sollen gleich mit verschwinden und er, Gummel wird im Namen des abwesenden Eigentümers den Wehnehof führen, verwalten und zu neuem Glanz verhelfen. Neue Mieter für Weinmüllers Wohnung hat er schon, treue Gefolgsleute aus der Feuerwehr, sichere Mietzahlungen vom Sozialamt und unkomplizierte Leute, da kann der Eigentümer sich freuen und die Weinmüllers sollen fort und das schnell. In und am Wehnehof macht der Gummel den beiden Damen das Leben zur Hölle, bald schlägt Florine die Lokalzeitung zuerst auf der Seite der Vermietungen auf und ebenso bald beginnen beide sich nach einer neuen Wohnung umzusehen. Florine mit Trauer und Erika mit Panik, hat sie doch ihr ganzes Leben in Grömlitz verbracht, hat sie hier den Friedhof mit den Gräbern, der Mutti und dem früh verstorbenen Mann, die sie hingebungsvoll pflegt, sie kann das nicht, sie will das nicht, aber sie muss. Sie weiß, dass sie muss. Flucht war in ihrer Familie stets ein Thema, auf der Flucht kamen sie nach Grömlitz, Heimat und Bleiben, das weiß sie tief in ihrem Herzen, das kann es nicht geben. Man verweilt nur kurze Zeiten des Friedens und der Ruhe und dann muss man wieder los erneut vertrieben und weiter. Das ist ein tiefes Wissen ihrer Generation und obwohl sie in ihrer lieben, freundlichen Einfachheit versucht hat, ihrer Tochter diese Erfahrung zu ersparen, hat sie sie nun doch wieder eingeholt und nun müssen sie los, aufbrechen, bevor es zu schlimm wird.

Sonderbare Galionsfigur des Mobs ist ein strahlender Engel, der einer Jeanne D`Arc gleich die Hexenjagd adelt: Kylie Bagger. Immer ist sie da, wenn Reden geführt werden, wenn gehetzt wird und politisiert wird, kein Stammtisch ohne Kylie, die lächelnd und strahlend an der Seite des Kumnet das Wort führt, keine Kaffeerunde ohne die unschuldig leuchtende, die lächelnd und strahlend den Wachgänsen beipflichtet und von Corinnes zahlreichen Sünden zu berichten weiß. Sie scheint immer und überall zu sein und zu strahlen und zu leuchten und je blasser und schwächer Corinne wird, desto leuchtender und strahlender Kylie Bagger.

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