Grömlitz Herbst 2013

 

Der Kumnet steht mal wieder vor der Tür. Einen dicken weißen Umschlag in der Hand. „Ich muss Frau Haalswor sprechen, persönlich, „ sagt er bedeutungsvoll zu Tino, mit gewichter ernster Miene, hinter der sich aber ein triumphierendes Lächeln zeigt. „Ich bin ein Bote, „ sagt er,“ Ich muss das abgeben und ich brauche eine Unterschrift . Von Frau Haalswor“ „Persönlich“
Corinne wird geholt und unterschreibt.

Der Kumnet wendet sich zum Gehen, mit seinem Unterschriftenblatt. „Tut mir leid, dass es so gekommen ist“ sagt er noch

„Ich wollte das nicht,“ sagt er auch noch.

Corinne sieht ihn fragend an, aber er wendet sich ab und geht die Straße hinunter, die holprige Natursteinstraße, auf der die Autos langsam fahren müssen, den steilen Berg hinab an Libertas Haus vorbei. Corinne sieht ihm fragend nach, aber er wendet sich nicht mehr um.

Prüfend betrachtet sie den schweren Umschlag in ihrer Hand und beginnt ihn aufzureissen. Sie entfaltet die Blätter, der Briefbogen einer Anwaltskanzlei aus Ulm, ein Eingangsbogen mit Briefkopf und dann ein Anschreiben, sie lässt den zerrissenen Umschlag zu Boden flattern, ihr Herz schlägt bis zum Halse, ihr Atem stockt, sie bekommt kaum noch Luft. Sie muss sich setzen, sie lässt sich zitternd auf den Stein neben dem Torbogen sinken, mal wieder, mal wieder eine Hiobsbotschaft, mal wieder das Ende der Welt, diesmal wirklich, das Ende der Welt in Libertas Haus, ihr ist schwindelig und die Tränen steigen ihr in die Augen. Warum?

Warum das?

Und was soll sie jetzt tun?

Was soll sie jetzt bloß tun??

„Tja, diesmal sieht es nicht gut aus,“ Zimmermann schüttelt zweifelnd den Kopf „Erlauben Sie mir die Frage, er lehnt sich vor und richtet seinen sezierenden Blick aus hellen Augen interessiert auf sie. Als würde er eine seltene Spezies begutachten „Warum haben sie einen solch blödsinnigen Vertrag unterschrieben?“
„Keine Ahnung,“ Corinne schüttelt den Kopf. Ihre Stimme ist tonlos;“ Die haben mir gesagt das wäre schwierig, mit der Erbengemeinschaft und dass sie die Zeit bräuchten, das alles zu klären und es steht ja drin, dass ich das Haus dann kaufen kann. Das haben wir doch reingeschrieben. Und ich habe mich da eben sicher gefühlt. Es sollte ja nur ein Vorvertrag sein. Bis zum Kaufvertrag. So ist es ja auch formuliert.“
„Aber Sie haben sich nicht abgesichert. Sie haben das nicht notariell beglaubigen lassen. Damit ist das nicht bindend, sondern nur eine Art Absichtserklärung und damit jederzeit, ganz normal kündbar.“Zimmermann schüttelt den Kopf. „Bevor Sie so viel Geld investieren, warum haben Sie nicht mal einen Anwalt um Rat gefragt. Das hätte Ihnen jeder in jeder x-beliebigen Rechtsberatung sagen können, dass das nicht bindend ist.“

Corinne zuckt die Schultern. Sie ist schon wieder den Tränen nahe und will sich die Blöße nicht geben hier vor dem Anwalt loszuheulen, der sie ohnehin für die dümmste aller Lebenden hält, nein. Bitte bloß das nicht! Sie holt scharf Atem und blickt dem Anwalt in die hellen Augen „Also, Zimmermann. Wie ist es, können Sie mich da raus hauen oder nicht? Gibt es eine Chance, dass ich Libertas Haus doch noch kaufen kann oder nicht? Über Vergangenes Jammern hilft jetzt auch nicht weiter, das ist passiert und jetzt müssen wir versuchen, das Beste daraus zu machen.“
Zimmermann sieht sie ernst an: „Das ist eine ganz schöne Aufgabe. Aber hier mein Tipp: Versuchen Sie zu verhandeln. Reden Sie mit den Leuten. Das kostet Sie auch erst mal nichts. Das Haus ist nichts wert, das wissen die auch. Vielleicht können Sie sich ja einigen, vielleicht wollen die sie ja auch nur aus der Reserve locken und den Preis hochtreiben.“
Corinne schüttelt zweifelnd den Kopf.

„Das habe ich doch schon versucht. Ich habe schon so viele Gespräche geführt, und immer dieses Ausweichen, dieses Zögern. Klar wollen die eigentlich verkaufen und diesen Klotz vom Bein haben, aber irgendetwas hindert die. Und jetzt haben sie eben Tatsachen geschaffen und den Vertrag fristgerecht gekündigt. Also kein Verkauf. Ich hatte die Hoffnung, das man da rechtlich etwas tun kann. Dass man den Vertrag oder dessen Durchführung anzweifeln kann oder sie irgendwie zwingend kann, mir dieses Vorkaufsrecht einzuräumen, denn das steht ja immerhin in dem Vertrag. Ich habe doch so viel investiert, mein ganzes Geld steckt da drin. Das kann einfach nicht sein, dass das jetzt nicht klappt.“
Es entsteht eine Pause, in der Corinne Hoffnung schöpft.

Aber schließlich sagt Zimmermann:“ Also, bei dieser Vertragslage sieht es einfach schlecht aus. Sie können sich keinerlei Rechte daraus herleiten, denn das Vorkaufsrecht ist hier nur eine Option und keine Verpflichtung. Denn keiner hat sie gezwungen zu investieren. Wir können natürlich trotzdem vor Gericht gehen und hoffe, dass ein Richter ein Einsehen hat, weil das Haus ja an sich unbewohnbar war und ohne die Investitionen gar keine Miete erbracht hätte und gar kein Vertrag zustande gekommen wäre, aber die Rechtslage gibt das eigentlich nicht her. Denn, es bleibt dabei, es hat Sie ja keiner gezwungen, diesen Mist zu unterschrieben und es hat Sie auch keiner gezwungen zu investieren. Das einzige was Sie damit gewinnen, ist Zeit. Zeit, etwas Neues zu suchen. Mehr kann ich Ihnen nicht versprechen.“

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